Katharina Hacker: Porträt

Als Katharina Hackers Roman “Die Habenichtse” 2006 mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet wurde, war die Enddreißigerin schnell eingeordnet. Den Roman einer Generation habe sie geschrieben, den Roman der “Generation Golf”, die Florian Illies 2000 so suggestiv skizziert habe als eine Generation, die, eingelullt von der geistigen und politischen Stagnation der Kohl-Ära, aufgewachsen war mit den Sicherheiten, der Ereignislosigkeit und dem Konsumententum der 1980er Jahre, unpolitisch und, anders als ihre 68er-Eltern, ohne Ziele und Orientierungen (Christiane Korff). Es wäre jedoch falsch, “Die Habenichtse” als einen bloßen Generationenroman zu sehen, und in Katharina Hackers Texten überhaupt den Ausdruck eines Generationengefühls. Moden und Trends interessieren die Autorin wenig. Berlin-Mitte, die Hackeschen Höfe, die Straßen Londons – die minutiös beobachtete, genau gezeichnete Realität, die Romanfiguren, die, modisch gekleidet, mit Handys und Computern hantieren und sich in schicken Restaurants treffen, sollten nicht dazu verleiten, in Hackers Romanen bloße Gesellschaftsporträts zu sehen, die ihr kritisches Potenzial vor allem aus dem Wiedererkennungseffekt schöpfen. Der Alltag ist die Folie, auf der Hackers Figuren agieren, die Sprache fließt dahin, als sei das, was ihnen widerfährt, eher beiläufig. Es geht Katharina Hacker nicht nur um Zeitkritik, sondern um die großen Themen menschlicher Existenz, um Leben und Tod, um Glück und Melancholie, um Schuld und Verantwortung. …

(…) Verlassenheit und Tod, Liebe und Verrat, Einsamkeit und Gewalt. Diesen großen, zeitübergreifenden Themen nähert sie sich mit einer poetischen Sprache, die das Alltägliche nicht scheut. …

Das ist auch so bei den Akteuren des Romans “Die Habenichtse” (2006). Hier leben die Protagonisten ihr gut situiertes Leben, ohne die immer wieder durchscheinende Kulisse von Bedrohung und Terror kaum mehr als flüchtig zur Kenntnis zu nehmen. Sie sind unfähig, sich dem sozialen Elend unmittelbar vor ihrer Tür zu stellen, bis es sie erreicht. Auch in diesem Roman geht es letztlich um Schuld, um die Schuld an sich selbst und gegenüber anderen durch ein leeres, unbeteiligtes Leben.
Mit freundlicher Erlaubnis des Verlags aus dem
„Kritischen Lexikon der Gegenwartsliteratur“ entnommen.
© edition text + kritik im Richard Boorberg Verlag GmbH & Co KG

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