Kunst gegen das Vergessen

"Spiegel im Spiegel" von Davor Sanvincenti

Foto Davor Sanvincenti
Gespräch mit Davor Sanvincenti

Foto Davor SanvincentiSie haben den Preis beim ersten Wettbewerb des Virtuellen Museums Dotrščina für eine temporäre künstlerische Intervention gewonnen. 2013 war ihre Arbeit in dem Gedenkpark, der an die größte Massenhinrichtung in Zagreb während des Faschismus erinnert, zu sehen. Um was für eine Arbeit handelt es sich?

"Spiegel im Spiegel" ist eine Site-specific Intervention in Form eines Klangspaziergangs. Eine Tonaufzeichnung, die 33 Minuten dauert und gedacht ist als direkter intimer Dialog mit dem Besucher, der durch Kopfhörer die Geräusche der Außenwelt nicht wahrnimmt. Auf diese Weise soll die Konzentration und die Aufmerksamkeit für den Erinnerungsort gesteigert und das Erlebnis intensivert werden. Die Dramaturgie der Tonaufzeichnung ist in Zusammenarbeit mit der Schriftstellerin Ivana Sajko entstanden.
Der Spaziergang endet in einem temporär eingerichteten Wald-Saal, dem sog. Tal der Gräber. Die Idee für diesen Wald-Saal bzw. das Tal im Park Dotrščina stammt ursprünglich vom Bildhauer Branko Ružić, doch sie wurde leider nie verwirklicht. Die visuelle Intervention im Tal umfasst kleine rechteckige Spiegel, die an Bäumen in Augenhöhe des Besuchers befestigt sind. Blickt er auf den Wald, bemerkt der Besucher einen „Einschnitt“ am Horizont, in den "durchtrennten" Bäumen spiegelt sich die Waldlandschaft, und in einigen Spiegeln begegnet der Beobachter auch sich selbst.

Ist das Ihre erste Arbeit im Zusammenhang mit Erinnerungskultur?

Gewissermaßen ja, da es sich um eine „Intervention“ an einer offiziellen Gedenkstätte handelt. Meine anderen Arbeiten wie "Zuhause ist kein kalter Ort" (Momjan), "Everybody touches in the same language" (Vilnius), "Zeitlos" (Pazin) evozieren die Poetik der Erinnerungskultur, doch es handelt sich um Freilicht-Installationen. Für nächstes Jahr ist eine neue Intervention an einer Gedenkstätte in Zentralistrien geplant.

Als Künstler sprechen Sie mit Ihren Werken vor allem die Sinne an, verwenden sehr oft Töne oder Klänge, und im Mittelpunkt steht die Natur. Was wäre der gemeinsame Nenner Ihrer Arbeiten?

Mich interessieren vor allem Formen und Randgebiete der menschlichen Sinneswahrnehmung, die bei der Entstehung von Erfahrungen eine unmittelbare Rolle spielen. Viele Indikatoren sprechen dafür, dass unsere Sinnesorgane ähnlich funktionieren, doch man kann nicht nachweisen, dass wir Blau oder irgendeinen anderen Ton alle auf die gleiche Art und Weise erleben. Bei einigen Arbeiten sind die Reize gedämpft oder auf das Mindestmaß zurückgeführt, sodass sie gerade noch von unseren Sinnen erfasst werden können – wie bei der Arbeit "Ich hörte mir beim Schließen und Aufschlagen der Augen zu" – um so die Geometrie der Wahrnehmung zu verstärken. Forschungen und Beobachtungen der Naturwissenschaften und Naturprozesse sind für das Verständnis der menschlichen Existenz unabdingbar.

Womit befassen Sie sich derzeit?

Ich befasse mich derzeit mit der Erforschung der Verhältnisse zwischen Menschen und anderen Lebewesen und versuche in Zusammenarbeit mit Botanikern und Fachleuten auf dem Gebiet der Bioakustik, die Möglichkeiten eines erweiterten Dialogs bei der Umweltwahrnehmung zu erkunden.

Davor Sanvincenti (1979) ist Multimediakünstler aus Kroatien. 2010 gewann er den Preis "Radoslav Putar" als bester Nachwuchskünstler (bis 35 Jahren). Seine Arbeiten wurden bei zahlreichen internationalen Ausstellungen und Festivals gezeigt (Centre Georges Pompidou in Paris; ZKM, Karlsruhe; Universal Museum Joanneum, Graz; Lincoln Center, New York; Museo de Arte Contemporanea, Oaxaca; Camera Austria, Graz; La Triennale, Milano; FRAC Pays de la Loire, Carquefou; Haus der Kulturen der Welt, Berlin). Seine Arbeit „Spiegel im Spiegel“ bekam den ersten Preis für die temporäre künstlerische Intervention im Gedenkpark des Virtuellen Museums Dotrščina.
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