Krieg und Frieden

Europäische Erinnerungen an den Ersten Weltkrieg

„Im Verlauf des 20. Jahrhunderts verwandelten sich die Toten des Ersten Weltkriegs: Aus Märtyrern wurden Opfer. Entscheidend ist hier die Verdrängung der religiösen Dimension ihres Todes. Als ich für die BBC und PBS in den USA eine Fernsehreihe über den Ersten Weltkrieg gemacht habe, bat mich ein offizieller Vertreter, den Titel der vierten Folge zu ändern, die von den großen Schlachten von 1916/17 handelte – an der Somme, in Verdun und Passendale –, und statt vom ‚Abschlachten‘ vom ‚Opfer‘ zu sprechen. Aber ich sagte: Nein, dann würde ich als Produzent zurücktreten. Der Unterschied zwischen den beiden Formulierungen ist der zwischen einer Sakralisierung der Gewalt, einschließlich des daraus abgeleiteten Totenkults, und einer Sicht, in der die Millionen Männer, die im Krieg gestorben sind, einer Katastrophe zum Opfer fielen, der keinerlei religiöse Bedeutung zukommt.

Es gibt einen fundamentalen Unterschied, eine Kluft, innerhalb der europäischen Erinnerung an den Ersten Weltkrieg. Auf dem Balkan und in Osteuropa (Polen, Russland, Ukraine – gerade heute!) werden die, die im Krieg auf der richtigen Seite ihr Leben verlieren, als Märtyrer angesehen. Dagegen ist die Vorstellung des Märtyrertums in Westeuropa größtenteils verschwunden, weil dort viel weniger Menschen zur Kirche gehen als in Osteuropa. Zum Beispiel spielte die katholische Kirche in Polen unter dem Kommunismus eine zentrale Rolle, auch während des Kalten Krieges, und religiös zu sein hatte eine politische Dimension. Es gibt also nicht nur eine europäische Erinnerung an den Ersten Weltkrieg, sondern im weitesten Sinne viele verschiedene Erinnerungen, und je weiter man nach Osten kommt, desto mehr werden die Verluste des Zweiten Weltkriegs als Deckerinnerung benutzt, um die des Ersten Weltkriegs miteinzubeziehen.

Die wichtigste Phase historischer Literatur über den Ersten Weltkrieg in den letzten Jahren war die transnationale, also der Versuch, nicht innerhalb der Grenzen des Nationalstaates zu bleiben. Der Erste Weltkrieg war der bis dato der größte Krieg, denn es war der erste industrialisierte Krieg zwischen Weltmächten und Großreichen, und hier liegt der quantitave und qualitative Unterschied. Schon das pure Ausmaß des Krieges, die Anzahl der Versehrten und Toten, sprengte jeden bekannten Rahmen, denn die Tötungskapazitäten vor allem der Artillerie und der gesamten mechanisierten Kriegsführung waren revolutionär. Angesichts dieser gewaltigen Zahlen hat es keinen Sinn, nur die Geschichte einer einzelnen Nation zu schreiben. Sehr sinnvoll ist es dagegen, die Geschichte einzelner Nation in einem Rahmen zu beschreiben, der über das Nationale hinausgeht. Nicht in einem ‚internationalen‘ Rahmen, also als Krieg zwischen souveränen Staaten, sondern mit einem Blick auf den Krieg als regionale Erscheinung – dann werden die Fronten im Osten oder die Mittelmeerfront zu großen transnationalen Räumen, in denen vier Jahre lang Menschen einander umbrachten. Die Westfront ist nicht einfach Frankreich, sondern Belgien und Frankreich gehören hier gewissermaßen zusammen, anders als wenn man Nationalgeschichte betreibt. Die Regionalisierung der Geschichte des Ersten Weltkrieges spiegelt die Natur des Krieges selbst wieder, der schlicht größer war als die Grenzen der Staaten, die in ihn verwickelt wurden.“

 

Jay M. Winter ©  Anemon Productions
Jay M. Winter
Den Fokus seiner wissenschaftlichen Interessen legt Jay M. Winter, Inhaber des Charles J. Stille-Lehrstuhls für Geschichte an der Yale University, auf den Ersten Weltkrieg und seine Auswirkungen auf das 20. Jahrhundert. Seine weiteren Forschungen gelten den Formen der Erinnerung an die Kriege des 20. Jahrhunderts, einschließlich Denkmale und Trauerstätten, dem Rückgang der Bevölkerungszahlen in Europa, den Ursachen von Kriegen und ihren Institutionen, der britischen Populärkultur während des Ersten Weltkriegs sowie dem Genozid an den Armeniern im Jahre 1915.