Adorno, Theodor W.: Wirkung

Adornos frühe Studien waren angeregt durch ein breites Spektrum von Interessen: neben der Philosophie auch Psychologie, Soziologie, Musikwissenschaft und das Komponieren. Sein philosophisches Anliegen aber war vor allem ein sozialphilosophisches, inspiriert durch das intellektuelle Milieu der marxistischen Gesellschaftskritik, die gegenüber der Entmenschlichung durch den Kapitalismus einen sozialen Humanismus einklagte. Dabei blieb er, anders als viele Marxisten, die in die politische Praxis drängten, ganz Philosoph und theoretisch-kritisch. Auch war er in seinen Vorlieben dem gebildeten Bürgertum verbunden, lange Zeit war er unentschieden, ob er Komponist neuer Musik werden sollte oder der Dichter seiner philosophischen Essays.

Seine philosophisch-kritischen Denkmittel entnahm er nicht der proletarischen Realität, sondern Hegels Begriffstheorie. Bei Hegel bestand die Wahrheit des Begriffs darin, daß der Begriff (auf systemkomplexe Weise) so zuende gedacht wird, daß er die Welt - oder auch: seine “Realität” - vollständig in einem System meistert. Genau das aber: daß durch konsequentes Denken die Wirklichkeit am Ende vollständig im Begriff, also in diesem Denken aufgehe, diesen idealistischen Fortschrittsglauben hat Adorno Hegel bestritten. In solchem Denken sieht Adorno den Begriff der Wirklichkeit seine “Totalität” aufzwingen. Der Begriff wird totalitär und somit falsch, weil er Momente der Wirklichkeit unterdrückt. Wirklichkeit ist nie vollständig rational erfaßt, es bleibt dem rationalen Begreifen gegenüber stets ein irrationaler Rest. Adorno nennt ihn das “Nichtidentische”. Man hat Adorno daher auch als den “Anwalt des Nichtidentischen” bezeichnet.

So spiegelt die Begriffstheorie im Modell die Herrschaftsverhältnisse, die Adornos Gesellschaftskritik im Großen geißelte. In dieser trat der Nichtidentitätsphilosoph Adorno auf als Anwalt der Unterdrückten und vom System Dominierten. Wie der Begriff unwahr wird, indem er das Nichtidentische annulliert, so sind die gesellschaftlichen Verhältnisse unwahr, in welchen ihre Mitglieder, Individuen allesamt, durch die Macht total bestimmt sind. Die Keime des Unwahren fand Adorno bereits in der Allgegenwart von Ware, Kitsch und Konsum. Selbst in der Kunst, die als gesellschaftliche Ausdrucksform zugleich in kritischer Antithese zur Gesellschaft steht, findet sich dieses Spannungsverhältnis zwischen Herrscher und Beherrschtem wieder in der Beziehung von Kunstwerk und Realität, von Darstellung und Dargestelltem.

Seine geschichtsphilosophischen Prämissen, die mit dem historischen Materialismus veraltet sind, und eine schier religiöse Unerbittlichkeit, mit welcher Adorno allenthalben das “falsche” Leben anprangerte, haben verhindert, daß seine scharfen und zugleich von hoher literarischer Suggestionskraft getragenen Begriffe Schule gemacht haben - wenn sie auch eine gewisse Zeit den akademischen Jargon der Philosophie beherrschten. In stilistisch fein gearbeiteten Essays hat Adorno faszinierende Einsichten ins Denken beschert. Aufwärmen freilich kann man sich an diesem Denken nicht.

Text: Ulrich Sand

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