1914/2014 – Schlachtfeld Erinnerung

„Handlungsreisende in Sachen Aufarbeitung“

In ihrem umfangreichen Dokumentartheaterprojekt 1914/2014 – Schlachtfeld Erinnerung beschäftigen sich Hans-Werner Kroesinger und Regine Dura aus verschiedenen Perspektiven mit dem Ersten Weltkrieg

Hans-Werner Kroesinger ist einer der wichtigsten und renommiertesten deutschen Doku-
mentartheatermacher. Bereits in den 1990er-Jahren, während seine Kommilitonen und Kommilitoninnen am Gießener Institut für Angewandte Theaterwissenschaften das ‚Pop-Theater’ erfanden, vertiefte er sich in Akten zum Eichmann-Prozess, Dokumente zum „Deutschen Herbst“ oder Materialien zu Geschichte und Gegenwart der Gefängnisarchitektur. Dabei fielen seine Arbeiten, an denen die Regisseurin und Filmemacherin Regine Dura seit jeher als Dramaturgin maßgeblich beteiligt ist, von Anbeginn durch ihre dezidierte Multiperspektivität auf.

Denn anders als in den meisten künstlerischen, vor allem aber gesellschaftlichen und medialen Diskurspositionen geht es im Kroesinger-Theater ausdrücklich nicht darum, fixe Deutungs-
hoheiten zu beanspruchen. Sondern das Ziel besteht – im Gegenteil – gerade darin, jede Form von Deutungshoheit analytisch zu hinterfragen und darauf abzuklopfen, welche Interessenssteuerung ihr zugrunde liegt.

Perspektivwechsel und Multiperspektivität

Daher tritt im Kroesinger-Theater an die Stelle des üblichen Erklärungsschnellschusses, der ja in aller Regel mehr verschleiert als enthüllt, ein erhellendes Spiel der Perspektiven, die sich gegenseitig ergänzen, kommentieren und bisweilen auch dekonstruieren. Hinter den vor-
schnellen Bildern werden so die Konstruktionsmechanismen und hinter den gängigen Argumentationsgebäuden die Baupläne sichtbar.

Für eine Blickachsenverschiebung bzw. -erweiterung, wie sie die Goethe-Institute in Südost-
europa mit ihrem Exzellenzprojekt 1914/2014 – Schlachtfeld Erinnerung zum Ersten Weltkrieg anregen, gilt Kroesinger daher als Experte par excellence.

Im kollektiven Gedächtnis der Deutschen ist der Erste Weltkrieg vor allem mit den Schlacht-
feldern der Westfront verbunden. Klassiker der literarischen Erinnerungskultur wie Erich Maria Remarques Roman Im Westen nichts Neues, sagt auch der Regisseur, prägen unseren Blick auf die historischen Ereignisse.

Durch den besagten Perspektivwechsel soll nun in den Blick kommen, wie der Erste Weltkrieg in den nationalen Geschichtsschreibungen der Türkei, Österreichs oder Jugoslawiens – später Serbiens, Bosniens und Herzegowinas – reflektiert wird.

Verlängerung in die Gegenwart

Über die 2000 Buch- beziehungsweise Aktenseiten hinaus, die Kroesinger und Dura im Durchschnitt zur Vorbereitung auf eine neue Inszenierung lesen, recherchierten sie für das mehrstufige Dokumentartheaterprojekt 1914/2014 – Schlachtfeld Erinnerung ausführlich in Belgrad, Istanbul und Sarajevo. Um „ein möglichst breites Spektrum“ verschiedener Sicht-
weisen zu gewinnen, so Kroesinger, sprachen sie mit Historikern und Zeitzeugen ebenso wie mit Passanten auf der Straße, Theaterleuten oder dem Fahrer des Goethe-Instituts in Sarajevo.

„Es geht uns nicht nur um einen Rückblick auf den Ersten Weltkrieg und die jeweiligen histo-
rischen Narrative, die natürlich in Serbien ganz anders aussehen als in Bosnien-Herzegowina,“ erklärt Regine Dura, „sondern wir haben uns von vornherein für die Verlängerung der Geschichte in die Gegenwart interessiert.“ Aktuelle Entwicklungen minuziös aus historischen Zusammenhängen herzuleiten, die gemeinhin nicht an vorderster Stelle im öffentlichen Bewusstsein kursieren, ist ein weiteres Markenzeichen des Kroesinger-Theaters.

Deshalb wird 1914/2014 – Schlachtfeld Erinnerung neben den unterschiedlichen Perspektiven auch die Vorläufigkeit und Instrumentalisierung historischer Interpretationen herausarbeiten: „Man sieht über diese 100 Jahre sehr genau, inwiefern Geschichte immer eine interessens-
geleitete Neudeutung von Zusammenhängen ist“, sagt Kroesinger.

Neudeutung historischer Zusammenhänge

Zum Beispiel das Attentat von Sarajevo am 28. Juni 1914, der Auslöser der Julikrise, die schließlich zum Ersten Weltkrieg führte: In den 1950er-Jahren, so der Regisseur, wurde der bosnische Serbe Gavrilo Princip, der am 28. Juni 1914 den österreichisch-ungarischen Thronfolger Franz Ferdinand erschoss, in Jugoslawien als „Freiheitskämpfer gegen die Habsburger, verehrt, gegen die ‚Besatzer’“. Heute gilt er in Sarajevo als Terrorist; die seinerzeit nach ihm benannte Brücke heißt jetzt „Lateiner Brücke“.

In serbischen Schulbüchern hingegen, sagt Kroesinger, werde Princip nach wie vor als Freiheitskämpfer dargestellt. Die serbische Regierung denkt sogar darüber nach, zum Jahrestag des Ersten Weltkrieges ein Denkmal für ihn zu errichten. Kroesinger und Dura sprachen in Belgrad mit dem Direktor einer Gavrilo-Princip-Schule und sie dokumentierten ein Graffiti in der Gavrilo-Princip-Straße, das neben dem Konterfei des Attentäters droht: „Unsere Taten werden ein Alptraum sein in den Herrscherhäusern Europas.“ In Interviews auf der Straße wiederum, ergänzt Regine Dura, hätten einige der Befragten geäußert, dass „Serbien noch immer unter den Folgen der Tat dieses jungen Mannes leide“.

Die deutsch-türkische Perspektive

Eine völlig andere Herangehensweise wiederum erforderte die Recherche in der Türkei. „Dort sind wir im Orient-Institut Istanbul auf einen Sachverhalt gestoßen, der zwar Historikern bekannt ist,“ so Dura, „den meisten Menschen hierzulande aber nicht“: Hinter dem Aufruf des türkischen Kriegsministers Enver Pascha vom 12. November 1914 zum „Heiligen Krieg“ gegen die Entente-Mächte steckte ursprünglich nicht das Osmanische Reich, sondern eine deutsche Propaganda-Initiative: „Es handelte sich um eine Kriegsstrategie des Deutschen Reiches, die von der Überlegung ausging, durch die Aufwiegelung der muslimischen Bevölkerung die Entente-Mächte in den Kolonien zu schwächen“, erklärt Dura. Diese Perspektive auf das deutsch-türkische Bündnis spielt eine wichtige Rolle für Kroesingers und Duras ortsbezogene Performance zur Geschichte des Soldatenfriedhofes in Istanbul.

„Geschichten aus dem Koffer“

In den anderen Städten – im Zentrum für Kulturelle Dekontamination Belgrad und im Kriegstheater Saravejo – zeigen Kroesinger und Dura hingegen Werkstattaufführungen, in deren Verlauf jeweils ein lokaler und ein deutscher bzw. österreichischer Performer aufeinandertreffen. Damit verknüpfen Kroesinger und Dura ihre jeweiligen Recherche-
ergebnisse, die darüber hinaus in der Ausstellung „Open Spaces“ zugänglich gemacht werden, in der theatralen Umsetzung zusätzlich mit den persönlichen Erinnerungen und Familien-
geschichten der Darsteller. Die lokalspezifisch verschiedenen historischen Perspektiven werden so nochmals von individuellen Erzählungen buchstäblich „aus dem Koffer“ ergänzt, kommentiert und hinterfragt: Die Performer agieren mit Fotos, Briefen, Familienalben, Texten oder Filmausschnitten „als konkurrierende ‚Handlungsreisende’ in Sachen historische Aufarbeitung“, sagt Kroesinger. „Die eine, alles erklärende, alle alternativen Geschichten dominierende Erzählung gibt es nicht.“ Das gilt auch für die Berliner Aufführung von 1914/2014 – Schlachtfeld Erinnerung, die alle Arbeitsergebnisse im Theater Hebbel am Ufer (HAU) in einer noch mal ganz eigenen Inszenierung zusammenführt.
Christine Wahl

     

    Christine Wahl, © Christine Wahl
    Christine Wahl
    • Geboren 1971 in Dresden
    • Studium der Germanistik, Philosophie und Soziologie in Freiburg und Berlin
    • Seit 1995 Autorin und Theaterkritikerin u. a. für „Tagesspiegel“, „Theater heute“ und „Spiegel online“
    • Jurorin u. a. für das Theaterfestival „Impulse“ (2008/2009), den Hauptstadtkulturfonds (2010–2012) und das Berliner Theatertreffen (2010–2013)
    • Seit 2013 Mitglied im Auswahlgremium der Mülheimer Theatertage „Stücke“