Lern- und Erinnerungsorte

Persönliche Erinnerungen an Kriege und andere Formen der politischen Gewalt von1941 bis heute

von Maja Dubljević

osobnasjecanja.hrDas Projekt Persönliche Erinnerungen an Kriege und andere Formen der politischen Gewalt von 1941 bis heute umfasst eine Sammlung von 450 Videoaufnahmen und hat im Frühjahr 2010 begonnen.

Die Idee für das Projekt beruhte auf den Erinnerungen von Menschen aus Westslawonien, die von der Documenta von 2006 bis 2008 erfasst wurden, und als Grundlage für das Buch Erinnerungen an den Krieg in Pakrac, Lipik und Umgebung diente. Die meisten Zeitzeugen hatten sich auf Ereignisse aus dem Zeiten Weltkrieg berufen, sodass wir diesen Umstand für das Verständnis über die Entstehung einer auf ethnischer Zugehörigkeit beruhenden kollektiven Identität sowie für eine tiefere Auseinandersetzung mit dem historischen Erbe in diesem Gebiet für wichtig hielten.

Grundsatz der Multiperspektivität

Im Rahmen eines breiter angelegten Projekts zur Aufbereitung der Vergangenheit versucht Documenta persönliche Erinnerungen von Menschen aufzuzeichnen, die weder historische Ereignisse mitgestalten konnten noch über politische Macht verfügten, sodass ihre persönlichen Erfahrungen hinsichtlich politischer und historischer Ereignisse hauptsächlich vernachlässigt werden, sich in der Gesellschaft zu behaupten. Andererseits wird mit Nachdruck der Grundsatz der Multiperspektivität verfolgt, womit man der Gesellschaft den Pluralismus verschiedener Narrative vorstellen möchte, um somit zu einem tieferen und umfassenderen Verständnis einzelner Geschichtsprozesse beizutragen.

Der Hauptgrund, weshalb das Projekt persönliche Erinnerungen seit Beginn des Zweiten Weltkrieges bis heute umfasst, liegt darin, dass Kriegsereignisse und verschiedene Formen der politischen Gewalt, die wir im ehemaligen Jugoslawien aber auch nach Erlangung der Unabhängigkeit Kroatiens miterlebt hatten, oftmals verschwiegen wurden. Wir sind der Meinung, dass ein Verhältnis zu historischen Ereignissen, das nicht auf demokratischen und humanistischen Prinzipien beruht, potentiell neue Konflikte generieren und sich so auf künftige Generationen auswirken kann.

Gesellschaftliche Funktion der Geschichte

Die Methodologie, die von Documenta - Zentrum zur Vergangenheitsauf-
bereitung
bei der Erfassung von Aussagen der Zeitzeugen verwendet wird, beruht zum Teil auf den methodologischen Grundsätzen, die für die mündliche Geschichtsüberlieferung gelten und trägt zum Teil den Anforderungen Rechnung, die Documenta als Menschenrechtsorganisation, die sich mit der Aufbereitung der Vergangenheit befasst, gestellt wurden. Mit anderen Worten: Wir versuchen nicht nur wissenschaftliche Dokumentationsprinzipien zu berücksichtigen, die für mündliche Geschichtsüberlieferung gelten, sondern verfolgen mit unserer Methodologie auch ein gesellschaftliches Engagement, ausgehend von der These zur gesellschaftlichen Funktion der Geschichte.

Dabei ist es wichtig zu betonen, dass bei der mündlichen Geschichtsüber-
lieferung die persönlichen Erlebnisse des Einzelnen und die Stimmung, die zu einer gewissen Zeit in der Gesellschaft herrschte, erfasst werden. Die persönlichen Erinnerungen helfen uns, die Postulate und Irrtümer, die bei der Identitätsschaffung eine Rolle spielten und das Vorgehen der Menschen in spezifischen Situationen geprägt hatten, besser verstehen zu können.

Breites Themenspektrum vom Zweiten Weltkrieg bis heute

Die Gespräche mit den Zeitzeugen wurden aufgrund eines teilweise strukturierten Fragebogens geführt. Die Fragen bezogen sich auf mehrere Themen: Zweiter Weltkrieg, Verhältnis zur nationaler und religiöser Identität, Selbstverwaltungssozialismus im ehemaligen Jugoslawien, Goli otok (Anm. d. Ü. Gefängnis für politische Sträflinge), das Jahr 1971 (Anm. d. Ü. Kroatischer Frühling), Beziehungen unter den in Jugoslawien lebenden Völkern, JNA (Jugoslawische Volksarmee), herausragende historische Persönlichkeiten seit 1941 bis heute in unserem Gebiet, politische und wirtschaftliche Umwälzungen in den 80-er Jahren, Zusammenbruch Jugoslawiens, Krieg in den 90-er Jahren, Flüchtlingsproblematik, Ahndung von Kriegsverbrechen, besondere Lage der Zivilopfer des Krieges, Erfahrungen der Veteranen sowie gesellschaftliche und politische Phänomene in der Nachkriegszeit.

Im Rahmen des Projekts Persönliche Erinnerungen an Kriege und andere Formen der politischen Gewalt von 1941 bis heute wurden Erinnerungen von Zeitzeugen aus verschiedenen sozialen Gruppen und verschiedenen Teilen Kroatiens aufgenommen, wobei einige weltanschaulich diametral entgegengesetzte Positionen vertreten. Die wichtigsten Kriterien bei der Auswahl der Zeitzeugen waren Verletzungen, Verluste oder Schäden, die Betroffene in irgendeiner Form in einem Zeitraum erlitten hatten. Dabei musste es sich nicht um eklatante Beispiele von Verlusten oder Leiden handeln, weil die einzige Prämisse war, dass während eines autoritären Regimes oder Krieges jeder in irgendeiner Form zu Schaden kam.

Verhältnis gegenüber gesellschaftlicher Wirklichkeit

Anhand dieser Aufzeichnungen kann man erkennen, wie unterschiedlich das Verhältnis gegenüber der gesellschaftlichen Wirklichkeit, sowohl im ehemaligen Jugoslawien als auch später im eigenständigen Kroatien war. Die Sammlung ist ebenfalls aufschlussreich bei der Frage, wie sich einzelne gesellschaftliche Gruppen gegenüber den in Jugoslawien proklamierten Werten – wie Brüderlichkeit und Einheit, Selbstverwaltungssozialismus u. dgl. – verhielten und ob man die politische Lage verfolgte. Für uns war es interessant festzustellen, ob man sich mit der gesellschaftlichen Wirklichkeit auch politisch auseinandersetzte und welche Faktoren sich auf individueller Ebene auf das (Nicht)Bestehen eines politischen Bewusstseins auswirkten. Wir versuchten auch festzustellen, wie das Verhältnis zu politischen Machtzentren war, ob sie im ehemaligen Jugoslawien als „Fremdkörper“ empfunden wurden, und ob sich dies nach der Erklärung der Unabhängigkeit Kroatiens geändert hat. Es wurde auch die Frage nach der "gesellschaftlichen Revolte" mit einbezogen, wie sie sich manifestierte und welche Folgen sie für den Einzelnen hatte, und ob die Kinder der Protestler wegen ihrer Eltern gebrandmarkt waren und wie sich das auf ihr weiteres Leben ausgewirkt hatte.

Mitgefühl und Solidarität gegenüber allen Opfern

Obwohl das Projekt Persönliche Erinnerungen an Kriege und andere Formen der politischen Gewalt von 1941 bis heute vor allem auf dem Konzept der Erfassung und Dokumentation der Zeitzeugengeschichten beruht, sollte dieser Bestand einer Vielzahl von Menschen zugänglich sein, und bei möglichst vielen wissenschaftlichen Projekten, Bildungs- oder Dokumentarprogrammen sowie künstlerischen Vorhaben verwendet werden. Eine Möglichkeit der Präsentation ist auf die Stärkung des Bewusstseins über unterschiedliche Perspektiven und Erfahrungen des Kriegs oder Leidens sowie auf die Bedeutung der Achtung von Menschenrechten ausgerichtet. Durch Erkenntnisse über die Leiden unserer Nachbarn oder Menschen aus anderen Gebieten, vor allem der Angehörigen anderer ethischer Gruppen, möchten wir zur Schaffung eines gesellschaftlichen Klimas beitragen, in dem das Bewusstsein über Kriegserfahrungen anderer Menschen Mitgefühl und Solidarität gegenüber allen Opfern erzeugen wird.

Der Öffentlichkeit zugänglich gemacht und frei verfügbar

Daher kann dieses Material auf verschiedene Weise in den Medien, oder bei der künstlerischen oder dokumentarischen Bearbeitung eingesetzt werden, sei es bei der Veröffentlichung von Geschichten oder Artikeln über Zeitzeugen in den Medien, oder in Dokumentarfilmen sowie bei Ausstellungen. Bei der Gestaltung der Ausstellung Jugoslavija od početka do kraja (Jugoslawien: vom Anfang bis zum Ende) im Museum für jugoslawische Geschichte in Belgrad, wurde auch ein Ausschnitt aus einem Interview aus der Documenta-Sammlung gezeigt

Die aufgenommenen Interviews sind der Öffentlichkeit sowie Studenten und Forschern in Form eines virtuellen Museums auf der Webseite www.osobnasjecanja.hr, zugänglich, wo man sie nach Themen oder Schlüsselbegriffen in kroatischer oder englischer Sprache durchsuchen kann. Die Aufzeichnungen können auch im Unterricht oder bei sozialwissenschaftlichen Forschungsarbeiten oder Studien über die psychischen Folgen des Krieges und politischer Gewalt sowie bei der Gestaltung eines Programms der vergleichenden Studien über Prozesse der Geschichtsbewältigung oder als hilfreiche Ressource bei Fallstudien eingesetzt werden. In- und ausländische Wissenschaftler, die diese Sammlung als Informationsquelle nutzen, haben sich nach ihrer Veröffentlichung mit Nachfragen gemeldet.

Die Umsetzung des Projekts Persönliche Erinnerungen an Kriege und andere Formen der politischen Gewalt von 1941 bis heute wurde finanziell vom Außenministerium des Königreichs der Niederlande sowie Institutionen aus den Niederlanden und anderen Ländern im Rahmen des Programms „Matra“ unterstützt, dessen Ziel die Förderung von gesellschaftlichen Veränderungen ist. Unsere Partner aus den Niederlanden waren die Universitäten Erasmus und Twente, das Institut für Archivierung und Forschungen (DANS) sowie Noterik Multimedia BV.

Maja Dubljević ist Herausgeberin der Sammlung "Persönliche Erinnerungen an Kriege und andere Formen der politischen Gewalt von 1941 bis heute" und Mitarbeiterin der NGO "Documenta".
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