Tanz den Knigge

Immer wieder: Der gute alte Tanzkurs. Immer lauter: Der Schrei nach Manieren. Gehört Hüftwiegen wirklich zum guten Ton?
„Versteh doch, es geht um unsere Existenz/ Vergiss das Materielle/ Vergiss den Job, vergiss Mercedes-Benz“ - das empfehlen die Fantastischen Vier 2007 in ihrem Lied Einfach Sein. Weg vom Konsum, zurück zu den guten alten Werten. München, Samstag Nachmittag: Vierzig Absätze klackern zu diesen Zeilen im Gleichschritt, der Lied-Rhythmus ist ein typischer Foxtrott. Über den zwanzig Tanzenden wölbt sich die neobarocke Decke der Tanzschule im Deutschen Theater. Die Schüler des Anfängerkurses Standardtanz sind zwischen 14 und 19 Jahre alt und lernen außerdem noch Slowfox, Quickstep und Wiener Walzer.
Habe-die Ehre, Knicks und Küss-die-Hand
Die Schüler sind jung, der Wiener Walzer nicht, er entstand 1770. Zwar ist die Tanzstunde kein sonntäglicher Tanz-Tee – da verlangt die Etikette Hemd und Bundfaltenhose statt Jeans und Kapuzenshirt - aber doch nah daran. Denn für das Nachtleben sind die sorgfältig einstudierten Tanzschritte nicht gedacht. Ein Wiener Walzer würde auf den Tanzflächen der Clubs nicht besonders gut ankommen. Trotzdem üben die Tanzschüler die korrekte Ellenbogenhaltung, Schrittfolge und Wirbeldrehung. Ist das die Rückkehr der guten alten Etikette, von Habe-die-Ehre, Knicks und Küss-die-Hand – und falls ja, warum?
Nicht zufällig werden den Schülern im Deutschen Theater auch Umgangformen gezeigt. Noch in den Fünfzigern und Sechzigern war das ein selbstverständlicher Bestandteil jedes Tanzkurses, heute nennt der Allgemeine Deutsche Tanzlehrerverband (ADTV) das ohne Umschweife das Anti-Blamier-Programm. Gemeint sind damit Ratschläge zu angemessener Kleidung und Schminke, wie man das Besteck bei Tisch hält und mit welcher Grußformel man wen, wann begrüßt. Diese Sehnsucht nach Regeln spiegelt sich auch in der Flut der Buchveröffentlichungen zum Thema Benehmen wieder: Sucht man in der Datenbank der Deutschen Nationalbibliothek nach dem Stichwort „Knigge“, erscheinen 67 Treffer allein für das Jahr 2007. Im April diesen Jahres war gar ein Auszug aus Manieren Teil der Abiturprüfung in Baden-Württemberg. Das Buch des äthiopischen Prinzen Asfa-Wossen Asserate war in Deutschland ein Bestseller.
Großer Andrang auf die Tanzschulen
Auch Tanzkurse verkaufen sich gut: Die Zahl der Tanzschulbesucher wächst seit 2000 jährlich um zehn Prozent. Mittlerweile gibt es zwei Millionen tanzende Deutsche, so der ADTV. Davon sind mehr als die Hälfte jünger als 30 Jahre. Der Schluss liegt nahe, dass Tanzen wieder zum guten Ton gehört, so wie in der Nachkriegszeit. „Walzer auf jeden Fall“, sagt Andrea Sydow, Redakteurin der Service-Webseite
www.knigge.de. Aber auch bei den Jungen? Das Männermagazin Playboy wollte es letztes Jahr ganz konkret wissen und ließ das Emnid Institut herausfinden, welche Umgangsformen noch als zeitgemäß gelten. Das Ergebnis der Erhebung: Am wichtigsten sei, der Frau in den Mantel zu helfen, ihr die Tür aufzuhalten und ihr Feuer zu geben.
Standardtänze fehlten auf der Playboy-Liste. Und auch die Schüler der Tanzschule im Deutschen Theater denken nicht an die Knigge-Regeln: Alfred (15) nimmt so einen Benimm-Leitfaden nicht in die Hand. „Nie im Leben“, sagt der Lehrling. Er will im Deutschen Theater einfach „eine Schnitte aufreißen“. Dann lacht er. Auch die anderen Jugendlichen wollen hier in erster Linie Leute kennen lernen und sich ein bisschen bewegen: Die Etikette steht da „eher nicht“ im Vordergrund, sagt Louisa (17). Sie belegt den Kurs zusammen mit ihrem Freund Julian (17). Thomas (16) und Roman (15) meinen: „Höchstens auf Hochzeiten und Familienfeiern ist Tanzen nützlich.“ Vermutlich hat die Tanzshow Let’s Dance auf RTL sie auf die Idee zu dem neuen Hobby gebracht. Hier stimmte das Fernsehpublikum telefonisch über die Leistung hüftschwingender Prominenter und Turniertänzer ab. Die Sendung hatte bisweilen über sieben Millionen Zuschauer, das Tanzen auf der Mattscheibe kam an.
Standardtanz als Freizeitspaß statt als Anti-Blamier-Programm: Auch Benimm-Expertin Silke Schneider-Flaig sieht die öffentliche Debatte ums richtige Benehmen nicht so eng. Obwohl sie das Buch Der neue große Knigge verfasst hat, gibt sie zu bedenken: „Es gibt viele Menschen, denen das Gefühl für Schrittfolge und Rhythmus fehlt. Sich als schlechter Tänzer zu outen, ist kein Fettnäpfchen.“
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Immer noch aktuell - der Klassiker von 1788: Adolph Freiherr von Knigge: Über den Umgang mit Menschen, Goldmann, 2004, ISBN: 3-442-07703-6 |
schreibt als freie Autorin für Zündfunk (Bayern2Radio), Zuender (ZEIT online) und justmag.de.
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Dezember 2007











