Wagnis der Erinnerung

Das Wagnis der Erinnerung
Die Anderen, die Unterschiedlichen - und wir...
Ein Hoffnungspanorama

Eine kritische Betrachtung des griechischen Schriftstellers Nikos Themelis in einer Übersetzung von Birgit Hildebrand.

Der große europäische Gedanke einer die Vielfalt der kulturellen Identitäten bewahrenden demokratischen Einheit in täglich erlebbarer friedvoller Nachbarschaft – ist das nur ein Phantasiegespinst oder ein realisierbarer Traum, zumindest für kommende Generationen?

Ich will hier versuchen, mich verschiedenen Fragen zu nähern:

Was kann die Völker Südosteuropas in der heutigen Realität europäischer Integration und Globalisierung vereinen? Konkreter: Welche Vergangenheit, welche Gegenwart, welche Zukunft?

Aus welchen Werten, Leitlinien und Weltanschauungen, innerhalb welcher Entwicklungen und Prozesse kann ein gemeinsames Bewusstsein erwachsen, ein Bewusstsein, das nicht spaltet, sondern vereinigt, und das sich die Kultur der Demokratie zu eigen macht? Eine Kultur, die die Pluralität würdigt und kulturelle Vielfalt nicht als notwendiges Übel festschreibt, sondern als Quelle von Kreativität, Solidarität und Fortschritt ansieht?

Inwiefern kann die Literatur dazu beitragen?

Werfen wir einen Blick zurück auf unsere Vergangenheit: Auf die tatsächlich existierenden Fakten, aber gleichzeitig auch auf die Lesart, die offiziell gelehrt wurde. Die Vergangenheit, die in den Gesellschaften ein historisches Bewusstsein erzeugt, wird von akademischen Geschichtsschreibern gestaltet, und diese sehen sich nicht nur im Dienst der Suche nach der historischen Wahrheit, sondern auch im Dienst aller möglichen nationalen, politischen, religiösen und pädagogischen Intentionen.

So bündeln sich unsere Kenntnisse darüber, was sich seit der Prägung des Nationalstaats von der Mitte des 19. Jahrhunderts an in Südosteuropa zwischen den Völkern abgespielt hat, auf Feindschaft, Kriege und Gewalt, auf Gebietsansprüche und Grenzstreitigkeiten, auf religiöse Machtkämpfe innerhalb der Orthodoxen Kirche, auf Rassendiskriminierung, Vertreibung von Minderheiten und ethnische Säuberungen.

Und in Friedenszeiten herrscht jeweils ein extremes Misstrauen und eine große Wachsamkeit in Erwartung des nächsten Konflikts.

Selbstverständlich sind für die Vertreter dieser historischen Darstellungsweise an den oben genannten Tatsachen jeweils die »Anderen« schuld, ob es sich nun um die Nachbarn handelt oder um die häufig wechselnden »Großmächte« Europas, die die Entwicklungen in Südosteuropa mit beeinflusst haben. In Bezug auf eine mögliche Eigenverantwortlichkeit werden die Geschehnisse, auch wenn sie schmerzlich sind, im Nachhinein gerechtfertigt und legalisiert, um zwei Werten zu dienen: Der Konsolidierung des Nationalbewusstseins und der nationalen Souveränität. Diese Vergangenheit ist für die große Mehrheit unserer Völker auch heute noch aktuell oder zumindest als traumatische Erinnerung der Eltern und Großeltern weiter lebendig. Viele können sie nach wie vor nicht überwinden, vor allem, wenn sie ihre Folgen bis heute verspüren. Eine solche Vergangenheit, die auf dem Vehikel der Tradition, der Erziehung, der nationalen Ideologie das Gestern aufs Heute überträgt, verhindert die Annäherung der Völker und hemmt jeden Versuch, ein wie auch immer geartetes einigendes Element lebensfähig erscheinen zu lassen.

Werfen wir gleichermaßen einen Blick auf unsere Gegenwart: Die Abgrenzung der Zeit zwischen Vergangenheit und Gegenwart ist ein schwieriges Unterfangen, dessen Ergebnisse möglicherweise auch kontrovers beurteilt werden. Welcher Zeitraum wird im kollektiven Bewusstsein der Vergangenheit zugerechnet, und wann beginnt in Europa die Epoche der Gegenwart? Wie viele Einzelversionen eines kollektiven Bewusstseins gibt es, die zudem noch stärker sind als das, was man als kollektives europäisches Bewusstsein bezeichnen könnte? Wann wird der entscheidende Schnitt zwischen Gestern und Heute angesetzt? Am Ende des Zweiten Weltkriegs oder bei aktuelleren Entwicklungen wie dem Zusammenbruch des real existierenden Sozialismus, der Eskalation der Globalisierung und dem Aufkommen der neuen Technologien?

In den westeuropäischen Gesellschaften haben die beiden Weltkriege, der Holocaust, das folgenreiche Heranreifen rationalen Denkens und die Ausformung demokratischer Werte den widerstreitenden Vorurteilen, dem Expansionsstreben, dem Revanchismus und der Missachtung der Menschenrechte ein Ende gesetzt. Insofern könnte man sich meines Erachtens ohne weiteres darauf einigen, dass in den Beziehungen der Völker Südosteuropas auch heute noch Probleme, Zustände, Vorurteile und psychische Belastungen aus der Vergangenheit reproduziert werden und sie auf die eine oder andere Weise prägen.

Die Wurzeln sind vielgestaltig und zahlreich, wie etwa in nicht allzu ferner Vergangenheit die Gründung der balkanischen Nationalstaaten auf dem Territorium des ehemaligen Osmanischen Reichs und des Habsburgerreiches, die durchgängigen Probleme in den Beziehungen zwischen Griechenland und der Türkei, die zeitweise Spaltung Südosteuropas in Staaten des westlichen Lagers – Griechenland, Türkei, Zypern – und die anderen, die dem real existierenden Sozialismus angehörten, die Besetzung Nordzyperns durch die Türkei, der erst kürzlich erfolgte Zerfall des früheren Staates Jugoslawien, die Minderheitenprobleme, das tiefgreifende Gefühl einer Andersartigkeit zwischen Christen und Muslimen.

Zugleich lässt sich derzeit bei der Entwicklung der nationalen Gesellschaften ein voneinander abweichender Rhythmus feststellen und insofern auch ein uneinheitlicher Stand beim Aufholen verschiedenster Rückstände und Defizite – im Vergleich dazu, was nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs in Westeuropa erreicht worden ist: zunächst bei der sukzessiven Ausbildung demokratischer Staatswesen und im weiteren Sinn einer umfassenderen Kultur der Demokratie, doch ebenso bei der sozialen Organisation, dem wirtschaftlichen Aufschwung, der Ausdehnung des Wohlstands auf breitere Gesellschaftsschichten, bei der Überwindung der Barrieren, die eine Beteiligung am

Aufbau der Europäischen Union verhindert haben.

Diese Ungleichzeitigkeit in der Entwicklung beeinflusst die Agenda der nationalen Prioritäten entscheidend; die Vertiefung der Demokratie, die Herausbildung von Werten wie friedlicher Koexistenz, Respektierung der Unterschiedlichkeit, Kooperation mit wechselseitigem Nutzen und einer Osmose der Ideenwelten stehen dabei nicht an erster Stelle.

Die Grenzen spielen oft eine widersprüchliche Rolle. Im gleichen Zeitraum verfestigen sich Grenzen aller Art – politische, ethnische, ökonomische, religiöse, kommunikative und psychologische – wie in keinem anderen Gebiet Europas unerbittlich und schotten die regionalen Gesellschaften ab. Sie errichten Mauern gegen die wechselseitige Verständigung, gegen die Ausbildung eines gemeinsamen Bewusstseins dafür, dass die Völker zwar noch keinem breiteren Kollektiv angehören, keiner im Entstehen begriffenen Einheit, dass sie aber trotzdem gemeinsam einen Weg mit ähnlichen Zielen verfolgen könnten.

Die Vertreter einer solchen Haltung der Verständigung und konstruktiven Annäherung an Binnenbeziehungen zwischen den Gesellschaften Südosteuropas sind zwar vorhanden, man findet sie in den politischen und sozialen Eliten, in Akademiker- und Intellektuellenkreisen, doch sie bilden nach wie vor eine Minderheit. In der Mehrheit agieren die Gesellschaften noch für sich allein, auch dort, wo sie große gemeinsame Ziele haben, wie etwa bei der Orientierung auf Europa.

Könnte eine reduzierte Bedeutung der Grenzen eine Hoffnung darstellen? Ganz sicher, wenn man die weiter entfernte Zukunft bedenkt. Doch was sehen wir bis heute? Innerhalb der nationalen Grenzen erzeugt diese Entwicklung bei der großen Mehrheit der Menschen Angst und Unsicherheit hinsichtlich der kollektiven oder individuellen Identität. Die rasanten internationalen Neuordnungen, die Mobilität der Gesellschaften, die Migrantenströme, die Unentschiedenheit der Politik und die resignative Tendenz der Bürger, die Politik nicht weiter beeinflussen zu können, verschärfen diese Not.

Zu der Unzulänglichkeit der Politik rechne ich auch die Unfähigkeit der EU, einerseits ihren interstaatlichen Charakter zu überwinden und zu wesentlichen Schritten einer politischen Einheit vorzudringen, auf der anderen den negativen Folgen der Globalisierung eine erfolgversprechende Politik entgegenzusetzen, zwei Schwachpunkte, die den Nationalismus anheizen oder züchten.

Als Reaktion wird die kulturelle Identität hoch gehalten, als letztes Bollwerk gegen die Bedrohung und die Angst vor Entwicklungen, die die Welt vereinheitlichen und homogenisieren, und zwar eine kulturelle Identität, die aus den traditionellen ethnozentrischen Ingredienzien besteht. Der Andersartigkeit, den Problemen mit den Nachbarn, begegnet man dann in hohem Maß mit demselben Misstrauen, wenn nicht gar derselben Feindseligkeit wie einst.

Man muss also zu dem Schluss kommen, dass das Unterfangen, den großen europäischen Gedanken einer die Vielfalt der kulturellen Identitäten bewahrenden demokratischen Einheit in täglich erlebbarer friedlicher Nachbarschaft in die Praxis umzusetzen, von Vergangenheit und Gegenwart unterminiert wird.

Wie kann man dieser Situation begegnen? Ich will drei Möglichkeiten aufzeigen. Wie gehen wir mit unserer Vergangenheit um? Die Vergangenheit lässt sich nicht ändern. Doch die Geschichtsschreibung geht selektiv vor und schafft jeweils ihre eigene Hierarchie. Sie wählt aus, was sie zeigen, was sie beleuchten will und wie sie die Ursachen, Beweggründe, Entscheidungen und Auswirkungen interpretiert.

Die neuere griechische Geschichtsschreibung setzt zum Beispiel seit ihrer Entstehung in der Mitte des 19. Jahrhunderts bis heute den Konflikt der Griechen mit dem Osmanischen Reich und später mit der Türkei als zentrale Achse an. Andere wichtige Entwicklungen und Gegebenheiten werden verschwiegen oder im besten Fall zu zweitrangigen Vorgängen heruntergespielt, so etwa, dass es im multikulturellen Osmanischen Reich zur Bildung und Blüte ethnischer Gemeinschaften kommen konnte, wie der der Griechen in Smyrna, in Konstantinopel, an den Küsten des Schwarzen Meers und der Ägäis, in den städtischen Zentren entlang der Donau, in Thessaloniki, aber auch im Binnenland von Kleinasien.

Gleiches gilt für die Gemeinden von Juden und Armeniern. Ähnliche Befunde ergeben sich auch für das Habsburgerreich und das zaristische Russland: In diesen Zentren haben sich die Fundamente für die Entstehung der griechischen Bürgerschicht herausgebildet, eine Entwicklung der griechischen Gemeinschaft, die für den jüngeren Nationalstaat und dessen Identität und Nationalbewusstsein von enormer Bedeutung ist.

Dass in diesen Städten die Ideen der Aufklärung und des Humanismus Fuß gefasst haben, beweisen die Menschen, die sie zum Ausdruck brachten, selbst wenn sie sich letztlich nicht durchsetzen konnten. In einzelnen Fällen bildete sich trotz der Kontroversen innerhalb der christlich-orthodoxen Kirche, die zwischen dem Patriarchat von Konstantinopel, dem Bulgarischen Exarchat und der serbischorthodoxen Kirche ausbrachen, unter den Vertretern verschiedener Ethnien wie etwa der Griechen und Rumänen eine stabile Verbundenheit in Denkweise und Erziehung.

Neben der konfliktorientierten Annäherung an die Geschichte gibt es auch die der friedlichen Koexistenz und Zusammenarbeit, des Fortschritts und Wohlstands. Ich glaube, entsprechende Beispiele einer verschwiegenen Geschichte findet man im gesamten Bereich Südosteuropas. Die Geschichtsschreiber müssten dies einmal an die Öffentlichkeit bringen und gleichzeitig die Notwendigkeit einer nüchternen Annäherung bei der Interpretation der Entwicklungen kultivieren, eine kritische Haltung bei der einseitigen Zuteilung der Verantwortlichkeit für die dunklen Seiten der Geschichte.

Es kann ja nicht sein, dass immer »die Anderen« schuld sind.

Die Vergangenheit neu zu überdenken wäre ein bedeutsamer Schritt zur Ausformung einer Kultur, die dazu beitragen könnte, die traumatischen Erinnerungen aus der Vergangenheit zu überwinden; so könnten sich auf der Basis bis heute vernachlässigter Prinzipien und Werte Wege zu Verständigung und Verständnis und zum Aufbau von nachbarschaftlichen Beziehungen eröffnen.

Wie gehen wir mit der Gegenwart um? Die Gegenwart lässt sich verändern. Sie wird durch unsere Völker und deren politische Repräsentanten gestaltet. Sie wird gestaltet für vier südosteuropäische Länder innerhalb der EU und für weitere mit einer festen Ausrichtung auf den Beitritt. Doch es muss sich für alle dieselbe Problematik stellen, ob sie nun bereits beigetreten sind oder nicht: Der Beitritt darf nicht nur diktiert sein von dem Ziel, dass der einzelne Mitgliedstaat gestärkt wird und so die weiteren Entwicklungen beeinflussen kann, dass sich die demokratische Politik stabilisiert, dass dann Gemeinschaftsmittel oder andere Zugänge und Vorteile ausgeschöpft werden können und Sicherheit und wirtschaftlicher Aufschwung erlangt werden.

Der Beitritt muss auch diktiert sein von dem Willen der Mitgliedsländer, einer Gesellschaft von Werten und Prinzipien anzugehören, die das stützende Fundament für die gesamte Unternehmung eines vereinten Europas bildet.

Die Gefährdung betrifft nicht nur den Wert des Friedens zwischen Nachbarn, sondern alle Folgewerte einer demokratischen Kultur, wie Freiheit, Gerechtigkeit, Achtung der Menschenrechte und der Unterschiedlichkeit, den Geist einer guten Nachbarschaft, die Verantwortung gegenüber den anderen Mitgliedern – speziell bei Entscheidungen, die gemäß der bestehenden Verfahren von den Organen getroffen werden, praktische Solidarität, Achtung vor den Regeln des internationalen Rechts.

Sicherlich ist das Unterfangen nicht einfach, eine Förderung der europäischen Integration als Gesellschaft von Werten und Prinzipien mit der Achtung der Unterschiedlichkeit zu kombinieren, speziell der kulturellen Pluralität, die unsere Identitäten auszeichnet. Im Übrigen ist die Entwicklung der EU nicht vorprogrammiert. Manche politischen und gesellschaftlichen Kräfte werden ihr Gewicht weiterhin auf die Einigungsprozesse und -perspektiven werfen, andere wiederum auf die Wahrung der Vielfalt der Gesellschaften und Kulturen, die sie repräsentieren.

Insofern ist eine andere Art der Annäherung notwendig, eine, die nicht die eine Tendenz konträr zur anderen sieht, eine Annäherung, die eine kreative Koexistenz und Kombination beider Standpunkte anstrebt.

Die von den Regierungen formulierte Kulturrhetorik muss die spaltenden Phänomene im kulturellen Geflecht der Gesellschaft erkennen und mit entsprechenden Strategien darauf reagieren, die eine Öffnung und Bereicherung der Identität begünstigen. Doch die Schlussfolgerungen aus dieser Suche und die Ergebnisse der Bemühung müssen aus einem gesellschaftlichen Reifeprozess resultieren und nicht aus einer Haltung, die durch bestimmte Machtorgane oktroyiert wird. Die demokratische Legitimierung ist die Voraussetzung für ihre Lebensfähigkeit.

Was kann die Literatur dazu beitragen? Zum Glück weist die Literatur der Autoren in Südosteuropa in die richtige Richtung. Beim Genre des historischen Romans führt sie eine friedliche Koexistenz vor Augen, sogar eine Solidarität zwischen Helden, die in den einstigen multikulturellen Gesellschaften des Osmanischen Reichs lebten und verschiedenen Ethnien oder religiösen Dogmen angehörten. Wenn in der Literatur Situationen aus der früheren oder der modernen Zeit vorkommen, die von Kommunikationsproblemen, Rivalität oder Gewalt geprägt sind, werden sie direkt oder indirekt verurteilt.

In meinem eigenen Werk geht es in allen Romanen immer wieder um die Frage der individuellen und kollektiven Identität sowie um das Bemühen, das oben Ausgeführte in die Handlung des Romans, in die Charaktere der Figuren, in eine neue Geschichtsbetrachtung einfließen zu lassen, so beispielsweise auch in meinem letzten Roman «Die Wahrheit der Anderen«.

Der Roman geht von der plausiblen Annahme aus, dass Menschen aufgrund ihrer Weltanschauung, aufgrund dessen, was sie für ihre Identität halten, eine eigene Wahrheit begründen. Die Unterschiedlichkeit der einzelnen Wahrheiten schafft bis heute Spannungsfelder. Es stellt sich die Frage: Wie stehen wir der Wahrheit der Anderen gegenüber, und gleichzeitig, wie stehen diese Anderen, die »Unterschiedlichen«, unserer Wahrheit gegenüber. Und weiterhin geht es darum, wie wir uns überhaupt mit Wahrheiten auseinandersetzen.

Ich versuche in meiner Erzählung von einem Spannungsfeld ins nächste zu wechseln und aufzuzeigen, wie die Verschiedenartigkeit in bestimmten Fällen Konflikte auslösen kann. Im Plot geht es um nationale respektive ethnische Identität, um den religiösen Glauben, das historische Bewusstsein, die politische Doktrin und die kulturelle Identität, bis hin zur sexuellen Identität. Er impliziert kausale und Motivationszusammenhänge. Er setzt sich mit Prinzipien und Wertvorstellungen auseinander und zeigt schließlich auf, wie die Protagonisten des Romans und ihr jeweiliger Mikrokosmos mit den aufbrechenden Konflikten umgehen. Das Spektrum umfasst alle Varianten menschlichen Verhaltens wie Verbrüderung, Verständigung, Toleranz, Distanzierung, pochenden Hass, brutale Gewalt. Selbst die Möglichkeit einer einfachen Kommunikation und Auseinandersetzung ist oft in Frage gestellt.

Ich trage vernachlässigtes oder sogar absichtlich verschwiegenes historisches Material vor und stelle es der offiziellen Version der Vergangenheit an die Seite, wie sie von den akademischen Geschichtsschreibern konstruiert worden ist. Aus der Fülle des existierenden Stoffs versuche ich das für die Handlung Notwendige auszuwählen und mit dem Fiktiven zu verknüpfen, beides zu einer Einheit zu verschmelzen.

Es geht mir darum, die Vergangenheit durch eine andere Sichtweise zu vergegenwärtigen und der Gegenwart ein von unserem kollektiven Bewusstsein abweichendes historisches Gewicht zu verleihen.

Drei kritische Feststellungen: Die heutige literarische Produktion wird in der Regel nicht von ideologischen und wertorientierten Positionen bestimmt; man hält sie für überkommen und begegnet ihnen von Fall zu Fall auch mit unterschwelliger Ironie. Ob das auch für die Leser gilt, ist schwer zu sagen. Zumindest scheinen sie bei öffentlichen Literaturlesungen und Diskussionen ebenso wenig daran interessiert zu sein. Die große Mehrheit des Lesepublikums fühlt sich heute vor allem von der amerikanischen und der eigenen nationalen Literatur angezogen, erst in zweiter Linie von der Literatur der europäischen Nachbarn. Noch weniger Aufmerksamkeit erhält bei den Lesern der südosteuropäischen Staaten die Literatur der unmittelbaren Nachbarn.

Wie Statistiken zeigen, lässt das Interesse an der Literatur bei den so genannten Gelegenheitslesern immer mehr nach. Ebenso ist es bei den jüngeren Menschen, die in ihrer Freizeit nach anders gearteten Vergnügungen und anderer kultureller Kost suchen.

Ich glaube, das Problem mit den Nationalliteraturen der südosteuropäischen Länder knüpft nicht an deren Inhalte an, sondern an die Frage, inwieweit sie eine Gesellschaft beeinflussen können: Wie groß ist ihr Publikum im Verhältnis zu der Mehrheit, die ihr keine Beachtung schenkt? Wie leicht kann sie die sprachlichen Grenzen überwinden und auf diese Weise auch in die Nachbargesellschaften eindringen und mit den »Anderen«, den Fremden, den Gleichen oder Verschiedenen kommunizieren? Wie kann sie Kommunikationskanäle, Verständigung und Verständnis für das Problem schaffen, das uns bedrückt? Auf welche Weise kann sie ein Gemeinschaftsgefühl, ein Gemeinschaftsbewusstsein zwischen unseren Völkern fördern, das uns näher zusammenbringt, das uns auf der gemeinsamen Basis einer demokratischen Kultur zu vereinen vermag?

Mehr Initiativen, mehr Übersetzungen, mehr interkulturelle Foren, eine größere internationale Mobilität der Autoren, die Nutzung des Internets und der neuen Technologien, eine spürbare Unterstützung der Kulturpolitik durch die offiziellen staatlichen Stellen, aber auch durch die Europäische Union wären eine erste Antwort darauf.

Doch das Problem ist damit nicht gelöst, selbst wenn eine solche – notwendige – Entwicklung noch so konstruktiv und erfolgreich abliefe. Das Problem liegt vor allem an der Massen- und Mehrheitskultur unserer Gesellschaften, die von der politischen und sozialen Führung aufrecht erhalten oder gestaltet wird, von den verschiedensten Gestaltern der allgemeinen Meinung, den Schlüsselpersonen der Massenmedien, der aktiven Gesellschaft der Bürger. Ihre Rolle ist wichtig für eine fundamentale Umkehr vom heutigen Zustand zu einem hoffnungsvolleren.

Dafür muss sich – wie bereits vorher angesprochen – ein öffentlicher Raum bilden und vergrößern, in dem eine Suche, Diskussion und Verständigung stattfindet, die sich nicht nur auf die Verkündigung des Toleranzprinzips und des Respekts gegenüber den Nachbarn, den »Anderen«, beschränkt oder auf die Notwendigkeit einer friedvollen Nachbarschaft, sondern die sich auch der weiter greifenden Frage stellt, nämlich der, wie es möglich ist, eine intereuropäische demokratische Einheit herzustellen und in deren Rahmen die Unterschiedlichkeit zu respektieren. Und wie sich aus der Verknüpfung dieser beiden wichtigen Anliegen neue Formen einer kollektiven und individuellen Identität entwickeln können.

Man muss diese Frage auch im Zusammenhang mit einer umfassenderen, ebenfalls aktuellen Problematik sehen: In welche Richtung bewegt sich die Europäische Union, wie sieht das folgende, wenn auch noch nicht endgültige Stadium der europäischen Integration aus? Was ergibt sich aus der Umsetzung des Vertrags von Lissabon und der Politik, die er vorgibt? Wie beeinflusst die Wirtschaftskrise die Positionen und Entscheidungen der Gesellschaften und ihrer Regierungen in einer Welt, die durch die Existenz von Wirtschaftsflüchtlingen geprägt ist, was das Problem der Verbindung von Demokratie und Pluralität immer wieder von neuem aktuell werden lässt.

Die Antworten stehen noch aus, es herrscht eine weitgehende Unsicherheit, und in kritischen Fragen gibt es erhebliche Meinungsverschiedenheiten. Trotz aller Fortschritte ist weiterhin ein demokratisches Defizit zu beobachten, trotz der Wirtschaftskrise sind die Regierungen nicht bereit, die unabweisbare Selbstverständlichkeit einer Übernahme der ökonomischen Führung durch Institutionen der EU zu akzeptieren, und die große Mehrheit der heutigen Regierungen will das Soziale Europa nicht.

Die große Idee, die wir hier untersuchen, hat in Westeuropa die Möglichkeit einer Realisierung gefunden, aber nicht nur als Lehre aus den tragischen Folgen der europäischen Geschichte in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, sondern weil sie sich in einer Nachkriegszeit entfalten konnte, die geprägt war durch die Normalität im Funktionieren der demokratischen Institutionen sowie einen ständig wachsenden Wirtschaftsaufschwung und sozialen Wohlstand.

Dafür geben die deutsch-französischen Beziehungen ein glänzendes Beispiel ab. Vielleicht gehört auch das zu den Vorbedingungen zur Konsolidierung einer demokratischen Kultur, zur Schaffung einer die Vielfalt der kulturellen Identitäten bewahrenden demokratischen Einheit in täglich erlebbarer friedvoller Nachbarschaft.

Der Kern des Problems lässt sich demnach in der Frage zusammenfassen: Wie entsteht eine Veränderung in Mentalitäten, Lebenshaltungen und Verhaltensweisen, wie verändern sich Weltanschauungen? Und die Antwort lautet: Durch eine täglich stattfindende allumfassende und vielgestaltige Erziehung in einer offenen Gesellschaft. Durch den Willen, sich Gegebenheiten und Denkweisen entgegenzustellen, die uns im Gestern gefangen halten, in einer modernen Realität, die in andere Richtungen läuft, die andere Risiken und neue Herausforderungen bereithält. Mit Konsequenz und Beharrlichkeit in einer gemeinsamen Anstrengung, die noch geraume Zeit brauchen wird, bis sie Früchte trägt.

 

© Nikos Themelis
Nikos Themelis aus Griechenland
Nikos Themelis, geb. 1947 in Athen / Griechenland, gestorben 2011.
Studium der Rechtswissenschaft an der Universität Thessaloniki/Griechenland, Promotion auf dem Gebiet des Europarechts in Köln/Deutschland (1975); Tätigkeit als Rechtsanwalt für das griechische Wirtschaftsministerium und als Berater der Europäischen Union in Brüssel sowie des ehemaligen griechischen Ministerpräsidenten K. Simitis (1996-2004), freier Schriftsteller (Romane); zahlreiche Buchveröffentlichungen, zuletzt Οι αλήθειες των άλλων, Roman (Athen 2008), Μια ζωή δυο ζωές, Roman (Athen 2007), Για μια συντροφιά ανάμεσά μας, Roman (Athen 2005), Η αναλαμπή, Roman (Athen 2003), Η ανατροπή, Roman (Athen 2000), Η αναζήτηση, Roman (Athen 1998).
Seine Romane sind ins Deutsche, Englische, Italienische, Rumänische, Türkische und Serbische übersetzt; in deutscher Übersetzung liegt vor Jenseits von Epirus (München 2001); 2000 erhielt Nikos Themelis den Nationalen Literaturpreis und den Preis des griechischen Literaturmagazins Diavazo für seinen Roman Η ανατροπή.

 

Eine Übersetzung von Birgit Hildebrand
Birgit Hildebrand, geb. 1944 in Regensburg/Bayern; Studium der Slawistik und Germanistik in München und Tübingen; 1975 - 1983 Dozentin an der Deutschen Abteilung der Aristoteles-Universität in Thessaloniki; seit 1989 freiberufliche Übersetzerin neugriechischer Literatur ins Deutsche (u.a. Alki Zei, Mimika Cranaki, Pavlos Matessis, Amanda Michalopoulou, Soti Triantafillou, Nikos Panajotopoulos, Dimitris Dimitriadis, Angela Dimitrakaki) mit Beiträgen zur Didaktik der literarischen Übersetzung bei Workshops und Seminaren (etwa für das EKEMEL in Athen und Paros); 2001 Deutsch-Griechischer Übersetzerpreis für die Übertragung von Pavlos Matessis‘ Tochter der Hündin.