Lern- und Erinnerungsorte

Zwischen Erinnern und Vergessen: Jasenovac als zweifach vermitteltes Trauma 1

von Ana Kršinić Lozica

Das Thema der neuen Museumsausstellung in Jasenovac lässt sich in zwei Problembereiche unterteilen. Diese überschneiden sich zwar in mancher Hinsicht, können jedoch im Wesentlichen auf die im Verhältnis zwischen Repräsentation und Trauma liegende Problematik reduziert werden. Ein Problembereich bezieht sich auf die Musealisierung und das feierliche Gedenken an den Stätten des Holocaust und des Völkermordes, der andere auf die museumskundliche und gedächtnisbezogene Behandlung der sozialistischen Vergangenheit.

Das Verhältnis zwischen Repräsentation und Trauma besteht aus zwei Aspekten: einerseits wird durch verschiedene Repräsentationsmethoden des Traumas (wobei diese Methoden mehrere Bereiche umfassen: Architektur, Skulptur, Design, Geschichtsschreibung, Pädagogik, Museumskunde) versucht die traumatische Erfahrung, derer gedacht wird, zu vermitteln. Andererseits übt das latente Befassen mit dem Trauma bzw. den Traumata einen Einfluss auf die Repräsentations- und Symbolisierungsstrategie aus und bringt sich gleichsam in den Diskurs über die traumatische Erfahrung ein (und wird somit sowohl in der Ausstellung selbst als auch in der unter Fachkreisen und Öffentlichkeit stattfindenden Polemik präsent).

Die Architektur setzt das Ausstellungsthema in Szene

Die neue Ausstellung des Mahnmal-Museums der Gedenkstätte Jasenovac aus dem Jahre 2006 stellt mit dem weißen Quadrat das modernistische Konzept um. Darin wird die Annäherung an das postmodernistische Museum als Zeitkapsel realisiert – so wie bei vielen anderen neuen, dem Holocaust oder Völkermord gewidmeten Museen. Die Themen Faschismus und Völkermord, in denen die Zersetzung des aufgeklärten Verstandes zum Ausdruck kommt (bzw. dessen dunkle irrationale Seite) werden letztendlich auch durch die Architektur präsentiert.

Diese Architektur dementiert das Verständnis der euklidischen Geometrie: so wie auch im Jüdischen Museum in Berlin oder im United States Holocaust Memorial Museum in Washington verhält es sich auch mit der neuen Architektur des Museums von Jasenovac. Das Projekt stammt von der Architektin Helena Paver-Njirić. Die Wände sind schräg mit Rissen und scharfen Kanten, eingebettet in einer unfunktionalen und unberechenbaren (architektonischen) Gestaltung. Diese hinterlässt den Eindruck von Unbehagen, Pervetierung und Einschnitt.

Nachdem das Konzept der alten ständigen Ausstellungen aus den Jahren 1968 und 1988 aufgegeben wurde, wo in einem neutralen Ausstellungsraum persönliche Gegenstände von Gefangenen, Dokumente und Fotografien ausgestellt waren, werden nun in der neuen Ausstellung zwei Ausstellungsräume in ein schwarzes Labyrinth verwandelt. Die Architektur setzt das Ausstellungsthema in Szene: niedrige, sehr stickige Metallkisten mit unbearbeiteten scharfen Kanten, aus denen ein intensiver und unangenehmer Geruch nach Gummi und verrostetem Metall hervordringt. Diese sollen die Holzhütten nachahmen, in denen die Lagergefangenen eingesperrt waren. Dadurch entsteht eine suggestive Atmosphäre. Die Neutralität der modernistischen Repräsentationsform, in der die Exposition der Wahrnehmung durch das Auge untergeordnet ist, wird auf die Ebene der physischen Rezeption heruntergebrochen. Dort wird die Wahrnehmung des Exponats durch Gehör-, Geruchs- und Tastsinn gesteuert. Die rationale und körperliche Erfahrung verflechten sich auf eine der postmodernistischen Repräsentationsform innewohnenden Weise. Dabei wird das Ausgestellte nun nicht mehr isoliert betrachtet, sondern in Relation zum Umfeld. Der Besucher – in den alten Ausstellungen ausschließlich in der Rolle des Beobachters – wird hier zum Beteiligten.

Die Überschneidungen von Gegenwart und Vergangenheit im Bewusstsein des Besuchers vollziehen sich durch bestimmte Handlungsweisen. Die Repräsentation wird ersetzt durch die Performativität: in einem der dunklen Ecken befindet sich der Besucher plötzlich zwischen Projektor und Leinwand. Dabei wird sein Schatten in die auf die Leinwand projizierten Fotos aus dem Gefangenenlager übertragen. An einer anderen Stelle im Labyrinth wird der „Barthes’sche Schein” der Kommunikation mit den Toten hergestellt. Dies geschieht dadurch, dass der Blick des Besuchers mit dem eisigen Blick eines Opfers zusammentrifft. Das Opfer posiert auf einem der Familienfotos, die vor der Gefangenschaft aufgenommen wurden.

Individueller Zugang zu den Opfern

Die Innovation, die im Einklang mit der wissenschaftlichen Methodologie moderner Museumskunde in der neuen Ausstellung zu Tage tritt, ist die Reduzierung des Diskurses über das Universelle auf die Geschichte eines einzelnen Individuums. Bei den Gedenkstätten und Gedenkmuseen, die in den vergangenen 15 Jahren neugestaltet oder zum ersten Mal eröffnet wurden, wie z.B. Ende der 90er Jahre in Bergen Belsen, Buchenwald, Flossenburg, Neuengamme und Dachau 2 oder die Häuser des Terrors 3 in Budapest aus 2002, hat man mittels visueller und emotionaler Formen innerhalb der Ausstellungen auch Zeugenaussagen von Überlebenden mit einbezogen. Der individuelle Zugang zu den Opfern ist auch im Gedenkmuseum von Jasenovac das zentrale Thema: die Vor- und Familiennamen aller bisher bekannten Opfer wurden auf Glastafeln geschrieben. Diese hängen senkrecht längs von der gesamten Museumsdecke herunter, auf Plasma-Monitoren erscheinen die Namen von Opfern mit Angaben zum Geburts- und Sterbejahr und zu deren Volkszugehörigkeit. Auf den Computern sind die Daten über jedes einzelne Opfer mitsamt Angaben zu ihrem Tod abrufbar.

Waren in den vorherigen Ausstellungen die Opfer als namenlose Masse und große Anzahl präsentiert (Häufchen persönlicher, in den Massengräben gefundener persönlicher Gegenstände, Waffen, mit denen massenhaft getötet wurde, in der Ausstellung aus dem Jahre 1988 eine großformatige Fotografie, auf der massakrierte Leichen zu sehen sind), liegt in der neuen Ausstellung die Betonung auf den Einzelschicksalen. 4 Einige davon werden in einer audiovisuellen Darstellung durch Zeugenaussagen von Überlebenden dem Betrachter vorgestellt.

Die Verarbeitung des zweifachen kollektiven Traumas

Zwischen alter und neuer Ausstellung liegt eine Zäsur, die auf zentrale Ereignisse, wie den Zusammenbruch des Sozialismus, also den Zerfall Jugoslawiens und den Ausbruch des Krieges in Kroatien zurückzuführen ist. Diese Ereignisse wiederum haben ein Überdenken der Geschichte und eine Neuausprägung der kollektiven Identität hervorgerufen. Durch die Abkehr von der supranationalen kollektiven Geschichte sozialistischer Völker zur nationalen Geschichtsschreibung (was Groys 5 als Attribut aller postsozialistischen Länder betrachtet), wird dem Unabhängigen Kroatischen Staat sowie auch der Ustascha-Bewegung ein wichtiger Stellenwert bei der Gestaltung einer neuen nationalen Identität zugeschrieben. Bei der Valorisierung dieses Gesichtspunktes der kroatischen Geschichte macht sich die Entzweiung der Öffentlichkeit und die Ambivalenz im öffentlichen Diskurs bemerkbar. Die Geschichts-Schulbücher verfolgen indes einen selektiven und neutralisierenden Zugang. In dieser Hinsicht wurde der neuen Ausstellung zu viel abverlangt: 6 die Verarbeitung des zweifachen kollektiven Traumas und die Schaffung einer einheitlichen Erzählweise (mit klarer Positionierung gegenüber der jüngsten kroatischen Vergangenheit), die im öffentlichen Diskurs fehlte. Diese sollte nun den Status einer einheitlichen, unmissverständlichen und offiziellen Geschichte bekommen. Dabei sollen jegliche Dissonanzen und Spannungen in Bezug auf die Frage der kroatischen Geschichte und des kollektiven Gedenkens in der politischen Diskussion aufgehoben werden.

Stattdessen will die neue Ausstellung eine Diskussion über die Rolle der Vergangenheit in der Gegenwart sowie über die Rolle der Gegenwart in der Vergangenheitsdeutung befördern.
Das Vergessen ist in der Gedenkstätte Jasenovac allgegenwärtig. Auf den materiellen Aspekt des Vergessens wird durch die Tatsache verwiesen, dass keine Überbleibsel der Lagersiedlung mehr vorhanden sind. Das Lager wurde beim Rückzug der Ustascha aus Jasenovac vermint und angezündet, um konkrete Beweise über dessen Existenz zu zerstören.

Die heutige Gedenkstätte Jasenovac weist beim Gedenken an die Opfer auf die Leerstellen hin (die mit den frühen 1960er Jahren einsetzt): die Orte, an denen sich einst Lagergebäude befanden, sind durch Vertiefungen im Boden in Form von umgekehrten abgeflachten Pyramiden kenntlich gemacht; einige Grabstätten und Misshandlungsstätten sind mit flachen Konussen aus dichter Erde markiert worden; andere Gräber, die mit Hölzern und Sträuchern verwachsen sind, sind durch Tafeln (oder Grabmahlen) gekennzeichnet. Das Andenken fußt auf der Leere, dem Erinnern an etwas, das nicht mehr ist. Das Memorial-Museum wurde auf „verbrannter Erde“ errichtet, es zeigt kein Lager, sondern evoziert was nicht mehr ist, es repräsentiert nicht, es symbolisiert.

Ana Kršinić-Lozica hat 2008 ihr Studium der Kunstgeschichte und Vergleichenden Literaturwissenschaften an der Philosophischen Fakultät in Zagreb beendet und ist derzeit Promotionsstudentin.

1. Der ausführliche Aufsatz ist 2011 in der Publikation des Zagreber Instituts für Kulturgeschichte erschienen und wird hier mit freundlicher Genehmigung der Autorin in Auszügen veröffentlicht. Ana Kršinić Lozica, Između memorije i zaborava: Jasenovac kao dvostruko posredovana trauma (Zwischen Erinnern und Vergessen: Jasenovac als zweifach vermitteltes Trauma), in: Radovi Instituta za povijest umjetnosti (Arbeiten des Instituts für Kunstgeschichte) 35/2011 (297–308)
2. Mehr über den jüngsten Wandel der repräsentativen Paradigmen bei Gedenkfeiern an deutschen Gedenkstätten siehe in: Martin Schmidl, Postwar Exhibition Design: Displaying Dachau, Köln, 2010.
3. Das Haus des Terrors in Budapest zeigt beispielhaft, dass bei der Integrierung von Zeugenaussagen Überlebender in die Ausstellung eine ideologische Meta-Narration nicht unbedingt verhindert werden kann. Dort werden Zeugenaussagen von Einzelnen zu eigenen Propagandazwecken verwoben. Durch eine ausgesprochen suggestive Ausstellungs-Szenografie und den aggressiven musikalischen Hintergrund wird in Verbindung mit einer emotional geprägten Vortragsweise eines Erzählers, der über Kopfhörer den Besucher durch die Ausstellung führt, versucht direkt auf die Gefühle des Besuchers einzuwirken. Das Haus des Terrors ist das einzige Museum, das ich besucht habe, in dem das Fortbewegen des Besuchers gesteuert wird: das Wachpersonal der Ausstellung verbietet es den Besuchern, aus einem Raum in den vorherigen, bereits besuchten Raum zurückzukehren. Die Besucher werden so gezwungen, sich an die durch die Ausstellung festgelegte Besichtigungsreihenfolge zu halten. Der Besuch endet in den Kerkern im Keller des Gebäudes und stellt zugleich den emotionalen Höchstpunkt dar. Ein jeder Besucher, der das Gebäude betreten hat, muss es in der vorgegebenen Reihenfolge durchlaufen, um zum Ausgang zu gelangen.
4. Leonida Kovač, Autorin der künstlerischen Gestaltung der neuen Ausstellung, betont, dass es die Absicht war, die Liste der Namen aller Opfer als Dokument zu behandeln und nicht als Monument, zitiert Silva Kalčić, Memoriranje zločina (Gedenken der Verbrechen), in: Zarez, 18. April 2007.
5. Boris Groys, Back from the Future, in: The Art of Eastern Europe:A Selection of Works for the International and National Collections of Moderna galerija Ljubljana, Wien, Bozen, 2001, 12.
6. Jeffrey C. Alexander erklärt in seinem Text "Toward a Theory of Cultural Trauma", wie das Durchleben eines Traumas als soziologischer Prozess verstanden werden kann, der eine schmerzhafte, der Kollektivität zugefügte Verletzung steuert – das Opfer herausstellt, die Verantwortung zuschreibt und ideelle und materielle Folgen verteilt. Wurden die Traumata in dieser Form erst einmal durchlebt und somit auch gedacht und repräsentiert, dann wird die kollektive Identität wesentlich revidiert. Nach einer solchen Rekonstruktion der kollektiven Identität, kommt es, so Alexander, zur Phase der "Beruhigung". Erst nach Verklingen der Emotionen und Abstellens des erhabenden und machtvoll ergreifenden Diskurses über das Trauma, werden die "Lehren" des Traumas in den Gedenkstätten, Museen und Sammlungen historischer Artefakte objektiviert (Jeffrey C. Alexander, Toward a Theory of Cultural Trauma, in: Cultural Trauma and Collective Identity, Berkley, Los Angeles, London, 2004, 22, 23).

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