Wagnis der Erinnerung

Das Klavier von Block 31

Foto: Nikola Mihov
  • Auszug: Gelesen auf Bulgarisch von der Autorin
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  • Auszug: Übersetzung auf Deutsch
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Eine Erzählung der bulgarischen Autorin Lea Cohen in einer Übersetzung von Thomas Frahm.

Foto: Nikola Mihov

In unserem Wohnblock tauchte dieses Klavier damals so unerwartet auf wie ein Ballkleid auf einem Dorffest, wie ein amerikanischer Spielfilm in unseren Kinos oder ein Rezept mit Trüffeln in der Zeitschrift »Die Frau von heute«. Inzwischen, dreißig Jahre später, haben sich die Verhältnisse empfindlich gewandelt. Heute kann man im Fernsehen zur besten Sendezeit Männer mit bäuerlichem Körperbau sehen, die ihren Bart blond gefärbt haben und dazu Ballkleider eleganter Frauen von heute tragen. Amerikanische Filme haben alle anderen fast vollkommen verdrängt. Und um die Trüffeln kümmern sich Politiker, die ihre Aufgabe so ernst nehmen, dass sie das verarmte Volk in den Medien über die kulinarischen Besonderheiten dieses kostspieligen Feinschmeckerpilzes aufklären.
Warum der Wohnblock mit der Nummer 31 sich genau neben Block 13 befand, das konnte und kann mir bis heute niemand erklären. Vor ihm folgten die Plattenbauten unseres Wohnviertels der ganz normalen arithmetischen Reihe 11, 12, 13, und plötzlich, bevor es mit 14 weiterging, war an der Nordseite des nächsten, halb nach Osten ausgerichteten Gebäudes groß die mit schwarzer Lackfarbe leicht wacklig aufgetragene Beschriftung »Block 31« zu lesen.
Als ich noch ein schwärmerischer Teenager war, träumte ich davon, in einer Straße zu wohnen, die den poetischen Namen »Akazienallee« trug oder »Vergissmeinnichtweg« – irgend etwas dergleichen –, und nicht in einem Betonbau, der nummeriert war wie ein Gefängnis. Viel später, als ich wirklich ins Gefängnis kam, erzählte mir eine Mitgefangene, dass in New York viele Straßen nur Nummern trügen. 3rd Avenue, 5th Avenue usw. Sie selbst sei dort gewesen und könne bezeugen, dass die Ecke der 5th Avenue und der 42nd Street einer der belebtesten Plätze auf der ganzen Welt sei. Da ich keine Möglichkeit hatte, ihre Behauptung nachzuprüfen, zuckte ich nur die Achseln und dachte: Vielleicht stimmt es ja sogar …
Manchmal frage ich mich, ob meine Biographie anders verlaufen wäre, wenn es nicht ein paar Leute durch Beziehungen geschafft hätten, ihren illegalen Block 31 an eine Stelle zu bauen, an der eigentlich ein Park vorgesehen war? Entschuldigung, kleiner Scherz meinerseits – Menschen wie ich hatten natürlich gar keine Biographien! Für den Fall, dass Menschen wie ich ihren Lebenslauf offiziell zu melden hatten, gab es Formulare zum Ausfüllen, »Autobiographie« betitelt.
Diese Autobiographien begannen immer mit den Worten »Ich entstamme einer …«, und wenn man Glück hatte, konnte man fortfahren mit »… armen Arbeiterfamilie«; das war der Lotteriegewinn schlechthin. Gut war auch, wenn man einer »… armen Landarbeiterfamilie« entstammte, das erfüllte auch seinen Zweck. Schlimm war es hingegen, wenn man – wie ich – schreiben musste, dass man »… einer Angestelltenfamilie« entstammte. Das war der soziale Super-GAU. Mit meinen geschiedenen Eltern – Vater Architekt, Mutter Lehrerin der Faschistensprache Deutsch – hatte ich keine großen Chancen auf eine gesellschaftlich gute Position.

Foto: Nikola MihovZu meinem Glück hatte Kosta, mein Mann, die richtige Autobiographie vorzuweisen; ihm war es zu verdanken, dass wir die Wohnung in Block 31 bekamen. Die betreffende Kommission hatte seine autobiographischen Angaben geprüft und als »zufriedenstellend« befunden und die Zuweisung einer Wohnung in der vierten Etage des Blocks mit der unpassenden Nummer amtlich veranlasst. So also landete ich dort. Ade, Akazien, ade Veilchen und Vergissmeinnicht, und was dergleichen Blütenstraßenträume mehr waren!
Die Bewohner dieses Plattenbau-Meisterwerks waren kunterbunt aus allen Ecken und Enden zusammengekratzt worden. Sie ließen sich dennoch genauestens in zwei Gruppen unterteilen. Die Trennlinie verlief zwischen den unteren und den oberen Stockwerken. In den drei obersten Etagen nämlich waren die Wohnungen groß und verfügten über Terrassen; dort lebten Leute »mit Beziehungen«, die sogar eigene Stellplätze für ihre neuen Lada-Automobile auf dem Parkplatz hatten. Man erkannte sie daran, dass sie – wenn es sich irgend vermeiden ließ – kein Wort mit uns anderen sprachen, sondern mit sichtlichem Widerwillen grußlos an uns vorbei zum Aufzug gingen. In den unteren Etagen lebten Arbeiter des großen Metallurgie-Kombinats vor den Toren von Sofia, Übersiedler aus der Provinz oder einfach Leute, denen niemand dabei geholfen hatte, einen freundlicheren Wohnplatz zu finden. Im Stadtzentrum oder in einem der südlichen Viertel, in denen die Straßen wirklich die Namen von Blumen und Bäumen, progressiven Dichtern oder heldenhaft gestorbenen Partisanen trugen, und nicht einfach nur Nummern, mit Lackfarbe auf den groben Verputz eines Betonklotzes gepinselt.
Unsere direkten Nachbarn auf der Etage unterschieden sich grundlegend sowohl von den einen wie den anderen im Haus, denn sie waren Berufsmusiker. Für uns war es ungewöhnlich, ja, geradezu verwirrend, Tür an Tür mit einer richtigen Musikerfamilie zu leben. Mich schüchterte es regelrecht ein, dass ich nicht so außergewöhnlich war wie sie, sondern nur eine normale Frau, die mit Mann und drei Kindern in einer Wohnung lebte, in der statt klassischer Klänge Kindergeschrei und die lauten Rülpser meines Göttergatten ertönten, mit denen er die großen zum Lachen und das Kleine zum Weinen brachte. Ständig roch es bei uns nach angebratenen Zwiebeln, ohne die für Kosta ein Essen kein Essen war … Aus dem Appartement der Musiker kam all das nicht: keinerlei Gerüche, kein Geschrei … Nur perlende Passagen auf dem Klavier und Geigentöne drangen ins Treppenhaus. Kurz: Bei uns war es laut wie in einer Kneipe, bei ihnen leise wie in einem Lesesaal. Da sie aber nicht in die Kneipe gingen und wir keine Bücher lasen, war der einzige Ort, an dem wir uns hin und wieder begegneten, der Aufzug oder das Treppenhaus.
Meine Mutter, eine anspruchsvolle Dame, war heftig enttäuscht, dass ich ausgerechnet Kosta geheiratet hatte. Zusammen mit einer ihrer ebenfalls geschiedenen Freundinnen hatte sie mich immer wieder in Chor- oder Sinfoniekonzerte geschleppt, um meiner Erziehung die richtige Stoßrichtung zu geben. Mit meiner Erziehung war es in ihren Augen endgültig vorbei, als sie mich dabei erwischte, wie ich den Vortragenden auf einer Dichterlesung mit Papierkügelchen bewarf und in der Oper »Pique Dame« von Tschaikowski während der Vorstellung auf meinem Plüschsessel einschlief.

Foto: Nikola MihovWie sollte ich meiner Mutter auch erklären, dass die Orte, an die Kosta mich führte, mir damals weitaus interessanter waren als ihre Lesungen und Konzerte; mehr noch, die Vorstellung von »Pique Dame«, die geschlagene vier Stunden dauerte, vergällte mir die Oper fürs ganze Leben, weil ich dies als die längste Marter empfand, der ich je unterzogen worden war.
Kosta war Hockey-Spieler; er stand bei seiner Mannschaft im Tor. Er nahm mich zu seinen Spielen und zum Training mit, und nachher in Bars und andere Gaststätten, oder direkt auf seine ihm vom Hockey-Club zur Verfügung gestellte Bude, in der der wichtigste Aufenthaltsort für uns sein Bett war. Auf diesem Möbelstück schwängerte er mich, als ich noch in die letzte, die zwölfte, Klasse des Gymnasiums ging. Mir blieb nichts anderes übrig, als die Bank im Hörsaal sausen zu lassen, auf der meine Mutter mich gern gesehen hätte, und mich mit der Auswahl eines Kinderwagens zu befassen. Sieben Jahre lang schob ich dieses Ding, denn meine Schwangerschaften wiederholten sich so zyklisch wie die Hockey-Saison.
Welche Verbindung zwischen beiden bestand, weiß ich nicht; aber als Kosta aufhörte, Hockey zu spielen, hörte ich auf, schwanger zu werden. Anfangs versuchte mein Mann, die Lücke, die die prestigeträchtige Sportart hinterließ, mit Import-Spirituosen zu füllen, die man nur mit ausländischer Valuta bezahlen konnte. Anfangs hatte er Probleme, da so leicht wie früher heranzukommen, als er dank seiner Spiele viel im Ausland war. Doch auch für dieses Problem fand Kosta eine Lösung. Er suchte sich neue Freunde, die ich still im Verdacht hatte, enge Beziehungen zur Miliz zu haben. Die schleppten ihm das teure Zeug, das rasch zu seiner fast einzigen Beschäftigung wurde, kistenweise ins Haus. Es dauerte nie lange, bis er betrunken war; dann verfiel er in Zustände, die sogar bei seinen eigenen Kindern Ekel verursachten. Welche Gegenleistungen Kosta für diesen alkoholischen Reichtum und für die Geldscheinbündel, über die er verfügte, erbringen musste, darüber wollte ich lieber nicht genauer nachdenken. Nach etwa einem halben Jahr, das Kosta im Dauerrausch verbracht hatte, beschloss ich, mir Arbeit zu suchen. Nicht des Geldes wegen, daran mangelte es bei uns nicht. Nein, dies war für mich die einzige Möglichkeit, wenigstens ein paar Stunden am Tag nicht in Kostas Nähe sein zu müssen.
Ich fing als Telefonistin bei der Post an. Der Schichtdienst verschaffte mir gewisse Freiheiten, gab mir die Möglichkeit, mit den unterschiedlichsten Leuten zu sprechen. In Kostas Gegenwart vermied ich das eher, weil er sich dauernd entweder beklagte oder zweideutige Anspielungen machte. Die hielt er selbst wohl für Zeichen seiner Aufmerksamkeit oder seines feinen Humors.
Unsere Nachbarn sahen wir selten. Doch ihr Leben erschien mir schrecklich interessant, und offenbar nicht nur mir.
»Vögeln diese Leute eigentlich nie?«, fragte Kosta mich eines Tages auf die ihm eigene, dezente Art und Weise.
»Wieso?«, fragte ich zurück, nur um etwas zu sagen.
»Na, ich hör einfach nix – kein Bettengeruckel, kein Matratzenquietschen, nichts …«
Es stimmte. Unsere Schlafzimmer trennte nur eine jener Betonplatten, die wir im Sozialismus euphemistisch »Wände« nannten, die aber die Eigenschaft hatten, sehr geräusch-, ja, sogar sehr geruchsdurchlässig zu sein. Wir hätten also in der Tat hören müssen, wenn unsere Nachbarn jener Beschäftigung nachgegangen wären, ohne die mein Mann so wenig Leben konnte wie ohne Zwiebeln.
»Dabei ist unsere Nachbarin doch ein ganz flotter Feger«, setzte Kosta seine Gedankenkette fort.
Ich schaute ihn misstrauisch an. Ich kannte ihn nur zu genau. Er betrachtete es als seine männliche Pflicht, alles Weibliche, das nicht bei Drei auf den Bäumen war, »durchzuziehen« oder zumindest – und zwar gut hörbar – seinem Begehren Ausdruck zu verleihen. Wer weiß, vielleicht wollte er auf diese Weise verhindern, dass seine alten Torwartreflexe verkümmerten – alles, was Rundungen aufwies, konnte ja ein Ball sein, musste also geschnappt werden!
Was die Nachbarin anging, so hatte ich aber mit Sicherheit keinen Grund zur Eifersucht: Sie war ein graziles, groß gewachsenes Geschöpf, das hinter sich auf dem Treppenabsatz und im Aufzug den feinen Duft eines Parfüms mit floraler Note hinterließ. Ich fragte mich, ob – und wenn: womit – sie sich eigentlich ernährte, denn von ihrer Seite der Betonplatte, die wir »Zwischenwand« nannten, drangen nie Kochdünste zu uns, wie es sonst bei allen anderen Leuten in Block 31 der Fall war. Ich konnte mir überhaupt nicht vorstellen, dass diese feine Dame meinem Kosta schöne Augen machte, zumal von dessen Sportlerfigur nicht mehr viel übrig war. Er wirkte aufgedunsen und ging immer leicht breitbeinig, so als ob ihn im Schritt ständig etwas zwickte.
Ich wusste noch nicht einmal den Namen unserer eleganten Nachbarin, bis eines Tages meine Tochter Iva angelaufen kam und sich in die Brust warf: »Mama, ich hab heute Klavier gespielt! Nina hat mich eingeladen und mir gezeigt, wie ich meine Finger auf die weißen und die schwarzen Tasten legen muss.«
»Und was hat dir Tante Nina sonst noch beigebracht?«, meldete sich Kosta neugierig.
»Dass ich sie nicht ›Tante‹ rufen soll, das wäre nicht schön.«
Ich fand, dass nun ich am Zug war. Ein paar Tage später, als aus der Nachbarwohnung weder Geigen- noch Klaviertöne erklangen, schellte ich mit einem Teller in der Hand an ihrer Tür. Einige Minuten vergingen, bis – zu meiner Überraschung – nicht Nina, sondern ihr Mann öffnete. Es war schon fast Mittag, aber er war noch im Pyjama, ungekämmt, mit schlafgeröteten Augen. In der Wohnung war es dunkel, die Vorhänge zugezogen. Er schaute mich überrascht an, gähnte, richtete seinen Pyjama und … wartete. Ich hatte am Morgen extra einen Strudel gebacken (nach einem der Lieblingsrezepte meiner Mutter) und reichte ihn ihm. Er zögerte einen Moment, dann nahm er den Teller entgegen, ordnete mit der Hand sein zerzaustes Haar, so gut es ging und erklärte: »Gestern hatten wir Aufnahme, da bin ich erst um vier Uhr morgens nach Hause gekommen. Ich kriege noch immer die Augen nicht auf. Nina ist wohl schon zur Probe gegangen. Aber kommen Sie doch herein, stehen Sie nicht so auf der Schwelle; ich mache uns einen Kaffee.«
Das ließ ich mir nicht zweimal sagen. Ich konnte mich vor Neugier kaum bremsen, endlich zu sehen, wie meine rätselhaften Nachbarn so lebten. Wir gingen in die Küche. Der Tisch war knallorange, die Stühle aus durchsichtigem Plexiglas.
So eine Buntheit hatte ich in einer stinknormalen Küche mein Lebtag noch nicht gesehen. Die Schränke antworteten auf das Orange des Tisches mit einem grellen Frühlingsgrün, das einen an Kinderspielzeug aus »Plaste« denken ließ. Eigentlich hatte diese Küche genau denselben Zuschnitt wie die meine auch; trotzdem fühlte ich mich wie in einen Wintergarten versetzt, in dem Orangenbäumchen wuchsen, und in dem ein Gärtner alles blitzsauber hielt. Ja, da konnte ich mich getrost auf einen dieser durchsichtigen Stühle setzen, ohne Angst haben zu müssen, dass ich mit einem Fettfleck am Hintern wieder aufstand.
»Schön haben Sie’s hier«, konnte ich meine Begeisterung über die Einrichtung nicht zurückhalten.
»Ja, Nina ist eine große Ästhetin. Wenn sie eine bestimmte Idee hat, dann umrundet sie zur Not die ganze Welt und – findet das Passende dort, wo niemand anderes gesucht hätte … Ich heiße übrigens Vladi, und Sie?«
»Ich – Jenny«, stieß ich hervor und fragte mich im selben Moment, warum ich nicht meinen richtigen Namen sagte, Genka. »Jenny« nannte mich eigentlich nur Mutters geschiedene Freundin, die ich reichlich hochnäsig fand.
Vladi machte Kaffee in einem kubanischen Maschinchen, und durch die Küche verbreitete sich der Duft frisch aufgebrühter Röstbohnen. Nachdem wir beide einen Schluck genommen hatten, machte er sich zu meiner Befriedigung über den Strudel her und gab seinem Gefallen sogar durch ein »mmmh« Ausdruck. Sein Pyjama war halb aufgeknöpft, so dass ich sehen konnte, wie glatt, unbehaart und fettlos sein Körper war. Während er hin und her durch die Küche lief, öffnete sich momentweise auch sein Hosenschlitz, und das, was ich dort sah, erregte mich unversehens.
»Und, Jenny, wie fühlen Sie sich hier so? Leben Sie schon lange in diesem Kasten?«
»Es ist gar nicht schlecht hier«, antwortete ich mit übertriebenem Enthusiasmus, um meine Irritiertheit über das Gesehene zu überspielen. »Wenn man einmal außer Acht lässt, dass die Kinder dauernd die Wände im Treppenhaus bekritzeln und der Aufzug einmal die Woche den Geist aufgibt. Kosta, mein Mann«, erläuterte ich, »meint, das hier wäre ein Stadtviertel mit Zukunft.«
»Und mit was für einer Zukunft?«, fragte Vladimir spöttisch.
»Na, zum Leben«, antwortete ich, verwirrt, dass sich das nicht von selbst verstand.
»Nennen Sie das etwa Leben?«, lachte mein Nachbar auf. »Hören Sie, Jenny: Geben Sie nichts auf mein Gerede, ich bin noch mies gelaunt von gestern. Ihr Strudel ist sehr lecker. Oh, ich sehe gerade, ich bin schon spät dran«, sagte er in plötzlicher Eile und fügte höflich hinzu: »Wir sehen uns wieder.«
In der Hast öffnete sich seine Pyjamajacke ganz, so dass ich unfreiwillig in den vollen Genuss seines makellosen Körpers kam, dessen weiße Glätte mächtig mein erotisches Empfinden weckte, das von den Trinkerliebkosungen Kostas zugewachsen und erstickt war. Kosta benahm sich mit mir wie mit einer Prostituierten. Was ich ganz zu Anfang aufregend gefunden hatte, das ertrug ich längst nur noch. Vladi bemerkte meinen Blick, raffte seine Jackenschöße eilig zusammen und drängte mich freundlich, aber bestimmt auf den Treppenabsatz hinaus.

»Weißt du«, sagte ich aus unerfindlichen Gründen am selben Abend zu Kosta, »ich glaube, dass unsere Nachbarn sehr guten Sex machen.«
Kosta traten die Augen aus den Höhlen.
»Du … Wie kommst du denn jetzt darauf? Hast du das persönlich getestet oder wie?«, lachte er ungehobelt. Ich grinste, als hätte ich seinen Witz verstanden, um keine weiteren Erklärungen abgeben zu müssen.
In der Woche darauf stand für den Samstag die Reinigung und Verschönerung unseres Wohngebiets auf dem Programm; das nannten wir »Leninki – Lenin’sche Samstage«. Zuständig dafür, jeden Haushalt im Umkreis über dessen Stattfinden in Kenntnis zu setzen, war Penka. Sie lebte gegenüber in einem kleinen Wohnblock und arbeitete als sogenannte »Tante« im nahen Kindergarten. Im Lesen und Schreiben war sie zwar nicht so sattelfest, aber ansonsten war sie kein schlechter Mensch. Sie vergaß nie, wann die Kinder Geburtstag hatten, und immer schenkte sie ihnen etwas. Meistens kleine Büchlein. Dazu trieb sie vielleicht genau der Umstand an, dass sie selbst kaum lesen konnte. An Ivas letztem Geburtstag hatte sie sich sogar besonders angestrengt und meiner Tochter eigenhändig eine Widmung hineingeschrieben: »Herdslichen Glükwundsch zum Gepurztag.« Es war fast wie in Winnie, the Pooh …
Diese an sich gutherzige Frau verwandelte sich jedoch in eine Furie, wenn es galt, irgend etwas in unserem Viertel zu organisieren. Als sich ihre Einsatzfreude herumsprach, wurde sie gleich offiziell beauftragt, alle Mitteilungs- und Sammeltätigkeiten in unserem Viertel auszuüben. So ging sie mit Listen in der Hand von Tür zu Tür, um mal den Mitgliedsbeitrag für das Rote Kreuz oder für die Vaterländische Front einzutreiben, mal Wohlfahrtsmarken für die Errichtung eines neuen Sozialismus-Denkmals zu verkaufen, mal Hilfsgelder für die kämpfenden Genossen in Chile, Somalia, Kuba oder sonstwo zu sammeln. Kurz, an Anlässen dafür, Penka mit ihren Listen auf die Reise durch die Flure, Treppenhäuser und Etagen zu schicken, mangelte es nicht. Ich dachte so bei mir: diese Listen hatten bestimmt einen gewissen Einfluss auf unsere »Biographie«, je nachdem, wann und wofür man sich eintrug und wofür nicht.
Mir erschien es immer besser, eine unbedeutende Summe zu spenden und sich dadurch ein bisschen Ruhe und Sicherheit zu erkaufen.
»Gar nichts werde ich unterschreiben!«, hörte ich plötzlich die feste Stimme meines neuen Bekannten Vladi aus dem Treppenhaus, dicht gefolgt von dem empörten Gekeife Tante Penkas.
Als ich vorsichtig die Tür öffnete und auf den Treppenabsatz trat, versuchte Penka gerade, meinem Nachbarn einen Kugelschreiber in die Hand zu drücken, dessen Annahme dieser aber entrüstet verweigerte.
»Begreifen Sie denn immer noch nicht, liebe Frau: Ich werde auf Ihrem Wisch da nicht unterschreiben! Weder meine Frau noch ich werden an Ihrem leninistischen oder stalinistischen Samstag da, zum Reinemachen von was auch immer, mitmachen. Wir sind Musiker und arbeiten mit diesen Händen. Das sind unsere Arbeitsinstrumente, verstehen Sie? Mir ist es untersagt, mit Schippe und Spaten zu arbeiten.«

»Hör dir den an«, wandte sich Tante Penka an mich, »der beleidigt mich. Nennt mich ›liebe Frau‹!«
Nun befand ich mich zwischen den Fronten, wagte aber nicht, Partei zu ergreifen.
»Also wir die Schippen, sie die Geigen, meinen Sie?«, schrie Tante Penka zurück. Der Zorn schien ihr die Gabe der Beredsamkeit zu verleihen. »Wir können den Spieß ja auch mal umdrehen!«
»Können wir nicht!«, widersprach Vladi ruhig.
»Und wer reinigt dann die Straße, wer pflanzt die Stecklinge ein?«
»Das ist nicht mein Problem«, beschied Vladi sie knapp.
»Da werden sich sicher Genossinnen und Genossen finden«, versuchte ich, diesen sinnlosen Streit zu schlichten.
Plötzlich kam mir in den Sinn, dass er vielleicht gar nicht mit der armen Penka stritt, sondern mit einem Staat, der sich erlaubte, ihn und seine Frau zu etwas zu zwingen.
»Schau mal, Tante Penka, wir kommen doch alle helfen, sogar die Kinder«, sagte ich. »Wer kann, der packt an. Zwing doch die Leute nicht um jeden Preis!«
»Hier unterschreiben«, ließ Penka nicht locker und hielt meinem Nachbarn erneut Klemmbrett und Kugelschreiber hin.
Er war auch diesmal drauf und dran, Penka zu brüskieren, doch auf meinen bittenden Blick hin zuckte er die Schultern und setzte seine Unterschrift in die vorgesehene Zeile, nicht ohne zu verstehen zu geben: »Das ändert gar nichts!«
»Samstag früh um neun ist Treffpunkt«, insistierte Penka. »Das gilt auch für Sie! Meine Güte – ein Vormittag … Da wird Ihrer Geige schon nichts passieren.«
»Ich habe Ihnen gesagt, wir werden nicht erscheinen!«, blieb Vladi hart und knallte ihr die Tür vor der Nase zu.
»Das werden wir noch sehen«, drohte Penka, bevor sie die Treppe hinunterlief.
Der Lenin’sche Samstag verlief wie gewöhnlich mit viel Lärm um fast nichts, wenn man sich die bescheidenen Resultate anschaute. Tante Penka gab ein paar verbogene Schippen aus, von irgendwo her tauchte auch eine Schubkarre auf. Die Männer standen in Pulks herum und rauchten Zigaretten, wir fegten vor lauter Verlegenheit wenigstens vor unserem Hauseingang. Um punkt neun Uhr kam Vladi mit seinem Geigenkoffer in der Hand heraus, grüßte höflich und verschwand. Tante Penka lief rot an vor Wut, sagte aber nichts. Wir Übrigen simulierten Tätigkeit bis zwölf, die Männer tranken ein Bier zusammen auf das Geleistete, dann liefen die Leute in alle Richtungen auseinander.
Es war Anfang Oktober. Aus dem hübschen Vorgärtchen, zu dessen Gedeih Penka so viele Türen mit ihrer Liste abgeklappert hatte, wurde auch diesmal nichts. Der Zwischenraum zwischen den Wohnblöcken blieb ein unbeackertes Niemandsland, auf dem sich nur herrenlose Hunde und leere Flaschen herumtrieben. Neuer Lenin-Samstag, neues Glück!, dachte Penka, die ganz naiv glaubte, dass es zwischen dem Namen des berühmten Revolutionsführers und der Säuberung von Wohnvierteln eine geheimnisvolle Verbindung geben müsse. So ganz Unrecht hatte sie da ja auch nicht.

Zwei Monate später klingelte es an unserer Tür. Ein Mann in Uniform sagte, er sei vom Bezirkswehramt geschickt worden und fragte: »Ist bei Dragostinovi niemand zu Hause? Ich komme jetzt schon zum dritten Mal, aber niemand öffnet.«
Ich hob zum Zeichen, dass ich auch nicht klüger sei, die Schultern.
»Ich habe da einen Einberufungsbescheid für eine Reservistenübung, der auf den Genossen Dragostinov ausgestellt ist. Zwei Mal habe ich ihm eine Mitteilung hinterlassen, er möge ihn sich abholen kommen – ohne Ergebnis. Könnten Sie ihm die Aufforderung nicht liebenswürdigerweise aushändigen?«
Mechanisch griff ich nach dem gelblichen Formular und bestätigte den Empfang in irgend einem Heft. Laut Einberufungsbescheid hatte Vladi sich schon am kommenden Dienstag um sieben Uhr früh im Hof der Militärbehörde einzufinden, um an einer sechswöchigen Wehrübung teilzunehmen.
Ich war nicht argwöhnisch, doch ich konnte nicht anders, als eine Verbindungslinie zwischen der Aufsässigkeit meines Geige spielenden Nachbarn beim letzten Lenin-Samstag und diesem Einberufungsbescheid zu ziehen, der ihn – es war inzwischen Mitte Dezember – in die Kälte zu irgendwelchen Manövern abkommandierte. Kosta, als er noch Hockey spielte, war nicht ein einziges Mal eingezogen worden! Sportler, Schauspieler, Musiker und andere Leute, deren Berufe eine erkennbare Öffentlichkeitswirkung hatten, wurden normalerweise vom Wehrdienst befreit. Wer dennoch eingezogen wurde, durfte das getrost als sozialistische Erziehungsmaßnahme, sprich: als Strafe betrachten. Genau genommen verwandelte sich jedes strenge Einhalten von Gesetzen und Regeln bei uns in eine solche. Nur die Privilegierten und die Schlaumeier konnten die gesetzlich verankerte Wehrpflicht immer und jederzeit umgehen. Für sie gab es auch keine Strafen für Fahren mit überhöhter Geschwindigkeit oder mit überhöhtem Alkoholspiegel. Die scharfen Restriktionen für den Erwerb einer Eigentumswohnung, eines Pkw oder einer Auslandsreise galten für sie ebensowenig.
Die Beziehungen, die Kosta sich im Bezirkswehramt geschaffen hatte, garantierten ihm schon seit Langem einen ruhigen Schlaf. Er hatte mir einmal gesagt, dass er mit einer Flasche Import-Whisky nachgeholfen habe, seine Wehrdienstkartei »unauffindbar« zu machen, so dass die Angestellten, die für die Einberufung der Reservisten zuständig waren, gar nicht erst auf seinen Namen stoßen konnten.
»Der Nachbar wird zu einer Reserveübung eingezogen«, teilte ich Kosta noch am selben Tag mit und zeigte ihm den Einberufungsbescheid.
Kosta lachte ungehobelt und – wie mir schien – nicht ohne Schadenfreude.
»Musiker ziehen sie selten; da muss er schon ordentlich ins Fettnäpfchen getreten sein«, kommentierte er.
»Kannst du ihm nicht aus dem Schlamassel helfen? Wir haben Winter, und er sieht mir nicht gerade wie ein Holzfäller aus. Du hast doch Beziehungen da bei diesem Wehramt …«
Kosta fuhr zusammen.
»Da schau einer an: Meine Frau macht sich Sorgen! Was kümmert das denn dich auf einmal? Da läuft doch nicht etwa irgendwas, hm?«
Ich kannte Kostas Schroffheit und wollte ihn lieber nicht provozieren.
»Nein, gar nichts! Ich hab mir nur so meine Gedanken gemacht. Immerhin sind wir Nachbarn.«
Er langte nach mir, zog mich grob an sich und langte mir unter den Rock.
»Und hier, läuft da irgendwas? Fühlt sich an, als hättest du dir recht feuchte Gedanken gemacht. Das kommt doch nicht von ungefähr?«
»Hör auf, ich kann deine Proletenmanieren nicht mehr ertragen«, zischte ich.
Kosta war bereits dabei, mich zu betatschen, und da die Kinder in der Schule waren, konnte ich mich mit nichts herausreden. Ich gab nach und ertrug es auch dieses Mal. Ich wusste, dass er danach fürs Erste beruhigt sein und mich für eine gewisse Zeit in Ruhe lassen würde.
Eine Woche später war es so weit: Nachbar Vladimir Dragostinov rückte morgens früh um sechs Uhr aus zu seiner Übung. Am Abend vorher drangen durch die dünne Zwischenwand zum ersten Mal Laute von nebenan; aber nicht etwa nur das heftige Knarren des Ehebettes, sondern auch Vladis Wutgeschrei, bald gefolgt von Ninas Schluchzen. Vladi fluchte laut auf Jan und Allemann, ohne sich im Mindesten darum zu scheren, dass nicht nur wir Worte und Satzfetzen verstehen konnten, die ich lieber gleich wieder vergaß, sondern – wie ich mit Erschauern dachte – auch andere Nachbarn.
Vladi nannte den bulgarischen Staat »verfault«, die Machthaber »Idioten«, die Nachbarn »Denunzianten und Spitzel«. Der weinenden Nina erklärte er, dass er sich nie, nie, nie (ich kann mich nicht erinnern, wie oft er dies Wort wiederholte) mit dieser Lage abfinden werde. Im Unterschied zu mir tat Kosta so, als höre er nichts, so sehr er vorher auch gelauscht hatte, als das Bett nebenan endlich einmal knarrte. Er ging ins Wohnzimmer, schaltete den Fernseher ein, drehte auf volle Lautstärke, holte sich eine Flasche Whisky aus dem neuen Karton, den kürzlich ein weißer Lada mit behördlichem Nummernschild vorbeigebracht hatte, und goss sich einen doppelten ein.
Da ich vermutete, dass Tante Penka Vladi diese Einberufung eingebrockt hatte, wechselte ich am nächsten Tag, als sie mir draußen entgegen kam, die Straßenseite und registrierte befriedigt, dass sie über meinen demonstrativen Akt unangenehm berührt war.
Der Jahreswechsel rückte näher. Ich ging ab und zu meine Nachbarin Nina besuchen, die mich auf einen Kaffee in ihre herrlich knatschbunte Küche einlud; doch die frühlingsgrünen Schränke, der fröhlich-orangenfarbene Tisch und die modern geformten Plexiglasstühle konnten ihre Sorge und Betrübnis nicht kaschieren. Sie hatten ihren Mann Vladimir in eine ziemlich weit von Sofia entfernte Kaserne geschickt, so dass sie nur zwei Mal zu den Besuchszeiten hinfahren konnte. Beide Male kehrte sie mit vom Weinen geröteten Augen zurück.
»Du solltest dich nicht so aufgeben«, sagte ich ihr eines Tages. »Auch diese Zeit geht vorüber. Bald kommt dein Mann wieder und alles – du wirst sehen – ist wie nie gewesen. Hauptsache, er übersteht die Zeit gesund, alles andere ist zweitrangig. Weißt du eigentlich, wie ich dich darum beneide, dass ihr beide so zusammen haltet?«
Das meinte ich absolut ehrlich. Nina aber schaute mich so verdattert an, dass ich erläuterte: »Weißt du, wie viele Frauen es gibt, die froh wären, wenn man ihnen ihre Männer auf diese Weise wenigstens für eine Weile abnähme?«
Als Nina mich noch immer fragend anschaute, bekannte ich: »Aber ja! Warum haben sie zum Beispiel nicht meinen Kosta eingezogen? Da hätten sie gleich zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen: Ich hätte eine kleine Verschnaufpause, und er wäre gezwungen, eine Weile mit dem Trinken aufzuhören. Einen Zacken aus der Krone brechen würde er sich dort schon nicht, und außerdem wäre er mal wieder in Männergesellschaft wie früher bei seinem Sport.«
»Vladi hasst alles, was mit Kaserne, Gewalt und Zwang zu tun hat. Darum ist es für ihn so schwer.«
»Ich weiß«, erwiderte ich in tröstender Absicht, doch Nina schaute mich verwundert an. »Es war ja unausweichlich bei diesen dünnen Betonplattenwänden, dass ich gehört habe, was dein Vladi am Abend vor seinem Abmarsch gesagt hat. Ihr müsst sehr aufpassen – das Haus ist schrecklich hellhörig.«
»Du wirst uns doch nicht anschwärzen, oder?«, fragte Nina verzweifelt und mit erschrockenen Augen. »Nicht meinetwegen, wegen Vladi. Er würde es nicht aushalten, wenn sie ihn einsperren.«
Ich verstummte, ließ mir das Gehörte noch einmal durch den Kopf gehen. Mir kam es übertrieben vor, dass Nina glaubte, sie könnten Vladi schon deshalb ins Gefängnis werfen, weil er den Staat »verfault« und die Regierenden »Idioten« genannt hatte. Derlei hörte man damals doch von allen Seiten. Vielleicht verbreitete die Miliz solche Gerüchte absichtlich, als Vorbeugungsmaßnahme, damit die Leute sich in Acht nahmen. Sie konnten ja schließlich nicht die halbe Bevölkerung hinter Gitter bringen.
»Ich weiß nicht, was ihr so vorhabt«, sagte ich ins Blaue, »aber ihr müsst wirklich sehr aufpassen.«
»Bitte, Jenny, sag es niemandem weiter. Vladi hat alles so haarklein ausgetüftelt. Aber wenn du es schon mitbekommen hast, warum soll ich damit hinterm Berg halten? Wir wollen von hier verschwinden. Vladi geht in zwei Monaten mit dem Orchester auf Tournee und wird bei unseren Freunden abtauchen. Ich habe mich zur selben Zeit für eine Gruppenreise durch Ungarn angemeldet. Da kommen wir durch Belgrad, wo man mich schon erwartet. – Bitte, Jenny, wenn man dich fragt: Du weißt von nichts!«
Ich saß da wie vom Donner gerührt und wusste nicht, was ich sagen sollte. Wie kam Nina darauf, dass ich von ihren Fluchtplänen Wind bekommen hatte? Sie mussten an dem Abend vor Vladis Abreise auch davon gesprochen haben, aber ich hatte genau das nicht mehr mitbekommen, weil mein Kosta inzwischen den Fernseher auf volle Lautstärke gedreht hatte. Nur das fehlte noch, dass er es gehört hätte!
Abends fragte ich Kosta, ob er sich daran erinnern könne, was wir an jenem Abend mitgehört hatten, doch er reagierte gar nicht. Entweder war er der Meinung, dass das typisch Frau war, alles noch einmal durchnudeln zu wollen, oder er tat so, als hätte er mich nicht verstanden. Ich versuchte ebenfalls, das Gehörte zu vergessen; doch so einfach war das nicht. Einmal ausgesprochen, war Ninas Geheimnis keines mehr, und wenn man mich danach fragte, würde ich gezwungen sein, zu lügen.

»Ich werde Devisen brauchen«, sagte mir Nina ein paar Tage später, als wir wieder einmal Kaffee an ihrem Küchentisch tranken. Sie hatte sich in den letzten Wochen sichtlich verändert. Sie hatte blaue Ränder unter den Augen, als litte sie unter chronischer Schlaflosigkeit, und war so abgemagert, dass ihr die Röcke von der Taille rutschten und über ihre dünnen Schenkel herabhingen. »Wenigstens ein paar Hundert Dollar … Kannst du die nicht von irgendwo her für mich auftreiben, Jenny?«
»Das ist ne gefährliche Sache. Und wie willst du sie außer Landes schaffen? Wenn sie das Geld bei dir finden, kannst du ganz schnell im Knast landen.«
»Mach dir darüber mal keine Gedanken, das krieg ich schon hin. Du hilf mir nur beim Beschaffen. Ich hab von meiner Mutter ein paar Juwelen geerbt, damit kann ich die Dollar bezahlen.«
Nina ging ins Nebenzimmer, wühlte im Kleiderschrank, kehrte wieder mit einem alten, dunkelblauen Säckchen aus Samt und schüttete den Inhalt vor mir aus. Ein goldener Ring mit großem Brillanten rollte über die orangefarbene Tischplatte auf mich zu. Ich nahm ihn in die Hand und begann, ihn zu mustern.
»Der ist von meiner Großmutter. Mein Großvater hat ihn ihr zur Verlobung geschenkt. Ist in Wien angefertigt worden. Hier, und dieses Armband hat meine Mama von ihrer Schwiegermutter geschenkt bekommen – Smaragd mit Brillanten. Und dann noch diese Ohrringe … Was meinst du, wie viel bekomme ich dafür?«
»Keine Ahnung! Wenn du willst, frage ich Kosta mal. Der war mit seiner Mannschaft im Westen und hat sicher in manches Schaufenster geguckt. Er hat bestimmt eine Vorstellung, was das hier wert ist.«
Statt einer Antwort tat Nina alles wieder in das Säckchen zurück und stopfte es mir in die Hand. Dann sagte sie: »Frag, wen du für richtig hältst. Ich brauche dreihundert Dollar.«
Um ehrlich zu sein, die ganze Sache gefiel mir schon in diesem Moment nicht. Ich nahm den Beutel voller Angst und mit dem Gefühl an mich, dass Nina mir ihren eigenen Kopf anvertraut hatte. Ich konnte noch nicht ahnen, dass ich wirklich einen Kopf in Händen hielt, aber nicht den ihren, sondern meinen eigenen.
Am Abend wartete ich ungeduldig, bis die Kinder schliefen, dann goss ich höchstpersönlich meinem Kosta einen doppelten Whisky ein und kuschelte mich sogar an ihn, auch wenn ich dadurch Gefahr lief, dass er mich ins Bett zerrte. Doch er betatschte diesmal bloß meinen Hintern und widmete sich dann seinem Glas, während er voller Spannung dem Geschehen auf dem Bildschirm folgte, wo eine Aufzeichnung des Sängerwettbewerbs »Goldener Orpheus« lief.
»Unsere kleine Jordanka hat ja ordentlich Holz vor der Hüttn«, äußerte er sich kompetent zur Darbietung der besagten Dame. »Man munkelt, sie hätte es sogar mit Fidel Castro getrieben.«
»Und dass sie einfach schön singt, fällt dir dabei gar nicht auf, wie?«
»Guck dir doch nur mal an, wie dicht die sich das Mikrofon vor den … Als ob sie jemandem einen – na du weißt schon. Wenn du dir das Ding so dicht vor den Mund halten würdest, könntest du auch singen …«
Mir wurde schlecht, wie ich ihn so reden hörte. Ich überwand mich, zog das Samtbeutelchen hervor, sagte: »Hier, guck mal, ich will dir was zeigen«, und schüttete den Inhalt des Säckchens auf den Tisch.
Kosta traten die Augen aus den Höhlen. »Wo hast du denn das her?«
Nina hat es mir gegeben. Erbstücke von ihrer Mutter. Will sie verkaufen. Gegen amerikanische Dollar.«
»Sind unsere lieben Nachbarn auf einmal verarmt oder wie? Und wozu brauchen sie auf einmal ausgerechnet Dollar?« Er nahm den Schmuck in die Hand. »Weißt du, wie viel das hier wert ist?«
»Keine Ahnung«, sagte ich wahrheitsgetreu.
»Das sind mindestens fünf-, sechstausend Lewa, so viel wie ein halbes Appartement. Hat deine Nina diesen Schmuck deklariert? Wenn sie den nämlich nicht gemeldet hat, dann können sie ihr ne saftige Strafe aufbrummen. Das ist Hinterziehung volkseigenen Vermögens!«
»Na, jetzt ist aber gut! Sie braucht einfach Geld für irgendwas, die Frau! Dreihundert Dollar will sie für die Klunker haben, hat sie mir gesagt.«
»Dreihundert Dollar?!« Kosta war schlagartig nüchtern. »Da müssen die sich aber ordentlich in die Scheiße reingeritten haben, diese Leute. Und jetzt raus mit der Sprache, liebe Frau, ich will keine Unannehmlichkeiten.«
»Kosta, bitte, lass mich doch«, hob ich die Stimme und versuchte, mich aus dem Schraubstock seiner Umklammerung zu befreien.
»Tacheles, hab ich gesagt, sonst ruf ich sofort meine Leute an, und dann landen deine Brillis mitsamt ihrer Eigentümerin schnurstracks bei der Miliz!«
»Ist ja gut, ich sag’s dir ja … aber nur, wenn du keine Dummheiten machst. Versprochen?«
Kosta ließ mich los, ging zum Kleiderschrank, wühlte lange darin, holte ein paar grünliche Geldscheine heraus und reichte sie mir.
»Da hast du deine dreihundert Dollar. Damit du siehst, dass ich ein vernünftiger Mensch bin. Diesen Edelschrott nehm ich mal unter meine Fittiche, aber nur, wenn du mir reinen Wein einschenkst.«
Ich nahm das Geld, seufzte und sagte: »Die beiden wollen einfach verreisen, und dafür brauchen sie ein bisschen Geld.«
»Verreisen, sagst du. Wohin wollen sie denn verreisen? Na ja, gut …«
Er ließ den Schmuck wieder in den Samtbeutel gleiten und versteckte ihn irgendwo im Schrank.
Ich war so erleichtert, dass alles vergleichsweise glimpflich abgegangen war, dass ich ihm ein Weilchen später verschwörerisch zuzwinkerte und ein weiteres Mal sein Grunzen und Schnaufen auf mir erduldete. Ich dachte währenddessen an Ninas Freude, wenn ich ihr das Geld brachte. Doch insgeheim stahl sich meine Fantasie auch fort zu dem makellosen weißen Körper Vladis, an den zu denken ich die ganze Zeit nicht aufhören konnte.
Ende Januar kehrte Vladimir von seiner Reserveübung zurück. Zu meinem Erstaunen sah er keineswegs leidend und gequält aus, sondern männlicher als zuvor, raubeiniger. Das stand ihm nicht nur gut, sondern löste bei mir auch reflexartig ein Kribbeln in jenen Zonen des Körpers aus, die unterhalb des Bauchnabels angesiedelt sind und mit genau dem Namen genannt wurden, mit dem man sie gleichzeitig verschwieg: mit Scham … Vladi wirkte so ruhig und ausgeglichen wie jemand, der Antwort auf brennende Lebensfragen gefunden hat, und dem nun nur blieb, sie in die Tat umzusetzen. Nina und ich wussten die Antwort auch, aber uns machte dies unruhig. Ich hatte ihr die dreihundert Dollar gleich am nächsten Tag gegeben. Sie hatte sie ohne Kommentar eingesteckt, ohne sich zu freuen oder andere Anzeichen emotionaler Beteiligung zu zeigen. Ich begriff, dass das für sie nur ein Teil der Last war, die sie trug, und die sie vielleicht am liebsten abgeschüttelt hätte.
Anfang März, am Abend, bevor Vladi mit dem Orchester auf die geplante Tournee ins Ausland fuhr, hörte ich durch die dünne Betonwand erneut die Laute ihrer leidenschaftlichen Zärtlichkeiten und das erstickte Schluchzen Ninas. Kosta entdeckte natürlich sofort die Regelhaftigkeit dieses Verhaltens und brachte es – bevor er wieder den Fernseher lauter drehte – auf den Punkt: »Immer wenn die da drüben sich trennen, sind sie besonders laut im Bett.«
Ich hörte das Knarren des Bettgestells, mal in langsamem, mal in schnellem Rhythmus, und mein Herz wollte stehen bleiben, so als trenne Vladi sich gerade auch von mir. Ich war so schrecklich erregt, dass mir sogar Tränen in die Augen traten bei der Vorstellung, weder Nina noch ihn, Vladi, jemals wieder zu sehen. Drei Tage nach ihrem Mann würde Nina mit Kostas dreihundert Dollar in der Tasche ebenfalls abreisen, bangend, ob alles gut gehen und sie ihren Mann am vereinbarten Ort irgendwo auf der Welt wiedersehen würde.
Mir ging es nicht anders. Mir tat das Herz weh bei dem Gedanken, dass sie für immer fort sein würden, vor allem Vladi …
Am nächsten Tag, Vladi war gerade fort, hörte ich lautes Stampfen von Stiefeln im Treppenhaus, als ich die Kinder weckte. Sie mussten um halb acht in der Schule sein; ich weckte sie immer eine Stunde früher. An der Tür der Nachbarn wurde heftig und anhaltend geklingelt. Ich schaute durchs Schlüsselloch. Auf dem Treppenabsatz standen zwei Uniformierte und ein Zivilbeamter. Die Tür ging auf, Nina erschien im Türrahmen. Sie sah erschrocken und verwirrt aus.
»Wir müssen eine Hausdurchsuchung bei Ihnen machen. Hier der Befehl. Wir haben Hinweise bekommen, dass Sie illegal mit Fremdwährung handeln und die Absicht hegen, das Land ohne Erlaubnis zu verlassen.«
Der Zivile schubste die verdutzte Nina in ihre Wohnung zurück, dann folgten die drei Beamten ihr hinein.
»Was spionierst du denn da schon wieder? Hast du nix anderes zu tun?«, zog mich Kosta unsanft vom Schlüsselloch zurück.
»Aber … da sind welche gekommen … Nina verhaften.«
»Na und? Löffelt halt jetzt aus, was sie sich eingebrockt hat.«
»Aber Kosta, woher wissen die …«
Mein Mann schaute mich finster an, drehte sich um und ging ins Bad. ›Um Himmels Willen‹, dachte ich erschrocken, ›er hat sie doch tatsächlich reingerissen.‹
Ich stellte mir nur Vladis Gesicht vor. Seinen vorwurfsvollen Blick. Die Worte, die er mir vermutlich sagen würde – sicher nicht die nettesten, die eine Frau von einem Mann hören konnte. Da dachte ich nicht weiter nach, riss die Tür auf, eilte hinaus und betätigte nun meinerseits heftig und anhaltend den Klingelknopf der Nachbarn. Der Zivilbeamte öffnete, und noch bevor er irgend etwas sagen konnte, war ich schon im Zimmer und rief: »Gib mir sofort die dreihundert Dollar wieder!«
Nina schaute mich verständnislos an.
»Na, die, die ich dir gegeben habe, damit Kosta nichts bei mir entdeckt.«
Der Zivile schnaufte misstrauisch, doch ich ließ mich nicht beirren.
»Es ist schließlich mein Geld, was soll ich groß drum herum reden. Nur … mein Mann sollte nichts davon erfahren. Erst neulich hat er mir den Schmuck abgenommen, den ich so günstig gekauft hatte. Den wollte er der Miliz übergeben, – als ob die sich für so einen Kram interessiert!«
»Was für Schmuck?«, wurde der Zivile hellhörig. »Von Schmuck stand in dem Hinweis, den wir bekommen haben, nichts. Darin war nur von illegalem Besitz von Devisen die Rede.«
»Ach, was weiß ich denn, was Kosta für dummes Zeug erzählt. Das Geld und die Juwelen gehören beide mir.«
»Na, dann wollen wir uns diese edlen Steinchen doch mal näher ansehen«, schritt der Zivilbeamte zur Tat.
Ich wartete gar nicht erst darauf, eigens aufgefordert zu werden, sondern schleifte sie geradezu hinter mir her in unsere Wohnung. Im Bad lief noch das Wasser, bestens. Ich öffnete den Kleiderschrank und begann, das Samtbeutelchen zu suchen, doch so gründlich ich auch wühlte, ich fand es nicht. Der Zivilbeamte wartete eine Weile, dann kürzte er die Sache ab: »Sie kommen am besten mal mit uns aufs Revier.«
Kosta kam, in ein Handtuch gewickelt, aus dem Bad, ließ den Blick mürrisch über die fremden Männer in seinen eigenen vier Wänden gleiten, doch als er etwas zu sagen versuchte, hatte ich mir schon meine Handtasche geschnappt und war hinaus auf den Treppenabsatz getreten. Nina war vor dem Aufzug zusammengesackt, weiß wie die Wand. Sie versuchte, mich festzuhalten, doch ich riss mich los und verließ Block 31 zusammen mit den drei Polizeibeamten.
Sie brummten mir achtzehn Monate auf wegen illegaler Geschäfte mit nichtdeklarierten Wertsachen und Fremdwährung, nachdem ich gestanden hatte, dass ich mich schon seit Längerem damit beschäftigte. Acht Monate saß ich im Gefängnis. Um der Wahrheit die Ehre zu geben – es war nicht so schlimm, wie ich es mir vorgestellt hatte. Die Frauen dort waren sehr mitteilsam. Abends, manchmal sogar tagsüber, spielten wir Karten. Wir bekamen, wenn auch rationiert, gar nicht mal schlechte Zigaretten. Das Wichtigste aber: Ich bekam Kosta in dieser Zeit so gut wie gar nicht zu Gesicht. Nur die Kinder vermisste ich sehr. Ich wollte nicht, dass Kosta sie zu den Besuchszeiten mitbrachte, damit sie mich nicht in Gefängniskluft und mit einem Kopftuch auf dem Kopf sahen, als wäre ich eine Typhuskranke.
»Weißte, was der Unterschied zwischen ’nem Gefängnis und deinem Grab ist?«, fragte mich eine Mitgefangene einmal. Ich schüttelte den Kopf. »Aus dem Gefängnis kommste irgendwann wieder raus«, löste sie das Rätsel. Es war dieselbe, die auch in New York gewesen war. Genau deswegen war sie auch hier gelandet. Nur dass sie nicht wegen dreihundert Dollar einsaß wie ich, sondern wegen dreitausend, und die sollten nicht ausgeführt, sondern nach Bulgarien eingeführt werden. Ihre Tante hätte ihr die geschenkt, ohne sich zu überlegen, welchem Risiko sie ihre Nichte damit aussetzte. Als mir mitgeteilt wurde, dass ich vorzeitig entlassen würde, weinten wir beide beim Abschied. Die anderen, die um uns rum standen, schnieften nur. Ja, diese Frauen im Knast waren mir menschlich näher als alle, die ich draußen kannte.
Das Erste, was mir auffiel, als ich nach Hause kam, war das ausgewechselte Namensschild an der Tür der Dragostinovi. Man konnte links und rechts aber noch die Spuren der beiden Schrauben sehen, die das Messingplättchen mit ihren kunstvoll geschriebenen Namen gehalten hatten.
»Wer lebt denn jetzt in der Wohnung nebenan?«, fragte ich meine große Tochter.
»Einer von der Miliz ist da vor ’nem Monat eingezogen«, antwortete sie mir.
»Und Nina?«
»Oh, die ist weg, schon damals, nachdem …«
Ich seufzte erleichtert auf. Sie hatte es also auch ohne Kostas dreihundert Dollar geschafft, den Weg zu ihrem Vladi zu finden, und das freute mich ungemein.
Eine Woche später klingelte es an der Tür. Es war ein schlanker Mann mittleren Alters, der ein Mädchen im Alter meiner kleinsten Tochter an der Hand hielt.
»Wir kommen wegen des Klaviers«, erklärte er mit leiser Stimme.
»Wie – wegen des Klaviers?«, fragte ich überrascht.
Der Mann zog eine Ausgabe der »Abendnachrichten« hervor, in der einmal wöchentlich Anzeigen veröffentlicht wurden, und wies mit dem Finger auf einen kleinen Textblock.
»Hier, sehen Sie: ›Verkaufe Klavier‹. Es soll für sie sein«, fügte er entschuldigend hinzu und wies auf das kleine Mädchen an seiner Hand, ein blasses Kind mit Schatten unter den Augen.
»Der Mann ist im Augenblick wohl nicht zu Hause. Schreiben Sie mir Ihre Telefonnummer auf, dann sage ich ihm Bescheid, dass er sich bei Ihnen melden soll.«
Der Mann suchte lange in seinen Taschen, fand schließlich einen Kugelschreiber und schrieb ein paar Ziffern auf die Rückseite einer entwerteten Straßenbahnfahrkarte.
Ich zerknüllte das Papierchen schon, als die Aufzugtür sich hinter den beiden noch nicht geschlossen hatte. Auf einmal merkte ich nämlich, dass der bloße Gedanke, Ninas Klavier könne Block 31 verlassen, mir so unerträglich war, als nähme man mir die letzte Hoffnung fort. Mir kam sogar kurz in den Sinn, dass ich gar nicht zu Kosta zurückgekehrt wäre, wenn nicht dieses Klavier gewesen wäre, das Wand an Wand mit unserer Wohnung stand. Das war Unsinn, klar, denn natürlich war ich wegen der Kinder zurück gekommen, vor allem wegen der kleinen Iva, aber … Ich hatte bis dahin nie eine Anhänglichkeit an Gegenstände entwickelt, so wie es bei Kosta mit seinem neuen Lada war oder bei meiner Mutter mit ihrem Farbfernseher, den sie sich durch Beziehungen besorgt hatte. Doch Ninas Klavier mit seiner schönen, schwarzlackierten Oberfläche, die wie ein Spiegel Menschen und Dinge reflektierte, und auf dem Nina solche bravourösen Läufe gespielt hatte, dass es durch den ganzen Block und bis auf die Straße perlte wie der Freude schöner Götterfunken, dieses Klavier, in das NIna viel Trauer und so viel Lebensfreude hineingespielt hatte, war für mich etwas Lebendiges geworden, das ein Herz, eine Seele, einen Atem besaß. Nein, ich wollte es einfach nicht verlieren. Nicht auch noch das Klavier, nachdem schon Nina und Vladi für immer fort waren. Ich beschloß spontan, es zu kaufen, egal um welchen Preis.
Den ganzen Tag lauschte ich an der Tür. Als ich hörte, wie nebenan der Schlüssel im Schloss herumgedreht wurde, stürzte ich mich sofort hinaus und mit dem liebenswürdigsten Lächeln, das mir zu Gebote stand, auf den Mann in Polizei-uniform zu, der neben uns eingezogen war.
»Hallo, ich bin Jenny, Ihre Nachbarin. Nina hat mir ihr Klavier für meine kleine Tochter versprochen, und ich wollte es mir gern heute abholen kommen. Selbstverständlich bezahle ich Ihnen dafür, was Sie haben wollen. Die Kleine hat angefangen, Stunden zu nehmen, und wir brauchen unbedingt ein eigenes Instrument.«
»Eine Nina kenne ich nicht! Ich hab die Wohnung möbliert gemietet, so wie sie war, mit dem Klavier. Aber was soll ich damit, das Ding ist irgendwie nicht Fisch, nicht Fleisch. Zu nix richtig zu gebrauchen! Man kann ja höchstens zwei Blumentöpfe draufstellen, und dafür nimmt es mir einfach zu viel Platz weg. Für zweihundert Lewa können Sie’s haben«, erwiderte der Mann, und ich ging rasch das Geld holen, bevor er es sich anders überlegte.
Ich wollte die Transaktion abschließen, so schnell es irgend ging. Bis Mittag fand ich zwei Zigeuner, die das Piano mit Tragegurten von der Nachbarwohnung in meine schafften. Nachdem ich die Möbel verstellt und es an einen geeigneten Platz in der Ecke gerückt hatte, sah es so aus, als hätte es schon immer dort gestanden. Ich hob behutsam den Deckel von den Tasten und fuhr mit den Fingern darüber. Was für ein blitzsauberer Silberklang! Mein Kopf vervollständigte sofort das Fehlende und rief mir neben Ninas perlenden Läufen auch die Griffe und romantischen Kantilenen ins Gedächtnis, die Vladi mit so viel Gefühl auf seiner Geige gespielt hatte. Ich schloss den Deckel und öffnete die obere Abdeckung. Das hatte Nina immer so gemacht, wenn sie wollte, dass der Klang lauter war. Drinnen entdeckte ich ein Säckchen mit Mottenpulver, das an einem der Querbalken des Gehäuses aufgehängt war. Ich holte es vorsichtig heraus und entdeckte darunter ein weiteres Säckchen; es war – dunkelblau und aus Samt. Mit zitternden Fingern nahm ich es an mich. Drinnen klimperte es. Ich schüttete den Inhalt auf die Tastaturabdeckung: Es war Ninas Schmuck. Ich konnte es nicht glauben. Kosta hatte doch nicht etwa die Reue gepackt? Während ich mich in Vermutungen verlor, merkte ich gar nicht, dass Kosta nach Hause gekommen war.
»Was ist denn hier los? Hast du diesen Klimperkasten hier angeschafft?« Dann entdeckte er den Beutel in meiner Hand. »Gib das sofort her«, versuchte er, ihn mir abzuluchsen, doch ich verbarg ihn blitzschnell hinter meinem Rücken.
»Kosta, du hast ja doch ein Gewissen! Hast Nina ihren Schmuck zurückgebracht. Warum hast du mir denn nichts gesagt?«
Ich war beinahe gerührt. Immer hatte ich gehofft, dass Kostas Ungehobeltheit nur die unter Männern übliche Tarnung für ein weiches Herz war, das vielleicht unter dem sang- und klanglosen Ausscheiden aus seiner Sportlerkarriere litt, vielleicht auch unter dem Misserfolg im Leben, das aber im Grunde einem guten Menschen gehörte, der alle Anlagen zu einem liebenden Gatten und guten Vater hatte.
»Du bist wirklich ne dumme Pute! Während du damals mit den Bullen dummes Zeug gefaselt hast, hab ich die Klunker erst mal aus dem Schrank in den Toilettenkasten verfrachtet.«
»… Und dann hast du sie Nina zurück gegeben.«
»Eh, einen Besuch habe ich ihr schon abgestattet, bevor sie abgedampft ist. Sie hat mich auf Knien angefleht, sie nicht zu verpfeifen. Wie du siehst, hab ich sie nicht verpfiffen, obwohl das ein Leichtes gewesen wäre. Sie hat mich aber auch sehr sehr verlockend darum gebeten …«
Kosta zwinkerte mir verschwörerisch, aber mit einem dreckigen Grinsen zu und ergänzte, für den Fall, dass ich seine delikate Andeutung nicht verstanden hatte: »Sie ist wirklich klasse im Bett!«
Ich glaubte ihm kein Wort. Das sagte er nur, um sich dafür zu rächen, dass ich ins Gefängnis gegangen und ihn sich selbst überlassen hatte; vielleicht war er auch eifersüchtig und wollte mir mein »Interesse« an Vladi heimzahlen. Auf die Idee, dass ich es vielleicht auch seinetwegen getan haben könnte, damit er und ich vor den Leuten nicht als Denunzianten und schlechte Nachbarn dastanden, kam er wohl gar nicht.
»Sie war anscheinend sogar so klasse, dass du ihr glatt ihren Schmuck wiedergegeben hast.«
»Du bist wirklich ein Schafskopf! Wozu das denn? Den konnte sie doch gar nicht mitnehmen. Damit hätten sie sie an der Grenze wie nix geschnappt, und dann hättest du wohl Gesellschaft im Knast gekriegt. Nee, ich hab sie einfach im Klavier versteckt, als ich bei ihr war, und als dann überraschend der Fritze von der Miliz nebenan eingezogen ist, hab ich ihm gleich gesagt, ich würd ihm das Ding abkaufen. Bist mir zuvor gekommen. Da hast du endlich mal was richtig gemacht, Schätzchen. Was haste ihm denn gegeben dafür?«
»Zweihundert Lewa«, sagte ich mechanisch und wie abwesend.
»Das ist ein schönes Schnäppchen! Wenn wir das verkaufen, kriegen wir mindestens tausend dafür!«
»Kommt nicht in Frage!«, sagte ich fest. »Das Klavier gehört mir, das wird unter keinen Umständen weiter verkauft, und den Schmuck – den übergebe ich ordnungsgemäß der Miliz. Und was die Nachbarin angeht: Schön, dass du sie gebumst hast, da sind wir wenigstens quitt. Ihr Mann war auch ein toller Liebhaber.«
Ich wartete schon ungeduldig darauf, dass er mich schlagen würde; dann wäre wenigstens alles ein für allemal aus und vorbei gewesen. Und seine Schläge wären auch der Beweis gewesen, dass er mir die Sache mit Vladi glaubte. Aber er lief nur rot an und kriegte feuchte Augen, die vor Spannung aus ihren Höhlen zu springen drohten. Ich roch förmlich, wie er seine ganze Gemeinheit an mir auslassen wollte. Sie hatte die Farbe und den Geruch von Galle, in der sein Magen sicherlich schon schwamm. Doch, o Wunder – er beherrschte sich! Er schluckte seine Galle brav wieder herunter und klärte mich auf: »Die Miliz bin ich, du Drecksnutte, falls du das noch nicht gemerkt haben solltest!«
Dann riss er mir das Säckchen aus der Hand und stopfte es sich in die Tasche. »Deinen Klimperkasten kannste behalten«, sagte er noch, bevor er die Haustür hinter sich zuknallte und die Treppe hinabstampfte. Ja, das mit dem liebenden Gatten und guten Vater war wohl doch nichts fürs Leben, sondern eher etwas für den Text seiner Todesanzeige …
Ninas Klavier steht bis auf den heutigen Tag an jenem Platz, den ich dafür vor Jahren ausgewählt hatte. Iva, meine kleine Tochter, hat ganz ordentlich spielen gelernt, aber als sie in die Pubertät kam, war es mit der Herrlichkeit auch schon wieder vorbei. Ich habe es weder da noch später verkauft, als Kosta mich endgültig verließ, und ich wirklich Geld brauchte.
Inzwischen spielt Ivas Tochter, ein sechsjähriger Springinsfeld mit lebendigen Augen und flinken Fingerchen, darauf, und entlockt dem schwarzlackierten Prachtstück schon einige hübsche Melodien. Ich träume von der Zeit, in der sie einmal solche rauschenden Passagen hinbekommt wie einst Nina. Will man den Gerüchten in Block 31 Glauben schenken, so hat sie ihren Mann in Deutschland wohl erreicht.
Beide sind nie wieder nach Bulgarien, nach Sofia, in unser Viertel zurück gekehrt.
Auch der Block mit der Nr. 31 existiert offiziell nicht mehr. Um mit der verqueren Nummerierung Schluss zu machen, hat man ihm einen Straßennamen verpasst. Zu meinem Bedauern ist dies kein Blumennamen, und auch nicht der Name eines jung an Tuberkulose verstorbenen Dichters, sondern der eines zaristischen Generals, dem die Kommunisten fälschlicherweise die Kugel gegeben hatten. Das ärgert sicher den einen oder anderen meiner Nachbarn, denn hin und wieder wird das Schild mit einem Hakenkreuz bekritzelt, dann – als Retourkutsche – mit einem fünfzackigen roten Stern. Dadurch ist der Namensteil »General« nicht mehr zu lesen.
Aber unsere Leute haben sowieso nie aufgehört, diese Ecke unseres Viertels »am Block 31« zu nennen.

     

    © David Marchon
    Lea Cohen aus Bulgarien
    Lea Cohen, geb. 1942 in Sofia/Bulgarien, lebt in der Schweiz; Studium der Klavier- und Musikwissenschaften in Sofia und Utrecht; Promotion 1975; von 1975 bis 1979 leitete sie die Philharmonie von Sofia; Vertreterin der demokratischen Opposition im bulgarischen Parlament (1990); bulgarische Botschafterin in Brüssel (1991-1996) und Bern (1997-2001); seit 2002 leitet sie die Agentur für kulturellen Austausch mit Bulgarien „Ardente“; Lea Cohen verfasste Bücher im Bereich der Musikwissenschaft („Paul Hindemith“, Monographie, „Narodna Kultura“, 1967; „Liubomir Pipkov“, Monographie, „Narodna Kultura, 1969, „Monsieur Croche et Monsieur Debussy“, „Muzika“, 1988); sie veröffentlichte acht Romane und ein Theaterstück, zuletzt Konsortium Alternus (Das Calderon Imperium), Roman (Riva, 2005 und Ciela, 2008); Кандидатът за президент (Der Präsidentenkandidat), Roman (Ciela, 2007), Близка връзка (Die nahe Verbindung), Roman (Ciela, 2008), Преследвачът на звуци (Der Klangermittler), Roman (Ciela, 2009), Горчивата череша (Der bittere Kirschbaum), Theaterstück. Premiere - September 1999 bei den internationalen Festspielen "Apollonia", Sosopol, Bulgarien; Floriada, Roman, (Gal-Iko 1999 und Ciela 2010); Кратката вечност на Алма (Die kurze Ewigkeit der Alma M.), Roman (Kraliza Mab, 1997und Gal-Iko, 1998); Докато смъртта ни раздели (Bis der Tod uns scheidet), Roman (Kraliza Mab, 1996 und Gal-Iko, 1999). Ihr Roman Das Calderon Imperium wurde ins Deutsche übersetzt und erschien im Februar 2010 beim Zsolnay Verlag in Wien.

     

    Eine Übersetzung von Thomas Frahm
    Thomas Frahm, geb. 1961 in Duisburg, lebt heute als Publizist und Übersetzer aus dem Bulgarischen in Sofia. Derzeit arbeitet er an der Übersetzung des zweiten Teils der Bulgarien-Romantrilogie Vladimir Zarevs, deren erster Teil unter dem Titel Familienbrand 2009 beim Deuticke-Verlag in Wien erschienen ist. Frahm wurde 2009 mit einem Arbeitsstipendium des Deutschen Übersetzerfonds und 2010 mit der Nominierung für den Brücke-Berlin-Preis des Goethe-Instituts für Bitieto/Familienbrand von Vladimir Zarev ausgezeichnet.