Porträt Jan Costin Wagner

Unsagbares in Sprache bringen

Jan Costin Wagner. Copyright: David Biene
Jan Costin Wagner. Copyright: David Biene
Jan Costin Wagner schreibt atmosphärisch dichte Kriminalromane, die die Genregrenzen sprengen. Ihn interessieren Extremsituationen und wie Menschen damit umgehen. Und das wiederum interessiert zunehmend mehr Leser weltweit.

Zum Glück gibt es Zweitnamen. Beim Krimiautoren Jan Costin Wagner herrscht nämlich Verwechslungsgefahr mit dem Lyriker Jan Wagner. Darauf angesprochen wird er öfter, getroffen hat er seinen Namensvetter noch nie. Die Verlage der Herren Wagner nehmen’s sportlich und tauschen fleißig Buchpakete. Dabei machen seine Romane Jan Costin Wagner eigentlich unverwechselbar: Geschichten in Finnland über frostige Typen und Landschaften – perfekte Projektionsflächen für das eiskalte Verbrechen. Gleichzeitig menschelt es ganz schön in Wagners Büchern, denn ihn interessieren die Gefühle von Täter und Opfer, warum jemand so ist, wie er ist.

Copyright: Eichborn AGWagner sprengt damit Genregrenzen: nicht typisch Krimi, aber auch nicht nur Roman. Das ist Teil seines Erfolges. Bereits für sein Debüt Nachtfahrt (2002) erhält der 1972 im hessischen Langen geborene Autor einen Preis, den Durchbruch schafft er schließlich 2007 mit Das Schweigen, ausgezeichnet mit dem Deutschen Krimipreis 2008. Eismond (2003) erscheint in acht Ländern; weitere vier, darunter die Türkei, folgen. In den USA ist der Roman so erfolgreich, dass er für den Los Angeles Times Book Prize nominiert wird. Das Schweigen wird in acht Sprachen übersetzt, darunter Bulgarisch und Koreanisch.

Mord, Totschlag und Trauerarbeit

„Was mich zum Schreiben gebracht hat, war der Wunsch, etwas in Sprache zu bringen, das man anders nicht aussprechen kann, Extremsituationen zu veranschaulichen“, erzählt Wagner. „Und Mord und Totschlag zeigen besonders wirkungsvoll Extremsituationen.“ In Eismond zeigt sich das bei Kommissar Joentaa, der den Tod seiner Frau bewältigen muss. Hier macht die Trauerarbeit eine universelle, menschliche Extremsituation aus, die Wagner gereizt habe: „Was macht man, wenn der geliebte Mensch stirbt?“

In Das Schweigen ist es zum einen der pädophile Täter, der mit der Schuld konfrontiert wird zu einem Zeitpunkt, wo er alles bewältigt glaubt, zum anderen der Polizist Ketola, der im Ruhestand nochmals mit einem Fall konfrontiert wird, der sehr persönlich wird. Beide Romane spielen in Finnland. In Deutschland, wo Geschichten aus Skandinavien ohnehin sehr beliebt sind, sind sie erfolgreicher als Wagners andere beide Romane Nachtfahrt und Schattentag (2005). Der 36-Jährige hat sich aber nicht einem Trend ergeben. Er pflegt seit 18 Jahren eine enge Bindung zu Finnland, seine Frau ist Finnin. Der Schauplatz sei aber eher eine Konsequenz aus den Anlagen der Figuren heraus, sagt Wagner.

Mit Fiktion der Realität näher kommen

Wagners Romane haben alle ein Ende, das den Erwartungen zuwiderläuft. Sie bieten keine Lösungen. Das sei auch nicht möglich, meint er, weil das Leben auch keine biete. Solche Situationen seien nicht schwarz-weiß, hier die Guten, da die Bösen. „Ich versuche mit meinen Romanen darin einen Moment des Begreifens zu erfassen – durch Aussparungen. Ich glaube, das fiktive Schreiben kann der Realität so näher kommen, um Empfindungen zu zeigen, die in jedem Menschen sind.“ Deswegen mag Wagner auch keine klassischen Kriminalromane oder Regionalkrimis. Das ist wiederum eine ungewöhnliche Ansicht für jemanden, der als Journalist gearbeitet hat. „Ich war aber kein guter Journalist“, räumt Wagner lachend ein, „ich mag eher, dass ich beim literarischen Schreiben die Figuren aus mir selbst heraus schöpfen und mich intensiver mit einem Thema beschäftigen kann.“

Als sein Debüt erscheint, ist Wagner 29 Jahre. Trotzdem wird er nicht in eine Schublade mit gleichaltrigen Autoren wie Christian Kracht oder Judith Hermann gesteckt. Ein Kritiker erfindet für Wagner sogar den Begriff „Gegenschriftsteller der Popliteratur“. Ihm selbst ist es egal. Das eine ist Marketing, das andere Inhalt. Allerdings unterscheidet Wagner auch von etlichen Altersgenossen, dass er keine vermeintlich typische Vergangenheit mit Manuskript in der Schublade oder Lesebühnenzugehörigkeit vorweisen kann. Er hat einfach zwischen seinem Germanistik- und Geschichtsstudium und dem Volontariat diese skrupellose Erzählung Nachtfahrt geschrieben, kam dann per Zufall an einen Literaturagenten und durch diesen an den Eichborn-Verlag. Mit beiden arbeitet er heute noch zusammen. Seine Inspiration holt sich Wagner aus den Nachrichten. „Da gibt es nur Aussagen, was passiert ist, aber keine Antworten. Dieses Format kann nicht erklären, was ein Ereignis auslöst.“ Zum anderen glaubt Wagner, dass die heutige Informationsüberflutung dafür sorgt, dass wir uns existentiellen Fragen nicht mehr stellen. Sein neuer Roman wird unter anderem davon handeln. Es wird wieder eine Joentaa-Geschichte sein, die rechtzeitig zur Leipziger Buchmesse 2009 erscheinen soll. Vielleicht wird der Krimiautor Wagner dann auch endlich den Lyriker Wagner treffen.

Kerstin Fritzsche ist Journalistin und Literaturredakteurin des hannoverschen Stadtmagazins Stadtkind Hannovermagazin.

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Oktober 2008

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