Wagnis der Erinnerung

Sarajevo

Foto: Lisa Robert

Ein Essay der türkischen Autorin Aslı Erdoğan in einer Übersetzung von Angelika Hoch und Angelika Gillitz-Acar.

Foto: Lisa Robert


Tag

Seit gestern bin ich allein hier in dieser Dachkammer, die durch ein Dachfenster erhellt wird. Die Fensterscheiben sind auf ganzer Länge gesprungen, das Zimmer ist verstaubt und spärlich möbliert. Ein niedriges, etwa kniehohes schmales Bett, ein monströser Zeichentisch, der dasteht, als sei er schon seit Jahren nicht mehr benutzt worden, und zwei, drei Regale, das ist alles. Dann noch in jedem Winkel haufenweise leere Filmdöschen. Hier kann ich mich mühelos noch fremder fühlen, als ich es eigentlich bin, noch jünger und noch freier, hier, an dieser weiteren Station der Vergänglichkeit … zwischen Nicht-Aufbrechen-Können und Nicht-Bleiben-Können. Als befände sich in diesem Zimmer, im Innersten dieses Zimmers, das einzige, was ich im Lauf von Jahren, Nächten, Jahreszeiten je erlebt und mit mir getragen habe …

Wenn ich gestern Nacht nicht so müde gewesen wäre, hätte ich noch die Spritzer an der Wand, vor allem die riesigen, erschreckenden dort an der Decke eingehend betrachten und im Halbdunkel vielerlei Phantasiegebilde in ihnen ausmachen können. Die verschiedensten Geschichten, Vergangenheiten, jeder Fleck ein Ich … Gebilde, welche mit den immer tiefer in den Tag sinkenden Stunden noch plastischer werden, Phantasmen, die sich zusammen mit meiner halbverbalen Existenz von den glatten Wänden abziehen lassen.

Zwischen die steilen Dächer drängt sich mein Balkon mit schlaftrunken blühenden Ringelblumen, ansonsten, bis auf den einen, gähnend leeren Blumentöpfen, und einer Krähe sowie mehreren Spatzen, die mich sofort in ihr Herz geschlossen haben. An der gegenüberliegenden Wand Löcher von Gewehrkugeln und Granatsplittern.

Unten wird der Markt aufgebaut, nach und nach rollen Lieferwagen an, kistenweise werden Salate, Äpfel und Orangen angeschleppt, auf den wie Schulbänke in Reih und Glied aufgestellten Verkaufstischen aufgebaut und mit Wasser benetzt. Einige Stände sind für Handarbeiten, Spitze und Handtücher reserviert, einige weitere für Blumen … Vom Pastetenbäcker nebenan duftet es herauf, in Schals und Jeansjacken gehüllte, meist weibliche Marktleute stecken sich ihre Zigaretten an und entwöhnen sich allmählich ihrer Schweigsamkeit. Eine Straßenbahn rattert polternd vorbei. Es ist erst sechs Uhr morgens. In kaum einer Stunde wird der Markt überfüllt sein, kunterbunt und voll fröhlichen Geplappers, dieser ganz kleine Platz von höchstens fünfzig auf fünfzig Metern, jener Platz, auf dem vor etwas mehr als zehn Jahren eine Mörsergranate achtundsechzig Menschen in Stücke riss.

Es handelt sich um ebenjenen Platz, von dem auf den Titelseiten der Weltpresse blutbesudelte und vor menschlicher Hirnmasse triefende Bilder prangten, die Fotografen und Reporter zu Ruhm verhalfen, und welche die Leser, wenn sie morgens ihren Kaffee oder Tee schlürften, an die »Brutalität« eines Krieges erinnerten, den sie irgendwie vergessen hatten. Während ich mir so die wie Särge aufgereihten Verkaufstische, die schlichten, unscheinbaren Handarbeiten und die blassen Gesichter der Marktfrauen beschaue, fällt mir wieder ein, dass mich ein palästinensischer Freund, der schon einige Kriege miterlebt hat, einmal fragte: »Was willst du bloß in dieser chaotischen Stadt?« Ich erwiderte nur kurz: »Das Zurückkommen lernen.«

Foto: Daniel-Costin SanduIch bin in Sarajevo, in dieser überschaubaren Stadt inmitten steil aufragender Berge, in dieser Stadt, die umgeben ist von mittlerweile gelichteten Tannenwäldern, schattigen Tälern, Minenfeldern und Friedhöfen … Friedhöfe, die sich zwischen Häusern und Bäumen, Parks, Plätzen und Schulhöfen erstrecken, Gräber jung Verstorbener. Und es scheint so, als würde jedes davon auf ein weiteres warten, sich nach einem weiteren sehnen. Ganz gleich auf welche Anhöhe ich meinen Blick richte – überall diese senkrecht gen Himmel weisenden, schweigenden Grabsteine, die mich ansehen, schneeweiße, glanzlose Augen, die mich beobachten. So als wäre ein aus letzten, unvollendeten Blicken gewobenes Netz über das Leben geworfen.

Vielleicht lerne ich es, das Leben zu heiligen, lerne ich es trotz allem noch einmal, es zu heiligen, hier in Sarajevo, das eine Belagerung von eintausendvierhundert Tagen überstand, dessen Gebäude allesamt durchlöchert sind und das seit mehr als zehn Jahren, wie auch heute noch, seine Wunden verbindet. (Doch manche Wunden lassen sich nicht verbinden, bilden noch nicht einmal Schorf.) Dabei entsinne ich mich vage einer sedimentären, dennoch sehr aufrichtigen und sehr tiefen Freude … Freude darüber, dass der Strom des Lebens einfach so weiter dahinfließt. Dass er dahinfließt, auch wenn er mich hier zurückgelassen hat, inmitten meiner Einsamkeit, vor dieser zerschossenen Mauer … hier, in einer fremden Stadt, auf dem Balkon des Dachgeschoßes, den neuen Tag erwartend, zwischen einem schon lange vergangenen und dem noch nicht geborenen … Ich glaube, er könnte der erste Frühlingstag sein.

Nacht

Ich stehe auf der Steinbrücke vor der ausgebrannten Bibliothek. Der Vollmond ist so groß, hell und klar, wie ich ihn schon lange nicht mehr gesehen habe, und es scheint, als wolle er der Welt der Menschen etwas zurufen … als wolle sein blasses Gold von einer viel älteren Welt erzählen … Er war den Hügeln so nah, als würde er gleich die Tannen streifen. Das Mondlicht schimmert auf den weißen Steinen und den schlammigen Wassern des Flusses Miljacka.

Vielleicht habe ich hier früher schon einmal gelebt, all das schon einmal erlebt, dieses Belagertsein, dieses Eingekesseltsein, den Kummer darüber, dass nichts wieder zurückkehrt, nichts jemals wiederkehrt, und alles auf ewig verloren ist … als wäre ein früheres, ein wirklicheres Leben von mir plötzlich abgeschnitten, als wäre es nicht vollendet worden … In dieser Stadt, die schon vor Mitternacht verstummt, kann ich nur den Fluss hören, der den Kindern das Wiegenlied singt, und das Quietschen einer rostigen Schaukel.

Im Park drüben ist eine alte Frau mit Enkel und Hund, die schweigend eine Zigarette raucht. Vielleicht suche ich hier in dieser einsamen und lautlosen Nacht den Weg, der mich zurück ins Leben bringt. So wie ich zuvor aus dem Leben heraus hierher geraten bin …

Gegen neun Uhr morgens erfahre ich durch einen Telefonanruf, dass um Mitternacht wegen eines Lecks in der Gasleitung ein Brand in einem Waisenhaus ausgebrochen ist, ein vier Monate alter Säugling kam dabei ums Leben.

     

    Aslı Erdoğan © Gürcan Öztürk
    Aslı Erdoğan aus der Türkei
    Aslı Erdoğan, geb. 1967 in Istanbul/Türkei, wo sie heute lebt; Studium der Informatik und Physik; Diplomarbeit bei der Europäische Organisation für Kernforschung (CERN); eine in Rio de Janeiro begonnene Promotion brach sie ab und entschied sich fürs Schreiben; lebte zwei Jahre in Südamerika; freie Autorin (Romane, Erzählungen, Essays); zahlr. Buchveröffentlichungen, zuletzt: Taş Bina ve Diğerleri, Ausgewählte Erzählungen, (İstanbul, 2009); Hayatın Sessizliğinde, Essays, (İstanbul 2004); Bir Yolculuk Ne Zaman Biter, Zeitungskolumnen, (İstanbul 2000); Mucizevi Mandarin, Erzählungen, (İstanbul 1996); Kabuk Adam, Roman, (İstanbul 1994). Die Erzählung Tahta Kuşlar (deutsch: Holzvögel, Köln 1998) erhielt 1997 den Literaturpreis der Deutschen Welle und wurde in neun Sprachen übersetzt.

     

    Eine Übersetzung von Angelika Hoch
    Angelika Hoch, geboren 1969 in München/Deutschland, studierte an der Ludwig-Maximilians-Universität München Geschichte und Kultur des Nahen Orients sowie Turkologie, klassische Archäologie und Kunstgeschichte. Seit 2005 übersetzen Angelika Gillitz-Acar und Angelika Hoch gemeinsam unter anderem Kurzgeschichten, Märchen, sowie Werke von Leylâ Erbil und Ayşe Kulin.

     

    Eine Übersetzung von Angelika Gillitz-Acar
    Angelika Gillitz-Acar, geb. 1958, studierte erst Sozialpädagogik, dann Geschichte und Kultur des Nahen Orients, sowie Turkologie. Sie lebt in München und arbeitet dort in Projekten für Jugendliche ohne Schulabschluss. Nebenberuflich ist sie als Übersetzerin tätig und hat im Rahmen der Türkischen Bibliothek für den Unionsverlag in Zürich zusammen mit Angelika Hoch unter anderem Eine seltsame Frau (Tuhaf Bir Kadın) von Leyla Erbil, Die Stadt mit der roten Pelerine (Kırmızı Pelerinli Kent) von Aslı Erdoğan und zuletzt Ein schmaler Pfad (Bir Gün) von Ayşe Kulin ins Deutsche übersetzt.