Wagnis der Erinnerung

Vitas teure Leber

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Eine Erzählung der albanischen Autorin Elsa Demo in einer Übersetzung von Dr. Ardian Klosi.


Auf die Untersuchungsbehörde in der kommunistischen Zeit folgten in Albanien die ausländischen Botschaften.

Das Vaterland kann man nicht gewinnen, es ist ein Kriegsgeschenk und es wird von dir Iphigenie auf dem Altar verlangen.

Vorname?

Sabri.

Nachname?

Doko.

Alter?

42.

Wann diagnostiziert?

2002.

Haben Sie bereits versucht, ihn ins Ausland zu bringen?

Ja, nach Griechenland.

Warum nach Griechenland?

– Unsere gesamte Familie lebt dort. Wir dachten, es sei besser dort als in einem anderen Land, wo wir keinen Verwandten haben.

– Wovon leben Sie?

– Ich habe eine kleine Schneiderwerkstatt gemietet. Dort arbeite ich zusammen mit meiner Tochter. Die Leute haben heute kein Geld, trotzdem sparen sie und wollen lieber fertige Kleider kaufen als schneidern lassen.

Vita war in den Flur hinausgetreten und bereute den Ausdruck »die Leute haben kein Geld, trotzdem sparen sie«. Es war ihre erste Begegnung mit einem Gesundheitsminister, und das im Krankenhaus. Biku – eine Abkürzung des Namens ihres Mannes – verfolgte mit wachen Augen die anderen Kranken, die sehr müde schienen, ihre Begleiter jedoch machten einen noch erschöpfteren Eindruck.

Nun hatte Vita den Rollladen ihres Geschäfts hochgefahren. An der Tür war zu lesen: Englischer Stil.

Unterwegs hatte sie Bikus Hand gehalten. Seine Finger waren dünner geworden. Und dunkel. Die Lippen sowieso, sie waren ganz schwarz wie von Brombeeren. Biku erinnerte an einen Jungen, der Brombeeren pflückt, sein Spiel unterbricht, weil ihm der Bauch weh tut, und Brombeeren sammelt, um ein unerklärbares Schluchzen zu unterdrücken. Brombeerfarben auch seine Leber. Das schwärzeste aller Organe. Sie musste auch wie ein Flicken aus Beeren aussehen, zackig und verstümmelt. Ginge es mit seiner Leber in diesem Tempo weiter, würden die Zacken sie ganz zerreißen und zerfetzen.

Seine dünnen Finger, die sich feucht anfühlten, fassten den magnetischen Schraubenzieher und versuchten mühevoll Schräubchen an Uhren festzudrehen.

Biku schlug die Zeit mit dem Aus- und Einschrauben von Uhren und Elektrogeräten tot, das verlangte viel Konzentration. Konzentration braucht Zeit, und Zeit will Taten sehen. Er aber liegt oder sitzt halt auf dem Bett und streichelt den Kater, als wäre er weit weg in einer Einöde. Er würde diese Einöde gern Meter für Meter pflügen. Aber kann man ein solches Land pflügen? Seine Leber ist eine Einöde, ohne Orientierung, ohne Schilder.

Eine örtliche Betäubung um seine Leber herum wäre erforderlich gewesen. Dann hätte man eine lange Sonde einführen müssen, um eine Probe von der Leber zu gewinnen. Doch jedes Mal erlitt er einen Kollaps. Man hatte es zweimal versucht, während Vita draußen wartete, einmal bei halb geöffneter Tür, das andere Mal vor der geschlossenen Tür. Dann hatte sie gespürt, dass er zusammenbrach. Da war sie hineingerannt und hatte ihn gesehen. Dieser Eingriff aber, den man Biopsie nennt, war von entscheidender Bedeutung: Es war der beste Test, um das Ausmaß der Schrumpfung und Entzündung der Leber festzustellen. Danach konnte man die Art der Therapie, die Dosierung der Medikamente und das weitere Vorgehen überhaupt festlegen. Bis dahin war die Behandlung aufs Geratewohl vorgenommen worden. Labordiagnostik für Hepatitis C gab es im Lande nicht. Und nun hatte der Patient Zirrhose, die Zirrhose erforderte eine Transplantation, wenn auch der Virus nach der Transplantation wieder auftreten könnte.

Bikus Körper ist zu einem Versuchsobjekt geworden.

Wenn bald Hilfe kommt, kann Ihr Mann noch lange leben.

An dem Tag, als Vita auf dem Weg zurück vom Treffen mit dem Minister Bikus Hand hielt, hatte er der Frau erklärt, dass Albanien mit anderen Staaten kein Abkommen über Lebertransplantationen habe. Die einzige Möglichkeit wäre eine Note des Gesundheitsministers an die Botschaften der Nachbarländer, um für Sabri ein Visum zu bekommen, damit er in Griechenland oder Italien, wo man solche Transplantationen vornahm, ein Krankenhaus aufsuchen könnte. Der Ehemann musste für das Land, in dem die Operation vorgenommen wurde, ein Visum für einen längeren Aufenthalt bekommen. Also waren für beide Ehegatten längere Visa erforderlich – und viel Geld.

– Das kostet, hatte der Minister skeptisch gesagt.

– Mein Mann bekommt eine Invalidenrente von 60 Euro im Monat. Für die Behandlung der ersten sechs Monate hat meine Familie gezahlt. 114 Dollar für jede Woche. Hätte der Staat für die spätere Behandlung, die bis zu 3000 Euro monatlich kostete, nicht geholfen, wären wir jetzt verloren.

– Ich verstehe, sagte der Minister, um irgend etwas zu sagen. Ganz abgesehen von seiner Herkunft aus der griechischen Minderheit hatte er bewiesen, dass der beste Pass in diesem Lande, wo die Gewohnheiten wichtiger sind als die Taten, ein guter Name war. Sein lateinisch klingender Familienname konnte als »einsam«oder »Einsiedler« gedeutet werden. Als Minister repräsentativ für die griechische Minderheit, hatte er gut begriffen: wenn man schon nichts ändern kann, sollte man mit diesen Albanern, die vom Zorn so schnell entflammt waren wie in Petroleum getauchte Wolle, einen wohlwollend-väterlichen Ton verwenden. So würde er in guter Erinnerung bleiben, auch wenn er keinerlei Arbeit leistete oder Reformen unternahm. Unter Reformen verstand man in der Verwaltung dieses Staates die Entlassung von Vertretern der Oppositionsparteien und deren Ersetzung durch Anhänger der eigenen Partei.

Helfen Sie uns also, Herr Minister?

Ich werde mein Bestes tun.

– Meine Eltern haben in Athen ein geeignetes Krankenhaus gefunden, das eine genaue Diagnose garantiert. Wir verlangen keine finanzielle Unterstützung vom Staat, daran dürfen wir gar nicht denken. Vom Staat her bestünde keine Chance mehr … Wir würden aber unsere Wohnung sofort verkaufen, wir könnten einen Kredit aufnehmen … und notfalls würde ich selbst die Spendende sein.

– Ich kann mir vorstellen … – Der gutmütige Minister wurde plötzlich wach, er schien der Frau in diesem Augenblick ein ganz einfacher Mensch unter einfachen Menschen zu sein, und nach sieben Jahren des Wartens schien ein einziger Moment wie dieser eine rasche Lösung der fatalen Situation bringen zu können. – Ich kann es mir vorstellen, wiederholte er, heute entnimmt man Transplantate nicht nur Leichen, sondern auch von lebenden Spendern, wenn die Daten stimmen.

Der Ehemann sollte Schmerzen in der Leber verspüren, im Bauch rechts, gerade unter dem Brustkorb. Er hatte jedoch keine Schmerzen. Er spürte nur Erschöpfung, was noch schlimmer war als Schmerzen. Kraftlosigkeit. Ein kraftloser Mann.

Ekel?

Biku isst eigentlich alles.

Erbrechen?

So gut wie nie.

Nervös?

– Eher erschöpft, Herr Doktor. Er hat die Konzentration verloren. Wie Sie gesehen haben, hat er auch an Gewicht verloren. 1 Meter 70 groß, wiegt er nur ein paar Kilo über 60.

Wie steht es mit dem Wasserlassen?

Etwas mühsam. Es sieht aus wie Coca-Cola.

Und wie schläft er?

– Ich würde lügen, wenn ich sagte, dass er am Morgen aufwacht, denn er schläft die ganze Nacht kaum.

– Hat er Fieber?

– Wenn er keine Schmerzen hat, hat er Fieber. Hat er kein Fieber, kann er nicht schlafen … und dann die psychische Belastung … wir haben unsere Wohnung verkauft … wir warten auf die Visa.

– Man muss Risikofaktoren vermeiden.

Vita wollte Bikus Finger berühren. Sie aber zog die Stirn kraus, als sie daran dachte, diese Intimität könnte vom Sicherheitsbeamten der griechischen Botschaft entdeckt werden, dessen Kopf aus sah wie aus einem Holunderbusch geschnitten und der für Ordnung und Sicherheit unter den Visabewerbern im Hofe der Botschaft zuständig war, ein Hof, der von hohen, mit Eisengittern versehenen Mauern und Kameras an jeder Ecke umgeben war. Der rothaarige Beamte fand einen besonderen Spaß an seinem Albanisch, wenn er die Namen auf der Liste verlas. Er strahlte geradezu, wenn er Harilla, Marie, Petro, Jorgo, Margarita, Kristaq, Dhimitraq, Nasi, Trifon … aufrief. Die Leute in der Schlange lächelten über diesen netten Griechen, der seine Zeit in Albanien nutzen wollte und versuchte, die Einheimischen kennenzulernen. Läge es an ihm, würde er mehr für diese Leute in der Schlange tun. Diejenigen, die über die Rituale des Griechen lächelten, gähnten dann unwillkürlich oder bekamen aus Verdruss etwas wie ein Omega auf der Stirn, wenn der Beamte seine Kaffeetasse auf das Brett vor dem Schalter stellte, sich auf die Störenfriede stürzte, ganz nahe an ihre Gesichter herankam, als wollte er sie alle in die Nase beißen: einen, den er anschrie, er sollte leiser sein, einen anderen, dem er die Benutzung des Handys untersagte, einen dritten, der sich gefälligst in die Schlange - einer hinter den anderen – einreihen sollte, wieder ein anderer, ein Polizist mit einem Adler, der, auf dem Ärmel seiner Uniform, etwas wie Feuer aus dem Schnabel spie, sollte seine Zigarette ausmachen, er sollte kapieren, dass ihm hier weder seine Uniform, noch sein Adler oder auch nur seine eigene Haut etwas nutzten.

Man muss Risikofaktoren vermeiden, wiederholte Vita den Ratschlag des Arztes. Der Mund des Rothaarigen öffnete sich, um ein paar Pommes vom Teller drinnen im Schalter zu schnappen. Der Sicherheitsbeamte war jetzt wieder auf seinem Platz, nachdem er einen Kommentar über den uniformierten Polizisten für das Gesicht hinter dem Schalter abgegeben hatte.

Warum wollen Sie nach Griechenland reisen? fragte er.

Aus gesundheitlichen Gründen. Mein Mann ist krank.

Wer trägt die Kosten?

Meine Eltern.

Und wo wollen Sie wohnen?

Bei meinen Eltern.

Was wird Ihr Ehemann dort unternehmen?

Es geht um eine Biopsie der Leber. Die Ärzte warten schon auf uns.

Die Frau hinter der Glasscheibe blickte sie mit Echsenaugen an. Sie waren gesprenkelt und kalt, als wollte sie sagen: jinéka, jinéka, ich habe dich nicht gefragt, ob die Ärzte warten. Die Note macht sie auch nicht besser oder privilegierter als die anderen, die hier in der Schlange stehen müssen. Ihr Englisch erlaubte es ihr allerdings nicht, mit Würde die Überlegenheit dieses gerechten Gedankens zu äußern, die ihr die Regeln und Gesetze verliehen, die nun jene Frau und sie jenseits und diesseits der Glasscheibe als Gegenüber verband. Die Frau hinter dem Schalter konnte ihre Unsicherheit nicht verbergen und starrte mit ihren Eidechsenaugen auf die Unterlagen des Ehepaares Doko, wo sie alle Stempel und Unterschriften Seite für Seite kontrollierte. Schließlich sagte sie der albanischen Übersetzerin, ohne ihre nunmehr erschlafften Eidechsenaugen zu zeigen, diese Dokos sollten am 7. Januar in der griechischen Botschaft vorstellig werden.

Am 7. Januar bekam Sabri Doko das griechische Visum ausgehändigt, gratis, aus gesundheitlichen Gründen. Der Antrag von Vita Doko wurde mit der Begründung abgelehnt, sie erfülle die erforderlichen Bedingungen nicht. Im Formblatt hieß es: Gegen diese Entscheidung kann innerhalb von 90 Tagen eine Beschwerde beim griechischen Außenministerium eingelegt werden. Das Visum des Mannes hatte drei Monate Gültigkeit, es konnte für maximal 30 Tage verwendet werden. Dieses Visum war aber nutzlos, da er ja ohne seine Frau unmöglich reisen konnte.

Und so reiste er auch nicht ab. Man brachte ihn ins Krankenhaus ohne einen bestimmten Anlass, nur um ihn fit für die Reise zu machen, d.h. er erhielt eine Serumbehandlung, die üblichen Medikamente und Mineralsalze. Jetzt füllte sich sein Bauch mit Wasser, man musste punktieren und ein aus Amerika importiertes auf pflanzlicher Basis entwickeltes Medikament einsetzen, das gewissermaßen die Funktion der Leber übernahm und seinen Körper entgiftete. Jetzt ging es dem Mann besser. Es war vielleicht die beste Phase in den letzten Monaten.

Vita kehrte vom Außenministerium zurück, wo sie sich hatte erkundigen wollen, an welchem Punkt der Prozedur sie einen Fehler gemacht hatte. In der griechischen Botschaft hatte sie erneut einen Visa-Antrag gestellt. Nun stieg sie die Treppe in ihrem Wohnblock hoch und dachte dabei wieder an die Worte des Arztes: man muss Risikofaktoren vermeiden. Welche mochten das jetzt sein? Die Wohnung war verkauft. Bald mussten sie in eine Mietwohnung umziehen. Von dieser Tür aus hatte sie oft die Stimme der Nachbarin gehört, die Vitas ältester Tochter laut zurief: Fiori, Fiori, dein Großvater ist auf der Treppe gestürzt. Dann kam Biku heruntergelaufen und zog seinen Vater zur Hälfte hoch. Die Füße des vom Schlaf noch benommenen alten Mannes schleppten sich über die Stufen, während seine Hand, etwas kräftiger als die seines Sohnes, über der kranken Leber hin und her pendelte.

Vita hielt auf den Stufen den Atem an, wo ihr Mann immer wieder seinen betrunkenen Vater hochgehoben hatte. Sie erinnerte sich an die spöttische Stimme der Nachbarin: Fiori, Fiori, dein Großvater ist … und spürte, wie ihre Kehle trocken wurde. Alles war schief gelaufen.

An diesem Abend erlitt Biku einen Schlaganfall.

Halb auf einem Bett in der gastrohepatologischen Station des Krankenhauses liegend erbrach er sich und stieß dabei Blut aus. Aus den Rippen heraus ergoss sich mit dem Erbrochenen ein ganzer Schwall von Blut. Sein Körper verkrampfte sich und zog sich an Vitas Brust zusammen wie eine sich schließende Wunderblume. Sein Kopf fiel auf die Schulter der Frau. Sie hörte ihre eigene heisere Stimme, wie die einer Fremden: »mein Schatz«. Den zusammengekrümmten Mann, der keinen Laut mehr von sich gegeben hatte, drückte sie fest an ihren Busen. Biku fiel ins Koma. Fünf Tage später starb er.

* * *

Nun kam der Tag, an dem sich Vita in der Botschaft einfinden sollte. Zuerst wollte sie gar nicht hingehen. Ihre Wut, das Unglück, die Nerven, die Ungerechtigkeit, die ihr widerfahren war, das alles hatte sich in ihr zusammengeballt. Trotzdem ging sie hin. In der Wartehalle der Botschaft verharrte sie unschlüssig. Was sollte sie sagen? Die Bürokraten liefen auf und ab und eine junge Frau sagte: man spricht über Sie. In diesem Raum mit den Schaltern schien es ihr, als wüssten sie alles. Da waren viele Leute, die in der Schlange standen, man bedeutete ihr: warten Sie. Sie beschloss, dieses Spiel mitzumachen. Sie wolle mit dem Verantwortlichen sprechen, der die Anträge der Eheleute Doko bearbeitet hatte. Es hieß wieder, sie solle warten.

Vita verließ die Botschaft und wartete in der Nähe. Sie setzte sich in ein Café. Nach einer Viertelstunde klingelte das Handy ihres Mannes. Es war eine weibliche Stimme, eine Albanerin:

Können wir Herrn Sabri Doko sprechen?

Wer möchte ihn sprechen?

Ich darf den Namen nicht nennen.

Ich bin seine Frau.

Wo ist Ihr Mann?

Es ist das Handy meines Mannes, das habe ich bei mir. Man legte den Hörer auf. Gleich danach meldete sich Vitas Handy.

Wieder Sie?

Ja, ich bin es wieder.

Warum haben Sie beide Handys bei sich?

Nur so.

Ich verstehe nicht.

Ich verstehe auch nicht. Ist es bei Ihnen üblich, dass Sie die Antragsteller auf ihrem Handy anrufen?

Wir möchten mit Ihrem Ehemann sprechen.

Mein Mann ist im Haus.

Dann fügte sie sofort hinzu: Sie wollen mit meinem Mann sprechen, ich verlange einen Termin beim Konsul oder beim Botschafter.

Weshalb, um welchen Antrag geht es?

Um den ersten Antrag.

Die Stimme auf der anderen Seite schwieg eine Weile, dann sagte sie: Wir werden Sie verständigen, jetzt ist es unmöglich, mit dem Konsul oder dem Botschafter zu sprechen.

Während der ganzen Woche zermarterte sich Vita den Kopf, um eine Erklärung zu finden. Irgendwann konnte sie nicht mehr. Sie wiederholte immer wieder abgedroschene Argumente wie: der Kranke bekommt ein Visum, sie aber nicht, denn sie würde nicht mehr zurückkommen.

Die weibliche Stimme aus der Botschaft meldete sich wieder.

Spreche ich mit Frau Doko?

Ja.

Wie geht es Ihrem Mann?

– Warum fragen Sie nach ihm, obwohl Sie doch ganz genau wissen, wie es meinem Mann geht?

Nein, wir wissen es nicht.

O ja, Sie wissen es sehr gut, seit dem Tag, als ich in die Botschaft kam.

Warum sagten Sie dann, er wäre im Haus?

– Mein Mann ist in seinem Haus, ich habe nicht gesagt, in welchem Haus. Wenn Sie den Aufenthaltsort meines Mannes wissen möchten, bringe ich Sie hin. Ich wollte aber wissen, wer für das Schicksal meines Mannes verantwortlich ist.

– Was wollen Sie jetzt noch, wollen Sie noch immer ein Visum?

– Sie wissen sehr gut, was ich eigentlich will, es sollte Ihnen klar sein, dass ich nicht nur meinen Mann, sondern auch meine Wohnung verloren habe. Meine Kinder sitzen auf der Straße. Ich möchte wissen, ob Sie persönlich für die Ablehnung meines Visa-Antrages verantwortlich sind. Oder für das, was passiert ist. Schweigen.

– Wenn Sie nicht verantwortlich sind, gnädige Frau, dann will ich mich gar nicht mit Ihnen unterhalten. Ich habe einen Termin beim Botschafter oder dem Konsul verlangt.

Möchten Sie mit dem Botschafter oder dem Konsul über diese Dinge sprechen?

Ja.

Können Sie Griechisch?

– Ich muss dafür kein Griechisch können, ich werde einen Dolmetscher mitbringen.

– Ein Dolmetscher wird nicht zugelassen, sagte die Stimme.

– Dann werden der Botschafter oder der Konsul irgendeine Fremdsprache können, das ist nicht das Problem.

– Sie werden eine Nachricht bekommen.

– Nein, ich will keine Nachricht. Ich möchte, dass Sie mich einladen und mir die positive oder negative Antwort persönlich mitteilen. Ich möchte Ihnen ins Gesicht sehen.

In der zweiten Märzwoche bekam Vita ein griechisches Visum. Man teilte ihr das per sms auf ihrem Handy mit. Sie erhielt ein einmonatiges Visum. Zuerst wollte sie weitermachen, sie wollte den Botschafter oder den Konsul oder die zuständige Beamtin fragen, was sie sich eigentlich dabei gedacht hatten. Was sollte sie mit diesem einmonatigen Visum anfangen? Dann sagte sie sich jedoch, schließlich leben wir in Albanien, was wäre damit gewonnen? Sie würde nur ihre Nerven zerrütten, doch kaum etwas erreichen, nicht einmal erfahren, wer verantwortlich gewesen war, wer über Leben und Tod des anderen entscheidet. Wer war dieser so mächtige Mensch?

Es würde auch nichts bringen, das albanische Außenministerium in die Enge zu treiben. Vita ging zwar hin, erhielt aber keine offizielle Antwort. Sie bekam nur eine inoffizielle Erklärung: Wir sind gegenüber der griechischen Botschaft machtlos.

Dieser Staat hat keine Macht, eine offizielle Beschwerde einzureichen, wenn es um eine Einzelperson geht, geschweige denn Rechenschaft über generelle Fehlentscheidungen zu verlangen. Auch hier war gar nichts zu machen. Und was blieb dann übrig? Keine Risikofaktoren mehr – wieder dachte sie an den sinnlos gewordenen Ratschlag des Arztes.

* * *

Sabri Doko starb am 19. Februar 2009. Anderthalb Monate nachdem er ein griechisches Visum bekommen hatte, allerdings nicht seine Frau. Eine Tageszeitung der Hauptstadt schrieb: »Sabri Doko verstarb nach einer Gehirnblutung im Alter von 42 Jahren. Er litt seit 8 Jahren an Hepatitis C und brauchte eine Transplantation. Während all dieser Jahre war sein Zuhause die gastrohepatologische Station der Universitätsklinik »Mutter Theresa«. Er hinterließ seine Ehefrau und zwei Töchter. Nach langen Jahren vergeblichen Klopfens an die Türen des Staates wurde sein tragisches Ende durch die griechische Botschaft besiegelt, die seiner Frau kein Visum erteilte.«

Einen Monat später folgte ihm sein Vater, der zu trinken, aber auch zu essen aufgehört hatte. Vita machte von dem einmonatigen Touristenvisum, das sie von der griechischen Botschaft drei Wochen nach dem Tod ihres Mannes bekam, keinen Gebrauch.

 

© Elsa Demo
Elsa Demo aus Albanien
Elsa Demo geb. 1976 in Fier/Albanien, lebt in Tirana/Albanien; Studium der albanischen Literatur- und Sprachwissenschaft an der Philologischen Fakultät der Universität in Tirana / Albanien (1995-1999); seit 1999 schreibt sie regelmäßig für die albanischen Tageszeitungen Koha jonë, Korrieri, Shekulli, zudem ist sie seit 2003 verantwortlich für den Kulturteil der größten albanischen Tageszeitung Shekulli; zahlr. Veröffentlichungen von Essays, Reportagen, Erzählungen in Koha jonë, Korrieri, Spektër, Shekulli und in anderen albanischen Zeitschriften und Anthologien; Mitherausgeberin der Anthologie albanischer Autoren Shqipëria kujton. 1944-1991(Albanien erinnert 1944-1991) (Tirana 2009) sowie der zweiten Anthologie albanischer Autoren Shqipëria tregon. 1991-2010 (Tirana 2010); 2009 erhielt sie den Woytila-Preis in Bari/Italien beim ersten internationalen Journalistenwettwerb „Giornalisti del Mediterraneo“.

Ardian Klosi

Eine Übersetzung von Dr. Ardian Klosi
Ardian Klosi, geb. 1957 in Tirana/Albanien, gestorben 2012. Nach dem Studium der Albanologie in Tirana 1980-1986 Arbeit als Lektor und Übersetzer im Belletristik-Verlag Naim Frashëri. Danach Studium der Germanistik und der Vergleichenden Literaturwissenschaft an der Universität Innsbruck mit Promotion im Jahr 1990. Nach seiner Rückkehr in Albanien Engagement bei der Studentenbewegung und der neuen freien Presse.1993-1998 lebte und arbeitete er in München, unterrichtete hier beim Lehrstuhl für die Albanologie. Zusammen mit Wilfried Fiedler Autor des Deutsch-Albanischen Wörterbuches bei Langenscheidt (1997). Zahlreiche Studien, Artikel, Bücher nach seiner Rückkehr in Albanien 1998, u. a. Netët Pellazgjike te Karl Reinholdit (Karl Reinholds Pellasgische Nächte, 2005), Robert Schwartz oder die Fenster meiner Stadt (2007, Albanisch-Deutsch), Katastrofa e Gërdecit 2009 (engl. The Gërdec Desaster, 2010) etc. Seit 1983 Übersetzer mehrerer Werke der deutschsprachigen Literatur u.a. von Büchner, Kafka, Brecht, Böll, Dürrenmatt etc. Mehrere Preise für Originalwerke und Übersetzungen.