Wagnis der Erinnerung

Izet - Portrait eines Freundes

  • Auszug: Gelesen auf Bulgarisch von dem Autor
    Sie benötigen den Flashplayer, um dieses MP3 zu hören.
  • Auszug: Übersetzung auf Deutsch
    Sie benötigen den Flashplayer, um dieses MP3 zu hören.

Ein Essay des bulgarischen Dichters Valery Petrov sowie eine von ihm getroffene Auswahl an Gedichten seines bosnischen Kollegen Izet Sarajlić in einer Übersetzung von Thomas Frahm.

Damit beim Leser keine Missverständnisse aufkommen: Das Portrait, das er hier vor sich sieht, ist nicht das des Schreibers dieser Zeilen! Ich bin zu der Überzeugung gelangt, dass es mehr im Geiste dieses Dossiers – zumal in einer Zeitschrift wie die horen – sein würde, wenn ich mich darin nicht mit eigenen Werken beteilige, sondern mit denen eines Dichterkollegen aus einem Bulgarien nahen Land. Das Land heißt Bosnien, der Name des Dichters lautet Izet Sarajlić.

Bis vor dreißig Jahren sagte mir dieser Name gar nichts. Ich wusste auch nichts über Bosnien. Und das ist leider nicht verwunderlich. Es gehört zu den betrüblichen Tatsachen, dass die Völker auf der Balkanhalbinsel sich nur wenig untereinander kennen. Betrüblich ist diese Tatsache, weil sie nicht nur Folgeerscheinung, sondern auch Ursache vieler Probleme ist, die wir miteinander haben. Wir sind Nachbarn seit weit über tausend Jahren, wissen aber wenig über unsere Kulturen, unsere Vergangenheit, unsere Gegenwart. Mit Fug und Recht sind wir böse darüber, dass der Westen aus einem Vorurteil heraus sich für unsere Literaturen gar nicht erst interessiert; doch würdigen wir ja auch selbst das Geschehen in den kulturellen Zentren unserer Nachbarn keines Blickes!

In letzter Zeit ist es sogar noch schlimmer geworden. Als ich literarisch debütierte, war ich beeinflusst von der Dichtung der geographisch fernen Franzosen, Italiener, Deutschen und Russen; doch von den größten Dichtern der umliegenden Nationen – dem damaligen Jugoslawien, Rumänien, der Türkei und Griechenlands – hatte ich selten oder nie gehört. Es war mein naher Kontakt mit Izet, der mir half, mir dieses großen Paradoxons stärker bewusst zu werden.

Bis vor Kurzem konnte ich mir nicht erklären, warum und wie wir uns eigentlich angefreundet hatten. Zum ersten und letzten Mal trafen wir uns vor vielen vielen Jahren auf einer Schriftsteller-Konferenz in Budapest. Von ihr ist mir nur eines in Erinnerung geblieben: Als die Organisatoren die kleinen Ansteck-Schildchen an uns verteilten, auf die wir unsere Namen schreiben sollten, tauchte plötzlich ein Delegierter auf, der darauf »Heinrich Heine – Jugoslawien« geschrieben hatte. Das war er, Izet!

Diese Bekundung eines freien, allen Konventionen fremden Geistes zog mich an, und auch er erwies sich als aufgeschlossen für neue Bekanntschaften. Ich habe wie gesagt keine weitere Erinnerung daran, was wir in den Tagen des Schriftstellertreffens gemacht haben. Ich nehme kaum an, dass wir gegenseitig unsere Gedichte gelesen oder uns aus unserem Leben erzählt haben (selbst, dass er Muslim und aus Sarajevo war, erfuhr ich erst Jahre später); dennoch trennten wir uns als Freunde und begannen, uns – wenn auch in großen zeitlichen Abständen – zu schreiben.

Nachher, als jene Ereignisse kamen, die von Grund auf das Gesicht der Balkanhalbinsel veränderten, wurde unser Kontakt unterbrochen. Ich fragte mich: Was macht nur mein Balkan-Heine jetzt in seinem zerrissenen Bosnien, ehemals Teil des ehemaligen, jetzt auch zerrissenen Jugoslawien? Was schreibt er? Welche Einstellung hat er zu diesem brudermörderischen Krieg?

Da ich der Post nicht über den Weg traute, blieben meine Fragen unbeantwortet. Erst neulich, als ich seine letzten Gedichte aus dem belagerten Sarajevo las, die er mir geschickt hatte, begriff ich, dass es falsch von mir gewesen war, zu schweigen. Er hatte von seinen Freunden im Ausland – wie er in einem schrecklich traurigen Gedicht mit dem Titel »Vor der Vitrine mit den Büchern meiner Freunde« schrieb

– erwartet, dass sie aus ihren Büchern herauskommen und »die Klingel an meiner Tür« drücken; doch von ebendiesen Freunden – auch denen aus Bulgarien – kam nichts, kein Besuch, nicht einmal eine Nachricht! Um meine Schuld wenigstens in gewissem Umfang abzutragen, beschloss ich vor zwei Jahren, den Dichter damit zu erfreuen, dass ich einige seiner Gedichte ins Bulgarische übersetzte und bei uns veröffentlichte. Und erst da ging mir auf, mit wem ich es zu tun hatte.

Ich finde kaum Worte dafür, wie sehr mich die Dichtungen meines Freundes aufwühlten, vor allem diejenigen aus der Zeit des Krieges. Wenn man Izets Entwicklung verfolgt, sieht man, dass er sich von einer fast klassischen, wenn auch nicht sklavisch eingehaltenen Versgestaltung zu einer beinahe prosaischen Diktion vorarbeitet. Mir, einem Anhänger der klassischen Verstechnik, hätte das eigentlich ganz und gar nicht gefallen dürfen, doch genau das Gegenteil trat ein. Woran lag das?

Ich denke, jeder, der die hier nun fast ausnahmslos erstmalig auch ins Deutsche übertragenen Gedichte liest, kann sich ohne Mühe selbst diese Frage beantworten: Sie besticht durch eine unglaubliche Wahrheit und Aufrichtigkeit in jedem einzelnen Wort. Dem Dichter selbst muss dies bewusst gewesen sein, denn er sagte einmal an einer Stelle, »am schwächsten sind Gedichte, wenn sie poetisch sein wollen«, und an einer anderen Stelle: »Wenn die Wahrheit in den Vers gelangt, ist die Einmischung des Dichters unnötig.« Ich konnte mir den freundschaftlichen Scherz nicht verkneifen und sagte mir: Ja, wie viel einfacher könnte das Schreiben sein, wenn man so verführe – erzählst einfach von dir, von deiner Familie, von deinen Freunden, von Dingen, die dir zugestoßen sind, und fertig ist das Gedicht!

Einfacher? Einfacher, wenn man eine Seele hat wie Izet, und wenn diese Art zu schreiben kein »literarischer Ansatz« ist, sondern die einzige Art und Weise für dich, mit deinem Nächsten zu kommunizieren. Genau darin lag das Bezaubernde der Gedichte, die ich übersetzte. Alle Gedanken und Gefühle, die ihnen entquollen, waren sehr nahe an Prosa, doch unendlich fern jeder Pose – und jeder künstlichen Hübschheit. Gütig, warm und weichherzig, bestätigten sie das, was ich über das Leben und die Position des Dichters in den Leidenstagen seiner Stadt Sarajevo gehört hatte, wie er es inmitten blutiger Kämpfe und Zerstörungen – obwohl er dabei seine nächsten Verwandten und Freunde verlor – geschafft hatte, diese seine Menschlichkeit zu bewahren; wie er es mit seinen damals entstandenen Gedichten und seinem Einsatz für die Gesellschaft in schwerer Zeit endgültig geschafft hatte, die Liebe des ihn ohnehin schon liebenden Volkes zu gewinnen und dessen zeitgenössischer Lieblingsdichter zu werden.

Vermutlich hatten seine Künstlerkollegen auf der anderen Seite der Kampflinie eine andere Sicht der Dinge, eine eigene Wahrheit, doch wer nun Recht, wer Unrecht hatte, das konnte ich aus der Ferne nicht beurteilen. Ich fühlte nur, dass der Hauch von Izets Poesie in fast allen Fällen über den Hass auf beiden Seiten der Front erhaben war. Ich sage »fast«, weil es hier und da in den Gedichten, die ich übersetzte, auch Stellen gab, in denen die gegnerische Seite wütend gebrandmarkt wurde; aber woher soll ich wissen, ob er dazu nicht auch Veranlassung gehabt hatte, weil die Dinge, die seine Wut ausgelöst hatten, einfach so waren … Wie ich schon sagte: die Poesie, von der ich spreche, war hochstehend, und dies bedeutet, dass darin keine Lüge sein konnte.

Und dann gab es noch etwas. Ich denke, die Brüderlichkeit unter Dichtern muss über all den tausend anderen Abwägungen stehen. Was mir noch zusätzlich Anstoß zum Übersetzen gab, war mein Gefühl der Nähe zum Autor. Es hatte sich herausgestellt, dass viele Dinge uns verbanden. Ähnlich waren die gesellschaftlichen Ideen, die unsere Jugend »versengte«; wir liebten dieselben Schriftsteller, Künstler und Filmschaffenden; zu den Neuheiten auf der Weltkunstbühne hatten wir dasselbe Verhältnis. Und als wäre dies noch nicht genug, wurde mir bei der Lektüre seiner Verse, die immer einen autobiographischen Bezug hatten, klar, dass auch die »Wechselfälle« unseres Lebens – euphemistisch ausgedrückt – einander sehr nahe waren. Auch zu ihnen hatten wir beide ein gleiches Verhältnis. Unsere Gedanken und Gefühle in Bezug auf die Schändung unserer Jugendträume und den Zusammenbruch der von unserer Generation erträumten Welt (eines gerechten und wahren Kommunismus, Anm. d. Übers.) waren voller Verbitterung, und doch nicht ganz ohne Hoffnung. Wie schön und genau hat Izet es ausgedrückt: »Unsere Träume vom Kommunismus waren alle späteren Enttäuschungen wert!«

Eingangs gab ich meiner Verwunderung darüber Ausdruck, dass wir uns so schnell, ohne uns wirklich zu kennen, angefreundet hatten. Allmählich begriff ich, dass wir vermutlich auf intuitive Weise, durch unbewusst wahrgenommene winzige Indizien spürten, dass die Dinge, die uns verbanden, viel mehr waren, als wir einander auf den wenigen Tagen jener fernen Konferenz hätten enthüllen können. Wie bei Eisbergen waren dies verborgene Teile, die … Nein, der Vergleich ist nicht gut, denn Eisberge sind etwas Kaltes, unsere Begegnung aber war voller Wärme.

Sie wird sich nicht wiederholen. Mein Wunsch, meinem bosnischen Freund eine Freude zu bereiten, ist nicht mehr zu erfüllen: Ich war kaum bei der Hälfte der Arbeit angelangt, als die Nachricht eintraf, dass er unsere sündige Welt verlassen hatte. Diese Nachricht erweiterte mein ursprüngliches Vorhaben, nur einige wenige Gedichte für eine Zeitschrift zu übersetzen, dahingehend, eine kleine Werkauswahl vorzustellen. Jedoch: Ich war zu spät gekommen! Was mich in gewissem Umfang tröstete, war der Gedanke, dass Dichter über ihr Todesdatum hinaus fortleben, und dass meine Übersetzungen zu diesem zweiten Leben des wunderbaren Dichters und Menschen Izet Sarajli´c beitragen würden.

Demselben Gedanken soll auch die Veröffentlichung in den horen dienen. Sie werden ins Deutsche übertragen werden müssen; daher habe ich mit Bedacht Gedichte aus der zweiten Schaffensperiode des Dichters ausgewählt, jener der freien Verse, die bei der doppelten Nachdichtung in zwei Fremdsprachen sich weniger vom Original entfernen. Ich hoffe, dass ihre Schönheit den Leser erreicht, und dass er sie sich »zu Herzen nimmt«, also sie ganz nah an sich heranlässt.

 
Zwölf Gedichte von Izet Sarajlić

Seine Straße

Er träumte auch von dem niedergetretenen Gras, der aufgeknöpften Bluse.
Na, er war jung.
Wenn wir sein Leben nach dem Tode nicht berücksichtigen,
müsste er jetzt an die achtzehn sein.

Ihr kennt ja sein Aussehen nicht, seine Stimme...
Für euch ist er bloß der Name einer Straße,

ich aber erinnere mich, wie er ein Modellflugzeug
aus einem alten Motor und ein paar Brettchen baute,
das einfach nicht fliegen wollte;

wie er seinem Vater sagte, in diesem Kampf
müsse irgendjemand fallen;

wie er zwischen zwei Arresten seine Mutter fragte:
„Mama, hast du mich lieb?“,

und wie er nachher, vor ihren verschleierten Augen,
lange auf die Straße schaute,
genau die,
die jetzt seinen Namen trägt.

Hände

Fünf lange Jahre
lag um den Gewehrschaft
die Hand des Soldaten.

Den altersschwachen Spürhund
hat unter Tränen erschossen
die Hand des Jägers.

So viele Kämpfe lang
hat Schläge ausgeteilt
die Hand des Boxers.

Ein ganzes Leben lang
hat das Glas gehoben
die Hand des Trinkers.

Diese hier aber,
das ist meine Hand, die
dich zwanzig Jahre schon liebkost.

Was hab ich für eine glückliche Hand!

Nichts würde mich so zu neuem Leben erwecken

Nichts würde mich so zu neuem Leben erwecken,
wie wenn ich noch einmal
zwanzigjährig
mit der künftigen Genossin Sarajlić nach Želina Popovać fahren könnte
auf demselben Karren
und unter demselben Frühlingsregen, der uns damals durchweichte.
Wenn ich angesichts des schrecklichen moralischen Verfalls meines Landes
nicht mehr glauben kann, dass dem Sozialismus eine strahlende Zukunft beschieden ist,
dann wäre das Schöne an dieser Fahrt im Jahre 1950, dass ich damals noch das Recht hatte,
zu hoffen!

Theorie der Distanz

Der Dichter brauche Distanz, meinen
die „Abwarter“, also die,
die auf Nummer sicher gehen, nichts riskieren wollen.

Ich gehöre zu den Anderen, die finden,
dass über den Montag zu sprechen
am Montag nötig sei, weil es Dienstag
schon zu spät sein könnte.

Klar ist es schwer, im Keller Gedichte zu schreiben,
während über dir Kugeln und Granaten pfeifen,
es ist sogar so schwer, dass das einzig noch Schwerere
ist, sie nicht zu schreiben!

1992

Die Kriege in unserem Leben

Marko Bašić hat schon auf dem Buckel
zwei Balkan- und zwei Weltkriege.
Dies hier ist sein fünfter.

Für mich und meine Generation ist es der zweite.

Was Vladimir betrifft
mit seinen achtzehn Monaten,
von dem kann man zu diesem Zeitpunkt sagen,
dass er die Hälfte seines Lebens
im Krieg verbracht hat.

Nach der Verwundung

Für Mika Maslić

             Nur der Krieg läutet nicht,
             bevor er die Wohnungen der Menschen betritt

Letzte Nacht im Traum
erschien mir Słobodan Marković.
Er wollte sich entschuldigen für die mir zugefügten Wunden.

Das ist die einzige serbische Entschuldigung
in der ganzen Zeit,

und die erfolgte im Traum
und von einem toten Dichter.

Für Vlado Dijak

Gut, dass du schon unter der Erde liegst, Vlado!
In Podlugovzi oder in Sarajevo
sind alle Schänken geschlossen.

In Bosnien
ein Glas Obstbrand aufzutreiben
ist unvergleichlich viel mühsamer,
als seinen
Tod zu finden.

Den Freunden aus Ex-Jugoslawien

Was ist aus uns geworden – über Nacht,
Freunde?
Ich weiß nicht,
was ihr gerade macht.
Was ihr schreibt.
Mit wem ihr einen trinkt.
Welche Bücher ihr lest.
Ich weiß noch nicht einmal,
ob wir überhaupt noch Freunde sind!

1992

Abschied nehmen von Derwisch Imamović

Derwisch Imamović
ist gestorben,
der gute Mensch – nicht von Szechuan,
aber von Zenica.

Ein weiteres Leben, für das ein Roman nicht reicht,
ist erloschen.

Andere aus Kommunistenzeiten
haben sich Paläste erarbeitet,
Derwisch endete immer nur
im Gefängnis.

Über ihn
könnte man mit Fug und Recht sagen,
dass sein Beruf
Lagerinsasse war.

Die Ustascha,
dann die Deutschen,
dann die norwegischen,
die sowjetischen Lager
ergaben seine Biographie.

Er endete in einem Lager bei Sarajevo.

Hätten solche wie Derwisch Imamović
an der Spitze der Tscheka gestanden,
wäre der internationale und humanistische Geist des Oktober
auch heute noch lebendig.

Hätten solche wie er
an der Stelle Ždanovs gestanden,
hätte Soschtschenko sterben können
als hochverehrter Greis in Leningrad.

Hätten solche wie er...
Da hätte Paul Eluard seine Sommer
bei uns in Mala Duba verbracht.

Hätten solche wie er...
wäre Risto Trifković
niemals nach Goli Otok gekommen.

Hätten solche wie er...
hätte Konstantin Bibl sich nie
von der dreizehnten Etage in den Tod gestürzt.

Hätten solche wie er...
hätten Simone Signoret und Yves Montand niemals
ihre Parteibücher zerrissen.

Hätten solche wie er...
wäre es Milan Kundera nie eingefallen,
Prag und seine „Vaclaver“ zu verlassen
und das Café Slavia
mit irgend einem Bistro auf dem Montparnasse
zu vertauschen.

Hätten solche wie er...
müsste Aurora nicht besudelt
vor der Nahimov-Akademie stehen.

Er kokettierte nicht mit dem Kommunismus
wie Picasso oder Ivo Andrić,
er lebte sein Verständnis von Kommunismus.

Sogar das,
dass er im Lager starb,
war für ihn nur normal und folgerichtig.

Anmerkung des Übersetzers des Übersetzers


Interlinear-Übersetzungen sind ja schon eine komische Sache: Da vertraut ein deutscher Dichter darauf, dass irgend einer, der die Sprache kann, übersetzt, was da wirklich steht, und macht dann daraus etwas, was ihm passend erscheint. Aber einen bosnischen Dichter auf dem Umweg übers Bulgarische ins Deutsche zu übersetzen, das erscheint wirklich unpassend. Bei einem Vergleich der Fassungen einiger Gedichte, die schon ins Deutsche übersetzt waren, mit den Übersetzungen Petrovs stellte sich aber heraus, dass Petrov sich ausgesprochen dicht und enorm präzise ans Original angeschmiegt hat. Seine Übersetzungen waren deutlich besser als die mir zum Vergleich zur Verfügung stehenden deutschen Fassungen. Die strukturellen Ähnlichkeiten slawischer Sprachen sind groß genug, vor allem bei Satzstellung und Lexik, so dass die dienende Auffassung, die Valery Petrov vom Übersetzen hat, ins Auge stach. Das nennt man wirklich Respekt vor dem Freund! Und so erweist sich, dass Übersetzen von Übersetzungen nicht zwangsläufig der Anfang des Flüsterspiels »Stille Post« sein muss, sondern auch der Beweis sein kann, dass Gewissenhaftigkeit auch in der zweiten Potenz noch »Werktreue« ergeben kann. Vor allem bei einem Dichter mit den Eigenschaften, die Valery Petrov an seinem Freund Izet Sarajlić entdeckt hat.

Biographische Notiz
Izet Sarajlić wurde 1930 in der bosnischen Stadt Doboj in der Familie eines Eisenbahners geboren. Seine Kindheit verbrachte er im Städtchen Trebinje in der südlichen Herzegowina, und in Dubrovnik. Von 1945 an bis zu seinem Tod lebte er in Sarajevo, wo er als Journalist und Schriftsteller tätig war … Seine ersten Gedichte veröffentlichte er 1948. Schnell wurde er zu einem der populärsten und geliebtesten Dichter des damaligen Jugoslawien. Wegen seines Freidenkertums, seines Humanismus’ und seiner kritischen Haltung gegenüber gesellschaftlichen Missständen der Zeit wurde er 1953 aus dem jugoslawischen Schriftstellerverband ausgeschlossen, später auch aus der Bosnischen Kommunistischen Partei. 1970 wählte man ihnen zum Vorsitzenden der Schriftstellervereinigung Bosnien und Herzegowinas. Während der Belagerung von Sarajevo in den Kriegen der 1990er Jahre lebte er in Sarajevo. 1998 wurde er zum Mitglied der Akademie der Künste und Wissenschaften von Bosnien und Herzegowina gewählt. Izet Sarajlić starb im Frühjahr 2002 und hinterließ ein reiches, in viele Sprachen übersetztes, von hoher Menschlichkeit und Originalität geprägtes lyrisches Werk.

 

Valery Petrov © Ivo Hadjimischev
Valery Petrov aus Bulgarien
Valery Petrov, geb. 1920 in Sofia / Bulgarien, gestorben 2014. Studium der Medizin an der Universität in Sofia; Mitbegründer der satirischen Zeitschrift Hornisse; nach dem Zusammenbruch des sozialistischen Regimes in Bulgarien engagierte er sich politisch und wurde Abgeordneter der linken Fraktion der VII. Großen Volksversammlung; Dichter, Dramatiker, Drehbuchautor und Übersetzer; zahlr. Buchveröffentlichungen, zuletzt u.a.: Избрано в 5 тома (Ausgewählte Werke in 5 Bändern) (Verlag Zachari Stojanov, Sofia 2006), Лирика I u. II том (Gedichte, I u. II Band); Dramatische Werke: Когато розите танцуват (Wenn die Rosen tanzen), Тeатър, любов моя (Theater, meine Liebe); Drehbücher: На малкия остров (Auf der kleinen Insel), Рицар без броня (Ein Ritter ohne Panzer); in deutscher Übersetzung liegen zwischen 2000 und 2010 keine Titel vor; zu seinen wichtigsten Preisen zählen der Staatspreis „Paissij Hilendarski“ und die Medaille „Stara planina“; Mitglied der Bulgarischen Akademie der Wissenschaften.

 

Eine Übersetzung von Thomas Frahm
Thomas Frahm, geb. 1961 in Duisburg, lebt heute als Publizist und Übersetzer aus dem Bulgarischen in Sofia. Derzeit arbeitet er an der Übersetzung des zweiten Teils der Bulgarien-Romantrilogie Vladimir Zarevs, deren erster Teil unter dem Titel Familienbrand 2009 beim Deuticke-Verlag in Wien erschienen ist. Frahm wurde 2009 mit einem Arbeitsstipendium des Deutschen Übersetzerfonds und 2010 mit der Nominierung für den Brücke-Berlin-Preis des Goethe-Instituts für Bitieto/Familienbrand von Vladimir Zarev ausgezeichnet.