Porträt Saša Stanišić

Zwischen Glück und Mangel

Saša Stanišić. Copyright: Luchterhand Literaturverlag
Saša Stanišić. Copyright: Luchterhand Literaturverlag
Der junge, bosniakische Schriftsteller Saša Stanišić kam als 14-Jähriger nach Deutschland und schrieb auf Deutsch einen Roman, der 2006 ein Riesenerfolg wurde. Doch er mag weder als Berühmtheit gelten, noch als Beispiel für gelungene Integration herhalten.

Zwar ist Saša Stanišić (noch) kein Deutscher, aber er lebt seit 16 Jahren in Deutschland, denkt auf Deutsch – und schreibt, so gut, dass sein Debütroman Wie der Soldat das Grammofon repariert 2006 Finalist ist für den Deutschen Buchpreis, als Hörbuch-Adaption für den Deutschen Hörbuchpreis nominiert und im Frühjahr 2008 vom Schauspielhaus Graz, wo Stanišić auch Stadtschreiber war, für die Bühne adaptiert wird. Die Rechte sind in 30 Länder verkauft, über die Filmrechte wird gerade verhandelt. Stanišić selbst hat schon unzählige Preise gewonnen, darunter den Publikumspreis des Bachmann-Wettbewerbs 2005 und war zuletzt Netzautor eines Projekts der Literaturbüros in Niedersachsen, wo er unter anderem zur EM über seine zweite Leidenschaft Fußball schrieb.

Debüt mit Krieg und Flucht

Copyright: Luchterhand LiteraturverlagWie der Soldat das Grammofon repariert ist ein sehr bildhafter und sprachmächtiger Roman über den Balkankrieg aus Sicht des 14-jährigen Aleksandar, der mit seinen Eltern aus dem bosnischen Višegrad nach Deutschland geflüchtet ist. In Rückblicken erzählt er von den Menschen in seiner Heimat und den Qualen des Krieges, vom Alltag der Belagerung. Und er erzählt im neuen, fremden Land Geschichten vom Opa, den er vor der Flucht nicht mehr sehen konnte, von betrogenen Ehemännern und geheimnisvollen Einflüsterungen des Flusses Drina. Am Ende weiß man nicht mehr, was wahr ist und was nur erfunden, wahrscheinlich auch Aleksandar nicht. Zwar steht der Jugoslawienkrieg in Stanišićs Roman im Mittelpunkt; dieser Krieg, der allein in Bosnien über 200.000 Todesopfer forderte und – mit dem Massaker von Srebrenica – für den größten Völkermord in Europa seit der Nazizeit steht. Aber Teil des Bucherfolges ist auch die Überlebensstrategie des Protagonisten, seine Entscheidung, die Flucht nach vorn in die Fantasie anzutreten. Deshalb steht seine Geschichte beispielhaft für die Auseinandersetzung mit anderen Kriegen und Kriegserfahrungen.

Aleksandars Geschichte ist ein bisschen Stanišićs Geschichte. Auch er flüchtete mit seinen Eltern aus Višegrad nach Deutschland. Auch ihn hat die Erfahrung verändert und geprägt: "Der Krieg und die Flucht haben aus mir wohl einen ewig Reisenden, einen überall Beheimateten, und da das nicht geht, überall Heimatlosen gemacht. Außerdem habe ich die Erfahrung der existentiellen Angst von damals so verinnerlicht, dass ich heute eine sehr niedrige Glücksschwelle habe. Ich kann mich über die kleinsten Dinge freuen und lasse mich von einer Steuererklärung nicht stressen." Recht schnell gewöhnt sich Stanišić ein und lernt die Sprache, studiert zunächst Deutsch als Fremdsprache und Slawistik in Heidelberg und dann am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig, wo er derzeit über Literatur und Fußball promoviert und versucht, Deutscher zu werden, da er als Schriftsteller weiterhin nur einen temporären Aufenthaltsstatus hat. Deutschland habe sich am Anfang nicht besonders angefühlt, meint Stanišić. Inzwischen ist klar, dass Deutschland seine Heimat ist. Aber nicht das Land an sich, sondern weil seine Freunde hier sind und weil Deutsch seine Arbeitssprache ist.

"Sie sprechen aber gut Deutsch"

Gerne wird der 29-Jährige als gelungenes Beispiel für Integration angeführt. Das hat er nicht so gern. "Den Grad der Integration sucht man sich selbst aus", argumentiert er dann, "Es geht nicht an, dass Richtlinien erstellt werden oder unausgesprochen Verhaltensweisen von Ausländern angenommen werden, die einen 'integriert' machen. Integration ist eine individuelle Entscheidung und nicht Verhalten nach Norm. Eine solche Norm ist immer Unterdrückung und Überforderung." Selbst ihm, der 2008 als jüngster Schriftsteller, der nicht in seiner Muttersprache schreibt, den Chamisso-Preis bekommt, bleibt das dumme wie obligatorische "Sie sprechen aber gut Deutsch!" nicht erspart.

Recht verärgert wird Stanišić, wenn es um den Umgang von Deutschen mit Ausländern geht. Wenn dem interessierten Deutschen etwa statt des etablierten Schriftstellers ein albanischer Bauarbeiter gegenüberstehe, werde dieser automatisch weniger integriert wahrgenommen und das Gespräch verlaufe weniger offen, beobachtet er: "Es ist leider in vielen Kreisen so, dass man als Ausländer eine extraordinäre Leistung liefern muss, um positiv wahrgenommen und akzeptiert zu werden. Warum werde ich zu einer Gesprächsrunde eingeladen und nicht der betroffene rumänische Lkw-Fahrer oder die albanische Kassiererin?" Mindestens genauso oft erwähnt Stanišić aber auch das Glück, das er in Deutschland hatte. Den Lehrer, der ihn gefördert hat. Das Literaturinstitut, wo "super Leute, super Lehrer, super Autoren" seien. Um dann gleich wieder einen Mangel zu beschreiben: "Schulen wie diese gibt es im deutschsprachigen Raum schlichtweg zu wenig."

Kerstin Fritzsche ist Journalistin und Literaturredakteurin des hannoverschen Stadtmagazins Stadtkind Hannovermagazin.

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Oktober 2008

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