Jakob Arjouni: Porträt

Jakob Arjouni ist der glückliche Fall eines Autors, der ausgehend von den Vorzügen der Unterhaltungsliteratur mit der Zeit die Kunstfertigkeit eines großen Erzählers erreicht hat. In der festen Überzeugung, dass „der Krimi ein guter Rahmen ist, um mit dem Schreiben anzufangen“ („Foglio giallo“, 1996), fand er zu Beginn seiner schriftstellerischen Karriere in diesem Genre mit seinen klassischen Standardsituationen die ideale Form des Geschichtenerzählens, in welcher sich auf scheinbar natürliche Weise zusammenfügt, was sonst angestrengter Inszenierungskünste bedarf.
Und es spricht für die Qualität seiner Kriminalromane, dass ihre Spannung nicht nur auf einzelnen Pointen beruht, sondern durch ihre raffiniert durchdachte Konstruktion entsteht. ...

Schon „Happy birthday, Türke!“ (1985) erweist sich als Kriminalroman der ungewöhnlichen Art. Er zeigt bereits Arjounis handwerkliche Virtuosität und auch die für ihn charakteristische souveräne Durchführung der Handlung, die klare, gradlinige Komposition, die ausgetüftelten Handlungsstränge, die regional eingefärbten umgangssprachlichen Dialoge, die knappe, prägnante Charakterisierung der Personen und die atmosphärische Intensität, mit der Arjouni das Milieu der Frankfurter Unterwelt und das seiner Mitbewohner zu beschreiben versteht. ...

In „Kismet“ (2001) muss sich der Großstadt-Detektiv mit dem organisierten Verbrechen der Balkan-Mafia auseinandersetzen. Ein Freundschaftsdienst artet in eine Schießerei aus, bei der Kayankaya und sein Freund Slibulsky zwei merkwürdig verkleidete und gepuderte Schutzgeldeintreiber aus Notwehr erschießen. ...

Gute Krimis befolgen die Regeln, brillante spielen mit ihnen, bieten einen Überschuss an Erfindung und Imagination, präsentieren eine Figur von bisher unbekanntem Zuschnitt und eine Sprache, die der geschilderten Realität in gebührendem Maß Rechnung trägt. Jakob Arjouni gelingt dies, denn sein unprätentiöser Sprachstil vermag die düsteren und grellen Szenerien der Unterwelt Frankfurts heraufzubeschwören, die moralischen Bruchstellen der Zeit und Gesellschaft offen zu legen. Glaubwürdige Charaktere und ein unverwechselbarer Ermittler, der nicht selten auf dramatische Weise mehr in seine Fälle verwickelt wird als ihm lieb sein kann, heben seine Krimis über das Niveau eines simplen Rätselromans hinaus… Als Jakob Arjouni mit „Magic Hoffmann“ seinen ersten Roman vorlegte, der nicht auf das Krimi-Genre zurückgriff, weckte er hohe Erwartungen, denen er …auch gerecht wurde. ...

Arjouni knüpft in „Magic Hoffmann“ an die Tradition des Desillusionsromans an. Es geht um Aufbruch und Suche und schließlich auch darum, wie der Traum von Glück sich Schritt für Schritt entzaubert. Zentrum und Bezugspunkt des Romans ist der einfältig-naive Hoffmann, dessen Reise nach Berlin ein gewundener Weg voller Missverständnisse, Enttäuschungen und Brüche ist. Die Welt um ihn herum hat sich verändert, nur er ist „der alte geblieben“. Voller Unverständnis reagiert er daher auf die ihm fremd gewordene Umwelt, in der Anpassung, Unterordnung, Egoismus und Erfolg als höchste Güter gelten. Hoffmanns Schicksal ist die Antwort auf eine dem Zynismus, dem elitären Zeitgeist und dem Rassismus huldigende Gegenwart.
Mit freundlicher Erlaubnis des Verlags aus dem
„Kritischen Lexikon der Gegenwartsliteratur“ entnommen.
© edition text + kritik im Richard Boorberg Verlag GmbH & Co KG

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