Wie kein anderer Schriftsteller der Bundesrepublik steht Günter Grass stellvertretend für die deutsche Nachkriegsliteratur. Die Verleihung des Literaturnobelpreises 1999 war deshalb eine in der literarischen Öffentlichkeit als selbstverständlich empfundene Bestätigung dieser Bedeutung. In der Begründung der Schwedischen Akademie wurde hervorgehoben, dass Grass, als er 1959 “Die Blechtrommel” veröffentlichte, “der deutschen Literatur nach Jahrzehnten sprachlicher und moralischer Zerstörung einen neuen Anfang vergönnt” hätte. Die Akademie ging davon aus, dass dieser Roman “zu den bleibenden literarischen Werken des zwanzigsten Jahrhunderts gehören wird”. …
.. Mit der Geschichte des zwergwüchsigen Oskar Matzerath, der als klassischer Pikaro das kleinbürgerliche Nazi-Milieu in Danzig und später die restaurative Adenauer-Bundesrepublik von unten betrachtet, gelang Grass 1959 nicht nur der Durchbruch als Künstler, es entstand auch der wichtigste und wirkungsvollste Roman der deutschen Nachkriegsliteratur. ...
“Katz und Maus” war zunächst als eine von vielen Geschichten eines Komplexes mit dem Titel “Kartoffelschalen” gedacht, wuchs dann aber so stark an, dass eine eigenständige Veröffentlichung daraus werden musste. Im Hinblick auf Ort und Zeit der Handlung – Danzig-Langfuhr während des “Dritten Reichs” – und auf viele Figuren, besonders auf Tulla Pokriefke, gibt es aber so viele Verbindungen sowohl zu dem Rest des “Kartoffelschalen”-Projekts, der 1963 als “Hundejahre” veröffentlicht wurde, als auch zur “Blechtrommel ...
... in der Wahl seiner literarischen Stoffe zeigte sich … eine Hinwendung zu den “Demokratischen Geschichten”, zu einer revisionistischen Behandlung der Ideologien der Gegenwart und der Vergangenheit. Bevor er selbst als Wahlkämpfer durch das Land ziehen sollte, um die Menschen mit einer politischen Botschaft zu erreichen, beschäftigte er sich 1964 in einer Rede vor der Akademie der Künste mit Volkstribunen ...
Die .. Revolution in der DDR und die schnell erfolgte Wiedervereinigung, gepaart mit einer von der “Frankfurter Allgemeinen Zeitung” losgetretenen Debatte um die “Gesinnungsästhetik” der deutsch-deutschen Nachkriegsliteratur, die nun ebenfalls abdanken sollte, riefen ... den Grass der sechziger Jahre zurück auf den Plan. ….Und wie in “Hundejahre” wird als das Hauptübel der Gesellschaft die Währungsreform ausgemacht…
…In einem Text ohne Gattungsbezeichnung mit dem Titel “Beim Häuten der Zwiebel” (2006) berichtet der Autor von den Jahren 1939 bis 1959 und erwähnt dabei neben vielen sehr bekannten und weniger bekannten Details der grassschen Biografie auch, dass er 1944 nicht nur als Luftwaffenhelfer eingezogen wurde, sondern sich danach freiwillig zur Wehrmacht meldete und der Waffen-SS zugeteilt wurde…
Zur Disposition stand die moralische Integrität der öffentlichen Person Günter Grass, sein politisches Engagement und seine zahlreichen Einsprüche wurden nun als Heuchelei diskreditiert. Die Frage nach dem richtigen Zeitpunkt der Beichte ließ die Debatte aber offen, sie wurde überhaupt nicht erörtert. .. Die Beschäftigung mit dem literarischen Text selbst kam in dieser Debatte selten vor. Wieder ganz bei sich und alles Äußere als Innerstes herausstellend war Günter Grass dann in dem sich direkt auf die Debatte um “Beim Häuten der Zwiebel” beziehenden Gedichtband “Dummer August” (2007). Plakativ schildert er sich darin als denjenigen, der “Am Pranger” steht, “gestellt vors Schnellgericht / der Gerechten” und “der erprobten Punktrichter
.. Mit der Geschichte des zwergwüchsigen Oskar Matzerath, der als klassischer Pikaro das kleinbürgerliche Nazi-Milieu in Danzig und später die restaurative Adenauer-Bundesrepublik von unten betrachtet, gelang Grass 1959 nicht nur der Durchbruch als Künstler, es entstand auch der wichtigste und wirkungsvollste Roman der deutschen Nachkriegsliteratur. ...
“Katz und Maus” war zunächst als eine von vielen Geschichten eines Komplexes mit dem Titel “Kartoffelschalen” gedacht, wuchs dann aber so stark an, dass eine eigenständige Veröffentlichung daraus werden musste. Im Hinblick auf Ort und Zeit der Handlung – Danzig-Langfuhr während des “Dritten Reichs” – und auf viele Figuren, besonders auf Tulla Pokriefke, gibt es aber so viele Verbindungen sowohl zu dem Rest des “Kartoffelschalen”-Projekts, der 1963 als “Hundejahre” veröffentlicht wurde, als auch zur “Blechtrommel ...
... in der Wahl seiner literarischen Stoffe zeigte sich … eine Hinwendung zu den “Demokratischen Geschichten”, zu einer revisionistischen Behandlung der Ideologien der Gegenwart und der Vergangenheit. Bevor er selbst als Wahlkämpfer durch das Land ziehen sollte, um die Menschen mit einer politischen Botschaft zu erreichen, beschäftigte er sich 1964 in einer Rede vor der Akademie der Künste mit Volkstribunen ...
Die .. Revolution in der DDR und die schnell erfolgte Wiedervereinigung, gepaart mit einer von der “Frankfurter Allgemeinen Zeitung” losgetretenen Debatte um die “Gesinnungsästhetik” der deutsch-deutschen Nachkriegsliteratur, die nun ebenfalls abdanken sollte, riefen ... den Grass der sechziger Jahre zurück auf den Plan. ….Und wie in “Hundejahre” wird als das Hauptübel der Gesellschaft die Währungsreform ausgemacht…
…In einem Text ohne Gattungsbezeichnung mit dem Titel “Beim Häuten der Zwiebel” (2006) berichtet der Autor von den Jahren 1939 bis 1959 und erwähnt dabei neben vielen sehr bekannten und weniger bekannten Details der grassschen Biografie auch, dass er 1944 nicht nur als Luftwaffenhelfer eingezogen wurde, sondern sich danach freiwillig zur Wehrmacht meldete und der Waffen-SS zugeteilt wurde…
Zur Disposition stand die moralische Integrität der öffentlichen Person Günter Grass, sein politisches Engagement und seine zahlreichen Einsprüche wurden nun als Heuchelei diskreditiert. Die Frage nach dem richtigen Zeitpunkt der Beichte ließ die Debatte aber offen, sie wurde überhaupt nicht erörtert. .. Die Beschäftigung mit dem literarischen Text selbst kam in dieser Debatte selten vor. Wieder ganz bei sich und alles Äußere als Innerstes herausstellend war Günter Grass dann in dem sich direkt auf die Debatte um “Beim Häuten der Zwiebel” beziehenden Gedichtband “Dummer August” (2007). Plakativ schildert er sich darin als denjenigen, der “Am Pranger” steht, “gestellt vors Schnellgericht / der Gerechten” und “der erprobten Punktrichter
Mit freundlicher Erlaubnis des Verlags aus dem
„Kritischen Lexikon der Gegenwartsliteratur“ entnommen.
© edition text + kritik im Richard Boorberg Verlag GmbH & Co KG
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