Wagnis der Erinnerung

Das Tor Dalmatiens (Geister)

  • Auszug: Gelesen auf Kroatisch von dem Autor
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Eine Erzählung des kroatischen Schriftstellers Dalibor Šimpraga in einer Übersetzung von Gerald Kurth.

I

Zuerst wurde am Montag Katja krank, drei Tage vor Weihnachten. Angeblich. „Wer lügt, muss ein gutes Gedächtnis haben“, sagte der Mathematiklehrer in der Grundschule. Man hätte es ihr sogar abgenommen, hätte sie nicht vor einem Monat aus Unachtsamkeit erwähnt, dass sie vor Neujahr Ferien nehmen und so, zusammen mit den Weihnachtsfeiertagen, acht Tage frei haben werde.
Jetzt wird sie zehn haben; Genau genommen werden es mit dem Wochenende sogar zwölf!
Und dann liess die Chefin, als sie den Einsatzplan machte, jeden einzeln wissen, dass keine der ursprünglichen Kombinationen und abgetauschten Schichten in Frage kämen. Somit musste jeder, unabhängig von religiösen Gefühlen und Bedürfnissen, seine Schicht übernehmen.
Weshalb, begründete sie nicht. Sie murmelte nicht mal, wie sonst immer: „Der Boss will es so...“
Das war selbstverständlich eine reine Machtdemonstration. Der ganz gewöhnliche Sadismus eines Vorgesetzten eben.
Es gab keinen einleuchtenden Grund dafür, ein entsprechendes Moratorium zu verfügen. Gemäss ungeschriebenem Kodex konnten die Speaker für einander einspringen, und da sie alle gewissenhaft und fair waren, entstand auch nie Verwirrung. Denn das war die einzige Möglichkeit, ein paar Tage zusammen zu legen: Du arbeitest zum Beispiel die ersten drei Wochentage wie wild am Stück, um dann die andern vier frei zu haben.
Womöglich hatte Katja vor den anderen vom Moratorium erfahren. Sie hatte ja einen guten Draht zur Chefin …
Und dann bekam sie die Darmgrippe.
Dieses gesundheitliche Problem hat hierzulande auch eine Alternativbezeichnung: „Die perfekte Krankheit“. Sie kommt, wenn du es wünschst und hört auf, wenn sie nicht mehr nötig ist.
Es war eine Oberfrechheit von Katja. Umso mehr, als die übrigen fünf Speakerinnen jetzt auch ihre Einsätze übernehmen mussten.
Sie hatte sich die ganze Zeit zurückgehalten. Der Plan für einen Weihnachtsausflug nach Hause war zerplatzt wie eine Seifenblase, aber sie entschloss sich, ihr Schicksal anzunehmen. Ohne Wut. Na gut, dachte sie sich, dann gehe ich halt arbeiten. Als sie sich wieder gefangen hatte, ging sie den Schichtplan (mit den Leuten, die für Katja eingesprungen waren) durch und begriff, dass sie es an Heiligabend heim schaffen und zwei volle Tage bei der Familie bleiben konnte. Und dann den Nachtbus nehmen und am Morgen des dritten Tags wieder bei der Arbeit erscheinen.
Als sie aber endlich beschlossen hatte, in die Weihnachtsferien zu fahren, gab es schon keine Karten mehr für den Bus. Studenten, Arbeiter, alle hatten sie rechtzeitig welche gekauft, nur sie musste sich wie ein Hund an den Schalter schleichen und unverrichteter Dinge wieder abziehen.

Zuhause angekommen machte sie ein paar Telefonate. Und plötzlich, als hätte ihr das Glück doch noch gewunken: Ein Bekannter, der aus irgendeinem Grund erst an Heiligabend nachmittags losfährt, wird sie abholen. Besser hätte es für sie wirklich nicht kommen können!
Dieser Ivan war auch aufs Gymnasium gegangen, zwei Jahre über ihr. Sie kannten sich flüchtig, er hatte mal eine Freundin aus ihrer Klasse. Gross, leicht bucklig, ziemlich durchschnittlicher Typ. Zwei-, dreimal hatten sie sich während des Studiums an irgendwelchen Parties getroffen. Wie auch immer, er wird sie schneller nach Imotski bringen, als wenn sie den Bus genommen hätte.

II

Es war zwei Jahre nach dem Krieg, als noch keine Autobahn durch die menschenleeren Gegenden Richtung Meer gebaut worden war. Die Hauptverkehrsachse Richtung Dalmatien, die Nationalstrasse D-l auf dem Abschnitt Zagreb – Split, wo an jenem Tag auch die beiden unterwegs sein werden, führt über das Pannonische Tiefbecken in die hügeligen Gegenden des Kordun und der Lika. Dort steigt die Strasse leicht an, bis hinauf zum letzten grossen Hindernis, dem Velebit-Gebirge. Es war Winter, und vom Hochdruckgebiet über Genua her trieben dicke, magmatisch schwere Wolken über das ganze Land. Man erwartete ausgiebigen Schnee.
Obwohl sie an diesem Nachmittag um halb eins und halb zwei die neusten Nachrichten mit der Wettervorhersage über den Äther verlas, tat sie so mechanisch, dass der Satz „Möglichkeit von Schneestürmen, Fahrern auf dem Weg durch die Lika oder Gorski Kotar wird zu erhöhter Vorsicht geraten“ gar nicht in ihr Bewusstsein drang.
Sie arbeitete bis um 14 Uhr. Ivan wartete um 14.05 schon vor dem Gebäude, auf die Minute genau. Als sein alter Opel Caravan durch die ersten Kurven und Hügel flitzte, waren sie schon heftig am Plaudern. Aus der Gegenrichtung kamen immer mehr Autos mit Schneeresten auf dem Dach. Sie schenkten dem aber keinerlei Beachtung, da es hier auf ihrer Route trocken und höchstens bewölkt war. Sie hatten es eilig nach Hause in ihre Stadt. „Müsste bis neun unten sein“, wiederholte Ivan mehrmals.
Die Winterlandschaft bot einen eindrücklichen Anblick: Bleierne, massige Konturen in einer völlig verkehrten Farbgebung, die Erde heller als der graue, rauchfarbene Himmel. Sie fuhren durch unbewohntes Gebiet, das in der letzten Aktion der Armee geleert worden war. Nur vereinzelt blitzten in der Dämmerung die Fenster eines Cafés oder einer Herberge auf.
An den Plitwitzer Seen erwartete sie der erste Schnee in den bewaldeten Hügeln und den ersten Dolinen im Karst. Doch die Räumungsfahrzeuge hatten die Fahrbahn schon vom Schnee befreit, und der Asfalt glänzte schwarz unter den weiss schimmernden Fichtenästen.
„Hast Du eigentlich Winterreifen?“, fragte sie. Nur um anzudeuten, dass sie Bescheid wusste.
Er schwieg.

„Ich hab schon welche“, sagte er schliesslich. „Weiss nicht, ob’s Winterreifen sind...“
Nach Korenica legten sie eine Kaffeepause ein. Draussen begann es schon zu dunkeln. Die Kneipe war voller verdächtiger Typen. Nur an der Ecke des Tresens flackerten die Lämpchen eines Weihnachtsbäumchens aus Plastik. Sie schlürften an ihrem Kaffee und verschwanden gleich wieder. Als sie über den Parkplatz gingen, fielen die ersten Flocken, die unter den Lampen auf der Veranda herumgewirbelt wurden.  
Sie fuhren weiter auf der schwarzen Strasse zwischen den dunklen Hügeln. Der Schnee fiel nur sporadisch, kein Grund zur Beunruhigung. Im Auto funktionierte die Heizung nicht. Er streifte seine Lederhandschuhe über, sie behielt die Hände in den Taschen und bedeckte die Ohren mit ihrer peruanischen Mütze, die sie vor ein paar Tagen an einem Stand in der Warschauerstrasse gekauft hatte. So presste sie sich in ihren Sitz und wärmte sich an der Vorstellung des elterlichen Wohnzimmers, das sich irgendwo weit weg dort unten befand, das sie aber in drei, vier Stunden ja schon betreten würde. Mama, Bruder und Grossmutter sitzen voller Freude am Tisch...
Sie tankten in Gračac, wo sich die Strasse verzweigte. Rechts ging es über das Velebit-Gebirge, links in Richtung Knin. Ivan fuhr zur Abzweigung nach Knin zurück:
„Hier lang geht's schneller. Diese Route ist mindestens eine Stunde kürzer.“
Sie gab keinen Kommentar ab. Wühlte sich in ihren Mantel, zog die Mütze noch tiefer über die Ohren und starrte auf die dunkle Strasse vor ihnen.
Der Schnee begann, stossweise zu fallen. Auf der Regionalstrasse war schon weniger Verkehr. Ab und zu ein Auto aus der Gegenrichtung.
Die Strasse war kurvig, der Opel fuhr mit schwer brummendem Motor die endlosen Serpentinen hinauf, und die Schneehaufen wurden immer massiger.
Aber dann, nach einer guten halben Stunde, schien plötzlich alles leichter zu werden: Nun ging es, ebenso kurvig, abwärts, und obschon der weissgraue Schneeschauer die Sicht völlig eingeschränkt und vor ihren Augen nur noch eine amorphe Melasse waberte, hüpfte ihr Herz schon vor Freude beim Gedanken daran, dass sie das Schlimmste überstanden hatten. Hier sind wir schon weit unten im Süden der Lika, dachte sie beim Versuch, sich im Raum zu orientieren. Und verspürte den Wunsch, sich eine Landkarte vorzustellen, aber Geographie war noch nie ihre Stärke.
„Jetzt kommen wir schon langsam runter Richtung Dalmatien“, bestätigte auch Ivan, als würde er ihre Gedanken lesen. „Wir sind die ganze Zeit raufgefahren, um über diesen beschissenen Pass zu kommen, aber von jetzt an geht’s kinderleicht! Und der verdammte Schnee wird auch aufhören!“
Die Zufriedenheit dauerte jedoch nicht lange. Kurz, nachdem sie an einigen gespenstisch leeren, niedergebrannten Häusern vorüber gefahren waren, tauchten in einer scharfen Biegung plötzlich im Schneegestöber die roten Rücklichter eines Autos vor ihnen auf. Ivan trat auf die Bremse und der Opel hielt, einen Meter vor den Lichtern. Er stand wie angewurzelt.
Wie sich herausstellte, stand dieses Auto am Ende einer Kolonne, die sich im Schneesturm verlor.
Sie sahen einander an. „Was ist denn das für eine Scheisse!?“ stiess Ivan nervös hervor, mehr zu sich selbst.

„Ach, egal, ich muss was rauchen“, sagte er nach kurzer Pause. Er zog die Schachtel aus der Innentasche hervor und bot ihr einen schon gedrehten Joint an. „Na los, nimm schon“, fügte er an. „Ich hab genug davon, bis zum Frühling, wenn’s sein muss!“
Sie nahm an. Der Wagen füllte sich mit Rauch. Das Cannabis fing schnell an zu wirken, und in ihr drehte sich alles. Die Kolonne stand zwar still, aber beim Auto vor ihnen spielte der Rauch aus dem Auspuff verführerisch um die Rücklichter, und der Schnee fiel mit unverminderter Stärke.
Sie zündeten noch einen an. Dann aber öffnete Ivan, nach zwei dumpfen Augenblicken endlosen Wartens, ganz plötzlich die Wagentür. „Ich seh mal nach, was da los ist, ich kann doch hier nicht zelten...! Um neun muss ich in Imotski sein!“
Er marschierte mit entschlossenen Schritten der Kolonne entlang und verschwand im Schneegestöber.
Obwohl es ihr schien, sie sei ruhig, wird er wohl seine Nervosität auf sie übertragen haben. Sie rauchte und kaute zwischendurch an ihren Nagelbetten. Muss sie denn wirklich immer der Looser sein, egal wo? Aber diese Gedanken dauerten nur kurz. Im Radio begann gerade ein neues Lied, Mandolinen spielten die ersten Takte. Sie drehte auf, um den Klang der kurz gezupften Saiten voll zu geniessen. Sie würde nach Hause kommen und sich in ihr Bett verziehen, um dann unter der Nachttischlampe in den Zeitschriften zu blättern, die sie die ganze Mittelschule hindurch eifersüchtig gesammelt hatte. Sich der Nostalgie hingeben. Geniessen wie im Uterus.
Ivan blieb ziemlich lange weg. Endlich kam er zurück, vornüber gebeugt im Gestöber, und mit Schnee, der sich auf Schultern und Haar gesammelt hatte. Er setzte sich ins Auto und schüttelte erst dann die Flocken vom Kopf und der Winterjacke.
Er erzählte ihr, dass sich irgendwo weit dort vorne ein UNO-Lastwagen überschlagen hatte, und dass man auf ein Räumungsfahrzeug und einen Kran warte, der ihn von der Strasse holen soll.
„Und was machen wir jetzt?“, fragte sie, eigentlich nicht mal so verzweifelt, wie sie es sonst nach solchen Informationen wäre. Das Gras wirkt aber echt gut, schloss sie daraus. Eigentlich fand sie das alles irgendwie lustig: Ein UNO-Schlepper, der aus irgendeinem Land in Übersee gekommen war, überschlägt sich hier am Arsch der Welt.
Ivan schlug eine alte, zerfledderte Karte aus dem Handschuhfach auf. Er knipste das Licht über dem Rückspiegel an und begann angestrengt nachzudenken.
„Ist es weit, zurückzufahren und dann über Zadar?“ fragte sie.
„Oh nein, vergiss es“, sagte er. „Es gibt einen kürzere Strecke. Ich denke, ich bin hier sogar schon mal durch gekommen, l990, als sie die Strassen blockierten, so dass man diesen Umweg nehmen musste... In zweieinhalb Stunden sind wir in Imotski, versprochen!“
Mit einem gekonnten Manöver wendete Ivan seinen Caravan und fuhr, den Blick auf die linke Fahrspur gerichtet, langsam zurück. Sie waren allein, niemand kam ihnen mehr entgegen. Als wären sie als Letzte auf dem Weg durch diese verwunschene Gegend.

Nach einigen Kilometern kam die Abzweigung.
„Da ist sie“, rief er freudig und wendete ganz plötzlich, als wäre er auf der Flucht. „Du wirst sehen, wir kommen direkt oberhalb von Knin raus. Und danach geht's kinderleicht.“ Diese Stelle betonte er, weil er mehr als sie sich selber überzeugen musste.
Nach ein paar Dutzend Metern auf einem breiten Zufahrtsstück verwandelte sich das Strässchen in einen ziemlich engen, schneebedeckten Weg, der bald darauf durch Zäune und Gebüsch auf beiden Seiten noch enger gemacht wurde.
War aber nicht gerade so eine tolle Idee, dachte sie sich, sagte ihm aber nichts. Früher oder später kommen wir an!
„Hier ist aber verdammt viel Schnee gefallen“, sagte Ivan und steuerte den Wagen weiter entschlossen durch den Schnee, der, je weiter sie vorankamen, immer tiefer erschien.

III

In einem Essay beschreibt der Belgrader Autor Mihajlo Pantić ein Phänomen, das er als „mediterranen Schlag“ bezeichnet. Dabei geht es um jenen Augenblick, wenn man auf der Reise nach Süden – unwichtig, ob man nun im Auto oder Zug unterwegs ist -, die kontinentale Zone verlässt und sich dem Meer nähert. Da kann es geschehen, dass man bisweilen urplötzlich eine positive Unruhe verspürt, das Aufsteigen eines unbändigen Tatendrangs, ja gar von Freude unbekannter Herkunft.
Die Stelle, wo dies auf dem Weg nach Dalmatien am offensichtlichsten geschieht, befindet sich auf der Nationalstrasse D-l, auf dem Abschnitt Gračac – Knin. Der „mediterrane Schlag“ trifft einen hier ganz unvermittelt: Binnen weniger hundert Meter lösen Macchia, Brombeersträucher, Flaumeiche und die gedrungene orientalische Weissbuche die kontinentalen Tannen- und Kiefernwälder ab. Während man abwesend durchs Fenster blickt, gehen innerhalb von wenigen Minuten zwei Klimagürtel ineinander über...
Die Berührung von kontinentaler und mediterraner Zone, von Lika und Dalmatien, erfolgt an einem Passübergang, der auch als historische Örtlichkeit von Interesse ist. Hier befand sich schon von jeher eine Grenze. Im Altertum zwischen den beiden illyrischen Völkern der Liburner und Japoden, dann zwischen der Habsburger Monarchie und der Republik Venedig, bzw. dem Königreich Italien. Diese Talenge trennte das Kaiserreich in eine österreichische und eine ungarische Hälfte, und diese Teilung hielt sich bis in die neuste Zeit: Schon seit gut zweihundert Jahren liegt hier die Provinzgrenze, so dass einen auch heute noch, wenn man auf dieser Strasse an besagtem Ort vorbeikommt, die Abschieds-, bzw. die Begrüssungstafeln der innerstaatlichen Verwaltungsregionen erwarten.
Wegen seiner an einem prächtigen Ort errichteten Festung, die über den Durchgang wachte, war „das Tor Dalmatiens“, wie manche die Gegend nannten, Schauplatz vieler fürchterlicher Schlachten. Hier kamen auf ihren Invasionen Awaren, Slawen und Tataren vorbei, und bei zwei Gelegenheiten eilten auch die Kreuzritter auf ihrem Weg nach Jerusalem vorüber. Während der Türkenkriege wurden mehrere gewaltige Schlachten verzeichnet, weil die Eroberung der erwähnten Festung einen entscheidenden strategischen Vorteil bedeutete. Und schliesslich kam es hier im Jahre l809 zu einem heftigen Aufeinandertreffen zwischen österreichischer und napoleonischer Armee. Auf so begrenztem Terrain haben also – aber über einen langen Zeitraum hinweg –viele Soldaten dort ihr Leben gelassen.

IV

Der Wagen prallte gegen etwas Weiches. Der Motor hustete noch auf und stellte dann ab. Nachdem sie sich vom Schock erholt hatten, krochen die beiden heraus; das Auto hatte sich in einen Schneehaufen gebohrt. Der wirkte, als hätte ihn jemand mitten auf den Weg geschüttet. Im Scheinwerferlicht zeichnete sich eine merkwürdiger Umriss ab.
Ivan trat mit dem Stiefel den Schnee von der Spitze des Haufens. Unter der Oberfläche war etwas Dunkles, das aber durch eine trübe Eisschicht vom Stiefel getrennt war. Im Schneegestöber hatte sich sofort eine neue weisse Schicht übers Eis gelegt.
Der Stiefel wiederholte die Bewegung und stiess, nachdem das Eis geborsten war, zu etwas Schleimigem vor. „Ach du lieber Gott, was ist denn das?“ Ivan war aufrichtig verblüfft.
Er trat noch einmal mit der Ferse kräftig gegen die Spitze dieses riesigen aufgeweichten Brockens, der sich unter dem Gewicht plötzlich spaltete, und vor ihnen blitzten im Scheinwerferlicht drei gewaltige Rippen auf.
Die grossen, weissen, krummen Rippen eines Tiers, das auf dem Weg lag.
Sie erstarrte vor Angst, aber Ivan liess sich nichts anmerken. Er schüttelte den Schnee von einem Ast runter, brach diesen ab und säuberte damit den Kadaver noch etwas. – Eine tote Kuh! Und das im Stadium fortgeschrittener Verwesung. Zwischen den Rippen und in der Bauchhöhle hingen Reste von schwarz gewordenem, faulem Fleisch.
„Oh verdammte Scheisse, was machen wir denn jetzt?“ Zum ersten Mal an diesem Tag fluchte sie.
Ivan steckte bis zu den Knöcheln im Schnee und betrachtete verdrossen diese - in völlig weisser Umgebung - klaffende schwarze Wunde, aus der Kuhrippen empor ragten. Dann verzog er sich ins Auto und versuchte, die Zündung zu betätigen. Vergeblich: Der Anlasser versuchte hilflos, den Motor anzuwerfen.

Er verfluchte Auto, Schnee und Winter und versuchte weiter hartnäckig zu zünden. Mindestens zehn Minuten lang. Vergeblich.
Sie fror draussen im Schnee weiter, weil sie nicht einsteigen wollte – als müsste sie die Kuh bewachen, als würde dies Ivans Versuche erleichtern.
Ivan öffnete die Tür auf ihrer Seite.
„Es ist nicht gerade gescheit, wenn das Vorderlicht brennt“, sagte er, „die Batterie ist eh schon schwach. Die leert mir sonst die Batterie. Los, steig ein, uns fällt schon was ein.“
Als sie ins Auto gekrochen war, löschte er die Scheinwerfer und zündete sich in völliger Dunkelheit eine Zigarette an.
„Ich weiss auch nicht, was tun“, sagte er. „Keine Chance, bei diesem Hundewetter irgendwas zu reparieren. Am liebsten würde ich die Karre hier stehen lassen, zur Hauptstrasse zurückgehen und jemanden anhalten, damit wir wenigstens bis Mitternacht daheim sind. Kannst dir ja denken, wie wir heute Abend einen Abschleppdienst finden sollen. Es ist Weihnachten. Selbst wenn jemand Dienst schiebt, dann hat er sich bestimmt in der erstbesten Kneipe voll laufen lassen.“
Ihr fielen die beiden schweren Koffer auf dem Rücksitz ein. Wer sollte denn die jetzt durch den Schnee schleppen?
„Wart mal, sachte“, sagte sie. „Wer soll den wissen, wie weit wir von der Hauptstrasse weg sind?“
„Ziemlich weit“, sagte Ivan. „Ja. Ist wohl kein so guter Plan. Am Ende erfrieren wir noch unterwegs.“
So sassen sie ziemlich lange, er versuchte noch ein paar Mal, den Motor zu starten, aber es wurde immer kälter. Der Schnee hatte die Windschutzscheibe schon völlig zugedeckt. Ivan schaltete die Scheibenwischer ein, und vor ihnen tauchte der Weg auf, nur um sofort wieder in der Dunkelheit zu verschwinden.
Völlige Hoffnungslosigkeit. Kalt, finster, und drinnen war immer mehr Rauch und immer weniger Sauerstoff.
Sie drehte das Fenster runter, um etwas Luft reinzulassen.
Der Sturm war unterdessen schwächer geworden, und auf ihrer rechten Seite erblickte sie plötzlich in der Nacht ein schwaches Licht.
„Was ist denn das dort...?“ fragte sie, überrascht.
„Wird wohl ein Haus sein...“
„Und wenn wir dort mal fragen gehen, was weiss ich, hier erfrieren wir noch?“

V

Die Tür öffnete ein alter Mann in einer dicken Weste, über der er eine Tarnjacke trug. Sie erklärten ihm, was geschehen war, und er bat sie herein. Neben dem weissen Holzofen, aus dem sich ein rostiger Kamin in die Wand hinein bog, sass in einem abgenutzten Sessel ein altes Mütterchen, das gerade an einer Socke aus blauer Wolle strickte. Nur eine Gaslampe über dem Ofen beleuchtete den ganzen Raum, aber es war paradiesisch warm.

Die Leute empfingen sie herzlich und luden sie an ihren Tisch ein.
„Seid ihr hungrig, Kinder?“ fragte der Alte und befahl, ohne eine Antwort abzuwarten: „Frau, bring Käse und Brot her.“
Die Alte ging in die völlig dunkle Hütte nebenan, und brachte zwei Blechteller zurück. Irgendwo griff sie sich auch zwei dicke Gläser, öffnete die Tischschublade und nahm Besteck heraus.
„Wir wollten nur fragen, ob Sie ein Telefon haben?“ sagte Ivan.
„Ein Telefon?!“, erwiderte der Alte. „Hier, mein Junge, gibt’s weder Strom noch Telefon noch Fernsehen. Leitungen gekappt, Fernseher mitgenommen.
Der Alte nahm eine Schnapsflasche aus der Anrichte und fragte sie, als er schon am Einschenken war:
„Ihr nehmt doch einen Schnaps? Wir haben nicht mal mehr kleine Gläser, müssen halt aus den grossen.“
Sie wehrten sich nicht. Sie stiessen mit den Alten an und leerten ihre Gläser beide in einem Zug.
Der Alte nahm sich auch ein Glas und schenkte allen wieder randvoll ein.
„Euch bleibt nichts anderes übrig, als bis zum Morgen zu warten. Wärmt euch hier am Feuer. Der Schnee hat aufgehört, aber der kommt wieder. Hier im Haus gibt’s nicht viel, aber Betten haben wir. Legt Euch schlafen, und am Morgen haltet ihr jemanden auf der Strasse an.“
Schnaps auf Schnaps, Käse auf Brot, und los ging die Unterhaltung. Irgendwann hielt Ivan plötzlich überrascht inne und liess seinen Blick durchs Zimmer schweifen. Nirgends ein Anzeichen für Weihnachten!
Er schüttelte sich, liess sich aber die Überraschung nicht anmerken. Und lenkte das Gespräch auf allgemeine Themen: Winter, das Leben ist hart und so.
Er wartete auf einen günstigen Augenblick und erklärte, er müsse mal zum Auto, um sich eine neue Schachtel Zigaretten zu holen.
„Wenn du grad dabei bist, dann bring mir doch gleich mein Toilettentäschchen mit, ist ganz oben im Koffer...“, rief sie ihm nach, als er schon bei der Türe war.
Durch den Schneesturm, der in der Zwischenzeit wieder eingesetzt hatte und nun stärker als vorher war, gelangte Ivan irgendwie zu seinem Opel. Zuerst steckte er seine Hand in die Rückenlehne des Beifahrersitzes, um das eingewickelte Päckchen zu betasten, das er heute abend hätte übergeben sollen. Anschliessend zog er eine Pistole unter dem Sitz hervor. Er zog den Verschluss leicht nach hinten, um zu prüfen, ob eine Kugel drin war, und steckte sich die Pistole unter den Pullover, hinter den Gürtel. Dann drehte er ihren Koffer um, um dieses idiotische Toilettentäschchen zu suchen. „Wieso, zum Teufel, will sie denn jetzt ihre Zähne putzen?!, fragte er sich genervt.
Er hatte das Auto schon abgeschlossen und war auf dem Weg zum Haus, als ihm einfiel, dass er die Zigaretten nicht genommen hatte.
Weiss wie ein Schneemann betrat er das Haus. Er schüttelte den Schnee runter und setzte sich an ein anderes Tischchen, um die Wand im Rücken zu haben.
Die anderen drei murmelten einander zu, ohne Ivan Aufmerksamkeit zu schenken:
„Gibt’s hier im Dorf noch irgend jemanden ausser euch?“, wollte sie vom Alten wissen.
„Niemanden, mein Liebes", antwortete die Alte anstelle von ihm. „Wir leben wie die Einsiedler.“

Der Schnaps wurde fleissig nachgegossen. Die Nacht wurde immer länger. Der Alte holte einen dritten Teller aus dem Geschirrschrank und ein kleines Messer mit einer gekrümmten Klinge. Vom Regal nahm er sich zwei Zwiebeln und ein Salzgefäss. Er schnitt Zwiebeln und Käse und schob sie sich zwischen ein paar Worten in den Mund.
„Ich war vor dem Krieg Waldarbeiter und stand gerade vor der Rente, da fiel ein Baum auf mich runter und brach mir das Bein. Und so lag ich in einem Krankenhaus mitten in Zagreb, als es losging. Da fang ich an nachzudenken, wo soll ich hin, was tun, ich kann doch nicht die Alte hier im Dorf zurück lassen, ganz allein, die Leute verschwunden, und statt dass ich sie zu mir hole und wir beide dann zum Sohn, flüchte ich aus dem Krankenhaus und komme brav hierher zurück. Ich denk mir, wo soll ich denn hin, was soll ich machen und blablabla...“
Die Alte war unterdessen in ihrem Fauteuil am Ofen eingenickt. Mittlerweile war es Mitternacht, und der Alte ging rüber zum Bett. Er legte sich auf die Seite und erzählte dann weiter, weshalb sie beide „hier geblieben sind, obwohl es hier sonst niemanden mehr gibt“:
„Weißt Du, ich habe einen Sohn in Rijeka, der kommt ab und zu her, der dachte, er holt uns zu sich, aber ich denk mir, wo soll ich denn hin, was soll ich in meinem Alter, ich und mein Frauchen. Da meint er, aber was wollt ihr denn in dem verlassenen Dorf. Da sag ich zu ihm, du weißt doch, das Dorf war schon vor diesem Krieg leer, was macht denn das für einen Unterschied, mein Junge, hier gab es auch vorher schon mehr Tote als Lebende. Weder habe ich Lust darauf, irgendwo hin zu gehen, noch sind wir beide, mein Junge, zu irgendwas nutze. Man hat doch die Kraft für sowas nicht mehr. Aus. Da bleibt nichts mehr ausser –schön sitzen bleiben, aufs Sterben warten und zu Gott beten, dass da irgendjemand ist, der dich begräbt.“

VI

Die Alten waren schon im Tiefschlaf, als Ivan sie fragte, wo die Toilette war. Sie antwortete ihm, es gebe kein WC.
„Sie haben mir erklärt, dass du - du warst wohl gerade draussen, um Zigaretten zu holen -, gleich da hinters Haus gehen sollst, wenn du mal musst.“
Er schüttelte unwirsch den Kopf, drückte sich hinter dem Tisch hervor und nahm seine Winterjacke vom Kleiderbügel. „Elendes Pack, unfassbar, wie die leben…“ zischte er, als er in den Ärmel schlüpfte.
Er trat in die eisige Nacht hinaus.
Der Schneefall war wieder schwächer geworden, nur einzelne Flocken flogen ihm ins Gesicht. Es herrschte völlige Stille. Irgendwo da oben teilten sich sogar die Wolken, und ihm daraus entstandenen Loch leuchtete der Mond auf.
Ivan drehte sich zum Haus hin. Er war völlig allein. Aus reinem Unbehagen darüber, dass sie rauskommen und ihn beim Pinkeln erwischen könnte, entfernte er sich aber ein paar Dutzend Meter hinein in die Schneewüste.
Zwar musste er seine Stiefel bei jedem Schritt mühselig in den harschen Schnee rammen, aber die Scham war stärker.

Er hatte sich gerade die Hose aufgeknöpft, als sie erschienen.
Zuerst war ihm nicht klar, was es war. Er dachte, es sei ein Schneewirbel, oder eine Reihe von kleinen Wirbeln, aber die Luft stand still, und da war nicht mal der Hauch eines Windes. Es war unendlich kalt und man konnte sehr gut sehen: Nein, das waren keine Wirbel.
Aus der Tiefe der Finsternis erschien, von rechts, eine Reihe dunkler Gestalten, die unter fast unhörbarem Gemurmel das Feld überquerten. Sie waren zu weit weg, um ihn Details erkennen zu lassen.
Er stand wie gebannt.
Woher kommen die denn mitten in der Nacht, dachte er, in diesem Dorf, wo es sonst niemanden mehr gibt.
Er hielt mit der Hand noch die Hose fest und zog sie, rein um sich sicherer zu fühlen,  unter Pullover und Jacke hoch, wo er den zahnförmigen Verschluss seine Pistole spürte. Ich greif sie nicht an. Hoffe, sie mich auch nicht...
Die gespenstischen Erscheinungen bewegten sich, ähnlich einer Kolonne von Gefangenen oder Pilgern, gleichförmig  durch das Weiss, alle in dieselbe Richtung. Vereinzelt waren im Gemurmel auch Gesprächsfetzen oder Gelächter zu vernehmen, die sogleich wieder von unbeschreiblicher Stille überdeckt wurden.
Lange zogen sie so vorüber. Einige hielten auch mal an, quetschten sich zu Gruppen zusammen, um sich danach wieder aufzulösen und den Marsch fortzusetzen. Sie verschwanden hinter einem Baum, vor den sich noch ein Busch gequetscht hatte, so dass nicht mehr zu erkennen war, wohin sie gingen.
Er starrte ihnen nach. Die Zeit verging. Der Umzug hörte nicht auf. Hunderte zogen an ihm vorüber übers Feld, vor seinen Augen.
So stand er mehr als eine Stunde lang, steif vor Kälte, Gesicht und Finger längst durchfroren, aber er wollte sich nicht von diesem Anblick lösen. Noch nie hatte er etwas Ähnliches erlebt.
„Ivan...“ Plötzlich hörte er eine Stimme im Rücken.
Sie kam durch den Schnee auf ihn zu, wobei sie mit ihren Füssen konzentriert den Abdrücken folgte, die er mit seinen Stiefeln hinterlassen hatte. „Mensch, wo bist du? Ich dachte schon, du seist irgendwo hingefallen und erfroren.“
„Sieh nur“, sagte er, als sie bei ihm war, und deutete mit dem Kopf in Richtung der Gespenster.
Noch immer zogen sie vorüber. Langsam und ununterbrochen, wie eine Prozession.
„Was ist das?“, flüsterte sie. „Wer sind diese Leute?“
„Ich dachte erst, es sei eine Halluzination. Das heisst, du siehst sie auch?“
„Wie sollte ich sie denn nicht sehen?“
„Und du hörst auch, dass sie irgend etwas murmeln?“
„Nein. Es ist doch nichts zu hören. Du siehst ja, völlige Stille.“
Sie beobachteten diese Erscheinungen ganz ruhig. Als ob sie einem Naturphänomen zusahen. Häufig ist es ja der Fall, dass viele an sich ängstliche Menschen auf gewisse, in der Tat grauenvolle Szenen ohne die

geringste Angst reagieren. – Sie standen da, als betrachteten sie das Polarlicht. Als wären sie sicher, dass ihnen von diesen Gespenstern keinerlei Gefahr drohte.
Die Kolonne hielt kurz an, und vier Gestalten setzten sich von den übrigen ab. Sie gingen weiter querfeldein, direkt auf die beiden zu. Sie kamen so nahe an sie heran, dass klar zu erkennen war, dass sie eine Art Uniform trugen, die über der Brust von Kreuzriemen zusammen gehalten wurde.
Einer zeigte mit dem Finger in ihre Richtung, genau genommen etwas weiter links, in Richtung Haus.
„Regardez là-bas. Regardez là-bas!“ schrie er.
Die anderen drei sahen sich um, mit der Handfläche über den Augen, als schützten sie sich vor der grellen Sonne.
„La maison. Regardez là-bas, la maison! “
Je ne vois rien “, sagte der zweite.
Moi non plus “, sagte der dritte. „Je ne vois rien“.
So standen sie noch eine Zeit lang, die Blicke aufs Haus gerichtet.

VII

Bei Tagesanbruch sassen sie am Tisch. Die Alte schnarchte im Sessel, mit vornüber gebeugtem Kopf, und ihr Mann schlief selig im Bett, Schlafmütze auf dem Kopf und eine Hand unter die Wange geschoben.
Ivan erhob sich schwerfällig und stemmte die Hände ins steife Kreuz. „Wollen wir?“ fragte er und hinkte zur Tür.
Sie traten in den rosaroten Morgen hinaus und machten sich lustlos, vorbei an Zäunen und Holzbündeln auf den Weg zum Auto. Er blickte auf die Ebene, über die in der Nacht die Erscheinungen gezogen waren; nun wirkte sie wie eine gewöhnliche schneebedeckte Eisfläche in diesem gottverlassenen Loch. Gesichtslos, nur an wenigen Stellen von kahlen Bäumen durchbrochen, genau wie auf den Bildern von Pieter Brueghel.
Das Auto erwartete sie dort am Abhang: Es steckte in einer Schneekugel auf dem Weg und trug auf Dach und Motorhaube eine Schneekrone.
Gleich neben dem Auto durchschnitt eine Spur Feld und Weg. Keinerlei Fussabdrücke, nur eine lang gezogene Vertiefung im Schnee, durch die jemand gegangen und die von den nächtlichen Flocken wieder zugeweht worden war.
„Ist das von denen?“ Sie zeigte auf die Spur, die sich in der Ebene verlor.
„Frag bloss nicht“, sagte er. Er fasste mit der Hand in die Tasche und klaubte einen klirrenden Schlüsselbund hervor. „Stell dir vor, mir ist erst vorhin eingefallen, dass ich eine alte Reservebatterie im Kofferraum hab. Weiss auch nicht, wo ich meinen Kopf hatte. Vielleicht springt die Karre ja damit an.“

Als sie beim Auto angekommen waren, zog Ivan unter dem Sitz einen kleinen Besen und die Schachtel mit den Gedore-Schlüsseln hervor. „Hast du Lust, ein wenig sauber zu machen, während ich das Teil auswechsle...?“
„Klar, gib her...“, antwortete sie. Er warf ihr den Besen übers Dach zu. Irgend ein Brummen zog seine Aufmerksamkeit auf sich, und er warf einen Blick über die Schulter.
Nicht weit von ihnen entfernt fuhr auf der andern Seite des Feldes mit Vollgas ein Laster vorüber. Auf seiner gelben Plane stand aufgedruckt: „Fanta – koste das Leben!“
„Sieh mal.“ Sie zeigte darauf. „Wir waren die ganze Zeit neben der Strasse! Der Weg verläuft eigentlich parallel zu ihr.“
„Ja - und? Was haben wir jetzt davon...?“
„Wenn wir das nur gewusst hätten... Wir hätten quer rüber gehen können. Irgendjemand hätte bestimmt angehalten, und wir wären schon irgendwie daheim angekommen.“
„Ach, wir kommen auch so noch heim“, stiess Ivan hervor, als er sich unters Lenkrad beugte, um den Hebel zu ziehen und die Motorhaube hochzuklappen. „In zweieinhalb Stunden sind wir dort, höchstens drei, diesmal wirklich. Muss nur noch die Batterie einsetzen.“

 

Dalibor Šimpraga © Darko Tomaš
Dalibor Šimpraga aus Kroatien
Dalibor Šimpraga, geb. 1969 in Zagreb/Kroatien, lebt in Zagreb; Studium der kroatischen und südslawischen Literatur- und Sprachwissenschaft in Zagreb; freier Schriftsteller (Romane, Kurzgeschichten); Herausgeber und Kulturredaktuer der größten kroatischen Zeitschrift „Globus“; Mitbegründer der Literaturzeitschrift „Fantom Slobode“; zahlreiche Buchveröffentlichen, zuletzt Anastasia, Roman, (Zagreb 2007); Kavice Andreja Puplina, Sammlung von Kurzgeschichten (Zagreb 2002); 22 u hladu, Anthologie junger kroatischer Prosa (Zagreb 1999); für sein Romandebüt Anastasia erhielt er 2008 den derzeit höchstdotierten kroatischen Literaturpreis „roman@tportal.hr“; Mitglied des kroatischen Schriftstellerverbandes „Hrvatsko društvo pisaca“.

 

Eine Übersetzung von Gérald Kurth
Gérald Kurth, geb. 1968 in Solothurn/Schweiz; Studium der Slavistik, französischen Sprache und Kunstgeschichte in Bern, Zagreb, Paris und Chicago. Von 1997 bis 2005 Assistent und Lektor für Bosnisch/Kroatisch/Serbisch am Slavischen Institut der Universität Bern. Seit 1999 freiberuflicher literarischer Übersetzer (aus dem Bosnischen, Kroatischen, Serbischen, Mazedonischen, Tschechischen u.a. ins Deutsche und aus dem Deutschen ins Bosnische, Kroatische, Serbische), u.a.: Robert Walser: Jakob von Gunten ins Bosnische (Jakob von Gunten u školi zaborava, Lukavac 2001). Midhat Kapo: Verschwunden im Übergang (Lukavac 2000); Doktorat 2005 zum Thema Identitäten zwischen Ethnos und Kosmos: Studien zur Literatur der Roma in Makedonien (Wiesbaden 2008).