1914/2014 – Schlachtfeld Erinnerung

1914/2014 - Schlachtfeld Erinnerung

„Das habe ich gethan“, sagt mein Gedächtniss. „Das kann ich nicht gethan haben“
– sagt mein Stolz und bleibt unerbittlich. Endlich – giebt das Gedächtniss nach.

Friedrich Nietzsche, Jenseits von Gut und Böse

Das Attentat – „Thron und Liebe“ – Ein „Heiliger Krieg“

Am 28. Juni 1914 wird Franz Ferdinand, der österreichisch-ungarische Thronfolger, von dem bosnischen Serben Gavrilo Princip in Sarajevo erschossen. Vier Wochen später, am 28. Juli 1914, erklärt Österreich-Ungarn Serbien den Krieg. Der Erste Weltkrieg beginnt.

Sarajevo soll in den 1950er-Jahren ein Film von Fritz Kortner über „den letzten Tag des alten Europas“ heißen. Der in Hamburg ansässige Europa-Filmverleih setzt aber den Titel Um Thron und Liebe durch, denn „Sarajevo“ allein sage den Deutschen nichts. Zum Zeitpunkt der Dreharbeiten betrachtet man Gavrilo Princip in Jugoslawien als Freiheitskämpfer gegen die Besatzer der österreichischen Doppelmonarchie, und die Brücke am Ort des Attentats trägt seinen Namen. Heute gilt Princip in Sarajevo als „Terrorist“, und die zuvor nach ihm benannte Brücke heißt mittlerweile „Lateiner Brücke“. In den Schulbüchern Serbiens wird er dagegen nach wie vor als Held dargestellt.

Der türkische Kriegsminister Enver Pascha ruft am 12. November 1914 in Istanbul zum „Heiligen Krieg“ gegen die Entente-Mächte auf. Hinter der Proklamation des Dschihad steckt aber ursprünglich nicht das Osmanische Reich. Die Idee, England und Frankreich durch die Aufwiegelung der muslimischen Bevölkerung in ihren Kolonien zu schwächen, ist eine deutsche Propagandainitiative.

Eine Tatsache – viele Perspektiven

Es gibt nie nur den einen Ort, das eine Geschehen oder die eine Handlung und dazu genau eine Perspektive, von der aus sich Geschichte begreifen und werten ließe. Was wir über die Vergangenheit meinen, liegt immer in unterschiedlichen Versionen vor. Jede Haltung gegenüber der Geschichte, die auf mehr hinauswill, als den eigenen Standpunkt zu festigen, muss einen Wechsel des Blickpunkts vornehmen – unser ‚multipler Perspektivenwechsel’
heißt …

… 1914/2014 – Schlachtfeld Erinnerung

Fast ein Jahr lang recherchierte einer der bedeutendsten Vertreter des zeitgenössischen Dokumentartheaters, der Regisseur Hans-Werner Kroesinger, zusammen mit der Regisseurin und Filmemacherin Regine Dura in Belgrad, Istanbul und Sarajevo zum Thema.

In zahlreichen Interviews, Gesprächen und durch die Zusammenarbeit mit lokalen Partnern bildete sich eine Versuchsanordnung für 1914/2014 - Schlachtfeld Erinnerung heraus: Ein bosnischer, ein serbischer, ein türkischer, ein österreichischer und ein deutscher Darsteller erzählen sich „Geschichte(n) aus dem Koffer“ – sie agieren als konkurrierende ‚Handlungsreisende’ in Sachen historische Aufarbeitung. Mit Fundstücken, Fotos, Dias, Texten, Filmausschnitten, Flugblättern, Familienalben, Postkarten, Briefen u.v.m. konstruieren sie ihre jeweiligen Erzählungen, widersprechen oder ergänzen sich. Die eine, alles erklärende, alle alternativen Geschichten dominierende Erzählung, es gibt sie nicht.

Unterschiedliche Perspektiven helfen, komplexe Ereignisse besser zu verstehen und Fragen an die Geschichte nicht monokausal zu beantworten. Es geht darum, die Erfahrungen anderer nachvollziehbar zu machen und zu verstehen, warum unterschiedliche persönliche Erfahrungen zu ebenso unterschiedlichen Erwartungen in Bezug auf Gegenwart und Zukunft führen.

     

    Regine Dura, © Foto: Jim Rakete
    Regine Dura
    • Regisseurin, Kuratorin, Dramaturgin, Autorin in Film, Theater und Radio
    • Studium der Kunstpädagogik, Theater-, Film- und Fernsehwissenschaft und Neueren Deutschen Literatur in Frankfurt a.M. Postgraduiertenprogramm „Videoprojekt“ an der Hochschule der Künste, Berlin
    • Nach dem Studium Arbeit u.a. für Wim Wenders Produktion, Darlow Smithson Films, European Film Academy
    • Seit 2000 Zusammenarbeit mit dem Dokumentartheaterregisseur Hans-Werner Kroesinger
    • 2006 Jurytätigkeit beim Jugendmedienfestival Berlin
    • Co-Kuratorin des Filmfestivals SPLICE IN – Gender and Politics in Afghanistan and Neighbouring Countries
    • 2011 Dokumentarfilm „Weißes Blut“ (ZDF/ARTE)
    • Filmfestivals: Max Ophüls-Preis, Dokfilmwoche Hamburg, Nordische Filmtage, Dokumentarist Filmfestival Istanbul
    • Radiofeature „Weißes Blut“ für WDR
    • Stipendien: MEDIA Stipendium und Stipendium der FFA (Filmförderungsanstalt), DEFA Stipendium, Stipendium der Kulturakademie Istanbul/Tarabya 2013/14

     

    Hans-Werner Kroesinger, © Foto: Jim Rakete
    Hans-Werner Kroesinger
    * 1962 in Bonn geboren
    • 1983 bis 1988 Studium der Angewandten Theaterwissenschaften in Gießen bei Andrzej Wirth und Hans-Thies Lehmann. Regieassistent/Dramaturg bei Robert Wilson und Beteiligung an dessen Inszenierungen „Hamletmaschine“ (New York), „Salome“ (Mailand) und „The Forest“ (Berlin)
    • 1989 künstlerischer Mitarbeiter Heiner Müllers bei der Produktion „Hamlet/Hamletmaschine“ (Deutsches Theater, Berlin)
    • Seit 1993 eigene Inszenierungen (u.a. Berliner Ensemble, Staatstheater Stuttgart, Bayrisches Staatsschauspiel, Maxim Gorki Theater und in der freien Szene, v.a. HAU, Sophiensäle, Radialsystem, Staatsbank, Podewil Berlin, FFT Düsseldorf, Festspielhaus Dresden-Hellerau, Theaterhaus Gessnerallee, Zürich)
    • Einladungen zu renommierten nationalen und internationalen Festivals wie „Politik im freien Theater“ (Hamburg 2003), „Cultura Nova“ (Herleen 2008), „Impulse“ (NRW 2009)
    • 2007 Brüder-Grimm-Preis des Landes Berlin für „Kindertransporte“, Berliner Theater an der Parkaue