1914/2014 – Schlachtfeld Erinnerung

Historikerstimmen aus Istanbul, Belgrad und Regensburg

Sie benötigen den Flashplayer, um dieses Video zu sehen Die entscheidende Schlacht von Gallipoli, Prof. Halil Berktay,
Historiker, Sabanci Universität, Istanbul
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Sie benötigen den Flashplayer, um dieses Video zu sehen Mustafa Kemal, das deutsche Militär // Ein ikonisches Foto,
Prof. Halil Berktay, Historiker, Sabanci Universität, Istanbul
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Sie benötigen den Flashplayer, um dieses Video zu sehen Geschichte und Zukunft, Prof. Ulf Brunnbauer, Historiker,
Institut für Ost- und Südosteuropaforschung,
Regensburg
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Sie benötigen den Flashplayer, um dieses Video zu sehen Erinnerungskulturen auf dem Balkan, Prof. Ulf Brunnbauer,
Historiker, Institut für Ost- und Südosteuropaforschung,
Regensburg
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Sie benötigen den Flashplayer, um dieses Video zu sehen Die Schlachtfelder der Erinnerung, Prof. Dubravka Stojanovic,
Historikerin, Universität Belgrad
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Prof. Dubravka Stojanovic, Historikerin, Universität Belgrad:

In den [19]80ern wurden die Schlachtfelder als Erinnerungsorte instrumentalisiert, und damit begann die Auflösung Jugoslawiens, davon bin ich überzeugt. Viele Studien belegen, dass die Auflösung Jugoslawiens durch den Missbrauch der Geschichte in Serbien, vor allem durch den Missbrauch des Ersten Weltkriegs, begann. Wer nämlich in Jugoslawien etwas verändern wollte, musste an seinem Ursprung etwas ändern, und das ist der Erste Weltkrieg. Dabei ging es vor allem um zwei Dinge. Zunächst um die Opferrolle Serbiens und [dann] um die Opfer, die Serbien für die Entstehung Jugoslawiens bringen musste. Und zweitens kam in den [19]80ern eine Lesart auf, nach der die Entstehung Jugoslawiens an sich schon ein Fehler war. Also waren die Serben für ein falsches Ziel gestorben. Meines Erachtens beginnt hier die Auflösung Jugoslawiens. In diesem Zusammenhang waren zwei Ereignisse kultureller Natur ganz wichtig. Das eine ist das Erscheinen des Romans – er ist nicht einmal besonders lang – über Milotín, in dem der Leidensweg eines serbischen Bauern im Ersten Weltkrieg beschrieben wird, der seine Gesundheit und seine Familie für Jugoslawien opfert und dort dann etliche Schwierigkeiten hat, so dass er zu einer Art Sinnbild für das Schicksal Serbiens seit dem Ersten Weltkrieg wurde. Das zweite ist ein Theaterstück mit dem Titel „Die Schlacht … [wahrscheinlich: an der Kolubara] …“ gemeint ist das Schlachtfeld, auf dem die Serben im Dezember 1914 einen großen Sieg über die österreich-ungarischen Truppen errangen. Das ganze Theater war in Aufruhr, die Zuschauer schrien, sprangen von den Sitzen auf, und es gab Szenenapplaus und stehende Ovationen. Das alles waren Anzeichen dafür, wie die Dinge in Jugoslawien sich geändert hatten. Man benutzte die Erinnerung an die Schlachtfelder des Ersten Weltkrieges, um das Gefühl zu wecken, dass die Opfer des Krieges umsonst gewesen sind.

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Mustafa Kemal, das deutsche Militär // Ein ikonisches Foto,

Prof. Halil Berktay, Historiker, Sabanci Universität, Istanbul:
Es gibt ein Foto von Mustafa Kemal, umgeben von seinem Stab während der Landung der Briten an der Suvla-Bucht an der Anafartalar-Front. Kemal war ein begabter Stratege, er besaß einen ausgeprägten Schlachteninstinkt, aber neben diesem Talent war er auch sehr eigensinnig und ehrgeizig und widersprach seinen Vorgesetzten. Deshalb galt er bei den höheren Chargen der Unionisten als arroganter unerträglicher Emporkömmling, der sich nicht unterordnen konnte. Gab man ihm einen Kampfbefehl, kämpfte und führte er die Truppe ganz ausgezeichnet, aber seine Vorgesetzten bei Gallipoli, etwa Cabat Pascha und Abbas Pascha, kamen nicht mit ihm zurecht. Sie zogen ihn deshalb immer wieder von der vordersten Front ab und beorderten ihn in die zweite Reihe in die Reserve. Im nationalen türkischen Narrativ wird dieser Teil der Geschichte völlig ausgeblendet. Liman von Sanders [Otto Liman von Sanders, 1855 bis 1929, deutscher General und osmanischer Marschall] musste Kemal mehrfach wieder in sein Kommando einsetzen … Zum türkischen Narrativ [über den Ersten Weltkrieg] gehört die Fiktion, die deutschen Militärberater und Offiziere hätten versagt, weil es nicht ihr eigenes Land, nicht ihr Boden war, für den sie kämpften, nicht ihr Vaterland, und der türkische Generalstab bzw. die befehlshabenden türkischen Offiziere seien viel fähiger gewesen. Aber das ist völlige Einbildung, Lüge. Ich will nicht sagen, dass die Deutschen nicht auch Fehler gemacht haben, aber die deutschen Stabsoffiziere und Kommandeure waren hervorragende Offiziere. Das Gegenteil zu behaupten, ist Ausdruck einer leicht zu durchschauenden nationalistischen Reaktion gegenüber der deutschen Militärpräsenz und gegenüber der Tatsache, dass die Türken bei den Mittelmächten nur die Rolle eines kleineren Partners spielten. Aber was Mustafa Kemal angeht, war es Liman von Sanders, der ihn mehrfach aus den hinteren Reihen an die Front beorderte. Nachdem die Briten und die neuseeländische-australische Militärdivision (Anzac) am 6. August 1915 die Suvla-Offensive begonnen hatten, übertrug er ihm sogar das Oberkommando an der Anfartalar-Front. Als die osmanischen Obersten dagegen protestierten, sagte von Sanders schlicht: „Er kann kämpfen, und er kann gut kämpfen!“

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Prof. Ulf Brunnbauer, Historiker, Institut für Ost- und Südosteuropaforschung, Regensburg:

Hin und wieder wären wir fast froh zu sagen, man sollte vielleicht einmal ein paar Jahre lang nicht über Geschichte reden und sich wirklich mit der Zukunft beschäftigen. Aber dahinter liegend ist natürlich die … Was dem entgegen steht, ist die einfache Tatsache, dass die Zukunft nicht ohne die Geschichte zu denken ist. Die Art und Weise, wie eine Gesellschaft oder wie Akteure sich ihre Zukunft vorstellen, ist in ihren Erfahrungen und ihren Erinnerungen auch fundiert, denn unsere Erfahrungen sind im Grunde genommen die einzige Entscheidungsbasis, die wir haben für Entscheidungen, die die Zukunft betreffen. Und daher rekurrieren wir immer darauf. Und wenn Erinnerungen so kontrovers sind und sich so wenig überlappen, so ganz unterschiedliche und voneinander streng segregierte Erfahrungsräume existieren, dann sind leider auch die Erwartungen für die Zukunft dadurch geprägt. Und da gilt dann dieses alte Weber'sche Diktum, dass eben auch Geschichtspolitik wirklich das Bohren sehr dicker Bretter ist.

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Prof. Ulf Brunnbauer, Historiker, Institut für Ost- und Südosteuropaforschung, Regensburg:

Das ist eines der umkämpften Terrains, einer der Faktoren, mit denen am Balkan auch Grenzen zwischen Nationen gezogen werden, besonders evident natürlich in jenen Ländern wo diese Grenzen innerhalb des Landes verlaufen. Jetzt abgesehen von bilateralen oder auch multilateralen Erinnerungskonflikten, die es gibt. Aber in Ländern wie Bosnien-Herzegowina oder anderen ethnisch vor allem sehr heterogenen Ländern laufen die Konfliktlinien oder diese unterschiedlichen Fronten auf diesem Schlachtfeld dann innerhalb der jeweiligen Gesellschaft und sind da ja auch ein Teil gesellschaftlicher Antagonismen und politischer Konflikte.

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Prof. Halil Berktay, Historiker, Sabanci Universität, Istanbul:

Bei Gallipoli war es Kemals überragende Einschätzung der taktischen Lage und seine äußerst aktive Form der Kommandoführung, die den Ausgang der Schlacht entschieden. Die Schlussoffensive der britischen Truppen kam gegen Mitternacht an den Hängen des Schlachthügels […] zum Stehen. Die Soldaten lagerten in der Dunkelheit auf der Anhöhe, beide Seiten waren völlig erschöpft. In dieser Situation befahl Kemal für vier Uhr früh einen Bajonettangriff. Als seine Offiziere einwandten, dass ihre Männer zu erschöpft für einen Angriff wären und etwas Schlaf bräuchten, erwiderte Kemal mit Nachdruck: „Auf keinen Fall, wenn der Gegner sich einmal dort eingegraben hat, kriegen wir ihn da nie mehr raus […]. Das sind australische Minenleger [etwa: Pioniere], wenn die einmal ihre Maschinengewehrnester eingerichtet haben, kommen wir nicht mehr an sie ran.“ Kemal befahl also einen Bajonettangriff am Fuß der Anhöhe für vier Uhr früh und konnte den Gegner auf diese Weise vom Hügel vertreiben und die Hügelkette von […] halten.

Die Fotografie entstand um den Zeitpunkt des blutigen Bajonettangriffs herum, von dem ich gesprochen habe. Es gab damals viele grausame Dinge, aber davon ist auf dem Bild nichts zu sehen. Das Foto ist sehr bekannt, es zeigt Mustafa Kemal im Kreise von zehn oder zwölf seiner Stabsoffiziere. Alle sehen sich sehr ähnlich, sie tragen Artilleriefernrohre vor der Brust, Kakiuniform und fast jeder hat einen gezwirbelten Schnurrbart. Das alles macht diese Fotografie zu einem sehr ikonischen Bild.