Krieg und Frieden

Istanbul, Transformation einer Stadt

„Istanbul ist ja immer ein historisch-geografisches (historio-graphical) Problem, denn es verzerrt unseren Blick. Man denkt, Istanbul ist nicht nur das Zentrum des Osmanischen Reichs, es fungiert auch als Vorbild für das ganze Reich, alles was dort passiert, passiert auch im Rest des Reichs, aber das stimmt nicht. Istanbul ist groß, Istanbul steht im Mittelpunkt, Istanbul ist seit dem 15. Jahrhundert das Schaufenster osmanischer Macht, aber es nicht das osmanische Reich. In vielerlei Hinsicht stellt es eine Ausnahme von dem dar, was das übrige Reich ausmacht. Man kann die arabischen Provinzen nicht mit dem Blick auf Istanbul begreifen. Im 19. Jahrhundert beginnt sich das zu ändern. Zunächst einmal, weil Istanbul sehr rasch zu wachsen beginnt. Am Ende des 19. Jahrhundert ist Istanbul eine Stadt von gut einer Million Einwohner, es verwandelt sich in eine Metropole.

Istanbul absorbiert alle möglichen Elemente der westlichen Moderne, wird von innen her zu einem Schmelztiegel unterschiedlicher Erfahrungen. Wer in Istanbul lebt, unterscheidet sich schon vom Rest des Reiches. Keine besonders rosige Form von Kosmopolitismus, eher eine Sache von Business-as-usual. Dieser Stand der Dinge gerät im Krieg mächtig unter Druck.

Die Osmanen haben nie die Macht über Istanbul verloren, erst 1918 am Ende des Ersten Weltkriegs, als man sie zwang, den Waffenstillstand zu unterzeichnen. Die Alliierten, die Entente-Mächte, besetzten Istanbul, es wurde der gemeinsamen Verwaltung von Franzosen, Briten und Italienern unterstellt.

1923 gab man die Herrschaft über die Stadt zurück, aber nicht an osmanische Stellen, sondern an die neue Macht, die sich in Ankara etabliert hatte, aus der dann die Türkische Republik entstand.

Istanbul war viel zu sehr mit dem Makel der Durchmischung, des Kosmopolitischen, der osmanischen Identität verbunden, um als Hauptstadt der jungen Türkischen Republik anerkannt zu werden. Deshalb gehört Istanbul gewissermaßen zu den großen Verlierern des Krieges, denn es sollte einen Teil seiner Bevölkerung einbüßen und auf lange Sicht auch seine Verschiedenheit. Die griechische Bevölkerung blieb erst einmal dort, der Wegzug betraf eher die Menschen, die nicht aus Istanbul stammten. Aber in den vier bis fünf Jahrzehnten bis zu den 1950er- und 1960er-Jahren, sollte Istanbul den Großteil seiner griechischen und jüdischen Einwohner verlieren und die armenische Bevölkerung, die schon abgenommen hatte, wurde kulturell so stark unterdrückt, dass man sie kaum noch wahrnahm.

Istanbul verlor genau das, was zuvor seine Identität ausgemacht hatte, nämlich die kulturelle Diversität eines Großreichs, das sich über seine Pluralität definierte.“

 

 

Edhem Eldem ©  Anemon Productions
Edhem Eldem
Der Historiker Edhem Eldem lehrt an der historischen Fakultät der Bosporus-Universität in Istanbul. 2011 und 2012 war er Fellow am Wissenschaftskolleg zu Berlin. Die Schwerpunkte seiner Forschungen liegen auf der Sozial- und Wirtschaftsgeschichte in der Spätphase des Osmanischen Reichs, Biografien von Intellektuellen und der Geschichte der Archäologie.