Immer noch gesund und munter: der deutsche Bildungsbürger

Es hat mich sehr gefreut, dass mein Kollege Gregor Dotzauer vom Berliner Tagesspiegel kürzlich den Alfred-Kerr-Preis für Literaturkritik gewonnen hat. Gefreut deshalb, weil ich schon immer ein Fan von Kerr gewesen bin (sowie auch seines Enkels Philip, der intelligente Kriminalromane verfasst) und weil mir Dotzauers Artikel gefallen, zumindest die, die ich verstehe. Doch hier kommt das Erstaunliche: Die Jury befand, dass Dotzauer seine Leser auf beglückende Weise anstrenge. Typisch deutsch? Ich fürchte wohl. Wenn ich derart schreiben würde – egal, ob ich den Leser damit beglücke oder nicht – würde man mich wahrscheinlich feuern. So etwas steht ganz bestimmt in meinem Vertrag. Kündigungsgrund: schwierige Texte, die beim Leser Migräne verursachen.
Aber natürlich haben die Deutschen Recht. Wir müssen eine fortwährende Schlacht, einen Hundertjährigen Krieg gegen die Verdummung führen. Die Briten (oder vielmehr die Engländer; das schottische Bildungswesen ist immer noch von Oasen der Hochkultur und einem straffen Lehrplan gekennzeichnet) haben sich wohl dem Geschmack der Amerikaner gebeugt: erst flimmerten Detektivserien, Western und Zeichentricksendungen im Fernsehen, es folgten Sitcoms mit aufgezeichnetem Gelächter, schließlich Quizsendungen, MTV und „Reality“-Shows. Sie waren ansteckend, ob als Kino- oder Fernsehformat, so ansteckend, dass viele junge Menschen nichts mehr lasen, was sie länger als eine Dreiviertelstunde, also die Sendedauer einer Fernsehserie vor einer Werbepause, beanspruchte. Im Allgemeinen heißt es, mit zunehmender Popularität des Internets hörten die Leute auf, Bücher zu lesen und ins Theater zu gehen. Aber ich kann mich daran erinnern, dass ich 1985 ein Buch über die Ermordung des polnischen Priesters Jerzy Popiełuszko schrieb und der amerikanische Verleger zu mir sagte: „Roger, uns gefällt dein Buch, aber es stehen zu viele polnische Namen darin! Zu viele polnische Namen, die mit ‚P’ anfangen.“ Ich musste den Text redigieren, damit der amerikanische Leser nicht überfordert wird. Später musste ich alle Semikola streichen. Damals waren es vor allem die amerikanischen und weniger die britischen Verleger, die einen bevormundeten. Heute trägt einem der Literaturagent auf, den Text „einfach zu halten“.
Natürlich gibt es sowohl in den USA als auch in Großbritannien immer noch hervorragende Intellektuelle, das Theater ist nicht tot, und in beiden Nationen wird Kultur thematisiert.
Keine Angst vor Ernsthaftigkeit
Aber der deutsche Bildungsbürger ist einzigartig. Im Englischen gibt es nicht einmal ein Wort dafür. Es gab eine Zeit bis etwa in die Fünfzigerjahre, in der die Briten Belesenheit und ein umfassendes kulturelles Wissen als Mittel zur Überwindung der Klassenunterschiede schätzten. Das ist Geschichte: Der soziale Aufstieg erfolgt nicht mehr durch Bildung, sondern durch die Fähigkeit, Geld anzuhäufen (oder heutzutage, es nicht zu verlieren). Der deutsche Bildungsbürger hingegen ist immer noch gesund und munter. Er oder sie ist überall anzutreffen. Im Theater werden mitten in der Woche, wenn sich kein Engländer vom Fernseher wegbewegt, Stücke in der Pause tiefgründig analysiert. Weil den Deutschen Ernsthaftigkeit nicht peinlich ist. Und weil Theater- und Opernveranstaltungen so gut organisiert sind, dass einem Zeit für ein Gespräch bleibt und man sich nicht um ein Glas Wein und eine Bretzel schlagen muss. Lesereisen sind ein Vergnügen (vorausgesetzt, die Deutsche Bahn funktioniert reibungslos). Die Deutschen sind bereit, an kalten Winterabenden die warmen Wohnzimmer zu verlassen, um geduldig den Worten des Vortragenden zu lauschen. In Großbritannien können lediglich Fernsehstars Ähnliches bewirken, und das machen sie auch nur, um ihre (gewöhnlich nicht selbst verfassten) Memoiren zu signieren. In Großbritannien und den USA dreht sich alles um den Agenten, der die Bücher auf dem Markt „verkauft“. In Deutschland ist der Lektor die Schlüsselfigur bei der Entstehung eines Buches. Er hat vom Verlag den Auftrag, einem Text auf den Grund zu gehen. Seine Hauptaufgabe ist es, die Gedanken des Autors klarer und verständlicher zu machen, ohne sie zu vereinfachen.
Ein Mittel zum Verständnis spezifisch deutscher Probleme
Die Auswirkung des Bildungsbürgertums wird im Umgang Deutschlands und Großbritanniens mit ihrem literarischen Erbe am deutlichsten. In Großbritannien war man immer auf Fernsehadaptionen von Romanklassikern wie beispielsweise der Forsyte-Saga von John Galsworthy stolz. Als die Fernsehzuschauer des langsamen Erzähltempos überdrüssig wurden, produzierte man Literaturverfilmungen für das Kino, jedoch stets unter Besetzung eines Hollywoodstars. Die deutschen Filmemacher hingegen sind ihrem Deutschsein treu geblieben und setzen klassische Vorlagen ein, um damit spezifisch deutsche Probleme verständlich zu machen. Sie stehen mit dem deutschen Kinopublikum im Dialog und lösen eine Geschichte nicht um eines universalen Ansatzes willen aus dem Kontext heraus. Derzeit laufen zwei solcher Filme in den deutschen Kinos. Der eine ist Buddenbrooks nach dem Meisterwerk von Thomas Mann. Der Zeitpunkt könnte nicht besser gewählt sein, das Thema – der über mehrere Generationen andauernde Aufbau und Verlust eines Vermögens – passt zur Stimmung in der Gesellschaft. Und die Schauspieler bieten überzeugende Darstellungen. Mir persönlich gefällt die elfteilige Fernsehserie Buddenbrooks aus dem Jahr 1979 besser, bei der jede Episode in der Art von Dallas mit einem Cliffhanger endet. Damals war ich ein junger Korrespondent in Bonn und lernte von der Fernsehbearbeitung Franz Peter Wirths mehr als auf hundert Pressekonferenzen. Und schließlich las ich auch das Buch. Etwas Ähnliches geschieht gerade: Die Verkaufszahlen des Romans Buddenbrooks haben sich verdreifacht. Könnte das in einem anderen Teil der westlichen Welt passieren? Ich glaube nicht. Das zweite Beispiel ist eine Verfilmung von Effi Briest. Deutsche Filmemacher haben sich immer wieder an der Romanvorlage von Fontane versucht. Dieses Mal war ich enttäuscht – ich erinnere mich noch allzu gut an Rainer Werner Fassbinders Version von 1974 mit Hanna Schygulla in der Rolle der wilden, aufmüpfigen Effi. Fassbinders Umsetzung ist viel ironischer und geistreicher als die aktuelle Verfilmung. Aber wissen Sie was? Deutsche Mädchen lesen das Buch wieder in der U-Bahn.
Den Leser fordern
Vielleicht ist es typisch deutsch, anstrengend zu sein, den Leser zu fordern (und dafür Preise zu verleihen!). Aber es ist wirklich eine Leistung, den nationalen Literaturkanon ständig neu zu definieren. Deutschland ist mit Sicherheit das einzige Land in der Welt, das auf der Titelseite des meistverkauften Nachrichtenmagazins ein Bild eines Kritikers veröffentlichen kann, der gerade einen Roman von Günter Grass zerreißt. Das bezeugt, dass den Menschen hierzulande Literatur, ihre gemeinsame Kultur, am Herzen liegt und sie sich unbefangen damit auseinandersetzen wollen.Und das ist doch einmal etwas, das die Deutschen in diesen Krisenzeiten exportieren könnten.
Roger Boyes
ist Deutschland-Korrespondent der britischen Tageszeitung „The Times“. Er lebt seit zwanzig Jahren in Deutschland und schreibt die Kolumne „My Berlin“ im Tagesspiegel. In seinem Buch „My dear Krauts“ beschreibt er mit typisch britischem Humor die Eigenheiten des täglichen Lebens in Deutschland.
ist Deutschland-Korrespondent der britischen Tageszeitung „The Times“. Er lebt seit zwanzig Jahren in Deutschland und schreibt die Kolumne „My Berlin“ im Tagesspiegel. In seinem Buch „My dear Krauts“ beschreibt er mit typisch britischem Humor die Eigenheiten des täglichen Lebens in Deutschland.
Übersetzung: Christiane Wagler
Copyright: Goethe-Institut e.V., Online-Redaktion
März 2009
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