Krieg und Frieden

Der Balkan 100 Jahre nach dem Ersten Weltkrieg

„Als der Krieg in Jugoslawien zu Ende war, hatten wir den Eindruck, dass ein Zyklus von Gewalt, der mit dem Balkankrieg begonnen hatte, zu Ende gegangen war und das Nachwirken des Zusammenbruchs des Kommunismus sein Ende erreicht hatte. Trotzdem herrscht in unserer Region große Instabilität; anders gesagt, die Lage, die vor dem Balkankrieg galt, als unterschiedliche Identitäten infolge einer Art Fragmentierung nach Staatlichkeit oder auch nach nicht-staatlichen institutionellen Strukturen gestrebt hatten, besaß nach wie vor Gültigkeit. Es existiert eine Tendenz zur ‚Balkanisierung‘. Balkanisierung bedeutet die Schaffung kleiner, schwacher Staaten: 2006 wurde Montenegro unabhängig, 2008 erklärte das Kosovo seine Unabhängigkeit (ob man sie nun anerkennt oder nicht), und niemand weiß, wann dieser Prozess der Schaffung von Kleinstaaten enden wird.

Im 19. Jahrhundert herrschte die Vorstellung, dass es eine Art Schwelle für Nationen gibt, eine Mindestgröße. Heute kann man beobachten, dass diese Schwelle nicht mehr existiert. Es gibt eine Tendenz, dass kleine ethnische Gruppen, die man kaum voneinander unterscheiden kann (Albanien und Kosovo sind dafür zwei Beispiele) in der Region neue Staaten bilden. So entstehen neue Grenzen und zersplitterte Identitäten. Das führt nicht zwangsläufig zu Gewalt, sondern kann durchaus friedlich ablaufen. Aber es gibt keine Garantie dafür, dass es nicht zu einem neuen Aufflammen der Gewalt kommt, solange in der Region neue ethnisch-nationale Identitäten entstehen. Auf dem Balkan werden immer noch neue Nationen geschaffen.“

 

 

Christina Koulouri ©  Anemon Productions
Christina Koulouri
Christina Koulouri lehrt Neuere und Zeitgeschichte an der Pantion-Universität Athen für Sozial- und Politikwissenschaften. Sie ist Vorsitzende des Komitees Geschichtsunterricht am Zentrum für Demokratie und Versöhnung in Südosteuropa. Ihre Veröffentlichungen befassen sich mit den Themen Geschichtsunterricht, Geschichte der Historiographie, Schulbücher, nationale Identität und Sportgeschichte. Außerdem ist sie Herausgeberin von vier Arbeitsheften (alternativem Unterrichtsmaterial) zum Unterricht der Neueren und Zeitgeschichte in Südosteuropa.