Krieg und Frieden

Kann das Studium der Geschichte die Konflikte auf dem Balkan lösen helfen?

„Ich bin Historiker, kein politischer Unterhändler, deshalb bin ich mir nicht ganz sicher, ob das Studium der Geschichte bei der Lösung der Konflikte auf dem Balkan helfen kann. Eigentlich sollte man meinen, dass, je mehr die Menschen über Geschichte wissen und je mehr sie ihre Geschichte in einem größeren Kontext verstehen lernen, sie desto weniger geneigt sein werden, gegeneinander in den Krieg zu ziehen. Aber ich denke, die Geschichte zeigt uns, dass das nicht notwendigerweise so ist. Natürlich bin ich Historiker genug, um zu sagen, dass Menschen über ihre Vergangenheit Bescheid wissen sollten, denn das ist wichtig für sie als Menschen und moralisch Handelnde allgemein, aber nicht weil die Vergangenheit in instrumenteller Hinsicht eine entscheidende Rolle spielt. Wenn die Geschichtswissenschaft dabei helfen kann, in Europa den Frieden zu sichern – um so besser. Ich denke, man soll den Menschen etwas über die Geschichte anderer Länder beibringen. Den Menschen mehr Geschichte beizubringen allein, führt aber wohl nicht zu mehr Frieden – bedauerlicherweise.

Aus intellektureller Sicht ist positiv zu bewerten, dass die Menschen seit dem Ende des Kalten Krieges begonnen haben, die Dinge auch aus dem Blickwinkel von jenseits der Grenze zu betrachten. Man interessiert sich ein wenig mehr dafür, wie eine regionale Perspektive aussehen könnte und wie der Krieg aus der Sicht der Unterlegenen und Besiegten aussehen mag. Denn in einem gewissen Sinne waren in diesem Krieg alle die Unterlegenen, und niemand ging daraus als klarer Sieger hervor. Diese Einsicht verdanken wir den Ethnologen, denn sie haben die Erinnerung an den Krieg untersucht, die offizielle Erinnerung und die unterdrückte Erinnerung, von der man nicht sprechen durfte.

Deshalb wissen wir heute sehr viel mehr über die verborgene Geschichte des Krieges, wie sie in den Familien bewahrt wird, und kennen nicht mehr nur die offizielle Version, mit der man uns in der Schule zu Tode gelangweilt hat. Und deshalb gibt es heute auch einen Spielraum für eine neue Geschichte des Krieges, eine neue Geschichte der gesamten Region, denke ich. Und wenn es Eines gibt, das wir nach dem Ende des Kalten Krieges gelernt haben, dann dass wir nicht länger in rein nationalen Kategorien denken dürfen.“

 

Mark Mazower ©  Anemon Productions
Mark Mazower
Das Hauptgewicht seiner Forschungen legt der Historiker und Autor Mark Mazower auf die Neuere Geschichte Griechenlands, das Europa des 20. Jahrhunderts und Internationale Geschichte. Sein neuestes Buch trägt den Titel Governing the world: the history of an idea (Penguin Press, 2012). Zurzeit ist er Direktor des Heyman Center for the Humanities an der Columbia University in New York.