Wagnis der Erinnerung

Rot

Eine Kurzgeschichte von Murat Uyurkulak aus der Türkei in einer Übersetzung von Gerhard Meier.

1

Als Kind lebt man in einem weiten Land des Glücks, läuft fröhlich wiehernd umher. Dann wird man älter; je älter; um so dümmer; und über all der Dummheit vergisst man das glückliche Land, so dass man eigentlich so gut wie stirbt. Die Zeit zwischen Kindheit und Alter ist eine Art Fegefeuer; ein quälendes Drecksleben im Schatten eines Grabsteins, dessen Inschrift nur von lauter Mühsal kündet, von kleinlicher Berechnung und zahllosen Enttäuschungen. Erwachsene sind eine Art Zombies.

Im Alter dagegen wird der Mensch wie neugeboren, blüht auf; knapp vor dem Jenseits beginnt er wieder zu leben. Wenn die Alten dann jene Zwischenzeit allmählich vergessen, nennt man sie geistig umnachtet, doch das ist grundfalsch, denn je mehr sie vergessen, um so mehr fällt ihnen wieder ein. Die Alten, und selbst die mürrischsten und hartherzigsten unter ihnen werden auf einmal drollig, werden traurig, werden ehrlich.

Ich hatte einen Großvater namens Hamza. Eigentlich war es der Großvater meiner Mutter. Ich lernte ihn erst mit fünf kennen. Auf der Hochzeit meiner Eltern war es zu einem Streit gekommen, und daraufhin hatten wir jahrelang mit den Verwandten meiner Mutter keinen Kontakt gehabt. Als die Familien schließlich bei einem großen Essen Versöhnung feierten, wurde ich auch vor Opa Hamza hingeschoben: »Schau, das ist dein Uropa Hamza, küss ihm schön die Hand!« Ich kann mich noch gut an die braunen Flecken auf jener Hand erinnern, und an die trockene, rissige Haut, die ich auf den Lippen spürte wie ein Reibeisen. Auch fragte ich mich, was es wohl mit dem »Ur« vor dem Opa auf sich hatte. Am auffälligsten aber war die riesige Sonnenbrille, die Hamza das halbe Gesicht verdeckte.

Als ich ihm die Hand küsste, sah er zu meinem Vater auf und fragte: »Wie heißt denn der?« Als er die Antwort »Murat« hörte, zog er wütend die Hand zurück und rief aus: »Das ist ja ein Armeniername! Ist euch Mehmet oder Ahmet nicht mehr gut genug? Gottloses Volk! Darauf steht kein guter Stern, damit ihr’s nur wisst …«

Anstatt mit dem Alter zu schrumpfen, war Hamza schier noch größer geworden; er war ein Hüne von Mann. Stets ging er mit einem dicken Stock umher. Auf der Straße lärmende Kinder waren ihm ein Gräuel. Oft genug konnte ich aus dem Fenster beobachten, wie er mit seiner schwarzen Brille auf dem Kopf die Kinder anschrie und mit dem Stock hinter ihnen her fuchtelte. Ich selbst war ein zartes, kränkliches Kind und durfte nicht hinaus auf die Straße. Wenn Hamza der Jagd nach den Kindern überdrüssig war und schnaufend ins Haus zurückkehrte, schimpfte er: »Kann denn keine mehr ein anständiges Kind auf die Welt bringen? Denen rutschen doch lauter Satansbraten aus der Möse …«, und da packte mich dann auch schon meine Mutter am Arm und zog mich außerhalb der Reichweite jener groben Flüche, die Hamza so gerne ausstieß.

Während des Ersten Weltkriegs und des darauffolgenden Befreiungskrieges war Hamza ganze neun Jahre lang Soldat gewesen, ohne ein einziges Mal die Heimat zu sehen. Es hieß, er sei im Krieg beinahe verrückt geworden, und nach seiner Rückkehr habe er sich zu Hause ein geschlagenes Jahr lang in eine dunkle Kammer zurückgezogen und mit keinem Menschen gesprochen. Als er langhaarig und bärtig aus seinem selbstgewählten Hausarrest wieder aufgetaucht sei, habe er von seiner Frau als erstes verlangt, sie solle ihm Linsensuppe kochen. Hocherfreut darüber, dass er auf dem Weg der Besserung sei, habe seine Frau sich ans Kochen gemacht, doch als sie ihm die Suppe vorgesetzt habe, sei ihr sogleich der Löffel um die Ohren geflogen. Bei uns wird Linsensuppe mit viel Tomatensauce und Paprika zubereitet und sieht also rot aus. Und genau deshalb habe Hamza seiner Frau den Löffel an den Kopf geworfen. »Wenn du mir noch ein Mal rotes Essen vorsetzt, dann bringe ich dich um!« habe er gebrüllt. Es stellte dich dann bald heraus, was es damit auf sich hatte. Gleichsam wie ein Stier ertrug Hamza keine rote Farbe, und wenn er welche sah, geriet er völlig außer sich. Beim Holzhacken fuhr ihm einmal ein Splitter in den Arm, und kaum sah der mächtige Mann ein paar Blutstropfen herausquellen, da fiel er schlagartig in Ohnmacht. Kurz und gut, in dem Haus durfte jahrelang keine Wassermelone gegessen und nichts mit Tomaten gekocht werden, und was es im Haus an roten Gegenständen gab, das wurde weggeworfen oder verschenkt. Bis jemand auf die Idee mit der Sonnenbrille kam.

Ein studierter Verwandter von uns, der gehört hatte, dass Hamza aus Angst, etwas Rotem zu begegnen, keinen Schritt mehr aus dem Haus tat und mit seiner ständigen nervösen Gegenwart allen das Leben zur Hölle machte, ließ sich aus Istanbul eine extradunkle Sonnenbrille schicken, die alle leuchtenden Farben auslöschte. Der Tag, als die Brille aus Istanbul eintraf, ging in die Familienlegende ein. Hamza setzte die Brille auf, eilte sofort aus dem Haus und kehrte Stunden später ganz aufgekratzt wieder. Anscheinend war er schnurstracks in die Moschee gegangen und hatte sich beim Imam erkundigt, ob es eine Sünde sei, beim Beten eine Sonnenbrille aufzubehalten, und als ihm beschieden wurde, dies sei zwar nicht sehr schicklich, aber doch keinesfalls eine Sünde, da sei er vor Freude gar nicht mehr zu halten gewesen. Nun konnte er sich beim Freitagsgebet wieder ungestört im Haus Gottes aufhalten, ohne von dem Rot behelligt zu werden, das ihn ansonsten von den Teppichen, von den Koranversen an der Wand oder vom Ornat des Imams geradezu ansprang. Und auch mit seinen alten Freunden würde er wieder im Kaffeehaus sitzen können, ganz gleichgültig gegenüber dem roten Tavla-Würfel, der roten Türkei-Fahne an der Wand und dem in seinem Glas rötlich funkelnden Tee. Wie sollte er da nicht ganz aus dem Häuschen geraten?

Nicht gut war Hamza auf meinen Vater zu sprechen, einen linken Lehrer. Linke galten Hamza grundsätzlich als gottlos. Und noch ein Mangel haftete meinem Vater an: Er war ein Mucahir, ein aus dem Balkan zugewanderter Türke. »Wir haben gekämpft, und diese Mucahir sind einfach gekommen und haben sich ins gemachte Nest gesetzt. Und ihr Maul ist genauso lose wie ihre Sitten. Dass ihr eure Tochter einem Mucahir gegeben habt, verzeihe ich euch nie. Mir wäre noch ein Kurde lieber gewesen, die sind wenigstens tapfer und aufrichtig. Wo ein Mucahir durch die Tür tritt, weht es die Ehre zum Kamin hinaus …«, schimpfte er immer wieder vor sich hin.

Eingehüllt in Zigarettenqualm zu nörgeln, war seine übliche Art sich auszudrücken. Wenn die ganze Familie im Wohnzimmer versammelt war, saß er im entferntesten Eckchen, murmelte irgend etwas, von dem keiner wusste, ob es nun Gebete waren oder Flüche, und blickte mit zusammengekniffenen Augen umher. Jedem war klar, dass man sich in seiner Gegenwart mit heiklen Themen zurückhalten musste. Vor allem Politisches wurde strikt vermieden. Gleich welche Meinung man nämlich vertrat, ein Anschiss von Hamza war einem sicher.

Ob Rechte oder Linke, Fromme oder Laizisten: für Hamza alles das gleiche Pack. Aber nicht nur auf Politiker hatte er es abgesehen. Überhaupt alle hätten doch nur eines im Sinn, nämlich das Vaterland zu verraten und zu verkaufen. Fragte sich nur noch, an wen … Russen, Amerikaner, Araber, Europäer … Die stünden doch alle nur Schlange, um sich die Türkei unter den Nagel zu reißen.

War er erst einmal in diesem Fahrwasser, gab es kein Halten mehr. Es brach dann eine Flut von Kriegserinnerungen los, die man sich stundenlang anhören musste, ganz überrascht darüber, wie rüstig und wortgewandt der alte Herr auf einmal war. Keiner durfte sich von der Stelle rühren, nicht einmal ein Gang auf die Toilette war erlaubt, denn wer sich erdreistete aufzustehen, wurde mit den wüstesten Flüchen überzogen.

Wenn man Hamza glauben durfte, hatten sie das Land in langem Kampf vor den diversesten inneren und äußeren Feinden gerettet. Im Lauf der Suada bekam jede Volksgruppe, die irgend in Frage kam, gebührend ihr Fett weg. Die Muhacir aus dem Balkan und aus dem Kaukasus seien zu nichts zu gebrauchen, ein verworfenes Gesindel, und wenn er, Hamza, irgend etwas zu sagen hätte, würde er sie allesamt wieder zurückschicken. Die Kurden seien zwar tapfer und ehrlich, aber doch eigentlich Verräter. Man hätte sie, als Gelegenheit dazu war, samt und sonders vernichten sollen, aber nun sei es eben zu spät. Die Armenier hätten zahllose Muslime umgebracht, und wären sie nicht aus dem Land geschafft worden, hätten sie keinen Muslim mehr übriggelassen. Die Griechen im Osmanischen Reich hätten sich mit Griechenland zusammengetan, das Vaterland besetzt und ein neues Byzanz errichten wollen. Als sie dann besiegt wurden, hätten sie auf der Flucht aus Rache unser schönes Izmir abgefackelt. Die Araber hätten uns einen Dolchstoß in den Rücken versetzt und sich an die Engländer verkauft. Sowieso seien die Araber grobschlächtig, dumm und dreckig, und es sei kein Wunder, dass sie uns verraten hätten. Die Perser seien zwar mächtig eingebildet, könnten aber nichts anderes als Gedichte lesen und Wein saufen. Man müsse sich sehr vor ihnen hüten, sonst klauten sie einem im Stehen die Unterhose vom Leib. Die Zigeuner seien Diebe, die Lasen Dummköpfe, die Juden Betrüger.

Wären von diesem gnadenlosen Rundumschlag auf alle Völkerschaften die Türken verschont geblieben, so hätte man Hamza als einen harmlosen Verrückten abtun, ja ihn sogar mitleidig belächeln können. Nun war es aber so, dass er die schlimmsten Beschimpfungen gerade auf die Türken herniedergehen ließ. Die ärgsten Feinde der Türkei seien die Türken, sagte er. Faul seien die Türken, feige, einfältig, ungebildet, Schwindler allesamt. Ihre ganzen Heldengeschichten seien nichts als erstunken und erlogen. Sobald sie auch nur ein bisschen um ihre Haut fürchteten, liefen sie schon davon. Im Befreiungskrieg hätte es mehr Fahnenflüchtige gegeben als Kämpfer, aber das wisse niemand, und wer es wisse, der halte das Maul. Wenn er niederschriebe, was die Türken im Krieg alles an Mist gebaut hätten, dann ginge das auf keine Kuhhaut. Sie verheimlichten aber die Wahrheit, um ihre Vorfahren als Helden hinzustellen.

Den Familienmitgliedern, die ihm mit offenem Mund zuhörten, kam allen die gleiche Frage in den Sinn, die aber keiner zu stellen wagte: »Sag, Großvater, hast du ganz allein gekämpft?«

2

Die ersten Anzeichen geistiger Verwirrung bei Hamza bekamen meine Mutter und ich zu spüren. Als er eines Tages im Wohnzimmer saß, wandte er sich meiner Mutter zu und fragte: »Wer ist der Junge, der da rumläuft? Wo habt ihr den Bastard her, Leylâ?«

Er kannte mich nicht mehr, was ja noch angehen mochte, aber er redete auch meine Mutter mit dem Namen seiner ersten Tochter an, die mit einem halben Jahr an Masern gestorben war. Als meine Mutter Aylâ dieses »Leylâ« vernahm, sah sie so erschrocken drein, dass ich es auch gleich mit der Angst zu tun bekam. Dass Hamza mich vergessen hatte, war mir dagegen recht. Vielleicht konnte ich so von dem »Armenier-Murat« loskommen, mich mit einem nagelneuen Namen einführen und endlich auch einmal von Opa Hamza gestreichelt werden.

Es blieb aber nicht bei diesen kleinen Aussetzern. Eines Tages stand wütend der Imam vor der Tür, mit Hamza im Schlepptau. »Mitten im Gebet ist er aufgesprungen, hat ganz aufgeregt auf einen Koranvers an der Wand gezeigt und geschrien, da sei ein Fehler drin und den müssten wir sofort korrigieren. Es wäre uns lieb, wenn im Haus Gottes so etwas nicht mehr vorkäme. Passen Sie doch bitteschön besser auf ihn auf. Ich denke sogar, Sie sollten ihn gleich zu einem Arzt bringen.« So erfuhren wir erst, dass Hamza lesen konnte. Zwar nicht in der gleichen Sprache wie wir, aber immerhin. Wir waren schwer beeindruckt.

Das eindeutigste Anzeichen war für mich, als er mich am Morgen des Zuckerfests zu sich rief und mir eine Tüte Bonbons gab. Er hatte also meinen Namen endgültig vergessen, denn nicht nur gab er mir die Bonbons, sondern er umarmte mich sogar und drückte mich an sich. Ich sog seinen angenehmen Schweißgeruch in mich ein, denn er glich dem Geruch meines Vaters; mein Vater war Mucahir, Hamza nicht, aber vom Schweißgeruch her waren sie sich ähnlich. Wenn man sie roch, trat man in eine große, glückliche und sichere Welt ein.

Ich glaube, ich habe meinen Großvater Hamza umgebracht. Ich habe es nicht absichtlich getan, aber umgebracht habe ich ihn.

Wenn ich an jenem Tag nicht daheim selbstvergessen hinter meinem Papierflieger hergerannt wäre und wenn ich, als Hamza aus dem Kaffeehaus kam und die Haustür öffnete, nicht mit ihm zusammengestoßen wäre und wenn er unter der Wucht des Zusammenpralls nicht hingefallen wäre und wenn ihm beim Hinfallen nicht die Sonnenbrille vom Kopf geflogen wäre und wenn wir im Vertrauen auf die Brille mit der Verbannung alles Roten nicht ziemlich nachgelassen hätten und unter die Schuhe vor der Tür nicht irgendwelche Zeitungen gelegt hätten und wenn auf einer der Zeitungen nicht riesengroß das Farbfoto von toten Terroristen geprangt hätte und wenn aus den Leiben der toten Terroristen nicht so viel Blut geflossen wäre und wenn das erste, was Hamza sah, als er sich ächzend aufrichtete, nicht dieses Foto gewesen wäre, dann würde mein Urgroßvater noch heute leben und die Türkei sich darum bemühen, ihn als ältesten Menschen der Welt ins Guiness-Buch der Rekorde zu bringen …

Ich rappelte mich hoch und wartete zitternd auf eine Schimpfkanonade oder vielleicht auch eine gehörige Ohrfeige, doch Hamza starrte nur das Bild an. Schließlich lehnte er sich an die Wand und setzte sich im Schneidersitz zurecht. Dann beugte er sich zu der Zeitung vor, riss das Bild heraus, hielt es sich vor die Augen wie ein Juwelier und ließ es minutenlang auf sich wirken. Mit der Zeit atmete er immer schwerer, und in seinen für gewöhnlich so harten Gesichtszügen war etwas seltsam Weiches auszumachen. Dieses Weiche verbreitete sich über das ganze Gesicht, und schon meinte ich, er würde gleich lächeln, aber das tat er dann doch nicht. Er steckte sich das Bild in die Hemdtasche, stand langsam auf, verzog sich in die dunkelste Kammer des Hauses, und ich hörte metallisch den Schlüssel herumratschen und dann einen erstickten Schluchzer, einen einzigen.

Vier volle Tage blieb er in der Kammer, ohne auf das Flehen und die Überredungsversuche von jenseits der Tür einzugehen, ohne zu essen und zu trinken und ohne auch nur einen Ton von sich zu geben.

Als am Abend des vierten Tages die gesamte Familie dem Vorschlag meines Onkels, die Tür aufzubrechen, eifrig beipflichtete und man auf den Optiker in Istanbul fluchte, der noch immer keine neue Sonnenbrille geschickt hatte, da erschien Hamza plötzlich in der Wohnzimmertür. Er war völlig erschöpft und schien von seiner stattlichen Erscheinung schier die Hälfte eingebüßt zu haben. Als sich im Zimmer beißender Uringeruch breitmachte, merkten wir, wie durchnässt er war. Meine Tanten bemühten sich fieberhaft, die bayrische Trachtenfigur mit dem roten Janker verschwinden zu lassen, die jemand ganz leger auf ein Tischchen platziert hatte, doch Hamza nahm das überhaupt nicht wahr. Er blieb in der Tür stehen und sah der Reihe nach jedem von uns ins Gesicht. Als er mich anschaute, ging ein Anflug von Zärtlichkeit über seine Züge, oder zumindest kam es mir so vor.

Ich sah ihn zum ersten Mal ohne seine Brille und weiß noch gut, wie schön mir seine blauen Augen und sein eindringlicher Blick erschienen. Obwohl ich noch so klein war, spürte ich augenblicklich, dass diese Augen sich auf immer in meine Seele gegraben hatten und ich diese neu gewonnenen Blicke schon bald wieder verlieren würde.

Ich fing an zu weinen, konnte mich nicht mehr beherrschen, schluchzte immer heftiger, bis das Ganze in einen regelrechten Weinkrampf ausartete. Als Hamza schließlich schwerfällig auf seinen Sessel zuging und sich setzte, brachte meine Mutter mich und meine Tränen aus dem Zimmer.

Was sich an jenem Abend in dem Wohnzimmer noch abspielte, sollte ich viele Jahre später von einem Onkel erfahren, als wir beide sturzbetrunken in einer Kneipe saßen. Ich denke, nur weil mein Onkel so betrunken war, konnte er es mir erzählen, und nur weil ich so betrunken war, konnte ich ihm zuhören.

Alles zu erzählen, geht nun über meine Kräfte …

Hamza hatte versucht, armenische Mädchen und junge Frauen aus den Händen von Vergewaltigern zu befreien; diejenigen, die er losbekommen hatte, hatte er muslimischen Familien übergeben, die anderen hatte er selbst vergewaltigt.

Hamza hatte Männer ganz eng zusammengebunden, um sie mit einer einzigen Kugel erledigen zu können; die Leichen hatte er in den Fluss geworfen.

Der Kommandant hatte Hamza damit beauftragt, in einem Dorf abzuzählen, wie viele Leute umgebracht worden waren. Hamza hatte das erledigt, und daraufhin hatte der Kommandant befohlen, für jeden der Toten fünf Leute aus der Sippe der Mörder zu töten, die in einem anderen Dorf lebte. Als Hamza das erzählte, sagte er unter Tränen: »Hätte ich einen weniger gezählt oder weniger gesagt, wären fünf Leute am Leben geblieben.«

Die große Flasche mit dem Gas darin, das die Flammen anfachte, die in Izmir ein ganzes Viertel in Schutt und Asche legten, hatte Hamza mit eigenen Händen getragen.

Im Norden von Dersim, an einem Ort namens Koçgiri, hatte Hamza gleich Moses trockenen Fußes einen Bach durchquert, denn der Bach war voller Leichen.

Während vor Hunger fast vergehende Soldaten, Waffenbrüder, sich um ein Stückchen Brot gegenseitig an die Kehle gingen, hatte Hamza versucht, den wie ein Nebel zum Himmel aufsteigenden seidigen Wüstensand zu ergreifen, und als ihm das nicht gelang, hatte er sich aufgeregt, war schließlich fuchsteufelswild geworden, hatte sein Gewehr gepackt und vier Kriegsgefangene und zwei Soldaten erschossen.

Hamza mochte kein Rot, denn es war der Bruder von Tod und Gewalt. Er mochte auch kein Weiß, denn wenn ein Kopf von einer Kugel durchschlagen wurde, spritzte es weiß umher. Er mochte auch kein Gelb, denn aus den eitrigen Wunden troff es gelb.

Hamza mochte überhaupt keine hellen Farben.

Farben und Menschen waren Lügner.

Einen Monat nach jenem Abend starb mein Großvater Hamza.

Auf dem Zettel, auf dem er sein Testament geschrieben hatte, waren die Buchstaben wie Wellen auf dem Meer, bogenförmig und weich. Hier und da waren auch Punkte, wie Möwen oder Kormorane.

Wir brachten das Testament dem Imam, doch der verstand es nicht.

Wir brachten es zur Schulbehörde, doch die wurden auch nicht schlau daraus.

An der Universität konnte schließlich jemand das Testament lesen.

Es stand folgendes darin:

»Meine Tabaksdose ist für meinen Waffengefährten, den Araber Fahri aus Hatay …

Mein Feuerzeug ist für den Kurden Cemal aus Amed, der mich aus einer Falle gerettet hat …

Die zwanzig Lira auf der Bank sind für das armenische Mädchen Seher aus Çermik (ihr eigentlicher Name ist Heranus¸) …

Im Brillenetui ist ein Goldstück, das ist für Hasan, den Mucahir in meiner Familie. Er soll es für die Ausbildung von Murat ausgeben. Und mir nicht böse sein …«

 

© Alexandra Klunsmann
Murat Uyurkulak aus der Türkei
Murat Uyurkulak, geb. 1972 in Aydin/Türkei, studierte zunächst Jura, dann Kunstgeschichte in Izmir, brach jedoch beides ab und zog schließlich nach Istanbul; dort arbeitete er u. a. als Kellner, Übersetzer, Journalist und Verleger; heute arbeitet er als freier Autor und Übersetzer; Übersetzte u. a. die Werke von Edward Said und Mikhail Bakunin ins Türkische; sein erster Roman Tol wurde 2002 (İstanbul) veröffentlicht und erregte sofort größtes Aufsehen, seither gilt Murat Uyurkulak als eine wichtige literarische Stimme in der zeitgenössischen türkischen Literatur; weitere Veröffentlichung: Har, Roman, (İstanbul 2006); Har wurde von der Literaturkritik ebenfalls enthusiastisch rezipiert; in deutscher Übersetzung liegt vor: Zorn; Theaterfassungen des Romans Tol, (Zürich 2008).

 

Eine Übersetzung von Gerhard Meier
Gerhard Meier, geb. 1957; schloss 1986 an der Universität Mainz in Germersheim ein Übersetzerstudium für Französisch und Italienisch ab. Das Türkische erlernte er ab 1982 als Autodidakt. Seit 1986 lebt er in Frankreich in der Nähe von Lyon und arbeitet als literarischer Übersetzer aus dem Französischen und dem Türkischen ins Deutsche. Aus dem Französischen hat er Bücher von Amin Maalouf, Henri Troyat, Jules Verne, Jacques Attali und Paco Rabanne übersetzt, aus dem Türkischen Werke von Hasan Ali Toptaş, Orhan Pamuk, Murat Uyurkulak, Ahmet Hamdi Tanpınar und Murathan Mungan.