Kunst gegen das Vergessen

Innovative Formen der Erinnerungskultur

Interview mit Saša Šimpraga

Saša Šimpraga | Foto: Saša Šimpraga

Gespräch mit dem Zagreber Publizisten und Aktivisten Saša Šimpraga über Formen der Erinnerungskultur und temporäre Projekte wie das Virtuelle Museum Dotrščina.

Wann haben Sie die Gründung des Virtuellen Museums Dotrščina initiiert und wie kam es zur Zusammenarbeit mit Documenta, unter deren Schirmherrschaft das Projekt umgesetzt wurde?

Die Zusammenarbeit kam durch eine Einladung von Documenta, da ich als Experte für die Geschichte von Zagreb galt. Dies geschah im Rahmen des Programms zur Erinnerungskultur. Angeregt durch Projekte der Studienbesuche an verschiedenen Orten, die im Zweiten Weltkrieg eine Rolle spielten, habe ich ein Besucherprogramm gestaltet, das einige Stätten in Zagreb umfasste. Das Ziel dieses Projekts war, die vernachlässigte antifaschistische Vergangenheit der Stadt Zagreb anzuerkennen.Nach dieser Zusammenarbeit habe ich die Gründung eines virtuellen Museums nach meinem Konzept im Rahmen des Programms der Documenta zur Erinnerungskultur vorgeschlagen.

Das Projekt begann 2012, als das Museum offiziell eröffnet wurde, und die erste Ausstellung über Schriftsteller und Publizisten, die in Dotrščina hingerichtet wurden, am Zagreber Hauptplatz gezeigt wurde. Im Gedenkpark selbst wurde die erste Intervention gemäß meinen Vorstellungen und nach meinem Konzept ausgeführt. Tausende von weißen Bändern wurden um Bäume im Gedenkpark gebunden, um auf die Ausmaße der Hinrichtungen an dieser Stätte unmittelbar hinzuweisen.

Woraus besteht das Virtuelle Museum, wie wird es präsentiert, wo kann es besichtigt werden und warum ist es für die Stadt Zagreb von Bedeutung?

Das Virtuelle Museum (VMD) ist an sich eine Webseite, auf der man grundlegende Informationen über diesen Ort und seine Geschichte findet. Die Seite soll im Laufe der Zeit ergänzt werden. Neben dieser Seite ist das Museum auch in Wirklichkeit präsent, und zwar durch jährliche thematische Ausstellungen im öffentlichen Raum, bzw. durch temporäre künstlerische Gedenk-Interventionen, die aufgrund eines Wettbewerbs einmal jährlich im Gedenkpark ausgeführt werden. Also, neben der Forschungs- und Ausstellungstätigkeit zeigen wir auch Werke zeitgenössischer Künstler.

Die Bedeutung des Museums liegt meines Erachtens nach vor allem darin, dass Dotrščina seit den 90-er Jahren de facto aus dem kollektiven Gedächtnis gelöscht wurde, was wir durch dieses Projekt richtigstellen möchten. An der Stätte Dotrščina wurden mehrere Tausend Bürger aus Zagreb und Umgebung ermordet, und dies ist der Ort, an dem das größte Verbrechen in der Geschichte Zagrebs begangen wurde, sodass die Bedeutung dieser Stätte ganz offensichtlich ist. Neben Dotrščina gab es noch eine weitere Stätte, wo Massenhinrichtungen stattfanden, und diese daher als „Ort des sicheren Todes“ galt, "Rakov potok". Da beide Stätten auf tragische Weise miteinander verbunden sind, ist es vorgesehen, auch diesen Ort in unser Projekt aufzunehmen.
Die Bedeutung des Projekts liegt auch darin, dass wir heute in Kroatien keine öffentlich zugängliche museale Ausstellung oder Sammlung haben, die der Darstellung des Zeitraums des Volksbefreiungskampfes (NOB) im Einklang mit neuen wissenschaftlichen Ansätzen gewidmet ist. Für das heutige Kroatien war die Zeit nicht nur wichtig, sondern auch prägend, da die ehemalige Teilrepublik Kroatien gerade durch den Volksbefreiungskampf innerhalb der heutigen Grenzen entstanden ist.

Welche Rolle spielt das Design in ihrem Projekt?

Für das Design der Webseite und der Beiträge, die man dort finden kann, waren Niko Mihaljević und Petra Milički verantwortlich. Für die Webseite bekamen wir viel Lob, und die gelungene graphische Gestaltung trug zur Popularität des Projekts auch im Bereich der visuellen Kunst bei. Persönlich bin ich der Meinung, dass die graphische Gestaltung der Webseite des VMD in die Anthologie des kroatischen Designs eingehen sollte.

Wer hat noch an diesem Projekt mitgearbeitet?

Meine wichtigste Mitarbeiterin am Projekt VMD und für den operativen Teil zuständig ist Tamara Banjeglav, darüber hinaus haben wir innerhalb der verschiedenen Segmente mit Fachleuten aus verschiedenen Bereichen und Interessierten zusammengearbeitet. Für das Konzept der ersten Ausstellung war Nataša Mataušić aus dem Kroatischen Geschichtsmuseum verantwortlich, und einige Texte für das Museum haben Prof. Dr. Tvrtko Jakovina und der Historiker Dušan Bilandžić verfasst.

Beim ersten Wettbewerb des VMD für eine künstlerische Intervention im Jahr 2013 gewann Davor Sanvincenti mit seiner Arbeit „Spiegel im Spiegel“ den ersten Preis. Um was für ein Werk handelt es sich dabei?

Beim ersten Wettbewerb wurden 23 Arbeiten eingesandt, wovon einige sehr gut waren. Aufgrund der Entscheidung der Jury, zu der neben mir auch die Kunsthistorikerin Lidija Butković Mićin die visuelle Künstlerin Ana Elizabeth gehörten, gewann die Arbeit von Davor Sanvicenti. Seine subtile Intervention entsprach genau den Wettbewerbskriterien. Die Arbeit umfasst einen Klangspaziergang und kleine Spiegel, die als Intervention im Wald aufgehängt sind, wodurch eine temporäre Waldhalle geschaffen wurde. Die Dramaturgie wurde in Zusammenarbeit mit Ivana Sajko konzipiert, und als musikalischer Hintergrund diente die Komposition "Spiegel im Spiegel" des zeitgenössischen estnischen Komponisten Arvo Pärt, nach der dieses Werk auch benannt wurde.
Die Besucher bekommen am Eingang zum Park Kopfhörer und einen Lageplan und machen danach einen halbstündigen Spaziergang, der im Tal der Gräber endet. Diese Arbeit wurde anlässlich des Tages der Befreiung der Stadt Zagreb der Öffentlichkeit vorgestellt, und war für Besucher im Mai zugänglich. Es wurden insgesamt einige Hundert Besucher verzeichnet, die Kopfhörer bekommen hatten und den Spaziergang absolvierten bzw. gezielt den Gedenkpark besuchten, um diese Arbeit zu sehen.

Werden auch künftig solche Wettbewerbe für temporäre künstlerische Interventionen im Gedenkpark Dotrščina stattfinden?

Die Arbeit des VMD erfolgt hauptsächlich ehrenamtlich bzw. nebenberuflich. Für einen Teil des Programms – vor allem Ausstellungen in der Stadt und künstlerische Interventionen im Gedenkpark – sind finanzielle Mittel erforderlich, sodass wir uns bei öffentlichen Ausschreibungen des Kulturministeriums und der Stadt Zagreb bewerben. Die Umsetzung von weiteren Projekten hängt ausschließlich von diesen Mitteln ab, doch es ist eine Kontinuität geplant. Wir hoffen, dass der Wettbewerb für eine neue Intervention in der ersten Hälfte 2014 stattfinden wird, vorausgesetzt, dass wir Gelder vom Kulturministerium bekommen, da die Stadt Zagreb das Projekt nicht unterstützen wollte. Dabei muss angemerkt werden, dass wir nur einige Tausend Kuna beantragt hatten.

Was sind die Besonderheiten und Vorteile des VMD und welche Verbesserungen sind geplant?

Die Tatsache, dass der Gedenkpark Dotrščina wieder einen Platz auf der „kognitiven Karte“ der Bewohner von Zagreb einnimmt, ist ein Indiz für den Erfolg des Projekts und zugleich unser Hauptziel. Bei der Projektvorstellung im ersten Jahr gab es weniger Besucher als im zweiten Jahr, sodass die Besucherzahl doch allmählich wächst. Auch das Besucherprofil hat sich inzwischen verändert. Früher waren es ausschließlich ältere Leute, jetzt sind es zunehmend junge Leute, sodass beide Altersgruppen gleichermaßen vertreten sind, oder junge Besucher sogar überwiegen. Ich würde diese positive Entwicklung der Arbeit des Museums und unserem Programm, das innerhalb von Projekten umgesetzt wurde, zuschreiben. Dies ist auch der Vorteil von Projekten, weil der Ansatz zu Orten der Erinnerung nicht ausschließlich auf dem Gedenkcharakter beruht, sondern innovativ ist, was ein breiteres Publikum anspricht.
Dieses Jahr planen wir einen Gedenklauf in Zusammenarbeit mit der Liga Dotka, die von Jasmin Jašaragić initiiert und geleitet wird, und unmittelbar aus dem Projekt hervorgegangen ist, bzw. zeitgleich mit dem Museum ins Leben gerufen wurde. Darin sehe ich die Möglichkeit, ein anderes Publikum anzusprechen, wodurch das Projekt eine Breitenwirkung bekommen könnte. Seit 2013 wird am Drehbuch für ein Dokumentarfilm über Dotrščina gearbeitet, der von Jadran Boban gedreht wird, dem Autor des gelobten Films Die Gespenster von Zagreb.
Künftig sollte das Projekt VMD auch auf andere Stätten ausgedehnt werden, was ich als Topographie des Antifaschismus in Zagreb bezeichnet habe. Im Rahmen dieses Projekts würde man an einem Ort Informationen über eine Reihe von Ereignissen, Personen und Standorten bekommen, die mit dem antifaschistischen Kampf im Stadtgebiet von Zagreb zusammenhängen. Einige dieser Standorte würden als Anregung für künstlerische und sonstige temporäre Interventionen an authentischen Orten in der Stadt dienen, wodurch einerseits der Bildungsauftrag erfüllt und andererseits auch die Erinnerung daran garantiert wäre.

Sind Sie mit dem Feedback zufrieden, sieht man positive Fortschritte in der Gesellschaft?

Das Hauptziel des Projekts VMD ist es, dass diese Stätte wieder einen Platz im kollektiven Gedächtnis einnimmt. Seit Beginn des Projekts ist das Interesse an der Stätte Dotrščina gestiegen, und es freut mich ganz besonders, dass der Gedenkpark im Jahr 2013 im Rahmen der Aktivitäten von Documenta auch von den Schülern eines Zagreber Gymnasiums besucht wurde. Wir versuchen auf verschiedene Weise ein Teil des kulturellen Mainstreams zu werden, doch das ist ein langwieriger Prozess. Daher ist auch das Gedicht über Dotrščini, das auf unsere Anregung von Aleksandar Hut Kono geschrieben wurde, ein Versuch, in die Kulturgeschichte der Stadt neue Inhalte zu integrieren, die bestehenden Inhalte zu ergänzen, um so eine Erinnerungskultur zu schaffen.
Im Rahmen des Projekts haben wir auch einige Initiativen gegenüber der Stadt zur Renovierung der beschädigten Denkmäler eingeleitet. Dies wurde zum Teil bereits umgesetzt, sodass nun auch zuständige Behörden dem Gedenkpark mehr Aufmerksamkeit widmen. Wir möchten erreichen, dass im Eingangsbereich ein großer Lageplan mit Infos über alle Denkmäler und grundsätzlichen Informationen über die Gedenkstätte aufgestellt wird. Dieses Jahr sollte der Gedenkpark auf Initiative der Plattform1POSTOZAGRAD auch einen Trinkbrunnen erhalten, da es sich immerhin um einen der größten Parks und um ein Erholungsgebiet handelt.

Auch Ihr Projekt „Schwarzer Pavillon“, der auf dem Zagreber Blumenplatz 2013 ausgeführt wurde, erregte große Aufmerksamkeit. Um was für ein Projekt handelt es sich?

Die Anfrage, ein Projekt zum Thema KZ Jasenovac zu gestalten, kam auf Anfragen des Serbischen Nationalrats in Zagreb und nach der Arbeit am Virtuellen Museum Dotrščina. Ich habe vorgeschlagen, dass ein Pavillon mit Bildungsinhalten nicht an der Gedenkstätte Jasenovac, sondern im Zagreber Stadtzentrum aufgestellt wird. Dieser Vorschlag wurde umgesetzt. Das Projekt wurde in Zusammenarbeit mit dem Architekten David Kabalin umgesetzt, der für den Entwurf des Pavillons zuständig war, sowie mit dem Designer Niko Mihaljević. Der Pavillon kann als „Architektur der Erinnerung“ bezeichnet werden, da er durch mehrere subtile Elemente entsprechende Assoziationen weckt und eine Botschaft vermittelt. Da man sich auf wenige Inhaltspunkte beschränkte, fand man im Pavillon nur grundsätzliche Informationen über das Konzentrationslager, z.B. dass dort durch systematisch begangene Verbrechen über 20.000 Kinder im Alter unter 14 Jahren ermordet wurden, deren Familiennamen und Vornamen uns bekannt sind. Gerade dieser Ansatz, sowie die absichtliche Subversion, das Überraschungsmoment, die Gestaltung und der Standort führten zu erstaunlich großen Besucherzahlen.

Sind weitere ähnliche Projekte angedacht?

Wir arbeiten an mehreren Projekten: Eines befasst sich mit Verschollenen aus dem letzten Krieg und unter anderem wird im Rahmen des Projekts "Doppelte Last" des Goethe-Instituts mein Projekt „Mapping“ zum Thema Holocaust in Koprivnica umgesetzt.

Die Erinnerungskultur ist nicht Ihr einziges Tätigkeitsfeld. In einigen Arbeiten bedienen Sie sich der politischen Subversion?

Im Rahmen meiner künstlerischen Interventionen gab es mehrere Arbeiten, die eine Reaktion auf tagespolitische Ereignisse waren. Doch mein Tätigkeitsfeld ist sehr vielfältig. Eine neuere Arbeit ist z.B. eine Gedenktafel an Fedor Kritovac, den ich sehr schätze. Damit wollte ich jedoch auch auf andere Formen der Erinnerung im öffentlichen Raum hinweisen, anstelle der unzeitgemäßen Denkmäler, einer längst überholten Form, die noch immer wie eine Plage in Kroatien grassiert.

Saša Šimpraga ist Publizist und Aktivist aus Zagreb. Er ist Verfasser des Buchs „Zagreb, öffentlicher Raum“ sowie Gründer und Leiter der Plattform „1POSTOZAGRAD“, die ehrenamtliche Mitarbeiter umfasst und sich mit Verbesserungen in der Stadt und der Gemeingüter befasst. Er hat zahlreiche künstlerische Interventionen konzipiert. Im Bereich der Erinnerungskultur ist er für Projekte wie „Virtuelles Museum Dotrščina“ oder „Schwarzer Pavillon“ verantwortlich, mit dem im Jahr 2013 der Jahrestag der Flucht der Häftlinge aus dem KZ Jasenovac begangen wurde.
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