Krieg und Frieden

Die Schlafwandler

„Es existiert natürlich eine Unmenge Literatur über die Ursachen des Ersten Weltkriegs, und im Zentrum dieser Literatur steht immer die Frage nach dem Warum: ‚Warum brach der Krieg aus?‘ Aber die Frage nach dem Warum beinhaltet ein Problem, denn die Frage nach dem Warum führt zu begrifflichen, abstrakten Erklärungen dafür, ‚warum es zum Krieg kam‘. ‚Nun‘, so die Antwort, ‚durch den Imperialismus, durch den Nationalismus, durch das Wettrüsten, und so weiter …‘ Und wenn man einmal anfängt, die Ursachen so zu summieren und aufeinanderzustapeln, schafft man damit ein Trugbild, dass nämlich die Ursachen nach und nach immer mehr wurden. Man legt sie auf die Waage, und wenn die Waage nach unten geht, bewegt sich die Nadel von einem möglichen Krieg zu einem wahrscheinlichen und schließlich zu einem unausweichlichen Krieg. Schließlich werden diese Ursachen so übermächtig, dass sie jede Kontigenz unter sich zermalmen und das Handeln des Einzelnen aus dem Blickfeld drängen. Und am Ende sind die Menschen, die den Krieg ausbrechen lassen, nichts weiter als Erfüller unpersönlicher historischer Kräfte.

So aber kam es nicht zum Krieg. Dieser Krieg brach aus aufgrund einer Kette … einer Abfolge von Entscheidungen, die an verschiedenen Orten und zu verschiedenen Zeiten getroffen wurden, in St. Petersburg, Berlin, Wien, Belgrad, Paris und auch in London, und die in der Summe dann zum Ausbruch des Krieges führten.

Erst wenn man das zur Kenntnis nimmt, dann sollte man die Warum-Frage stellen, die im Endeffekt oft die Frage nach dem Wer ist: ‚Wer ist für den Kriegsausbruch verantwortlich?‘ Wenn wir nach dem Warum fragen, meinen wir oft das Wer. Es ist ja auch völlig in Ordnung, diese Fragen zu stellen, aber man sollte die Frage nach dem Warum und Wer aus der Frage nach dem Wie herleiten und nicht umgekehrt, wie es meist geschieht. Statt zu konstatieren, es sei ‚der Imperialismus‘ gewesen, sollten wir nach den vielen Erscheinungsformen des Imperialismus suchen. Und statt pauschal die Deutschen zu beschuldigen, sollte man nach Beispielen für deren ‚schändliche Taten' suchen. Man sollte danach fragen, wo die Entscheidungen getroffen wurden, die zum Krieg geführt haben, und dann erst danach, wer sie schließlich traf und warum.

Den Titel Die Schlafwandler habe ich nicht deshalb gewählt, weil ich die Staatenlenker von 1914 in dem Sinne für Schlafwandler hielte, dass sie tatsächlich nicht wussten, was sie taten, denn einen echten Schlafwandler kann man nicht für das verantwortlich machen, was er tut. Nicht in diesem Sinne waren sie Schlafwandler. Das Bild sollte etwas anderes zum Ausdruck bringen, es sollte die Vorstellung von Menschen wecken, die in der Lage sind – wie echte Schlafwandler auch –, intentional und rational zu handeln, sind aber nicht im Stande, die Folgen ihrer Handlungen abzusehen. Sie glauben vielleicht, sie packen die Koffer für eine Reise, während sie in Wahrheit nachts um vier mitten im Badezimmer stehen.

Schlafwandler sind in der Lage, Dinge zu tun, die rational aussehen, deren Konsequenzen aber auf lange Sicht außerhalb ihres Horizontes liegen. Sie besitzen nur eine sehr eingeschränkte Form von Rationalität. Darum ging es mir: die Vorstellung von Menschen, die in der Lage sind nachzudenken und zielgerichtet zu handeln, die aber nur über ein unterentwickeltes Bewusstsein von dem verfügen, wozu ihr Handeln in letzter Konsequenz führen wird.“

 

 

Christopher Clark ©  Anemon Productions
Christopher Clark
Christopher Clark wurde in Australien geboren. Er lehrt Neuere Europäische Geschichte und ist Fellow am St. Catharine’s College der Universität Cambridge. Auf der langen Liste seiner Veröffentlichungen findet sich nicht zuletzt Die Schlafwandler – Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog (DVA, 2013; engl. Allen Lane, 2012). Clark wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, unter anderem 2007 mit dem Wolfson History Prize und 2010 mit dem Deutschen Historikerpreis.