Der Mord zum Sonntag – 40 Jahre „Tatort“

Am 29. November 1970 startete mit „Taxi nach Leipzig“ die mörderische Karriere von Deutschlands beliebtester Fernsehkrimi-Serie „Tatort“. Dabei stand nicht nur das Verbrechen, sondern immer auch die deutsche Gesellschaft im Fadenkreuz.Paul Trimmel muss nach Leipzig. Nachdem auf einem ostdeutschen Autobahnrastplatz eine Leiche mit westdeutschen Schuhen gefunden worden ist, hat der Generalstaatsanwalt der DDR den Hamburger Hauptkommissar um Hilfe gebeten. Als das Amtshilfegesuch kurz darauf wieder zurückgezogen wird, ermittelt Trimmel illegal in der DDR weiter – und gerät in einen Fall, der tief hineinführt ins Herz deutsch-deutscher Teilung.
Im Grunde hatte Taxi nach Leipzig vom Norddeutschen Rundfunk (NDR) alles, was spätere Tatort-Folgen auszeichnet: Die Leiche am Anfang, der Mörder am Ende, dazwischen den eigenwilligen Kommissar mit regionalen Wurzeln als Mittelpunkt. Dazu eine wirklichkeitsnahe Geschichte mit Zeitbezug. Und: „keine Rückblenden, keine wilden Kamera-Aktionen“. Gediegene Krimispannung also auf hohem Niveau.
„Ich hatte ganz schön Muffensausen“
Die „Grundverabredungen“, auf die die beteiligten ARD-Landessender sich für ihre gemeinsame Krimi-Serie einigen mussten, hat Tatort-Erfinder Gunther Witte vor genau 40 Jahren aufgestellt. Bis auf Ausnahmefälle gelten sie immer noch – und das nach über 780 Folgen.
Dabei war sich der Redakteur des Westdeutschen Rundfunks (WDR) über den Erfolg gar nicht sicher, als er den Auftrag erhielt, dem Straßenfeger „Der Kommissar“ vom Zweiten Deutschen Fernsehen (ZDF) Konkurrenz zu machen.
„Ich wusste ja, dass es nirgendwo auf der Welt eine Krimireihe mit zehn verschiedenen Kommissaren gab“, erinnert sich Witte. „Manchmal habe ich gedacht: Das kann gar nicht sein, dass die Leute so etwas akzeptieren. Ich hatte ganz schön Muffensausen“.
Ein Spiegel Deutschlands
Die Angst war unberechtigt: Nach 40 Jahren scheint der Tatort lebendiger denn je. Immer noch wird die Serie sonntags zur Hauptsendezeit um 20 Uhr 15 in der ARD ausgestrahlt; in den dritten Programmen laufen ständig Wiederholungen. Fans treffen sich zum Public Viewing, Krimistädtetouren führen zu den Schauplätzen der fiktiven Verbrechen.
Allein 2011 werden 30 Kommissare in ganz Deutschland für Recht und Ordnung sorgen: ein Deutschland, dessen Spiegel die Serie immer auch ein wenig war. So weist die Dissertation Tatort. Ein populäres Medium als kultureller Speicher (2010) nach, wie sehr sich die Serie, orientiert an gesellschaftlichen Diskursen, seit den Siebzigerjahren gewandelt hat.
Stand damals noch das geordnete Bürgertum im Zentrum, öffnete sich die Serie später aktuellen Problematiken wie Arbeitslosigkeit, Aids oder Kinderhandel, aber auch Subkulturen und internationalen Phänomenen wie dem Krieg in Bosnien oder der Russenmaffia. Wie die Stimmung in Deutschland, so wurde auch der Tatort – bis hinein in die Bildästhetik – bedrohlicher.
Markanter Ausdruck dieses Wandels war der bis heute beliebteste Kommissar, der 1981 die Nachfolge des smarten Kommissar Haverkamp (Hansjörg Felmy) aus Essen übernahm: Goetz George alias Horst Schimanski, ein muskulöses Arbeiterkind mit krimineller Vergangenheit, der, zum Suff und Glücksspiel neigend, in insgesamt 29 Folgen durch Duisburg zog – und 1997 sogar eine eigene, aufwendig produzierte Spin-Off-Serie erhielt. Deutschlands größte Boulevardzeitung Bild zählte mehrmals in Aufmachern seine Schimpfworte mit.
Hang zur Kommödie
„Krimikomödien“ nannte George die Schminaski-Episoden: ein heute wieder populärer, vor allem beim jungen Publikum beliebter Tatort-Trend, dem die Krimi-Serie mit Hauptkommissar Frank Thiel (Axel Prahl) und Kriminalpathologe Professor Karl-Friedrich Boerne (Jan Josef Liefers) aus Münster seit 2002 stärker als jemals nachkommt. 10,49 Millionen Zuschauer sahen die aktuelle Folge Spargelzeit (2010), in der der Überhang des Komödiantischen das Gleichgewicht zum Kriminalistischen fast schon kippen ließ.
Überhaupt setzt der moderne Tatort neben einem Fokus auf das Privatleben der Kommissare inzwischen verstärkt auf Duos – und auf starke Frauenfiguren als Ermittler. Was 1978 mit Nicole Heesters noch nach drei Episoden scheiterte, führte elf Jahre später mit der inzwischen dienstältesten Ermittlerin Ulrike Folkerts alias Lena Odenthal von der Ludwigshafener Mordkommission zum Erfolg. Folkerts durfte bisher in über 50 Folgen ihre Fälle lösen.
Inzwischen stehen ihr unter anderem Maria Furtwängler als alleinerziehende Charlotte Lindholm vom LKA Hannover sowie seit Ende 2010 Sibel Kekilli als Sarah Brandt (Kiel) und ab 2011 Nina Kunzendorf als Anja Amberger (Frankfurt am Main) zur Seite.
Fassbinder erhielt Drehverbot
Neben den starken Schauspielern waren in der Vergangenheit immer wieder die ausgezeichneten Regisseure und Drehbuchautoren Erfolgsgaranten. Herausragendes Beispiel hierfür ist Wolfgang Petersen, der mit der legendären Folge Reifezeugnis (1977) mit Nastassja Kinski, Christian Quadflieg und Judy Winter eine Visitenkarte für seine spätere Hollywood-Karriere schuf.
Nur Rainer Werner Fassbinder durfte trotz seines ausdrücklichen Wunsches keinen Tatort drehen: nicht wegen seines viel zu wilden Erzählstils, sondern wegen der kruden Handlung des von ihm eingereichten Exposés über einen Skandal in der Fußball-Bundesliga. Auf dieses Versäumnis wird Tatort-Erfinder Witte bis heute ungern angesprochen.
Im Giftschrank der ARD
Überhaupt agierten die Tatort-Macher handwerklich nicht immer mit tödlicher Sicherheit. Ausgerechnet dem Drehbuch von Asta Scheib und Martin Walser zu Armer Nanosh (1989) mit den „singenden Kommissaren“ Paul Stoever (Manfred Krug) und Peter Brockmöller (Charles Brauer) wurde vorgeworfen, voller Ressentiments gegen Sinti und Roma zu sein. Und die im Umfeld des Mainzer Karnevals spielende Episode Der gelbe Unterrock (1979) gilt als bisheriger Serientiefpunkt. Bis heute liegt sie mit Sperrvermerk im Giftschrank der ARD.
Tatsächlich aber sind im Tatort-Giftschrank seit 1970 viele Regalbretter leer geblieben. Und auch der bisher aktuellste Tatort-Fall Wie einst Lilly, den die ARD zum 40-jährigen Bestehen der Serie Ende November ausstrahlte, wird nicht unter Beschuss – und damit unter Verschluss – geraten. Darin ermittelte erstmals Ulrich Tukur als inzwischen 102. Ermittler Felix Murot im Umfeld von Enthüllungsjournalismus und RAF.
Ein Tumor namens „Lilly“
Lilly heißt darin nicht nur die Jugendliebe des ruppig-zynischen Murot: Es ist auch der Name, den der LKA-Mann seinem Hirntumor gegeben hat.
Solange die Tatort-Schauspieler selbst derart ausgefallene Einfälle glaubwürdig überspielen, wird Deutschlands beliebteste Krimi-Serie auch in Zukunft nicht totzukriegen sein.
ist einer von zwei Leitern eines Redaktionsbüros und arbeitet als Literaturkritiker, Kultur- und Wissenschaftsjournalist (Frankfurter Allgemeine Zeitung, Süddeutsche Zeitung, NZZ am Sonntag, Westdeutscher Rundfunk) in Köln.
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November 2010
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