Lern- und Erinnerungsorte

Geschichte und Gegenwart der „Alten Messe“

von Rena Jeremić Rädle

Foto Damir ŽižićDie multimediale Karte auf der Webseite starosajmiste.info gibt Auskunft über Geschichte und Gegenwart von Staro sajmište, dem alten Messegelände von Belgrad, in dessen Pavillons die Gestapo 1941 ein Konzentrationslager einrichtete. Entstanden nach dem Besuch des Geländes mit einer Gruppe von jungen Menschen aus Serbien und Deutschland im Sommer 2010, ist sie das Ergebnis einer Vielzahl von Gesprächen mit Menschen, die auf unterschiedliche Weise mit dem Ort und seiner Geschichte verbunden sind.
Die Erstellung der multimedialen Karte, die das Herzstück des Gedenkprojekts starosajmiste.info ist, war ein kollektiver Prozess in den über 30 Menschen mit einbezogen waren. Die internationale Gruppe junger Menschen mit ihren Fragen an die Gesellschaft und deren Umgang mit der Vergangenheit waren dabei die treibende Kraft. Warum wurde und wird dieser Ort des Schreckens im Zentrum Belgrads nicht adäquat erinnert? Warum gibt es keine Gedenkstätte oder zumindest Informationstafeln? Heute ist die Internetseite starosajmiste.info eine wichtige Ressource für alle, die sich über den Ort informieren wollen, sei es für den Schulunterricht und zur Vorbereitung eines Besuchs auf dem Gelände des ehemaligen Lagers.

Mehrere subjektive Perspektiven

Die auf der multimedialen Karte dargestellten Örtlichkeiten auf dem ehemaligen Messegelände führen die Besucherinnen und Besucher in eine Topographie persönlicher Geschichten über Staro sajmište. Eine zweite Ebene der Karte deutet die Kämpfe um die Erinnerung an das ehemalige Konzentrationslager an und bringt verschiedene Positionen in den Diskussionen um die Zukunft des Geländes zur Sprache. Öffnet man die Internetseite, fallen zunächst diejenigen Orte und Objekte ins Auge, auf die die Gruppe bei ihrem Besuch zuerst stieß oder über die ihre Gesprächspartner am meisten zu berichten hatten. So ist eine Karte entstanden, auf der sich mehrere subjektive Perspektiven übereinander schieben, aber auch Lücken bleiben. Neben Erinnerungen ehemaliger Häftlinge an die Zeit im Lager stehen Gespräche über die Gegenwart und Zukunft des Ortes und thematisieren das heutige Verhältnis der Gesellschaft zu den Verbrechen der Nationalsozialisten und ihrer Kollaborateure. Zur weiteren Recherche dienen die Materialien, die im Infobereich der Webseite zu finden sind, darunter Dokumente und weiterführende Literatur über das KZ Sajmište und allgemein zu Faschismus sowie Links und Adressen einschlägiger Institutionen.

Herausforderungen der Memorialisierung des Ortes

Die Frage, wie mit der Geschichte der Belgrader Alten Messe (Staro sajmište) umgegangen werden sollte, ist über die Jahrzehnte hinweg immer wieder aufgekommen. Doch bis heute blieb es bei der unscheinbaren Gedenktafel, die auf dem Gelände an die Opfer der faschistischen Verbrechen erinnert. Die besondere Bedeutung des Lagers Sajmište liegt darin, dass es den Ort des Holocaust und des Völkermords an den Roma in Serbien bezeichnet. In der ersten Phase der Lagergeschichte waren jüdische Frauen, Alte und Kinder in dem sogenannten Judenlager interniert, nachdem ihre Männer, die im Lager Topovske supe festgesetzt waren, bereits erschossen worden waren. Belgrad war einer der ersten Orte in den deutsch besetzten Territorien, an dem jüdische Frauen, Alte und Kinder im Gaswagen systematisch getötet wurden. Im Mai 1942 war die jüdische Bevölkerung Serbiens ausgelöscht. Danach wurde das Lager Sajmište (jetzt als Anhaltelager) Teil des Repressionsapparats gegen die Widerstandsbewegung und die serbische Zivilbevölkerung und diente im System der nazistischen KZs als zentrales Durchgangslager für Häftlinge, die aus ganz Südosteuropa in die Arbeits- und Vernichtungslager nach Norden deportiert wurden. Unter den Häftlingen befand sich auch serbische Zivilbevölkerung, die auf dem Territorium des USK (Unabhängiger Staat Kroatien) gefangengenommen wurde. Kurz vor seiner Auflösung im Juli 1944 wurde die Verwaltung des Lagers der kroatischen (Ustaša-) Polizei übergeben, blieb aber unter deutschem Kommando.

Die verschiedenen Phasen der Lagergeschichte und die unterschiedlichen Häftlingsgruppen stellen für die Memorialisierung des Ortes eine große Herausforderung dar. Sich widersprechende, oft auf Legenden beruhende Interpretationen erleichtern die Manipulation mit der Geschichte des Lagers für aktuelle politische Belange. Gerade deswegen ist es wichtig, über die geschichtlichen Tatsachen zu informieren. Im Frühling 2011 ging die serbisch– deutsch- und englischsprachige Webseite starosajmiste.info online. Die Veröffentlichung der Ergebnisse der multimedialen Recherche im Internet soll einen Beitrag leisten, diese Tatsachen der breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Ebenso wichtig ist aber auch der lebendige kritische Diskurs und Austausch zwischen Wissenschaftlern, Pädagogen und Laien und die direkte Beteiligung von Zeitzeugen und nachfolgenden Generationen an der Wissensproduktion. Um diese Debatte zu unterstützen wurde die Veröffentlichung der Seite von einer Reihe von Veranstaltungen und öffentlichen Führungen an Orten des Terrors, aber auch des antifaschistischen Widerstands begleitet.

Handbuch „Orte des Schreckens und des antfaschistischen Kampfes in Belgrad 1941-44"

Aus der Praxis dieser öffentlichen Ortsbegehungen entstand das umfangreiche Handbuch „Mesta stradanja i antifašističke borbe u Beogradu 1941-44“ (Orte des Schreckens und des antifaschistischen Kampfes in Belgrad 1941-44). Der ähnlich wie ein historischer Stadtführer konzipierte Band ermöglicht es allen Interessierten, die Geschichte des Leids, des faschistischen Terrors aber auch des Widerstands in Belgrads Stadtteil für Stadtteil selbst zu erschließen. Fünf Kapitel, denen jeweils eine Karte mit eingezeichneten Lokalitäten vorangestellt ist, stellen historische Orte des Terrors und des Widerstands vor. Die Texte der HistorikerInnen Olga Manojlović Pintar, Milan Radanović, Milovan Pisarri und Nenad Lajbenšperger zeigen, wie die Methoden des faschistischen Terrors in die Institutionen des Kollaborationsapparats implementiert wurden und wie die Menschen gegen diesen Terror Widerstand leisteten. Den Beschreibungen der historischen Tatsachen über die Orte des Schreckens, Konzentrationslager, Gefängnisse, Erschießungsplätze und Massengräber, sind persönliche Zeugnisse wie Briefe und Schilderungen Überlebender beigestellt, die über das Leiden und die Massenmorde an den Juden und Roma berichten, aber auch über den aufopferungsvollen antifaschistischen Kampf in der besetzten Stadt, weit weg von den befreiten Territorien. Einige Dokumente, insbesondere über die Verfolgung der Roma, wurden zum ersten Mal veröffentlicht.

2013 wurde das Forum für angewandte Geschichte (Forum za primenjenu istoriju) gegründet, um eine organisatorische Struktur für die weitere Arbeit der Initiative um das Gedenkprojekt starosajmiste.info zu schaffen.

Rena Jeremić Rädle wurde 1970 in Deutschland geboren und lebt seit 2003 in Serbien. Als Künstlerin und Mitglied des Forums für Angewandte Geschichte aus Belgrad (fpi.rs), ist sie eine der Initiatorinnen und Koordinatorin des Gedenkprojekts starosajmiste.info. Weitere Schwerpunkte ihrer Arbeit sind Projekte und Forschungen zur Situation der Roma in Europa.
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