Krieg und Frieden

Der Erste Weltkrieg und das Ende des osmanischen Reiches

„Der Erste Weltkrieg war ein industrieller Krieg, ein totaler Krieg, das bedeutet, dass die Krieg führenden Staaten gezwungen waren, alles bis aufs Letzte aus ihren Gesellschaften herauszuholen. Das gilt in materieller Hinsicht – Gewehre, Granaten, Uniformen, in Massenproduktion hergestellte Verpflegung –, aber auch für das Menschenmaterial. Die Armeen waren so groß, dass sie den Menschenvorrat bis an die Grenzen ausnutzen mussten. Für das osmanische Reich bedeutete das, als mehr oder weniger unterentwickeltes Land in einen industriell geführten Krieg einzutreten. Umgekehrt bedeutete es aber auch, dass fast alle Industrieprodukte, von Eisenbahnschienen über Artilleriemunition und Gewehre bis hin zu Verbandsmaterial aus Europa eingeführt werden mussten. Der völlige ökonomische Ruin des osmanischen Reiches war die Folge.

Als der Krieg ausbricht, setzt man auf eine Kombination aus Programm und Improvisation. Die programmatische Seite sieht so aus: Die Jungtürken waren der Meinung, sie sollten vom Balkan etwas lernen, und zwar, dass man, um zu überleben, ein Nationalstaat werden musste und dass ein Nationalstaat homogen sein musste: ein Volk, ein Staat, das war ihr Plan.

Aber dann geschah Folgendes: Anfang 1915 verloren die Türken im Osten eine wichtige Schlacht gegen die Russen. Im März 1915 griffen die Briten und die Franzosen Gallipolli und die Dardanellen an, so dass die Türken unter Druck kamen und in Panik gerieten. Und dann vermischte sich beides: die Vorstellung, eine Nation aufzubauen und die Bevölkerung zu homogenisieren, und die Panik, weil man in der Defensive war, den Rücken zur Wand, im Westen gegen die Briten, im Osten gegen die Russen. In dieser Situation begannen dann die Deportationen der Armenier.

Und daraus entstand dann, was als Genozid an den Armeniern bezeichnet wird. Natürlich war das für sich gesehen eine gewaltige Tragödie, aber für die Jungtürken war es auch ein großer Schritt in Richtung auf eine Homogenisierung des Landes und den Aufbau ihrer Nation.“

 

 

Erik-Jan Zürcher ©  Anemon Productions
Dr. Erik-Jan Zürcher
lehrt Türkei-Studien an der Universität Leiden. Der Schwerpunkt seines wissenschaftlichen Interesses liegt auf der Übergangszeit vom Osmanischen Reich zur Türkischen Republik (ca. 1880 – 1950) und auf der Rolle, die die Jungtürken in diesem Prozess spielten.