Torsten Schulz

Rory MacLean im Interview mit Torsten Schulz

Torston Schulz © chill
Torston Schulz © chill
„Die große Herausforderung war die Umsetzung der Umgangssprache“, meint Schriftsteller Torsten Schulz und streicht sich das silberweiße Haar zurück. „Als ich das Buch geschrieben habe, wollte ich den speziellen Ton dieser Zeit und dieses Orts einfangen. Ich wollte den Ostberliner Dialekt der 1960er genau treffen. Wie ihn aber ins Englische übersetzen? Die Antwort darauf war der Cockney-Dialekt.“

Der gebürtige Berliner Schulz ist Schriftsteller, Dramaturg und Regisseur. Sein Bestseller Boxhagener Platz erscheint diesen Monat in Großbritannien bei Impress Books. Der Übersetzer ist der renommierte britische Dichter Harry Guest.

„In meiner Arbeit versuche ich, die Vergangenheit zu erfassen und sie in meine Romane einzubringen. Meine Figuren offenbaren sich oft im Dialog, in ihrer eigenen Ausdrucksweise. Ich will sichergehen, dass meine Prosa authentisch ist. Harry hat sie wunderbar sinngetreu ins Englische übertragen“.

Torston Schulz © LABBoxhagener Platz, dessen englische Version unter dem Titel A Square in East Berlin erscheint, erzählt die bittersüße Geschichte des Lebens im real sozialistischen Ostdeutschland. Der Roman spielt im Jahr 1968, und der Erzähler ist Holger, der zurückblickt auf diese Zeit, als er zwölf Jahre alt war. Die Handlung spielt zum großen Teil am Boxhagener Platz, wo Torsten Schulz aufwuchs. Außerhalb dieser ruhigen, bedrückenden kleinen Welt – beschäftigt mit nachbarschaftlichen Fußballspielen, patriotischen Aufmärschen und einer fidelen Großmutter, die die Gräber ihrer Freunde und Familie pflegt – entfaltet sich die große weite Welt in den Pariser Studentenrevolten, der Olympiade in Mexico City und der Niederschlagung des Prager Frühlings durch sowjetische Panzer.

„Ich trug diese Geschichte jahrelang in mir herum“, erzählt Schulz. „Sie wuchs solange in meinen Gedanken und in meiner Seele, bis ich sie niederschreiben musste“.

„Das Leben in Ostdeutschland war oft ambivalent“, erinnert er sich. „Zum Beispiel bejubelte ich unsere Olympiasportler und freute mich immer, wenn sie eine Medaille gewannen. Aber gleichzeitig stand ich dem Regime sehr kritisch gegenüber. Meine Familie war gegen den sogenannten Realsozialismus, aber wie so viele andere wussten wir nicht, was wir an der Situation ändern konnten. Als Jugendlicher schwor ich mir, das System von innen heraus zu verändern, wie es Michail Gorbatschows Absicht war. Das war der Plan, die Vision.’

Im Teenageralter begann Schulz, Kurzgeschichten zu schreiben. Freunde und Kollegen stellten eine Affinität zum Film fest und ermutigten ihn, Filmdramaturgie zu studieren. Er bewarb sich und wurde 1982 an der Hochschule für Film und Fernsehen in Potsdam-Babelsberg immatrikuliert.

„Die Hochschule lag direkt am Griebnitzsee, der die Grenze zu Westberlin war. An nebligen Tagen hätten wir mit ein bisschen Glück unentdeckt rüber schwimmen können. Aber ich wollte bleiben und kritische Filme schreiben, die zum Wandel in Ostdeutschland beitragen sollten. Im Nachhinein ist mir klar, dass diese Zeit der Anfang vom Ende war, aber damals – in den 1980ern – war das mein Traum.“

Schulz glaubte an den „Dritten Weg“, eine humanistische Synthese aus Kommunismus und Kapitalismus, die der ehemalige tschechoslowakische Parteichef Alexander Dubcek vertrat. Nach der Wende arbeitete er als Redakteur für die Zeitung der Bürgerbewegung Die Andere, die sich bemühte, Debatten über die Zukunft der DDR anzuregen. Aber anstatt sich für ein neues politisches System einzusetzen, liefen die meisten seiner Landsleute lieber Westdeutschland direkt in die wartenden Arme und tauschten ihre Identität gegen Kapitalismus und Konsumgüter ein.

„Ich war nicht gegen die Wiedervereinigung“, erinnert er sich, „aber ich wollte doch eine andere Art von ostdeutscher Entwicklung.“

Im folgenden Jahrzehnt wandte sich Schulz dem Schreiben von Drehbüchern und der Regie von Dokumentarfilmen zu. Bis er beschloss, einen Roman zu schreiben.

„Als ich 40 wurde, wollte ich etwas Neues in meinem Leben. Ich liebte und liebe noch immer die Arbeit beim Film, die Zusammenarbeit mit Regisseur, Produzent und Crew, aber ein Teil von mir wollte größere künstlerische Freiheit. Noch wichtiger war mir, meine Kindheitserinnerungen festzuhalten, die mir mit der Zeit entglitten, und meine eigene Sprache zu profilieren. “

Torston Schulz © roloffDas Ergebnis war Boxhagener Platz, ein warmherziger Bestseller ohne Ostalgie. Sein kommerzieller Erfolg führte zu preisgekrönten Bearbeitungen als Hörspiel und Kinofilm sowie einem neuen Vertrag für zwei Bücher. Revolution und Filzläuse, ein Erzählungsband mit zwölf Kurzgeschichten, erschien 2008. Schulz‘ nächstes Buch, eine ostdeutsche Liebesgeschichte unter Jugendlichen, kommt nächstes Frühjahr heraus. Ein dritter Roman wartet zuhause in der Schublade auf Überarbeitung.

Außerdem hat Schulz literarische Stoffe fürs Kino bearbeitet und kürzlich bei einer Fernsehserie als Dramaturg mitgewirkt. Das alles neben seiner hauptberuflichen Tätigkeit als Professor für Dramaturgie an der HFF „Konrad Wolf“ in Potsdam-Babelsberg.

Torsten Schulz ist ein Mann in Aufbruchstimmung, gleichzeitig bescheiden und intensiv, getrieben von der Entschlossenheit, die Vergangenheit festzuhalten und die echten Stimmen eines verschwundenen Landes zu bewahren.

„Ich bin jetzt 52 Jahre alt. Ich will die nächsten zehn Jahre vor allem schreiben. Ich trage so viele Geschichten in mir, die ich erzählen möchte. Das hat bei mir jetzt Priorität.“

Rory MacLean
September 2012

Übersetzt von Susanne Mattern

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