Wagnis der Erinnerung

Chalki - Das Gefühl der Leere und das Radfahren

Eine autobiographische Notiz des griechischen Autors Petros Markaris in einer Übersetzung von Michaela Prinzinger.

Jedes Mal, wenn ich an Chalki zurückdenke, verspüre ich eine große Leere. Ich weiß, dass dieses Gefühl der Monotonie etwas mit meinen Jugendjahren zu tun hat, die ich auf der Insel verbracht habe. Doch immer wieder wundere ich mich, dass es nach so vielen Jahren meine Erinnerungen immer noch so stark prägt.

Fast alle Inseln haben zwei Gesichter: ein sommerliches und ein winterliches. In den dazwischen liegenden Jahreszeiten, im Frühling und im Herbst, bereiten sie sich auf die jeweilige Verwandlung vor. Das gilt auch für die Prinzeninseln, doch es gibt einen grundlegenden Unterschied: Die Prinzeninseln waren keine Urlaubsorte, sondern Sommerfrischen. Dadurch entwickelten sich andere Beziehungen zwischen den Inselbewohnern und den »Fremden«.

Auf den griechischen Inseln, die vorwiegend Touristenziele sind, bleiben die Beziehungen zwischen den Einheimischen und den Gästen zumeist förmlich und geschäftsmäßig. Auf den Prinzeninseln jedoch entstanden feste Bindungen zwischen den Inselbewohnern und den Sommergästen, die jedes Jahr neu aufgefrischt wurden. Beide Parteien machten genau dort weiter, wo sie im letzten Herbst unterbrechen mussten, als hätte es weder Winter noch Frühling gegeben. Daraus ergab sich, dass Chalkis sommerliches Antlitz – im Hinblick auf die zahlenmäßige und soziale Zusammensetzung der Bevölkerung – ganz anders aussah.

Die Familien, die Jugendlichen und die Kinder, die zur Sommerfrische kamen, erweckten nicht nur die Insel, sondern auch die Freundschaften aus dem vergangenen Sommer zu neuem Leben. Diese Verwandlung manifestierte sich zunächst einmal an den Fahrrädern. Nicht nur die Anzahl der auf der Insel zirkulierenden Fahrräder änderte sich, sondern auch die Art, wie man damit fuhr: Im Winter erblickte man da und dort einen vereinzelten Radfahrer, im Sommer hingegen defilierten gleich zwei oder drei Räder hintereinander vorbei.

Als ich Jahre später in »fahrradfreundlichen« Städten wie Cremona, Modena oder Zürich zu Besuch war, fiel mir auf, dass jedermann mit dem Fahrrad unterwegs war. Auf den Prinzeninseln hingegen diente das Fahrrad ausschließlich den jungen Leuten als Fortbewegungsmittel. Unsere Eltern gingen zu Fuß oder sie fuhren im »araba«, wie man die vierrädrigen Pferdekutschen nannte. Die Fahrräder auf den Inseln folgten demselben jahreszeitlichen Zyklus wie die Sommerkleidung. Genau so, wie man am Ende des Frühlings die Schränke und Truhen öffnete, um die Sommerkleidung herauszuholen, zu lüften und zu bügeln, brachten wir unsere Fahrräder auf Hochglanz, ölten sie und polierten ihre Chromteile, bevor wir mit ihnen auf der Straße spazieren fuhren.

Die Fahrräder verkörperten auf den Inseln ein Statussymbol, ganz so wie heute die Automobile. Auf der untersten Stufe stand die Importware aus den sozialistischen Staaten beziehungsweise aus den Ländern »hinter dem eisernen Vorhang«, wie man damals sagte. Am verbreitetsten davon waren die Produkte aus der DDR. Alle anderen Räder waren Markenerzeugnisse aus dem Westen, die aus England oder Frankreich importiert wurden. Die Jugendlichen aus der Mittelschicht fuhren die englischen BSA und Rudge, darunter auch ich, oder die französischen Peugeot-Räder. Zu den Marken, welche die Oberschicht bevorzugte, zählten Räder mit Gangschaltung, die französische Marke Automoto und die englische Raleigh. Fahrräder aus Westdeutschland fand man selten. Obwohl das hochgelobte deutsche Wirtschaftswunder damals in aller Munde war, wurden die deutschen Produkte in der Türkei kein Exportschlager.

Der zentrale Fahrrad-Boulevard auf Chalki begann beim Sommerhaus von Ismet Inönü, einem Weggefährten Atatürks. Die erste Raststation befand sich etwa dreihundert Meter weiter, bei Agisilaos’ Kafenion, die zweite bei Etems Ausflugslokal, nicht weit davon entfernt. Heute findet man keine Spur mehr von diesen beiden schattigen, unter Kiefern gelegenen Kafenions, in denen auch – vorwiegend am Sonnabendvormittag – gerne unsere Eltern saßen. Bei Agisilaos verkehrten die Griechen, bei Etem die Juden.

Nach diesen beiden Haltepunkten lag die große Inselrundfahrt vor einem, die noch zwei weitere Anlaufstellen aufwies. Beide waren unter der Bezeichnung »Brückchen« bekannt, doch der Name täuschte, da weit und breit nichts an eine Brücke erinnerte. Der erste Zwischenstopp war ein Halbrund, der Spielfläche eines antiken Theaters ähnlich, und der zweite lag vierhundert Meter weiter und war im Grunde ein lang gestreckter Schutzwall aus Gitterstäben, den man vermutlich als eine Art Leitplanke errichtet hatte, um die Pferdekutschen vor einem Sturz in den nahe gelegenen Abgrund zu bewahren.

Doch wir blieben zumeist schon beim ersten Halt hängen, und zwar aus einem einfachen Grund: Das erste »Brückchen« war der Mädchentreff. Daher gab es keinen Grund, weiterzufahren. Gewiss war der Sonnenuntergang vom zweiten »Brückchen« aus wesentlich eindrucksvoller anzusehen, doch welchen jungen Mann kümmert schon das Abendrot oder das Mondlicht? Solche Dinge wurden vielmehr von unseren Eltern geschätzt, die im August im Mondenschein Eselritte unternahmen. Uns ließen solche Dinge kalt.

Ich weiß zwar nicht wieso, aber auf den Prinzeninseln erheben zwei Klöster den Monopolanspruch auf den tollsten Sonnenuntergang. Das eine ist das Makarios-Kloster auf Chalki. Es liegt auf dem Scheitel einer der beiden höchsten Erhebungen der Insel, die an Kamelbuckel erinnern (daher auch der türkische Name Heybeliada, die Buckelinsel). Um zum Kloster zu gelangen, musste man an der Militärschule für Fernmeldetechnik vorbei nach links abbiegen und einen von Eichen gesäumten Pfad hochlaufen. Das Kloster verfügte über ein winziges Kapellchen. Früher gab es dort auch einen Gärtner, der Römer- und Kopfsalat anbaute. Die Jahre vergingen, der Gärtner starb ohne Nachfolger, und im Kloster verblieben nur mehr ein paar alte Kiefern und ringsherum die Weite der Landschaft.

Das Kloster blickt auf die Nachbarinsel Antigoni (Burgaz). An den Abenden kann man hier einen der schönsten Sonnenuntergänge im Marmarameer erleben. Zur österlichen Auferstehungsfeier gingen wir entweder zum Makarios-Kloster oder zum Agios-Georgios-Kloster, das oberhalb der Kadettenanstalt lag und nicht dem Ökumenischen Patriarchat von Konstantinopel, sondern der Bruderschaft vom Heiligen Grab des Griechisch-Orthodoxen Patriarchats von Jerusalem unterstand. Zur Messe am Ostersonntag pilgerten wir hoch zum Theologischen Seminar von Chalki, um das Evangelium in den jeweiligen Landessprachen der dort studierenden Geistlichen zu hören: auf Griechisch, Serbisch, Russisch, Türkisch, Französisch und in vielen anderen Sprachen.

Den eindrucksvollsten Sonnenuntergang genoss man jedoch nicht vom Makarios-Kloster, sondern vom Agios-Georgios-Kloster auf Prinkipos (Büyükada) aus. Der Aufstieg war zwar beschwerlich, doch sobald man den Gipfel erklommen hatte, wurde man für die Mühe reichlich belohnt.

Heute wandern nur mehr wenige zum Makarios-Kloster, während das AgiosGeorgios-Kloster zwischen Frühjahr und Herbst rege besucht wird. Ai Giorgis, wie es von den Istanbuler Griechen genannt wird, ist sehr alt, doch es sind nicht nur Klosterbesucher oder Pilger, die den Aufstieg auf sich nehmen. Viele besuchen nur das Ausflugslokal nebenan, um Kaffee, Tee oder Raki zu trinken und die Aussicht zu genießen. Beide Gruppen nehmen jedoch für sich in Anspruch, Ai Giorgis sei das Ziel ihres Gipfelsturms.

Auf Chalki gibt es noch eine dritte Abtei: das Arsenios-Kloster. Die Istanbuler Griechen nennen beide nur kurz »Makarios« und »Arsenios«. Nach dem zweiten Brückchen bog man nach rechts ab und kurz darauf gelangte man über ein schmales Sträßchen ans Ziel. Arsenios war unser nachmittäglicher Treffpunkt. Wir fuhren mit den Fahrrädern hin, spannten das Volleyball-Netz vor dem Kloster zwischen zwei Kiefern auf und spielten bis zum Einbruch der Dunkelheit.

Warum denn so ein weiter Weg, nur um ein bisschen Volleyball zu spielen, könnte man einwerfen, wo es doch zwei ausgedehnte Brachen auf der Insel gab, die viel näher lagen? Schon richtig, nur beide Seiten des Arsenios blickten aufs Meer hinaus, und in der Mitte lag ein Kiefernhain. So konnten wir im Schatten der Bäume bis zur Erschöpfung Volleyball spielen und danach ins Meer springen.

Wenn man ins Kloster tritt, so blickt man rechts auf einen abschüssigen Hang, der zu einem von Kiefern bestandenen Strand hinab führt. Links blickt man auf das letzte Stück von Prinkipos, und um zum Meer zu gelangen, muss man die Klosteranlage durchqueren. Dort unten gab es keinen Strand, sondern einen großen Felsen, den die Bewohner von Chalki »Vogeldreckbrocken« nannten, da er vom Möwendung ganz weiß war. Und von der Spitze des Felsens sprangen wir geradewegs in die Tiefe.

Über dieses Gefühl der Leere und Langeweile hinaus erinnere ich mich besonders intensiv an die Kiefernwälder von Chalki. Mir ist bewusst, dass sowohl Prinkipos wie auch Antigoni zumindest vor den verheerenden Bränden einen großen Waldbestand hatten, doch keine der beiden Inseln konnte sich mit Chalki messen. Wenn sich das Linienschiff von Antigoni der Küste entlang dem Schiffsanleger von Chalki nähert, sieht man nichts als Kiefernwälder.

Ich bin in meinem Leben viel herumgekommen und reise zum Glück immer noch viel, doch zumindest in Europa bin ich auf keine andere Insel mit soviel Grün wie Chalki gestoßen. Als ich Jahre später nach und nach das Griechenland jenseits von Athen und dabei auch die Kykladen besuchte, fiel mir der Unterschied ins Auge. Die Kykladen weisen keinerlei Ähnlichkeit mit Chalki und den Prinzeninseln auf, doch die felsige Landschaft mit ihren weißen Häusern mitten in der Unendlichkeit der Ägäis verfügt über eine ihr eigene Schönheit, die mich reichlich für den Verlust von Chalki entlohnt.

Die Fahrradtouren, das Volleyballspiel und das Baden im Meer fanden gegen sieben Uhr abends ein Ende, und Frauen wie Männer, Kinder wie Alte, Mädchen wie Jungen spazierten zum Schiffsanleger hinunter. In Wirklichkeit spielte sich die Fortsetzung der Fahrradtour am Schiffsanleger ab – doch diesmal ohne Fahrrad. Während wir von Ismet Inönüs Sommerhaus bis zu Etems Ausflugslokal und wieder zurückspazierten, pendelten wir unzählige Male zwischen Schiffsanleger und Hafen und zwischen Hafen und Schiffsanleger hin und her.

Unsere Mütter saßen mit ihrem Strickzeug in den kleinen Kaffeehäusern und führten jeden Abend die gleichlautenden, einförmigen Gespräche, während unsere Väter in denselben Lokalen getrennt von den Frauen Tavli oder Preferance spielten, genau wie in den Kafenions in Griechenland. Ich weiß nicht, ob in der Türkei das Preferance-Spiel noch betrieben wird, doch in Griechenland ist dieses Kartenspiel mit seiner langen Tradition von anderen Spielen verdrängt worden, die sich besser zum Zocken eignen. Auf Chalki spielte man um drei Stücke Lokum, so viele Preferance-Spieler waren es auch, und der Verlierer zahlte das Lokum und den Obulus für die Spielkarten.

Was in beiden Ländern seinen Platz behauptet hat, ist das Tavli-Spiel. Auch heute noch sieht man in den Vierteln Istanbuls die Ladenbesitzer auf Schemeln vor ihren Geschäften sitzen und die Zeit mit einer Partie Tavli totschlagen. Dasselbe Bild bot sich in Athen in der Agion-Asomaton-Straße auf der Seite zur Pireos-Straße hin, wo es billige Spielzeugläden gab, bevor dieser Teil der Agion-Asomaton-Straße im Vorfeld der Olympiade revitalisiert und eine – durchaus hübsche – Fußgängerzone wurde. Doch die Tavli-Spieler sind nun verschwunden.

So sah unser Alltag die ganze Woche lang aus, ohne Abweichungen oder Überraschungen. Mit Ungeduld warteten wir auf den Samstag, um nach Prinkipos zu fahren. Zwar liebe ich Chalki sehr und sie war für mich damals die schönste aller Prinzeninseln, doch – da konnte man nicht drum rumreden – Prinkipos war ein anderes Kaliber. Chalki war eine Insel der Mittelstandsbürger, Prinkipos Standort des Großbürgertums. Von solch prächtigen hölzernen Villen mit großen Gärten voller Blumenrabatten konnte Chalki nur träumen.

Wenn am Schiffsanleger von Chalki gerade mal fünf Wagen auf Kundschaft warteten, dann waren es in Prinkipos fünfzig. Zudem gab es auf Prinkipos das Hotel Splendid. Das damalige Chalki Palace konnte man nicht mit dem heutigen vergleichen. Damals war es eine Ruine, und die Kinder spielten in seinem von Unkraut überwucherten Garten unter den aus Holz geschnitzten Baldachinen Verstecken. Nach seiner Renovierung bildet es heute eines der schönsten Beispiele für die traditionelle Villenarchitektur.

Im Garten des Hotels Splendid tranken die jungen Leute aus Chalki jeden Sonnabendnachmittag Gin Fizz. Dieser Drink war damals besonders bei der Jugend in Mode. Jeder junge Mann, der bei den Mädchen Eindruck schinden wollte, trank Gin Fizz. Ich kann mich nicht mehr erinnern, ob es Gin mit Zitronen- oder Orangensaft war oder vielleicht Wodka, aber es spielt keine Rolle. Das Ausschlaggebende war, dass wir Gin Fizz im Garten des Splendid tranken und den Mädchen aus Prinkipos begehrliche Blicke hinterherwarfen.

Manchmal fuhr ich nicht mit meinen Freunden nach Prinkipos, sondern im Rahmen eines Familienausflugs. Dann tranken wir keinen Gin Fizz im Splendid, sondern Raki mit den zugehörigen Mezze-Häppchen im Restaurant Facio gleich neben dem Schiffsanleger. Mein seliger Vater liebte Raki und auch das Facio heiß und innig. Dort habe ich auch zum ersten Mal Raki probiert, mit den Ermahnungen meines Vaters im Ohr wie »Ein Gläschen ist genug!« oder alternativ »Zwei Gläschen sind genug!«. Die Raki-Degustationen in der Istanbuler Christakis-Passage, heute Çiçek Passajı, folgten erst viel später.

Um elf Uhr abends kehrten wir mit dem letzten Linienschiff nach Chalki zurück. Immer wenn ich von der Reling aus auf die immer kleiner werdenden Lichter von Prinkipos blickte, überfielen mich stets die gleiche Melancholie und das gleiche Gefühl von Überdruss. Wir freuen uns an dem, was man uns nimmt, und trauern dem nach, was wir ohnehin haben, sagt Shakespeare irgendwo. Vielleicht war das im Grunde mein Problem.

Jedenfalls standen, Shakespeare hin oder her, am Anfang und am Ende der von mir empfundenen Leere in symbolhafter Weise zwei Menschen aus Chalki. Am Anfang stand Ahmed. Er transportierte im September die Sommersachen, das heißt Kleidung und Küchenutensilien, der Sommerfrischler nach Istanbul zurück. Alle nannten ihn »Piç Ahmed«, also »Ahmed, der Bastard«. Und da die Istanbuler Griechen in der Regel fast alle türkischen Ausdrücke hellenisierten, nannte man ihn »Pitsametis«. Niemand verstand dies als Beleidigung, da er selbst den Namen akzeptierte.

Immer wenn meine Mutter nach 1954, als wir nach Istanbul umgezogen waren und auch nur mehr im Sommer nach Chalki kamen, mit dem Herunterhandeln anfangen wollte, unterbrach er sie mit den Worten: »Madame, nur Pitsametis kann deine Sachen ohne Schaden transportieren.« Und das war keine Übertreibung. Alle Sommerfrischler vertrauten ihm den Umzug an, da er außerordentlich penibel war.

Das war Ahmeds gute Seite. Seine schlechte Seite war, dass er mit Dynamit fischte. Alle wussten davon, auch die Polizei, doch man konnte es ihm nicht nachweisen, da er mit allen Wassern gewaschen war und das Marmarameer wie seine Westentasche kannte. Er war stets gut gelaunt und hilfsbereit, zuweilen auch ohne Honorar. Schaden fügte er nur den Fischen zu, nicht den Menschen.

Die Rückkehr der Sommerfrischler nach Istanbul setzte in der ersten Septemberwoche ein. Von Tag zu Tag entvölkerte sich die Insel, und gleichermaßen wuchs meine innere Leere. Nach dem 29. Oktober, dem Feiertag der Republik, trat das winterliche Angesicht Chalkis in den Vordergrund. Die größte Ödnis, die ich je empfunden habe, ist die Herbststimmung auf Chalki. Die damit verbundene Unlust trat jedoch noch nicht in der Volksschule, sondern erst in der Gymnasialzeit auf.

Im Volksschulalter spielten alle Kinder der Insel, Griechen wie Türken, miteinander. Zwar besuchten wir verschiedene Schulen, doch sowohl in den Wohnvierteln als auch auf den Brachen spielten wir zusammen. Und wurden wir aufmüpfig, wurden wir von unseren Müttern, egal ob Griechin oder Türkin, gleichermaßen gnadenlos gezüchtigt.

Im Sommer schlossen sich uns auch die Kinder der temporären Gäste an, wobei wir die Wortführer waren. Ging der Sommer seinem Ende zu, so kehrten diese Kinder nach Istanbul zurück, während wir weiterspielten, ohne sie sonderlich zu vermissen. Kurz gesagt lebten wir immer noch in unserer kleinen, aber glücklichen Liliputwelt, und besagte Ödnis überkam nicht mich, sondern meine Mutter.

Einsamkeit und Einförmigkeit überkamen mein Leben schlagartig, als ich im Herbst die erste Klasse des österreichischen Gymnasiums besuchte. Von Montag bis Sonnabend nahm ich jeden Morgen das Sieben-Uhr-Schiff, tauchte um halb neun in das lärmende Menschengewimmel von Karaköy ein, hatte um halb vier Schulschluss und mit dem Schiff um Viertel nach vier kehrte ich wieder auf die öde Insel zurück.

Nur fünf oder sechs Fahrgäste verließen am Schiffsanleger die Fähre und verstreuten sich in alle Richtungen. Dieses tägliche Wechselbad zwischen der Verlassenheit der Insel und dem pulsierenden Leben Istanbuls ging mir an die Nieren. Denn an mir nagte nicht nur das Alleinsein, sondern auch der Neid auf meine Mitschüler, die in Istanbul lebten. Und dieser Neid wuchs am Sonnabend ins Unermessliche.

In den Pausen verabredeten sich meine Mitschüler für das Wochenende: in welches Kino oder auf welche Party sie gehen würden, in welchen Konditoreien sie sich treffen würden. (Die Bezeichnung Cafés kam erst viel später auf.) Mich hingegen erwartete ein paar Stunden später die Fähre, um mich zurück in die Gleichförmigkeit des Insellebens zu befördern.

Da ich meine Hausaufgaben auf dem Schiff erledigte, hatte ich zu Hause nichts mehr zu tun. So griff ich nach einem Buch, setzte mich in eine Ecke und las. Mit der Zeit entfalteten die Bücher die Wirkung von Aspirin und wurden so etwas wie ein Allheilmittel gegen das Gefühl der Langeweile. Da ich heute keine Aspirin mehr nehme, weil sie mir auf den Magen schlagen, wundere ich mich darüber, wieso ich keine unüberwindliche Abneigung gegen Bücher entwickelt habe.

Dieses Gefühl einer gottverlassenen Leere war so durchdringend, dass wir sogar darauf achteten, wer um eine bestimmte Zeit draußen auf der Straße vorüberging. Wenn wir etwa um acht Uhr vor der Tür Schritte hörten, meinte meine Mutter: »Ah, das muss Sıtkı Bey sein.« Und sie lief zum Fenster. Sıtkı Bey wohnte im oberen Viertel, und daher hatten wir nicht viel Kontakt zueinander, aber meine Mutter, beseelt vom Wunsch, mit jemand anderem als meinem Vater, meiner Großmutter oder mir zu reden, beeilte sich, ein paar Worte mit ihm zu wechseln.

Vielleicht illustriert die folgende Episode mehr als alles andere das freundschaftliche Verhältnis zwischen Griechen und Türken auf der Insel. Meine Tante Fofo, die Frau des Bruders meines Vaters, sprach – so wie viele Griechen damals

– ein miserables Türkisch. Und so hatte sie mit Sıtkı Bey, dem Namen des besagten Herrn, mit dem schwer auszusprechenden Vokal »ı«, der jedem Nicht-Türken schwerfällt, so ihre Schwierigkeiten, und nannte ihn daher »Siki Bey«. Nur, dass »siki« auf Türkisch das Wort »Penis« im Genetiv bedeutet. Sowie meine Mutter, die tadellos Türkisch konnte, meine Tante grüßen hörte: »Merhaba, Siki Bey!«, rannte sie in die Küche, um sich dort vor Scham zu verkriechen. Sıtkı Bey jedoch nahm es ihr nicht krumm, sondern entgegnete ihr lachend: »Merhaba, Madame.«

Im Winter herrschte in den Fleischereien, den Gemischtwarenhandlungen und Gemüseläden gähnende Leere. Neben Grigoris’ Esslokal lag auf der Parallelstraße zur Strandpromenade die Gemischtwarenhandlung von Ali Bey mit dem Namen »Die Brüder«. Ali Bey war auch unser Türkisch-Lehrer in der Volksschule. Auf der Hauptstraße von Chalki, auf der auch die Agios-Nikolaos-Kirche liegt, gab es linkerhand, kurz vor der Kirche, Lazaros’ Gemüseladen. Daneben lag Thomas’ Fleischerei, gegenüber die von Zacharias und neben dran der Laden von Archimidis, der Mineralwasser in Korbflaschen verkaufte. Ein Stück weiter oben befand sich Giannis’ Bäckerei.

Niemand kannte die Nachnamen der Inhaber, sie waren allen nur mit ihren Vornamen ein Begriff. Im Sommer, wenn die Geschäfte gut besucht waren, beschränkte sich der Kontakt auf einen kurzen Gruß. Doch im Winter blieb man, wenn man die Hauptstraße entlangging, an jedem Laden stehen und hielt ein Schwätzchen. Dabei war unwichtig, ob man zum Kundenkreis zählte oder nicht. Wichtiger war es, ein paar Worte zu wechseln, um der Langeweile zu entrinnen.

Mein Vater kaufte Gemüse in Lazaros’ Laden, doch das Fleisch bei Sandık, dessen Laden auch auf der Hauptstraße lag, jedoch ein Stückchen von den anderen Geschäften entfernt. Nie wieder habe ich so köstliches Lamm wie bei Sandık gegessen. »Dieser Zacharias hat keine Ahnung, wie man Koteletts schneidet. Der stapelt sie übereinander wie Brennholz«, regte sich mein seliger Vater auf. Sandık breitete dünnes Butterbrotpapier aus und platzierte die Scheiben darauf, kunstvoll wie Museumsstücke. Sobald das Butterbrotpapier voll war, breitete er ein neues darüber und begann mit der zweiten Schicht.

Jahre später ging ich zu einem Fleischer in Athen, um Koteletts zu kaufen. Er packte sein Beil und legte los. Mir standen die Haare zu Berge. »Was soll das denn?« schrie ich. »Sie wollten doch Koteletts, oder etwa nicht?« fragte er genervt. Der Mensch jedoch gewöhnt sich an alles, selbst an von einem Beil malträtierte Lammkoteletts.

Was tut ein junger Mann an den Wochenenden, wenn er dazu verurteilt ist, auf einer Insel ohne Autos, Busse oder Konditoreien zu leben, die per Schiff anderthalb Stunden von Istanbul entfernt liegt? Er schwingt sich auf sein Fahrrad und durchpflügt die verödete Insel. Er geht hinunter zu den Stränden, wo die Kiefern bis zum Wasser hinunterreichen, und betrachtet endlose Stunden lang die Brandung. Es war an solchen Tagen, als meine Liebe zum Anblick des vom Wind gepeitschten und aufgewühlten Meeres erwachte, die bis heute anhält.

Ein friedliches und windstilles Meer kommt mir vor wie der Wasserspiegel meiner Badewanne. Eine Reise durch die Ägäis bei hoher See hingegen ist für mich ein Hochgenuss. An den Sonntagnachmittagen, so gegen fünf, unternahm ich manchmal einen Spaziergang zum Theologischen Seminar. Zu dieser Stunde vertraten sich auch die Studenten die Beine, die »Priesterschüler«, wie man sie auf Chalki nannte, und ab und zu kamen wir ins Gespräch, um dem eintönigen Einerlei ein Schnippchen zu schlagen.

Der Sonntagnachmittag war darüber hinaus mit noch einem anderen Ereignis verknüpft: An diesem Tag war der Kinosaal der Kadettenschule für alle Inselbewohner zugänglich. Jung und Alt, Männer und Frauen eilten um drei Uhr nachmittags herbei, um sich einen Film anzusehen. Ich habe sämtliche Hollywoodfilme aus den 50er Jahren gesehen: entweder im Kinosaal der Kadettenschule oder im Freiluftkino, das jeden Sommer im Garten unserer Volksschule betrieben wurde. Und vor allem, wenn die Filme des größten damaligen Stars, nämlich von Gene Kelly, gezeigt wurden, war die ganze Sommerbevölkerung der Insel auf den Beinen. »Gehen wir heute Abend ins Kino? Es gibt ›Genekeli‹«, so lautete die Parole. Wenn meine Tochter, die Filmregie studiert hat, über Casablanca oder Howard Hawks spricht, kommt mir stets der Kinosaal der Kadettenschule in den Sinn.

Der Frühling auf Chalki wurde von Giannos eingeläutet. Die Inselbewohner nannten ihn »Trellogiannos«, den verrückten Giannos, doch er war weniger verrückt als gutmütig und heiter von Charakter. Wenn »Pitsametis« das Ende des Sommers und das Nahen des Winters signalisierte, so verbreitete Giannos die Botschaft, dass der Winter vorbei und der Sommer im Anmarsch war. Denn Giannos arbeitete für fast alle Bewohner als Teppichreiniger. Er breitete die Teppiche mitten auf der Straße aus und schüttete eimerweise Wasser darüber. Dann schrubbte er sie penibel mit Seife.

Er bearbeitete die Teppiche nicht mit Holzknüppeln oder Weidenruten, um sie sauber zu bekommen, sondern er zog seine Schuhe aus und tanzte auf ihnen. Genau so, wie man früher Weinbeeren kelterte, indem man sie mit nackten Füßen zerstampfte. Keiner von uns kannte seinen Tanz, bei dem er ohne Unterlass feurige Rufe ausstieß. Wir hielten ihn für eine Eigenerfindung, bis eine Besucherin aus Griechenland, die ihm zusah, ausrief: »Mensch, der tanzt ja den Kalamatianos!« Und so lernten auch wir diesen alten griechischen Volkstanz.

Die Hochzeit von Giannos und Anthoula blieb der ganzen Insel unvergesslich. Giannos stand mit seiner Anthoula vor Pater Iakovos, schlug mit weit ausholenden Bewegungen das Kreuzzeichen und rief aus: »Gelobt sei der Herr, dass ich das noch erleben darf! Wo wir doch alle beide noch keusch und unschuldig sind!« Und während sich die Kirche mit unkontrolliertem Gekicher und Lachsalven füllte, welche die Schar der Gläubigen nicht unterdrücken konnte, ertönte Pater Iakovos’ Donnerstimme: »Schweig still, Unfähiger. Du bist nicht keusch, sondern ein Sünder und ein Strohkopf.« Und danach wandte er sich voller Empörung an seine Schäfchen: »Ruhe jetzt! Hier wird das Sakrament der Ehe gespendet. Wir sind hier nicht beim Zirkus!«

Mit »Zirkus« meinte er eine Truppe Akrobaten, die jeden Sommer auf einer Brache vis-à-vis vom türkischen Gymnasium Quartier bezog und Vorstellungen gab, an deren Ende stets eine grobschlächtige Posse stand. Die Inselbewohner strömten jeden Abend auf die Brache, da sie sowohl an den Akrobatikeinlagen, als auch an der volkstümlichen Komödie Geschmack fanden.

Giannos und Anthoula bekamen neun Kinder. Obwohl Giannos alle schweren Arbeiten annahm, da er ein außergewöhnlich kräftiger und starker Mann war, war es keine leichte Aufgabe, elf Mäuler zu stopfen, selbst in den 50er Jahren, als das Leben einfacher und die Menschen genügsamer waren. Er zeugte neun Kinder, da er davon träumte, einen Sohn zu bekommen, doch jedes Mal wurde es wieder nur ein Mädchen. Ob es nun zu einem zehnten Kind kam, das endlich ein Junge wurde, weiß ich beim besten Willen nicht mehr.

Eine Sache jedoch fand bei der gesamte Bevölkerung der Insel, und besonders bei den Fischern, Anerkennung: Giannos’ Gabe, das Wetter vorherzusagen. Damals gab’s noch kein Fernsehen und keine Wettersatelliten. Und so hörten die Fischer auf Giannos. »Fahrt morgen raus zum Fischen«, sagte er. »Ab übermorgen kommt Nordwind auf.« Oder wenn er sah, wie die Damen sich sonnten, machte er ihnen den Genuss madig. »In drei Tagen gibt’s Nordwestwind und ’n Schneesturm.« Die Hälfte seiner Ankündigungen traf ein, und das war für die damaligen Wettervorhersagen eine enorme Trefferquote.

Wenn es einen Trost im trostlosen Einerlei gab, dann in der Tatsache, dass Prinkipos noch viel schlimmer dran war als Chalki. Die Restaurants und Tavernen zur Linken des Schiffsanlegers, die sich im Sommer vor Gästen kaum retten konnten, waren finster und mit Rollläden verbarrikadiert. Die Kutscher, die im Regen zusammengekauert auf dem Kutschbock hockten, warteten vergeblich auf Fahrgäste.

Das Hotel Splendid war geschlossen, und sein Garten, in dem wir an den Samstagnachmittagen immer Gin Fizz tranken, war von Unkraut überwuchert. Immer wenn ich im Winter von Prinkipos nach Chalki zurückkehrte, fühlte ich keine Niedergeschlagenheit mehr, sondern Erleichterung, fast so etwas wie Freude.

Kann sein, dass Chalki sich nicht viel verändert hat, aber – wie ich an anderer Stelle schon einmal sagte – die Istanbuler haben zwei Leben: das erste beginnt mit dem Tag ihrer Geburt und das zweite mit dem Tag, an dem sie Istanbul verlassen. Und meine Erzählung bildet ein Destillat aus den Früchten beider Leben.

 

© Regine Mosimann / Diogenes Verlag
Petros Markaris aus Griechenland
Petros Markaris, geb. 1937 in Istanbul/Türkei, lebt in Athen/Griechenland; Studium der Volkswirtschaft in Wien / Österreich; Markaris ist Verfasser von Theaterstücken, Schöpfer einer griechischen Fernsehserie, Co-Autor des Filmemachers Theo Angelopoulos und Übersetzer von vielen deutschen Dramatikern, u.a. von Brecht und Goethe; zahlr. Buchveröffentlichungen, zuletzt Παλιά, Πολύ Παλιά, Kriminalroman (Athen 2008), Κατ' εξακολούθηση, autobiographische Erzählungen (Athen 2006), Βασικός Μέτοχος, Kriminalroman (Athen 2006), Η Αθήνα πρωτεύουσα των Βαλκανίων, Erzählungen (Athen 2004) Ο Τσε αυτοκτόνησε, Kriminalroman (Athen 2003), Seine Bücher erscheinen in 14 Sprachen, in deutscher Übersetzung liegen vor Die Kinderfrau. Ein Fall für Kostas Charitos, Kriminalroman (Zürich 2009), Balkan Blues. Geschichten (Zürich 2005), etc., Markaris war Präsident des Nationalen Buchzentrums EKEBI (2008-2009) und erhielt 2005 den Deutschen Krimipreis (3. Platz in der Kategorie „International“ für den Roman Live!).

 

Eine Übersetzung von Michaela Prinzinger
Michaela Prinzinger, geb. 1963 in Wien/Österreich; Studium der Byzantinistik/Neogräzistik und Turkologie in Wien/Österreich (1981-86); wissenschaftliche Mitarbeiterin an der FU Berlin (1990-95), Post-Doc Fellow an der Princeton University (1997-98); seit 1999 freiberufliche literarische Übersetzerin (Griechisch-Deutsch), Projektleiterin, Moderatorin; seit 2005 ermächtigte Übersetzerin und allg. beeidigte Dolmetscherin für die griechische Sprache; Übersetzungen von Petros Markaris, Rhea Galanaki, Ioanna Karystiani, Loula Anagnostaki u.v.a.m.; Joachim-Tiburtius-Anerkennungspreis 1995; griechisch-deutscher Übersetzerpreis 2003. www.mprinzinger.de