Eingeschriebene Erinnerung

Der Schlachthof von Bukarest, 2010
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Das Buch des Schlachthofs von Bukarest ist eine Darstellung der Geschichte des Bukarester Schlachthofs von seiner Inbetriebnahme im Jahr 1872 bis in die 1950er-Jahre. Während des Bukarester Pogroms im Januar 1941 wurden hier die Leichen von dreizehn Juden gefunden, die gefoltert worden waren, bevor sie umgebracht wurden. Sie hingen an Fleischerhaken, und an die Wand über ihren Köpfen hatte jemand „Koscher Fleisch“ geschrieben. Was damals passiert war, wurde von Historikern auf der Grundlage von Zeugenaussagen festgehalten. Diese Geschehnisse werden auch heute noch von einigen Angestellten des Schlachthofs und den meisten rumänischen Holocaust-Leugnern bestritten. Ich beschloss, genau jenes Kapitel zu zeigen, das sich auf Schlachtungsmethoden bezieht, die höchstwahrscheinlich vor dem Krieg angewendet worden waren. Das Kapitel ist in pseudo-wissenschaftlicher Manier geschrieben und umfasst zahlreiche technische und biologische Ausführungen. Es stellt die Etappen und Methoden einer effizienten Tierschlachtung dar und spart auch Beschreibungen vom Schmerz und Leid der Tiere nicht aus. Den Beschreibungen der Etappen des Schlachtens – die Zerstörung der Hirnnervenkerne, das Ausbluten, das Häuten und Ausweiden – sind Fotografien zur Seite gestellt.

Der Schlachthof von Bukarest
Die Performance wurde in Bukarest auf dem Schlachthof-Boulevard, der ganz in der Nähe des früheren Schlachthofs verläuft, gefilmt. Sie legt die Geschichtsfälschung während des kommunistischen Regimes offen. Das Gedicht, das sich auf die Ermordung der Juden im Schlachthof bezieht, wird pausenlos wiederholt, wobei seine Verse in zufälliger Reihenfolge rezitiert werden. Das antisemitische Gedicht stammt von einem Autor mit dem Pseudonym Petre Ivancu und wurde in der Zeitschrift Scânteia Tineretului: Supliment Literar și artistic am 14. Juni 1986 veröffentlicht.

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All die, die uns die Haut abziehen wollten,
endeten selbst am Haken.
So viele Wölfe im Schafspelz
sahen wir erhängt.
Geduldig mussten wir warten,
bis sie ihr Ende fanden.
Ihre verschlungenen Schatten
werden auf noch vielen Jahrhunderten lasten.
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Ştefan Sava
Geboren 1982 in Slobozia, Rumänien; lebt in Bukarest, Rumänien

Sava hat Fotografie und Video an der Nationalen Kunst-Universität in Bukarest studiert; zurzeit promoviert er an derselben Hochschule. Seine Arbeiten versetzen den Betrachter in ein intimes Verhältnis zur Dialektik von Vergangenheit und Gegenwart. Sein Interesse gilt Begriffen wie „Zeitgeschichte“, „historisches Trauma“ und „Postmemory“.

Einzelausstellungen:
The Inside-Out of the Wall, Ivan Gallery, Bucharest, Romania, 2012. Atoms and Void, Galeria Posibilă, Bucharest, Romania, 2010

Gruppenausstellungen:
Common Nostalgia, Pavilion Unicredit, Bucharest, Romania, 2013. From the Backstage, Salonul de proiecte, Bucharest, Romania, 2012. Here and Then, Centre for Contemporary Culture Club Electro Putere, Craiova, Romania, 2011. Cities Methodologies Bucharest, Casa Scarlat‐Ghica, Bucharest, Romania, 2010