Beiträge aus Bosnien und Herzegowina

Schnee

Ein Gedicht des bosnischen Lyrikers Mile Stojić in einer Übersetzung von Klaus Detlef Olof.

Schnee

Es war eine Stadt im Herzen der Welt
Ihre Straßen klangen mit der Musik des Alltags
Ihre Alleen rauschten mit dem Atem der Liebenden
Ihre Morgen dufteten nach den Frühausgaben 
             der Zeitungen und frischem Brot
Ihre Damen schminkten die schönen Gesichter
             kämmten das blonde Haar
Jeder Tag sollte ein Denkmal ihrer Schönheit sein
Ihre Dichter litten um sie
(wie in allen Städten)
Es war eine Stadt
liebkost vom kühlen Bergwind von den umliegenden Höhen
liebkost vom Seidentuch um das Mädchengesicht
Ihre engen Plätze huldigten Minaretten und Glockentürmen
Ihre Straßen führten in die Zukunft und in die Welt

Es war eine Stadt am Ende der Welt
Ihre Straßen verhüllt von dunklen Wolken, dichtem Rauch
Ihre Alleen abgeholzt, um verfrorene Hände zu wärmen
             um ärmliche Suppen zu kochen
Ihre Morgen rochen nach Pulver und gestocktem Blut
Ihre Damen schminkten die schönen Gesichter, zupften das schwarze Haar
             um Falten und Ränder der Schlaflosigkeit und Angst zu verdecken
Es war eine Stadt
liebkost von Kanonaden von den umliegenden Höhen
Ihre engen Plätze schwiegen in tödlicher Stille
Ihre Straßen führten in Erniedrigung und ins Jenseits

Es war eine Stadt im Herzen der Welt
Ihre Gotteshäuser beschworen Gott
             den Jüngsten Tag herabzusenden, das Weltgericht
Ihre Friedhöfe quollen, wucherten über Fußwege und Straßen
Siebentausend Tage, siebentausend Jahre
Der Tod grinste vom Familienfoto
             in der Umarmung der Liebsten

Es war eine Stadt – von Göttern und Menschen verlassen
Ihr Antlitz verhüllt mit schwarzem Tuch
Ihre blonden Nymphen dem Beelzebub in die Arme geworfen
Ihre jungen Geliebten dem Kyklopen zur Abendmahlzeit
Es war eine Stadt – von Weisen und Dichtern verlassen
Ihre Verteidigung den Armen und Verachteten überantwortet

Es war eine Stadt am Ende der Welt
Auf eurem Tisch brannte sie wie eine flammende Fackel
             ohne das Eis zu schmelzen, die harten Herzen zu erwärmen
Kein Regen kam, um Asche und Blut abzuwaschen
Kein Wind kam, um den Rauch aus den Straßen
             die Tränen von den Gesichtern zu wischen
Kein Frühling kam, um Knospen auszutreiben
             Zweige zu begrünen, kein Sommer
Weder Hoffnung noch bläuliche Utopie

Nur der Winter streifte über versehrte Wege
             durch zerwühlte Straßen
Erneut glitzernde Unschuld auf den Dächern
             mit dem ersten Schnee

Sarajevo, Sommer 2009

Einladung zur Diashow

Copyright: Marko Ilic
Zwischen Adria und Bosporus: einige der schönsten Einsendungen unseres Fotoaufrufs