Krieg und Frieden

Der Erste Weltkrieg und das Ende des Kaiserreichs Österreich-Ungarn

„Ich denke, Österreich-Ungarn stand unter enormem Druck, unter einer enormen Bedrohung. Schon vor dem Krieg hatte der Nationalismus in vielerlei Hinsicht begonnen, Österreich-Ungarn zu zerreißen. Es gab zum Beispiel Spannungen in Polen und natürlich unter den Südslawen, besonders in Bosnien und Herzegowina, die ja 1908 von Österreich-Ungarn annektiert worden waren. Aber es gab auch verbindende Faktoren, die alles zusammenhielten. Einer davon war wohl die Donau als grenzüberschreitende Wasserstraße, dann die österreichisch-ungarische Armee, die gemeinsame Armee, die Armee des Kaiserreichs, deren Loyalität aber vor allem der Person des Kaisers selbst galt, der ja der am längsten regierende Monarch ganz Europas war: 1848 war er auf den Thron gekommen. Der Kaiser schien ein fester Angelpunkt zu sein, und ich glaube, es gab eine tiefsitzende Loyalität gegenüber der Person des greisen Kaisers.

Als er dann im Verlauf des Krieges starb, ging bei den Leuten diese Loyalität gegenüber der Person des Kaisers verloren. Sein Nachfolger, sein großartiger Neffe Karl, war, denke ich, ein sehr fähiger junger Mann, aber da war es schon zu spät, denn die Herausforderung, die der Krieg für die Strukturen des Reiches sowohl in Österreich wie in Ungarn darstellte, waren einfach zu groß.

Natürlich verfolgten die einzelnen Nationalitäten innerhalb des Kaiserreichs eigene Interessen. Schließlich erklärten auch die Polen, die Südlawen, die Tschechen ihre Unabhängigkeit vom Kaiserreich, auch Ungarn und sogar Österreich selbst. Ganz am Ende des Krieges, im Oktober 1918, gab Kaiser Karl Österreich mehr Autonomie innerhalb der Reiches, aber Österreich brach einfach aus und erklärte, dass es unabhängig sein wollte wie die anderen auch.

Als dann schließlich die Friedensverhandlungen von 1919 begannen, war Österreich-Ungarn in Wirklichkeit schon von der Bildfläche verschwunden.“

 

Ian Beckett ©  Anemon Productions
Ian Beckett
Ian Beckett lehrt Militärgeschichte an der University of Kent. Er ist Fellow der Royal Historical Society of Great Britain. Sein Forschungsinteresse gilt den geheimen „Auxiliary Forces“ der britischen Armee, dem Ersten Weltkrieg und der britischen Armee am Ende der Viktorianischen Epoche. Er veröffentlichte unter anderem The Making of the First World War: A Pivotal History (Yale University Press, 2012).