ihr Nationaldichter

„Goethe!“ – ein neuer Blick auf den deutschen Nationaldichter

Johann Wolfgang von Goethe ist in Deutschland ein Held. Er ist der wichtigste deutschsprachige Schriftsteller. Zweifelsohne war er ein Genie, der nicht nur das Drama Faust – sein Meisterwerk –, sondern auch Gedichte, Romane sowie wissenschaftliche und philosophische Texte verfasste. Aber war er vielleicht auch ein Rockstar? Oder genauer gesagt, war er ein Prominenter des ausgehenden 18. Jahrhunderts, der die Herzen der Frauen höher schlagen ließ?

Szenenfoto aus „Goethe!“, Alexander Fehling als Goethe; Copyright: 2010 Warner Bros. Ent.

Das will „Goethe!“, der neue Film von Philipp Stölzl, glauben machen. Als ich das Ausrufezeichen nach dem Namen des Dichters sah, wurde mir angst und bange: Zu klar erschien es mir, dass der historische Stoff nun im Stil der Verfilmung des ABBA-Musicals Mamma Mia! verarbeitet werden würde. Wieder einmal war eine deutsche Institution dem Untergang geweiht. (Erinnern Sie sich noch an die Deutsche Mark? Oder sollte ich „Deutsche Mark!“ sagen?) Zu Philipp Stölzls filmischem Schaffen gehören Videos für Madonna, Rosenstolz und Rammstein. Und nun: JWG.

Eine Art James Dean

Szenenfoto aus „Goethe!“; Copyright: 2010 Warner Bros. Ent.

Also zögerte ich, ins Kino zu gehen, und fürchtete, Zeuge eines Zerrbilds, eines Verrats an einem deutschen Genie zu werden. Und am Anfang ritt ich tatsächlich auf den historischen Ungenauigkeiten herum. Obwohl die Darstellung von Goethe als einem kecken, brillanten, gutaussehenden Dreiundzwanzigjährigen durchaus glaubwürdig ist, wird der deutsche Nationaldichter zu einer Art James Dean stilisiert. Der Film zeigt Goethe als einen Studienabbrecher (falsch), der sich in Lotte verliebt (richtig), der Verlobten seines Vorgesetzten (stimmt nicht ganz). Der Höhepunkt ist eine Sexszene im Regen (ganz sicher frei erfunden) und ein Duell mit dem gehörnten Verlobten (unwahr).

Folgendes ist geschehen: Ein Regisseur hat versucht, aus einem deutschen Nationalhelden einen Menschen zu machen, der einer neuen Generation verständlich ist. Das finde ich ein bisschen traurig, denn obwohl ich Engländer bin, wurde mir Goethe auf die gleiche Weise wie Generationen von Deutschen nahegebracht. Das heißt, ich musste seine Texte auseinandernehmen und analysieren, seine Verse auswendig lernen und rezitieren und im Unterricht die wahre Natur des Faust‘schen Handels erörtern. Wir wurden über Goethes Werk, nicht über sein Liebesleben aufgeklärt.

Die historische Genauigkeit opfern

Goethe-Denkmal in Frankfurt; Copyright: www.pixelio/Foto: Dr. Klaus-Uwe GerhardtEine ähnliche Empörung rief der Film Shakespeare in Love 1998 in Großbritannien hervor. Hier wird Englands überragender Schriftsteller – den Goethe natürlich bewunderte – als liebestoller Narr porträtiert. Er hat soeben eine Komödie mit dem Titel Romeo und Ethel verfasst und seiner Freundin gewidmet. Nachdem er herausfindet, dass Ethel ihn betrogen hat, verbrennt er das Stück und beginnt stattdessen eine Tragödie namens Romeo und Julia. Aber er leidet an einer Schreibblockade. Erst als er sich in Gwyneth Paltrow verliebt, kann er wieder schreiben – über das Thema der verbotenen Liebe. Das ist unterhaltsamer (Oscar prämierter) Unsinn. Nur die Tatsache, dass der Film mit Shakespeare‘schen Wortspielen gespickt ist, bewahrte ihn vor einem kompletten Verriss seitens der patriotischen Shakespeare-Anhänger.

Als Rechtfertigung diente das gleiche Argument wie bei Goethe!. Wenn man Shakespeare oder Goethe durch einen Film einer neuen Generation von Lesern nahebringen kann, dann darf man dafür auch die historische Genauigkeit opfern. Ähnlich wurde beim Film Amadeus argumentiert, der aus Mozart ein hippes, sexbesessenes, vulgäres Wunderkind machte und als Nebenhandlung eine erfundene Geschichte über Salieri als bösen Rivalen bei Hofe präsentierte. Die Österreicher waren außer sich, doch junge Menschen interessierten sich tatsächlich plötzlich für Mozart. „Amadeus ist überhaupt eins unserer großen Vorbilder“, sagt Stölzl. „Der ist ja zum großen Teil frei erfunden … und es ist trotzdem der allerbeste Film über Mozart.“

Künstliche Erotisierung

Es gab auch schon andere Versuche, Goethe auf der Leinwand zum Leben zu erwecken: Vor etwas mehr als zehn Jahren drehte Egon Günther den Film Die Braut über Christiane Vulpius oder vielmehr ihre Ménage-à-trois mit Charlotte von Stein und Goethe. Das große literarische Vorbild der Deutschen kommt in diesem Film nicht gut weg: Er wird als ein Mensch gezeigt, dem es peinlich ist, in der Öffentlichkeit zu seiner Frau Christiane Vulpius zu stehen, ein moralischer Feigling, der ihre Schreie ignoriert, als sie im Sterben liegt. War Goethe wirklich so – oder wird er hier nur aus einem modernen Blickwinkel betrachtet? Abgesehen von Die Leiden des jungen Werther spielten Frauen anscheinend keine große Rolle in seinem Werk. Aber um die klassische Literatur der Generation Videospiel und Internet nahezubringen, muss man Goethes Leben wohl künstlich erotisieren.

Miriam Stein und Alexander Fehling in „Goethe!“; Copyright: 2010 Warner Bros. Ent.

Selbst die Macher von Goethe! räumen ein, dass Goethe Lotte (im Film von Miriam Stein gespielt) wahrscheinlich nur geküsst hat. Aber die Figur des jungen Werther ist faszinierend, und ich verstehe, warum Philipp Stölzl mit den historischen Fakten jongliert – der Film lässt Goethe zum Zeugen des Selbstmordes seines Freundes Jerusalem werden, der ihm später als Vorlage für den liebeskranken Werther dient, und verknüpft damit Dichtung und Wahrheit. In der letzten Szene reist Goethe an einer Menge von Menschen vorbei, die sich um ein Exemplar des Werther raufen, und die – nachdem sie ihn erkannt haben – „Johann, Johann“ rufen, als ob er der Sänger von Tokio Hotel wäre. Und tatsächlich könnte es sich so abgespielt haben. Die Leiden des jungen Werther war wohl der erste deutsche Kultroman. Einige folgten Werther und nahmen sich nach der Lektüre des Buches das Leben. Verzweiflung, unerwiderte oder verhinderte Liebe – das verkauft sich immer.

Goethe kann Spaß machen

Szenenfoto aus „Goethe!“; Copyright: 2010 Warner Bros. Ent.

Und als ich mir den Film daher schließlich doch ansah, ignorierte ich den biografischen Kitsch und die Rezension in TV Digital („Der perfekte Film, um den ollen Goethe kennenzulernen“) und genoss die Vorführung. Im Kino war ich von jungen Menschen umgeben. Wenn nur zehn von ihnen sich anschließend bemüßigt fühlten, nach Goethe zu googeln, hat der Film schon etwas bewirkt. Eine prominente Persönlichkeit der deutschen Jugendkultur ist der Musikproduzent Diether Bohlen, Juror bei Deutschland sucht den Superstar, einer Talentshow für die Untalentierten. Als man ihn fragte, ob er Goethe gelesen habe, antwortete er: „Es gibt viele Dinge, die wichtiger sind im Leben.“ Vielleicht werden sich einige der Bohlen-Fans Goethe! anschauen, danach Die Leiden des jungen Werther lesen und begreifen, was wahres Talent ausmacht. Goethe! mag die Gemüter konservativer Deutscher erhitzen, weil der Film scheinbar Goethes Werk trivialisiert. Aber er wird auch ein paar Traditionalisten wie mich überzeugen. Goethe kann Spaß machen. Wer hätte das gedacht?

Roger Boyes
ist Deutschland-Korrespondent der britischen Tageszeitung „The Times“. Er lebt seit zwanzig Jahren in Deutschland und schreibt die Kolumne „My Berlin“ im „Tagesspiegel“. In seinem Buch „My dear Krauts“ beschreibt er mit typisch britischem Humor die Eigenheiten des täglichen Lebens in Deutschland.

Übersetzung: Christiane Wagler
Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
Oktober 2010

Foto „Goethe-Denkmal in Frankfurt“ © Dr. Klaus-Uwe Gerhardt / PIXELIO

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