Porträt Andrea Maria Schenkel

Bayerische Romanautorin mit Hang zum Krimi

Copyright: Classic Foto RegensburgNautilus VerlagGleich in drei Richtungen geht die Wucht, mit der ein schmales Buch namens Tannöd im Januar 2006 einschlägt: Die Autorin Andrea Maria Schenkel, die davor noch keine Zeile veröffentlicht hat, ist plötzlich eine Schriftstellerin.

Der kleine Nautilus Verlag aus Hamburg, der das Debüt mit anfänglich 2.000 Kopien auf den Markt bringt, verbucht „seinen zahlenmäßig bisher größten Erfolg“ – eine sehr bescheidene Aussage aus dem altlinken Verlagshaus, denn Schenkels Debüt geht 800.000 Mal über den Ladentisch, dazu kommen 18 verkaufte Auslandslizenzen. Und, drittens: Die deutsche Krimiszene ist um eine Facette reicher. Denn ist das überhaupt ein Krimi, dieses sprachlich bewusst karge, nur 125 Seiten dicke Buch, das auf einem wahren Familienmord beruht und sich den Kommissar spart? Oder ist das doch ein Heimatroman – dieses akkurate Porträt einer bayrischen Dorfgemeinde der Nachkriegszeit, mit den zahlreichen dialektgefärbten Wendungen und der mundartlichen Satzstruktur?

Tannöd trifft einen Nerv, der offensichtlich freiliegt: Seit einigen Jahren bedienen Doku-Soaps wie Bauer sucht Frau, The Simple Life oder Schwarzwaldhaus 1902 erfolgreich das Interesse des deutschen Publikums am Landleben. Schenkels Großmutter hat ihr als Kind viele schaurige Geschichten erzählt. Diese Moritaten – vom Räuber Kneißl oder von der Landstorfer Bande – haben sich wirklich zugetragen; bis heute erinnert man sich daran. Der „Hinterkaifeck-Mord“, auch eine dieser Geschichten, liefert der dreifachen Mutter die Fakten für Tannöd: ein schrecklicher, nie aufgeklärter Mordfall; in einer stürmischen Nacht auf einem Einödhof werden eine fünfköpfige Familie und ihre Magd ermordet. Schenkel schildert die dörfliche Atmosphäre als bigott und eng und verlagert den Fall aus den 1920ern in die 1950er-Jahre – eine interessante Verschiebung, die unter anderen mit sich bringt, dass sie dem ermordeten Familienvater eine Nazi-Vergangenheit andichten kann. Eine große Schuld lastet auf der Familie, ein ungeheurer Inzestfall wird angedeutet. Und doch versucht die Autorin nie zu analysieren. Ihr geht es um eine Rekonstruktion des Falles, darum, dass die Personen von damals eine Stimme und damit auch eine Würde bekommen.

Das Wunder wiederholt sich mit dem Roman Kalteis, im August 2007 veröffentlicht, der ebenfalls mit meist begeisterten Kritiken bedacht wird. Und selbst wenn nicht: Das Publikum will die Krimis oder Heimatromane – oder wie auch immer man die Bücher der spätberufenen 46-jährigen Schriftstellerin nennen mag – jetzt einfach lesen, weiterempfehlen oder verschenken. Schon 500.000 Exemplare sind verkauft. Dabei ist Kalteis noch viel expliziter als sein Vorgänger: Die fünf Morde, wegen derer der Massenmörder Johann Eichhorn, der bei Schenkel Josef Kalteis heißt, 1939 verurteilt wurde, werden dem Leser genau geschildert. Nur bei seinem letzten Opfer, Kathie, dessen Geschichte gegenläufig zu der des Mörders erzählt wird, so dass der Mörder und Kathie sich aufeinander zu bewegen, erspart Schenkel uns die Mordszene. Die lebenslustige 20-Jährige ist gerade erst nach München gezogen. Sie will endlich „frei“ sein, nicht immer nur „brav“ wie zu Hause – vielleicht träumt sie auch davon, „ein Glanz“ zu werden, wie es Irmgard Keuns Kunstseidenes Mädchen wenige Jahre zuvor in Berlin versucht hat.

Und so entblättert sich, trotz der kargen Sprache, das lebhafte Bild einer weit entfernten Zeit, mit einer anderen Urbanität, einem geringeren Kontrast zwischen Stadt und Land und einem ungleich größeren Konflikt zwischen Mann und Frau als heute. „Die Kunst liegt im Weglassen. Die Geschichte muss auch im Kopf des Lesers stattfinden“, sagt Schenkel in einem Interview. Der Massenmörder Eichhorn, verheirateter Vater zweier Kinder, wurde wenige Wochen nach Anbruch des Zweiten Weltkrieges unter Ausschluss der Öffentlichkeit durch die Guillotine hingerichtet. Schenkel zitiert aus den Gerichtsakten: „Solche Taten konnten nur auf dem maroden Nährboden der Weimarer Republik gedeihen ... Da es sich bei dem Täter um einen Volksdeutschen, einen Arier, zudem noch Mitglied der NSDAP, handelt, sind eine umgehende Vollstreckung des Urteils und absolutes Stillschweigen erforderlich.“

Copyright: Edition NautilusZurzeit arbeitet Andrea Maria Schenkel, die 13 Jahre als Postbeamtin arbeitete und danach als Hausfrau und Mutter, an ihrem dritten Roman, der im März 2009 erscheinen soll. Diesmal soll es kein Krimi werden und auch kein krimiähnlicher Roman. Mit den ersten zwei, auf wahren Begebenheiten basierenden Büchern hat sie sich freigeschwommen. Inzwischen muss Schenkel auch nicht mehr heimlich arbeiten, wie bei Tannöd. Damals hat ihr Mann, ein Hals-Nasen-Ohren-Arzt, erst kurz vor Fertigstellung des Manuskriptes erfahren, an was seine Frau da abends schrieb, wenn er für seine Facharzt-Prüfung lernte. Jetzt aber ist aus Schenkel, die ewig mit der Provinz hadert und doch nicht davon loskommt und „Zeit“ als ihren größten Luxus angibt, eine Schriftstellerin geworden.

Zum Glück für sie selber, für ihren Verlag und für ihre ständig wachsende Lesergemeinde.

Stephanie Wurster
lebt als Literatur-Redakteurin und freie Autorin in Berlin.

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September 2008
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