Krieg und Frieden

Der Erste Weltkrieg und die Schaffung Jugoslawiens

„In Belgrad hat man die Entstehung Jugoslawiens auch als Ergebnis der großen serbischen Siege verstanden, und die führenden serbischen Politiker erwarteten, dass alle dankbar sein würden, dass sie dank der serbischen Streitkräfte und der großen Zahl serbischer Opfer von Österreich-Ungarn befreit worden waren. Andererseits hatte man in Belgrad kein Verständnis für die Bedürfnisse in Ljubljana, Zagreb, Sarajevo, Podgorica oder Skopje. Ein Grund dafür ist, dass man in Serbien keine Erfahrung mit einer ethnisch gemischten Bevölkerung hatte, denn nach dem Abzug der Osmanen war Serbien zu 100 Prozent serbisch.

Andererseits wurde das in Zagreb, Ljubljana und anderswo als serbisches Hegemoniestreben verstanden, noch schlimmer als zu Zeiten von Österreich-Ungarn, denn damals hatte man dort seine eigenen nationalen Rechte.

Im neuen, zentralisierten Staat besaß man als Nation tatsächlich weniger Rechte. Mag sein, dass die Rechte des Individuums größer waren, denn es war ja ein Staat mit einer parlamentarischen Demokratie, was Österreich-Ungarn nie gewesen war. Aber die kollektiven Rechte einer Nation, die man in Österreich-Ungarn besessen hatte, gingen verloren. Schon bei den Beratungen zur ersten jugoslawischen Verfassung 1919/20 traten großen Unterschiede zutage, was man unter ‚Jugoslawien’ überhaupt verstehen sollte.

Wie sollte der zukünftige Staat organisiert sein? Föderativ oder als Zentralstaat? Kann man eine jugoslawische Nation schaffen? Kann man eine einheitliche Nation und einen einheitlichen Staat der Jugoslawen errichten? All diese Diskussionen nahmen ihren Anfang schon 1914/15, dieselben Diskussionen, wie sie kurz vor dem Zerfall von Jugoslawien 1991 geführt wurden. Im Grunde haben wir das ganze 20. Jahrhundert hindurch eine Diskussion geführt, die mit dem Ersten Weltkrieg begonnen hatte.“

 

Dubravka Stojanović ©  Anemon Productions
Dubravka Stojanović
Die serbische Historikerin Dubravka Stojanović lehrt an der philosophischen Fakultät der Universität Belgrad. Ihre Forschungen umfassen demokratische Strömungen im Serbien des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts, das Geschichtsbild aktueller serbischer Lehrbücher, Sozialgeschichte, den Prozess der Modernisierung und die Geschichte der Frau in Serbien.