Maxim Leo

Rory MacLean im Gespräch mit Maxim Leo

Copyright: Sven Görlich
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„Unsere Familie war wie eine kleine DDR”, schreibt Maxim Leo in seinem liebevollen, anrührenden ersten Roman Haltet euer Herz bereit. „Hier fanden die Kämpfe statt, die man nirgendwo sonst austragen konnte. Hier traf die Ideologie mit dem Leben zusammen. Der Krach tobte ganze Jahre lang. Deshalb lief mein Vater schreiend durchs Haus, deshalb weinte meine Mutter heimlich in der Küche, deshalb wurde Gerhard – mein Großvater – ein Fremder für mich”.

Viele ehemalige Ostdeutsche leiden an Ostalgie – die Sehnsucht nach der grauen alten Zeit des Kommunismus. Stabile Preise, ein sicherer Arbeitsplatz, ein staatliches Gesundheitswesen waren für DDR-Bürger, die mitspielten, selbstverständlich. Während seiner Jugend in einem verschwundenen Staat wusste Maxim Leo, dass man gewisse Fragen nicht stellen durfte: Warum gab seine patriotische Mutter ihre Stelle als Journalistin auf? Warum sprach sein Großvater, der Kriegsheld, irgendwann nicht mehr über den Krieg? Wie konnten sich seine Eltern auseinanderleben? Haltet euer Herz bereit. Eine ostdeutsche Familiengeschichte ist eine herzliche, mitfühlende Liebeserklärung: An die Familie, an die Nation, an das Gestern. Aber es ist keine sentimentale Schnulze. Fünfundzwanzig Jahre nach dem Mauerfall stellt Leo die Fragen, die er nie stellen konnte und untersucht die Wahrheiten, Irrungen und Wirrungen des Lebens in der Diktatur.

Leos persönliche Memoiren zeichnen die Familiengeschichte nach: Die Mutter treue Parteigenossin, der Vater ruppig, rebellisch, nonkonformistisch und deren Väter – der strenge kommunistische Held, der in der französischen Résistance kämpfte, und der „kleine Nazi, der ein kleiner Stalin wurde”. Als ich Leo in London traf, fragte ich ihn, was ihn dazu veranlasste, seine wahre Familiengeschichte zu recherchieren – in Unterlagen der Familie, in Interviews mit seinen Eltern, im Archiv der Stasi – und nachzuerzählen?

„Ich habe Haltet euer Herz bereit geschrieben, weil ich das normale Leben in Ostdeutschland beschreiben wollte” sagt er mir. „Geschichten aus der DDR haben heute etwas beinahe Mythisches an sich, als ob im Land ausschließlich Stasi-Monster und Bürgerrechtler gewohnt hätten. Offensichtlich haben aber 85% der Bevölkerung in diesen Jahren ein normales Leben geführt, und über diese Normalität wollte ich schreiben”.

„Ich wollte zurück in die DDR, um zu verstehen, was dort abgelaufen war” schreibt er in seinem Buch. „Was hatte meine Familie auseinander getrieben? Was war so wichtig, dass es uns zu Fremden gemacht hat, auch heute noch”?

Für mich ereignete sich einer der erschütterndsten Momente in Haltet euer Herz bereit nicht im Kalten Krieg, sondern 25 Jahre später, als Leo das Buch schrieb. Als er seine Mutter Anne interviewte und sie vom Traum sprachen, von der Partei als absoluter Wahrheit, absoluter Weisheit, dann weinte sie oft. „Vielleicht aus Wut, weil sie so naiv gewesen war, aber vielleicht auch aus Enttäuschung, weil es nicht funktioniert hatte”, schreibt Leo. „Dass dieser Staat und diese Partei, die sie soviel Energie gekostet hatten, einfach so verschwunden waren…”

Ich frage Leo, ob er wegen dieser Abkehr von der Vergangenheit noch immer ein bleibendes Schuldgefühl verspürt. „Sollte ich eine Vision haben? Sollte ich versuchen, die Welt zu verändern”? lautet seine rhetorische Antwort. „Ehrlich gesagt, sind meine Träume bescheiden. Ich habe keinen politischen Wunsch für die Welt und auch kein Bedürfnis, einen zu haben. Ich bin sehr zufrieden mit meinem angenehmen Leben”.

Er fährt fort: „Ich denke, das ist eine Reaktion auf meine Jugend in der DDR. Damals zählte das Privatleben nicht viel. Es zählte der Staat, das Ideal. Nach 1989 wurde ich sehr individualistisch. Ich wollte keinen Gruppen oder Parteien beitreten. Nicht aus Arroganz, sondern einfach weil ich die Chance hatte, ich selbst zu sein”.

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In Haltet euer Herz bereit schreibt Leo: „Ich glaube, die DDR war für meine beiden Großväter eine Art Traumland, in dem sie all das Bedrückende vergessen konnten, was bis dahin geschehen war. Es war ein Neuanfang, eine Chance, noch einmal ganz von vorn zu beginnen”.

Bei der Verleihung des Europäischen Buchpreises sagte Julian Barnes, Haltet euer Herz bereit sei die „inoffizielle Geschichte eines Landes, das es nicht mehr gibt”, und Leo sei „der ironische und unheroische Zeitzeuge für den verzerrenden Effekt – manchmal erschreckend, manchmal auch nur absurd – den die Ideologie auf den Alltag des Einzelnen hat: Bürger, die nur paarweise tanzen durften, Journalisten, die aus Gründen der Staatsraison keine Autoreifen oder Waschmaschinen erwähnen durften”.

„Die DDR ist schon lange tot, aber in meiner Familie ist sie noch ziemlich lebendig”, schreibt Leo in Haltet euer Herz bereit. „Wie ein Geist, der keine Ruhe findet”. Er wertet nicht, er zeigt nicht mit dem Finger auf die Kompromisse, die man zum Überleben unter den Nazis oder den Sozialisten eingehen musste. Ostdeutschland war das größte offene Gefängnis der Welt, in dem der Staat, wie es sein Vater ausdrückte, „immer mit uns im Bett lag”. Mehr als alle anderen Bücher über die ehemalige DDR vermittelt Haltet euer Herz bereit das Gefühl, wie es war, in dieser „schönen neuen Welt” zu leben, und warum sie am Ende zerfiel.

Rory MacLean

März 2015
Übersetzt von Susanne Mattern

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