Kunst gegen das Vergessen

Antifaschismus, universelle Werte und eine postsozialistische künstlerische Praxis

von Ana Panić

Warum schämen sich postjugoslawische Gesellschaften ihrer antifaschistischen Tradition und verwerfen sie als ungewolltes Erbe? Der Antifaschismus, der wenigstens deklarativ als einer der grundlegenden europäischen Werte angestrebt wird, ist im öffentlichen Diskurs marginalisiert und verdrängt worden.
Der Partisanenkampf ging Hand in Hand mit der sozialistischen Revolution, und Denkmäler und Gedenkstätten aus jener Zeit verkörperten durch ihre doppelte Funktion (Trauer und Feier) die Fortsetzung der revolutionären Prozesse durch Modernisierung, Bildung und Schaffung eines einheitlichen übernationalen Raums. Kann Antifaschismus national geprägt sein? Liegt der Grund für die Marginalisierung der Denkmäler des nationalen Befreiungskampfes (NOB) und ihrer erschwerten Aufnahme in nationale Narrative zum Kulturerbe vielleicht darin, dass sie übernational und im Kontext von Jugoslawien gesehen werden? Wie kann Jugendlichen vermittelt werden, auf welche Art und Weise in der antifaschistischen und sozialistischen Vergangenheit heute seltene, universelle Werte wie soziale Gerechtigkeit, Solidarität und die Selbstwahrnehmung als Akteure in der Gesellschaft anerkannt waren und wie sie ein mündiges Verhältnis zur Geschichte entwickeln können.

Moderne Formen künstlerischer Praxis

Es lohnt der Blick auf die heutige postsozialistische künstlerische Praxis einer Generation zeitgenössischer Künstler (Igor Grubić, Marko Lulić, David Maljković, Goranka Matić u.a.), denen gerade modernistische Bauwerke und Denkmäler aus der Zeit des Sozialismus als Anhaltspunkt für ihre Werke dienen. Über Kunst kann man öfters schwierige und schmerzhafte Prozesse viel leichter ansprechen, da die Sprache der Kunst zwangsläufig individuell, subjektiv und selektiv ist. In künstlerischen Projekten kann man einfacher entgegengesetzte Sichtweisen und Werte gegenüberstellen, da kein Konsens angestrebt wird. Kann das erneute Interesse für Denkmäler jener Zeit (oftmals nur auf reiner Formebene wie beispielsweise bei Jan Kempenaers oder im SF-Film „Sankofa“, der gerade gedreht wird) auch die emanzipatorische und antifaschistische Politik wieder aufleben lassen, aus der diese Denkmäler hervorgegangen sind? Oder handelt es sich um reinen Formalismus und Artismus? Die Frage wäre zu beantworten, welche Formen des Gedenkens dem heutigen Zeitgeist entsprechen? Ist die Skulptur im öffentlichen Raum noch zeitgemäß? Warum sehen Denkmäler so aus, als ob sie aus dem 19. Jahrhundert und nicht dem 21. Jahrhundert stammen und sich erneut aus dem festen Griff des akademischen Realismus befreien müssten, obwohl man sich schon im ehemaligen Jugoslawien dafür entschieden hatte, für die Außenwahrnehmung als liberales Land sich weitaus modernerer Formen der künstlerischen Praxis zu bedienen?

Ana Panić (1978) ist Kuratorin und Kunsthistorikerin. Seit 2005 ist sie Kuratorin der Gemäldesammlung des Museums für jugoslawische Geschichte in Belgrad. Von Mai 2008 bis Juni 2013 war sie Mitglied des Kuratoriums dieses Museums. Seit 2013 ist sie Vorsitzende des Kuratoriums des Nikola-Tesla-Museums. Sie ist Autorin und Koautorin zahlreicher Ausstellungen zum Thema Geschichte und populäre Kultur in der Sozialistischen Föderativen Republik Jugoslawien (SFRJ): „Jugoslawien: vom Anfang bis zum Ende“ (2012), „Blockfreie Staaten – von Belgrad bis Belgrad“ (2011), „Frauensicht“ (2010), „Tod im Tresor“ (2009), „Titos Silvesterabende“ (2008), „Ständige Ausstellung der Staffelstäbe im sog. Haus der Blumen bzw. Titos Mausoleum“ (2007), „GraTITOlieren“ (2006) sowie der thematischen Ausstellungen im Museum für jugoslawische Geschichte: „Welt aus Silber“ (2008), „Jugend – die Königin des Lebens“ (2005), „9. Mai 1945–2005“ (2005) und vieler Sonderausstellungen für Behinderte. Sie wurde von der Museumsgesellschaft Serbiens mehrmals ausgezeichnet und bekam den Preis „Mihailo Valtrović“ für ihren herausragenden Beitrag zur Förderung der musealen Tätigkeit und Kultur in Serbien (2008) sowie weitere Preise für das Projekt „Welt aus Silber“ (Ausstellung und Publikation) und die beste Ausstellung im Jahr 2012 „Jugoslawien: vom Anfang bis zum Ende”. Im Jahr 2010 verbrachte sie einige Monate im Museum Malmö (in Schweden), um die Museumspraxis kennen zu lernen, vor allem um neue Bildungsprogramme entwickeln und die Arbeit mit den Museumsbesuchern fördern zu können.
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