Krieg und Frieden

Gesellschaftlicher Umbruch im Gefolge des Ersten Weltkriegs

„Was man in Westeuropa, glaube ich, kaum zur Kenntnis nimmt, ist, wie wichtig der Erste Weltkrieg für Südosteuropa war. Er war der kritische Moment, in dem dort nicht nur die politische Gestalt, sondern auch die gesellschaftliche und wirtschaftliche Dynamik eine ganz neue Richtung nahmen, denn der Erste Weltkrieg war ja auch ein totaler Krieg, der die gesamte Gesellschaft durcheinanderwirbelte.

Schon aus demografischen Gründen stellten die Bauern den Hauptteil der Streitkräfte, denn die meisten Männer, die man einziehen konnte, kamen vom Land. Bei ihrer Rückkehr – wenn sie überhaupt von der Front zurückkehrten – war ihr politisches Bewusstsein viel größer als vorher; aber das galt auch für ihre Erwartungen gegenüber dem Nationalstaat: Sie wollten etwas zurückbekommen, und das ist einer der Gründe, warum die meisten Länder nach dem Ersten Weltkrieg großangelegte Bodenreformen durchführten und viel Land an kleinbäuerliche Familien vergaben.

Das ist ein Beispiel, das zeigt, dass der Krieg auch für die soziale und ökonomische Entwicklung einen großen Bruch bedeutete, ganz zu schweigen von den neuen Grenzen, die nach dem Ersen Weltkrieg gezogen wurden.“

 

Ulf Brunnbauer ©  Anemon Productions
Ulf Brunnbauer
Ulf Brunnbauer lehrt Geschichte Südost- und Osteuropas an der Universität Regensburg und ist Co-Speaker der Graduierten-Schule für Ost- und Südosteuropastudien, einer gemeinsamen Einrichtung der Ludwig-Maximilians-Universität München und der Universität Regensburg. Er ist außerdem Direktor des Instituts für Ost- und Südosteuropaforschung.