Mit seiner Verstehenslehre, der "philosophischen Hermeneutik”, steht Gadamer in der hermeneutisch-geisteswissenschaftlichen Tradition Friedrich Schleiermachers und Wilhelm Diltheys. In der Hermeneutik nimmt die Philosophie ihre Aufgabe als Suche nach Wahrheit noch besonders ernst, im zwanzigsten Jahrhundert vor allem im Zusammenhang mit dem hohen Begriff von “Existenz” bei Heidegger, dessen Schüler Gadamer ist. Um “Wahrheit” geht es hier nun nicht im Sinne der objektiv “erklärenden” Methodik der Naturwissenschaften, sondern als Begriff einer emphatisch verstandenen Wahrheit, die im Zusammenhang mit dem Existentiellen menschlicher Welterfahrung steht und der man sich “verstehend” nähert. Mehr noch als seine Vorgänger hat Gadamer diesen Wahrheitsbegriff an das Geschichtliche und die “Tradition” zurückgebunden. “Wahrheit” ist demnach nichts Absolutes und Überzeitliches, sondern ein Phänomen des geschichtlichen Verlaufs, der “Wirkungsgeschichte”. “Verstehen” von Wahrheit (gewissermaßen also eines Bedeutungsgehaltes der Geschichte) bedeutet “Einrücken in ein Überlieferungsgeschehen”.
Eine Pointe von Gadamers Hermeneutik ist, daß der Verstehende selbst im Wirkungszusammenhang der Tradition steht, in der er seinen Gegenstand antrifft, und sich folglich, um der Wahrheit der historischen Situation gerecht zu werden, über seine eigene “hermeneutische Situation” im klaren sein muß. Damit hat Gadamer jedoch lediglich ein “Bewußtsein” angedeutet, ohne konkretere Anhaltspunkte mitzuliefern, wie sich der Abstand zu jeweiligen historischen Situationen objektiv begrifflich fassen ließe. Und weil er zudem seinen Traditionsbegriff in unbestimmter Allgemeinheit hält und sich gerade nicht auf einen konkreten, inhaltlich bestimmten Gebrauch festlegen will, bleibt dieses wichtige Verfahren der Bestimmung des eigenen “hermeneutischen” Standorts methodisch vage. Den Begriff der “Tradition” aber hatte Gadamer ins Zentrum seiner Hermeneutik gestellt, weil er in ihm den geschichtlichen Wirkungszusammenhang verbürgt sah, der gegenüber der naturwissenschaftlichen Methodik einen (ganz im Sinne der geisteswissenschaftlichen Denktradition) alternativen, geistesgeschichtlich orientierten und der menschlichen Existenz zugewandten Zugang zur Welt mit eigenem Recht sichern sollte.
Eine Pointe von Gadamers Hermeneutik ist, daß der Verstehende selbst im Wirkungszusammenhang der Tradition steht, in der er seinen Gegenstand antrifft, und sich folglich, um der Wahrheit der historischen Situation gerecht zu werden, über seine eigene “hermeneutische Situation” im klaren sein muß. Damit hat Gadamer jedoch lediglich ein “Bewußtsein” angedeutet, ohne konkretere Anhaltspunkte mitzuliefern, wie sich der Abstand zu jeweiligen historischen Situationen objektiv begrifflich fassen ließe. Und weil er zudem seinen Traditionsbegriff in unbestimmter Allgemeinheit hält und sich gerade nicht auf einen konkreten, inhaltlich bestimmten Gebrauch festlegen will, bleibt dieses wichtige Verfahren der Bestimmung des eigenen “hermeneutischen” Standorts methodisch vage. Den Begriff der “Tradition” aber hatte Gadamer ins Zentrum seiner Hermeneutik gestellt, weil er in ihm den geschichtlichen Wirkungszusammenhang verbürgt sah, der gegenüber der naturwissenschaftlichen Methodik einen (ganz im Sinne der geisteswissenschaftlichen Denktradition) alternativen, geistesgeschichtlich orientierten und der menschlichen Existenz zugewandten Zugang zur Welt mit eigenem Recht sichern sollte.
Text: Ulrich Sand








