Eingeschriebene Erinnerung

Infertile Grounds, 2008-2012
Inkjet prints, 95 x 120 cm


SISAK
Im Laufe der Jahre 1991 und 1992 wurde in Sisak eine große Anzahl unschuldiger serbischer Zivilpersonen von kroatischen Truppen umgebracht. Die serbischen Einwohner Sisaks wurden abtransportiert und an Orten misshandelt und gefoltert, an denen Einheiten damaliger Antiterroreinheiten stationiert waren: in der Kaserne Barutana in Caprag, in der Klinik Jodno und in der Jugendbrigadiersiedlung ORA in Galdovo. Dort wurden sie verhört, gefoltert und liquidiert, anschließend wurden ihre Körper in die Save geworfen. In einigen Fällen verschwanden ganze Familien. Die Zahl der Gefolterten und /oder Liquidierten liegt, nach unterschiedlichen Quellen, zwischen 100 und 600.
Bis in jüngste Zeit kam es zu keinen Anklagen. Im Juli 2007 wurde von der Staatsanwaltschaft eine Strafanzeige der Gemeinschaft der Serben in der Republik Kroatien gegen die Regierung der demokratischen Einheit der Republik Kroatien wegen der Verbrechen in Sisak abgewiesen. Erst im Juni 2011 wurden Đuro Brodarac, ehemaliger Gespan der Gespanschaft Sisak-Moslavina, und Vlado Milanković, Befehlshaber einer Spezialeinheit des Innenministeriums in Sisak, wegen ihrer Verantwortung für die 1991 und 1992 in Sisak an serbischen Zivilpersonen begangenen Kriegsverbrechen verhaftet. Drago Bošnjak wurde unter der Anklage verhaftet, an der Ausführung der Verbrechen unmittelbar beteiligt gewesen zu sein.

BUČJE
Unmittelbar zu Beginn des kroatischen Unabhängigkeitskrieges errichteten serbische Aufständische und Abteilungen der Jugoslawischen Volksarmee in Bučje bei Pakrac ein Konzentrationslager. Die Gefangenen wurden im Gebäude der Veterinärambulanz untergebracht. In einem separaten Raum wurden etwa zwölf Frauen gefangen gehalten. Das Lager, das von August bis Dezember 1991 in Betrieb war, durchliefenmehr als 300 kroatische Landesverteidiger und Zivilpersonen. Die Gefangenen wurden gefoltert, ausgehungert, verprügelt und gedemütigt. Zwölf Menschen wurden umgebracht, das Schicksal 41 weiterer Personen ist noch immer ungeklärt. Nach der Auflösung des Lagers wurden die Gefangenen in das Gefängnis Stara Gradiška gebracht und anschließend, im Februar 1992, unter Aufsicht des Internationalen Roten Kreuzes ausgetauscht. Für die Verbrechen im Lager Bučje wurde bis heute niemand zur Rechenschaft gezogen.

Sandra Vitaljic: „Die Landschaften der Fotoserie Infertile Grounds sind gezeichnet von traumatisierenden Geschehnissen, geschichtlichen Ereignissen und menschlicher Erfahrung. Wälder, Felder oder Flüsse finden wir einerseits in Volksmärchen und -mythen, aber Landschaften dienen auch der Legitimationsrhetorik politischer Systeme und Ideologien. Mein Interesse galt Orten, die während der 1990er-Jahre von der politischen Rhetorik in Hetzreden missbraucht wurden – Orten institutionalisierten Erinnerns, aber auch Orten, auf die nie eine Gedenktafel hinweisen wird. Die Fotoserie Infertile Grounds soll einen Ort der Erinnerung innerhalb des Raumes der Fotografie kreieren, ein alternatives Memento, das nicht eine Ideologie geschaffen hat, sondern dem Bedürfnis entspringt, den Raum dem Gedenken auch an jene Opfer zu öffnen, die in der offiziellen Erinnerungskultur keinen Platz finden.“

 

Sandra Vitaljić
Geboren 1972 in Pula, Kroatien; lebt in Zagreb, Kroatien

Vitaljic studierte Fotografie an der Akademie für Film und TV (FAMU) in Prag, wo sie auch promovierte. Sie hat eine außerordentliche Professur am Lehrstuhl für Fotografie der Akademie für darstellende Kunst, Zagreb. Sie beschäftigt sich mit gesellschaftlichen Problemen der Gegenwart, besonders mit kollektivem Gedächtnis und Konstruktion nationaler Identität.

Einzelausstellungen:
Beloved, Dhaka Art Center, Chobi Mela VII, Dhaka, Bangladesh, 2013. Infertile Grounds, Latvian Museum of Photography, Riga, Latvia, 2011. Neplodna tla, Modul memorije, Hanikah, Sarajevo, Bosnia and Herzegovina, 2010. Latentna slika, Galerija Lang, Samobor, Croatia, 2007. Proud to be Croat, Galerija Josip Račić, Zagreb, Croatia, 2001

Gruppenausstellungen:
Aftermath / Changing Cultural Landscape, Parco 2, Pordenone, Italy, 2012. T-HT Award, Museum of Contemporary Art, Zagreb, Croatia, 2010. Contemporary Art from Central Europe: Lower Austria – Croatia – Slovenia, Gothic dormitory of the foundation Lilienfeld, Lilienfeld, Austria, 2010. Nude in Croatian Photography 1865–2006, Month of Photography Bratislava, Slovakia, 2006. The world will never be the same again, Contemporary Croatian Photography and video, Kunstwerk Loods, Amsterdam, Netherlands, 2002