Kunst gegen das Vergessen

Medienkunst von Benjamin und Emanuel Heisenberg für das NS-Dokumentationszentrum München

Im Rahmen des städtischen Programms „Kunst am Bau“ wurde vom Kulturreferat der Landeshauptstadt München für den Neubau des NS-Dokumentationszentrums München ein Kunstwettbewerb ausgerichtet. Zehn Künstlerinnen und Künstler aus dem In- und Ausland waren eingeladen, sich an dem Wettbewerb unter dem Titel „Ursachen für den Aufstieg des Nationalsozialismus in München - Folgen für Gegenwart und Zukunft“ zu beteiligen.
Die Jury hatte im September 2012 den Beitrag der Brüder Benjamin und Emanuel Heisenberg zum Siegerentwurf erklärt. Die Realisierung des Kunstwerks erfolgt bis zur geplanten Eröffnung des NS-Dokumentationszentrums München Ende 2014.

Aus der Konzeptbeschreibung des Siegerentwurfs:

Im Zentrum der Arbeit stehen filmische Text-Bild-Kollagen zu Schlüsseldokumenten aus der NS-Zeit. Die Filme werden auf einer Installation von Monitoren im Außenraum rund um das NS-Dokumentationszentrum (NSDZ) gezeigt. Die Textpassagen sind Originaldokumente von Tätern und Opfern. Sie geben Sichtweisen von bekannten und unbekannten Akteuren der NS-Zeit wieder und stehen teilweise in Bezug zum Ausstellungsort, dem ehemaligen „Braunen Haus“ in München. So wird der Besucher schon im Außenbereich des NSDZ in den inhaltlichen Raum der Ausstellungsräume einbezogen.

Texte wie der „Jäger-Bericht“ oder Aufzeichnungen des Holocaust-Überlebenden Imre Kertész zeichnen mögliche Umrisse der Zivilisationskatastrophe des Dritten Reiches. Die Dokumente werden in Kurzfilmen von 1–3 Minuten verarbeitet. Dabei wird jedem Wort ein Bild zugeordnet, das die Bedeutung des Wortes illustriert. Die Bildebene der Filme besteht einerseits aus Fotos aus Archiven und Bilddatenbanken, andererseits aus selbstproduzierten Piktogrammen und Abbildungen. Das Profane mancher Bilder (Putzhandschuhe o.ä.) ist gewollt, um beispielsweise den Bildern der NS-Zeit eine Ebene des heutigen Alltags entgegenzusetzen. Auch Bilder mit hintergründigeren Bezügen zu den gegenüberstehenden Worten werden gezielt benutzt, um dem Betrachter auch beim zweiten und dritten Schauen noch eine weitere Bedeutungs- und Leseerfahrung zu verschaffen. Dabei wird der Betrachter unwillkürlich auch einen Zusammenhang zwischen seiner Lebenserfahrung und den Erfahrungen der Menschen im Dritten Reich herstellen.

Der »Jäger-Bericht«, verfasst am 01. Dezember 1941 von Karl Jäger, zunächst Chef des Einsatzkommandos 3 und dann Kommandeur der Sicherheitspolizei und des Sicherheitsdienstes in Litauen, erfasst akribisch die Massenerschießung von Juden und weiteren Gegnern des nationalsozialistischen Regimes zu Beginn des Russlandfeldzuges.
Der Regisseur, Autor und Künstler Benjamin Heisenberg wurde 1974 in Tübingen geboren und absolvierte von 1993–1999 das Studium der Freien Bildhauerei an der Akademie der Bildenden Künste München. Von 1997–2005 studierte er Regie an der Hochschule für Fernsehen und Film München. 1998 gründet er gemeinsam mit Christoph Hochhäusler und Sebastian Kutzli die Filmzeitschrift „Revolver“. Seitdem ist er Co-Herausgeber und Redakteur. Neben seiner Ausstellungsarbeit liegt der Schwerpunkt seiner künstlerischen Arbeit auf Film und Video, für die er in den letzten Jahren zahlreiche Auszeichnungen, unter anderem 2006 den Max Ophüls Preis, 2010 den Bayerischen Filmpreis und 2011 den Österreichischen Filmpreis, erhalten hat. Auf dem Zagreb International Film Festival 2010 wurde seine zweite Regiearbeit „Der Räuber“ als bester Spielfilm ausgezeichnet.

Emanuel Heisenberg, 1977 in Würzburg geboren, absolvierte von 1998-2002 das Studium der Geschichte und Volkswirtschaftslehre in München und Cambridge. Er schrieb seine Masterarbeit beim renommierten Wirtschaftshistoriker Adam Tooze in Cambridge über die „Zentrale Planung“ der deutschen Kriegswirtschaft und das Zusammenwirken von Optimierung der Kriegsmaschinerie durch Albert Speer und die Vernichtung der europäischen Juden. Als freier Journalist veröffentlichte er u.a in der ZEIT. Nach Stationen bei Siemens und in der Geschäftsführung eines börsennotierten dezentralen Energieunternehmens ist er Gründer und Geschäftsführer zweier dezentraler Energieunternehmen. Derzeit ist er zudem Fellow beim Berliner Think Tank „Stiftung neue Verantwortung“.

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