Lern- und Erinnerungsorte

Zur Zukunft der Erinnerung

Interview mit Volkhard Knigge

Volkhard Knigge; Foto: privatBald wird es keine Zeitzeugen der nationalsozialistischen Verbrechen mehr geben. Die Erinnerungskultur steht vor einem tief greifenden Wandel. Goethe.de sprach mit dem Historiker und Geschichtsdidaktiker Volkhard Knigge über die notwendige Modernisierung der Erinnerungskultur.


Herr Professor Knigge, warum ist eine Reform der Erinnerungskultur notwendig?

Erinnerungskultur ist ein problematischer Begriff. Erinnerung bezieht sich streng genommen auf selbstgemachte Erfahrung. Dieser Bezug in die Zeit des Nationalsozialismus entfällt durch den zeitlichen Abstand. Lernen aus der Geschichte in der Moderne ist kompliziert. In einer Welt hoch beschleunigten Wandels kann Geschichte keine unmittelbaren Rezepte für Gegenwarts- und Zukunftshandeln liefern. Ein bloß verstehendes, kontemplativ sich in die Vergangenheit versenkendes Erinnern verbietet sich angesichts der Barbareien des 20. Jahrhunderts. Aufarbeitung der Vergangenheit kann nur heißen, selbstkritisch und konkret am negativen Horizont der Vergangenheit und ihrer Nachwirkungen zu begreifen, was man besser nicht tut, wenn Gesellschaften ihren humanen Atem nicht verlieren sollen. Sich so auf verbrecherische Vergangenheit zurückbeziehen, hieße zugleich an einer Zivilgeschichte der Zukunft zu arbeiten.

Welche Aufgabe kommt dabei den Gedenkstätten zu?

Gedenkstätten als Institutionen historisch-politischer, historisch-ethischer Bildung verdeutlichen über das Gedenken an die Opfer hinaus, aus welchen Gründen es zu menschenfeindlicher gesellschaftlicher Praxis gekommen ist und welche Auswirkungen das hatte. Mit welchen Mitteln der Politik, der Bildung, des Rechts, der Kultur etwa wird – wie im Nationalsozialismus – die Ungleichheit und Ungleichwertigkeit von Menschen nicht nur behauptet, sondern zur gesellschaftlichen Praxis? Wie Täter erzeugt werden, ist eine Kernfrage. So lernt man Gegenhandeln.

Gedenkstätten halten Geschichte auch insofern wach, als sie offen sind für Verknüpfungen, die Jugendliche zwischen Gegenwart und Vergangenheit herstellen angesichts von Gegenwartsirritationen: beispielsweise Neonazis oder das Aufleben potenziell menschenfeindlicher „Argumente“ in Debatten wie der aktuellen Integrationsdebatte können solche Ausgangspunkte sein.

„Es geht darum, voneinander zu lernen“

Cover des Buches „Verbrechen erinnern. Die Auseinandersetzung mit Holocaust und Völkermord“; © C. H. BeckIhre Ansätze, die Erinnerungskultur zu reformieren sind so universell, dass sie weltweit eingesetzt werden können, auch in den sich durch Globalisierung und Migration verändernden Gesellschaftsstrukturen?

Der Nationalsozialismus ist ein deutsches Verbrechen, das aber zugleich einen beispielhaften Blick in die bisher extremste Form einer rassistischen Gesellschaft ermöglicht. Es geht um den Spagat, auf der einen Seite historisch konkret und selbstkritisch bei der eigenen menschenfeindlichen Geschichte zu bleiben und auf der anderen Seite das, was sich daraus global lernen lässt, für eine Zivilgeschichte der Zukunft auch global fruchtbar zu machen, beispielsweise in Form multinationaler und multikultureller Workshops. Für Jugendliche mit Migrationshintergrund etwa bleibt der Nationalsozialismus deutsche Geschichte, er hat aber auch ihnen etwas zu sagen. Etwa dann, wenn man darüber arbeitet, wie eine „Volksgemeinschaft“ inszeniert und gebildet wird, die auf rabiater Ausgrenzung von angeblich Minderwertigen beruht.

Auch die Frage, wie in der Bundesrepublik nach 1945 – zunächst gegen enorme Widerstände – eine selbstkritische Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Vorgeschichte in Gang gekommen ist, wie Gedenkstätten entstanden und zu anerkannten Institutionen der politischen Kultur geworden sind, bewegt Menschen in postdiktatorischen, in Postkonfliktgesellschaften, sei es in Südamerika, der ehemaligen Sowjetunion, Südafrika oder Serbien. Hier gibt es viel Erfahrungsaustausch, der auch uns bereichert. Es geht darum, voneinander zu lernen und sich grenzüberschreitend intellektuell und methodisch weiterzuentwickeln.

Öffentliches Gedächtnis ist Ergebnis zivilgesellschaftlicher Intervention

Inwieweit haben sich die beiden deutschen Staaten in der Herangehensweise an die Aufarbeitung der Geschichte unterschieden?

Der westdeutsche Weg war ein Weg innergesellschaftlicher Widerstände, Konflikte und Debatten aus denen schließlich ab den 1970er-/1980er-Jahren ein breiterer innergesellschaftlicher Lernprozess wurde. Ein öffentliches Gedächtnis an die dunklen Seiten der eigenen Geschichte auszubilden, ist nicht zuletzt ein Ergebnis zivilgesellschaftlicher Intervention.

In der DDR gab es eine staatlich dirigierte, in ihren Inhalten festgelegte, affirmative Erinnerungskultur, die die demokratisch nicht legitimierte DDR ersatzweise als das antifaschistische Deutschland legitimieren sollte. Dagegen gab es durchaus Widerspruch, der sich aber nicht durchsetzen konnte. Die immer gleichen Formeln und Rituale haben diese Erinnerungskultur schließlich ausgehöhlt. Wie sehr, zeigt eine Ende der 1980er-Jahre in Auftrag gegebene, nie veröffentlichte Studie zu Buchenwald. Jugendliche wurden kaum noch erreicht. So fragten sie sich, warum sie Gedenkstätten besuchen sollten, wenn Geschichte doch eigentlich abgeschlossen sei. Es hieß ja, die Wurzeln des Faschismus seien in der DDR ausgerottet. Davon können wir heute noch lernen, denn auch von der Bundesrepublik heißt es gelegentlich, in ihr habe sich die deutsche Geschichte mit der Einigung 1989/90 erfüllt, normalisiert, besser könne es nicht werden.

Natürlich ist die Bundesrepublik eine liberale, rechtsstaatliche Demokratie. Aber wer behauptet, man lebe in der besten aller Welten, übersieht nicht nur Gefährdungspotenziale demokratischer Kultur, sondern er sagt auch, dass die selbstkritische Auseinandersetzung mit der Vergangenheit überflüssig ist. Die hat aber viel zur Verankerung der Demokratie in der Bundesrepublik beigetragen.

Volkhard Knigge, Jahrgang 1954, studierte Geschichte, Germanistik und Erziehungswissenschaft. Er promovierte mit einer psychoanalytisch und geschichtsdidaktisch orientierten Arbeit über das triviale Geschichtsbewusstsein. 1994 wurde er zum Direktor der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora berufen. Seit 2002 lehrt er zudem an der Universität Jena.

Buchtipp: Volkhard Knigge / Norbert Frei (Hrsg.), Verbrechen erinnern. Die Auseinandersetzung mit Holocaust und Völkermord, München: C. H. Beck 2002.

Stefanie Zobl
stellte die Fragen. Sie arbeitet als freie Journalistin und Autorin in Berlin.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
November 2010

Haben Sie noch Fragen zu diesem Artikel? Schreiben Sie uns!
online-redaktion@goethe.de

Links zum Thema