Eingeschriebene Erinnerung

Tag der Republik, Sarajevo, 29.November 1989
Silbergelantineabzüge


Milomir Kovačević: „Der 29. November ist ein Datum, das für jeden, der in Jugoslawien aufgewachsen ist, mit starken Erinnerungen verbunden ist: der ‚Tag der Republik‘. Die Arbeit entstand 1989 in Sarajevo. Seit 46 Jahren existierte das ‚zweite Jugoslawien‘, ein System, das jetzt am Ende war. Wie es meine Rolle als visueller Chronist der Stadt verlangte, wollte ich die Atmosphäre dieses Tages einfangen. Die Schaufenster der Läden waren am Tag der Republik schon immer besonders geschmückt worden. Jetzt konnte man auf einem Abschnitt von vier bis fünf Kilometern, vom einzigen Einkaufszentrum bis in die Altstadt, an den Auslagen regelrecht das Bedürfnis der Menschen ablesen, weiterhin an die alten Symbole zu glauben, und zugleich fühlte man buchstäblich das große Unbehagen, das auf uns allen lastete.“

„Geboren und aufgewachsen bin ich in der von Tito geprägten Ära. Für mich und meine Generation war der Name Tito gleichbedeutend mit Frieden und der Gemeinschaft der jugoslawischen Völker. Seine Porträts waren überall: in Schulen, Rathäusern, Geschäften, auf öffentlichen Plätzen. Mit der Machtübernahme der nationalistischen Parteien begann eine neue Epoche, aber zu Beginn des Krieges waren in Sarajevo immer noch Tito-Darstellungen zu sehen. Dann begannen die gleichen Armeen, mit deren Hilfe Tito zuvor seine Machtposition aufrechterhalten hatte, seine öffentlichen Abbildungen zu zerstören.“

„Am 6. April, dem Jahrestag der Befreiung Sarajevos, legte man Blumen für die Opfer des Zweiten Weltkriegs nieder. Stolz hatten wir die Kappe mit dem roten Stern getragen, froh über den Frieden und den jugoslawischen Geist, der keinen Unterschied zwischen den Nationen machte. An jenem Tag im Jahr 1989 beobachtete ich, wie Junge Pioniere Blumen zum Gedenken an die Befreier und vor der Büste Veselin Maslešas niederlegten, dem Schriftsteller und Held des Zweiten Weltkriegs, nach dem ihre Schule benannt war. Wenig später ging ich in diese Schule und porträtiere dort jeden der Jungen Pioniere vor einer Zeichnung zu Ehren der Nationalen Armee, die den Frieden und die Stabilität der jugoslawischen Grenzen garantierte. Jeder war glücklich und stolz. Niemand ahnte, dass sich bald alles ändern würde.
Die schwierigen Bedingungen, unter denen die Kinder Sarajevos während des Krieges lebten, hielten sie nicht von ihren Spielen ab. Ihre Helden waren weder Trickfilmfiguren noch Cowboys und Indianer, sondern ihre Väter, älteren Brüder und Nachbarn, die an der Front kämpften. Die Gewehre waren aus Holz, kugelsichere Westen wurden aus Pappe und Waffen aus Stahlrohren gebaut. Sie hielten Wache, errichteten einen Unterschlupf, bastelten sich Uniformen, die die Aufschrift ‚Kinderpolizei‘ trugen. Für meine fotografische Serie jedoch griffen sie zu den Waffen ihrer Väter. Einige von ihnen imitierten naiv die Posen ihre erwachsenen Vorbilder. Darin fanden sie eine Art Schutz.
Die Aufnahmen entstanden am selben Ort wie die Fotoserie mit den Jungen Pionieren. Es war interessant, sich bewusst zu machen, inwieweit die Lebensbedingungen, die Ideologie, der Alltag sich innerhalb von nur drei Jahren verändert hatten. Die Kriegskinder waren schon Teil einer anderen Welt, ihre Opfer – aber vielleicht auch ihre Zukunft.“

 

Milomir Kovačević
Geboren 1961 in Čajniče, Bosnien; lebt in Paris, Frankreich

Kovačević begann seine fotografische Arbeit 1978 an der Universität Sarajevo im Rahmen des CEDUS (Center of Social Activities of Sarajevo University). Er dokumentiert seither das kulturelle Leben in der Stadt und verfolgte ab 1990 die politischen Umwälzungen des Landes. 1998 war er Preisträger der Fondation CCF für seine Arbeit über das Leben in jugoslawischen Gefängnissen.

Einzelausstellungen:
Sarajevo, ma ville, mon destin, Espace photographique de l’Hôtel de Sauroy, Paris, France, 2012. Le cœur invisible, Le Petit Trou, Paris, France, 2007. Souvenirs de Sarajevo, Cloître Saint-Louis, Maison des arts contemporains d’Avignon, Avignon, France, 2004. Sarajevo 1992–1995, Centar za kulturnu dekontaminaciju, Belgrade, Serbia, 2001.Tito in War, Galerie Collegium Artisticum, Sarajevo, Bosnia and Herzegovina, 1993

Gruppenausstellungen:
History Started Playing With My Life, The Israeli Center for Digital Art, Holon, Israel, 2007. Essence of Life – Essence of Art, Ludwig Muzeum Budapest, Hungary, The State Tretyakov Gallery, Moscow, Russia, 2005. Kontext Europa, Künstlerische Impulse aus Südosteuropa, Theater des Augenblicks, Vienna, Austria, 2003. Sarajevo selvportraet, Museet for Fotokunst, Brandts Klaedefabrik, Odense, Denmark, 2001. Sarajevo urbicide, Gwangju Biennale, South Korea, 1997