Rafik Schami: Porträt

Kaum jemand hat in Deutschland das Erzählen wieder so populär gemacht wie der Syrer Rafik Schami. Er gehört zu den Pionieren der neueren deutschsprachigen Migrantenliteratur, der zunächst so genannten “Gastarbeiterliteratur”, auch wenn sich sein Werk nie hinreichend mit diesen Begriffen erfassen ließ. Schami begann nicht erst in Deutschland und in deutscher Sprache, Geschichten zu erzählen, sondern bereits in Syrien in seiner arabischen Muttersprache. …

Seine künstlerischen Wurzeln sieht Rafik Schami im mündlichen Erzählen, das an alte orientalische Erzähltraditionen anschließt und noch zu seiner Jugendzeit in der arabischen Welt hochgeschätzt und vom Hakawati, dem Caféhauserzähler, professionell ausgeübt wurde. Schami hat das mündliche Erzählen auch in Deutschland in unzähligen ‘Lesungen’ mit großem Erfolg neu belebt. Als wichtiges, dem mündlichen Erzählen sehr nahe stehendes Erzählmuster nennt er die Märchen von Tausendundeiner Nacht, die er als Kind fast drei Jahre lang täglich im Radio anhören durfte. Aus dieser Erzähltradition stammt nicht nur der Wunsch bzw. die Notwendigkeit, spannend zu erzählen, sondern auch der Stellenwert, der dem Zuhörer innerhalb des Erzählvorgangs zukommt. In allen Werken Schamis wird immer wieder eine Erzählsituation geschaffen, in der die Märchen und Geschichten vorgetragen und von den Zuhörern kommentiert, bewertet und ergänzt werden. …

Die orientalischen Märchenformen kombiniert Schami mit aktuellen Inhalten. Seine wichtigsten Themen lassen sich in drei große Bereiche gliedern: Zum einen geht es um die Situation der “Gastarbeiter”, der Migranten und Ausländer in Deutschland und das Verhältnis zwischen dieser Minderheit und der deutschen Mehrheit. Zum anderen um das Leben der kleinen Leute seiner arabischen Heimat im Schatten wechselnder Diktaturen; auch hier geht es um die Lebensbedingungen von Minoritäten, die Schami durch seine Herkunft aus einer christlichen und aramäischen Familie in einer mehrheitlich muslimischen Gesellschaft von Kindheit an vertraut sind. Der dritte Themenkreis, der immer mehr Gewicht bekam, ist das Erzählen selbst. All diese Themen umspannt die Utopie einer multikulturellen Gesellschaft, die Schami im alten Damaskus bereits teilweise verwirklicht sah, und eines dialogischen Austauschs zwischen den Kulturen. Durchgängig ist auch eine satirische Grundhaltung des Erzählens, die alle jeweils vorgegebenen Herrschafts- und Denkstrukturen hinterfragt und angemaßte Größe dem Lachen preisgibt.
Mit freundlicher Erlaubnis des Verlags aus dem
„Kritischen Lexikon der Gegenwartsliteratur“ entnommen.
© edition text + kritik im Richard Boorberg Verlag GmbH & Co KG

Rafik Schami im Bibliothekskatalog

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