Rauchverbot in Deutschland
In allen deutschen Bundesländern treten zwischen Herbst 2007 und Anfang 2008 Rauchverbote in Kraft. Manch verwirrende Regelung kommt da auf die Raucher zu, denn einheitliche Gesetze gelten zwar auf Bahnhöfen oder in Behörden, nicht jedoch in gastronomischen Betrieben – hier gelten Landesgesetze. Ein Kommentar von Roger Boyes.
Undenkbar, an Deutschland ohne seinen Schleier aus Tabak zu denken. Marlene Dietrich in einem rauchfreien Raum? Ludwig Erhard ohne seine Zigarre? Mehr als ein Jahrhundert lang waren die attraktivsten Schauspieler und schlausten Köpfe Raucher; Politiker stopften und genossen ihre Pfeifen in der Öffentlichkeit, um zu demonstrieren, dass sie Alpha-Männer waren. Und nun? Ein Feuerwehrmann muss in einem Fernsehstudio bereit stehen, wenn jemand auch nur wagt nach einer Schachtel Streichhölzer zu greifen. Schauspielerinnen kauen Kaugummi und Politiker an ihren Nägeln. Vielleicht nennt man das Fortschritt.
Hitler würde das sicher freuen. Eine der größten Untersuchungen zur Ursache von Lungenkrebs wurde unter den Nazis durchgeführt; er war militanter Nichtraucher. „Jeder im Bunker wusste, dass Hitler tot war,“ schreibt der Historiker Norman Stone, „weil die Ordnungskräfte und Offiziere einer nach dem anderen ihre Zigaretten anzündeten, was vorher verboten gewesen war.“ Lenin scheint derweil den Weg für Nichtraucherzüge gebahnt zu haben: er verlangte von seinen Bolschewiken-Kameraden ihre Zigaretten auszudrücken, als sie in den geschlossenen Abteilen von der Schweiz nach Russland reisten, um die Revolution anzuführen.
Nun, man muss kein bösartiger Diktator sein, um das Rauchen verbieten zu wollen. Jeder der schon einmal im Wartezimmer eines Krankenhauses war weiß, dass Lungenkrebs die schrecklichste aller Krankheiten ist; die ausgezehrten Patienten mit ihren Sauerstofftanks werden sogar von anderen Krebskranken bemitleidet. Und es gibt keinen Zweifel am Zusammenhang zwischen starkem Rauchen und einer Krebserkrankung – nicht einmal die Tabak-Lobby bestreitet dies noch.
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So strenge, eine Mehrheit einschränkende Gesetze zu erlassen, um eine kleine Minderheit gegen weitgehend imaginäre Risiken zu schützen ist, wenn ich so sagen darf, sehr deutsch. Es ist dasselbe wie keine Transrapid-Strecke nach Hamburg zu bauen, weil es Brutverhalten unterbrechen könnte oder eine Autobahntrasse umzuleiten, weil sie die Wanderwege von Fröschen unterbräche.
Ich weiß natürlich, dass Kellnerinnen keine Frösche sind. Aber sie sind Menschen, die gut informiert eine Wahl treffen können. Und ich weiß auch, dass diese Gesetzgebung nicht typisch deutsch ist – sie ist Teil einer Initiative der Europäischen Union. Aber die Raucher in Großbritannien, Irland und vielen anderen Ländern haben von Deutschland erwartet, dass es sich gegen die Nichtraucher-Kultur auflehnt. Zyniker sagen, dass deutsche Regierungen traditionell weiche Knie gegenüber der Tabakindustrie bekommen haben – zu viele Staatseinkünfte wurden durch den Zigarettenverkauf erzielt, zu viele Arbeitsplätze sind von diesem lukrativen Business abhängig. Ich möchte dennoch glauben, dass sich die deutsche Regierung ernsthaft mit der Auswahlfreiheit befasst, und zwar mehr als andere Länder. Es ist diese Freiheit, die geschützt werden muss. Züge haben jahrzehntelang gut mit Raucher- und Nichtraucherabteilen funktioniert. Jetzt ist das Rauchen komplett verboten – die Wahlmöglichkeit ist verschwunden und die Nichtraucher haben nichts hinzugewonnen.
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Meine Haltung ist die: die Antiraucher-Gesetzgebung ächtet zunehmend die Raucher und beschränkt die Wahl unseres Lifestyles. Aber gleichzeitig gibt es dem Rauchen eine Art Untergrund-Glamour. Für Teenager war Rauchen nie cooler – sie trotzen nicht nur ihren Eltern und den ärztlichen Ratschlägen (langweilig!), sondern dem Staat selbst. Und da die meisten Kommunen sich keine Raucher-Inspektoren leisten können, um Kneipen um Klubs zu überprüfen, trägt dieser Akt der Rebellion kein großes rechtliches Risiko. Plötzlich scheint jeder Siebzehnjährige in Berlin ein James Dean zu sein. Und man ahnt es schon: James Dean starb nicht, weil er rauchte.
ist Deutschlandkorrespondent der Londoner Tageszeitung "Times". Er lebt seit zwanzig Jahren in Deutschland und ist Autor der Kolumne "My Berlin" im Tagesspiegel. In seinem Buch 'My dear Krauts' berichtet er mit typisch britischen Humor über die Eigenarten des deutschen Alltags.
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September 2007













