Deutschland

Nationalsozialismus und Holocaust im Schulunterricht

Holocaust und Nationalsozialismus stehen in den meisten Schulen auf dem Lehrplan und werden in Schulbüchern behandelt. Doch beim internationalen Vergleich fallen große Unterschiede in der historischen Darstellung und Einordnung des Holocaust und des Zweiten Weltkriegs auf.

Internationale Schulbuchforschung

Interview mit Dr. Falk Pingel

Schulbücher können Vorurteile und Feindbild-Stereotype fördern, gleichzeitig können sie aber auch einen Beitrag zu Versöhnung und Verständigung leisten. Das Georg-Eckert Institut (GEI) in Braunschweig ist ein weltweit geschätztes Zentrum für den wissenschaftlichen Austausch und für die Bereitstellung relevanter Daten, Quellen und Informationen zur internationalen Schulbuch- und Bildungsmedienforschung mit einem kulturwissenschaftlich-historischen Schwerpunkt. Falk Pingel, assoziierter Wissenschaftler am GEI, im Gespräch über Bedeutung, Methoden und Herausforderungen der internationalen Schulbuchforschung.

Die Schulbuchforschung ist eine relativ junge wissenschaftliche Disziplin. Warum ist sie von Bedeutung?

Die international vergleichende Schulbuchforschung mit dem Ziele, insbesondere den Unterricht in den Fächern mit historischen, politischen und geographischen Inhalten von ethnischen, religiösen und kulturellen Vorurteilen zu befreien und zu friedlichem Konfliktlösungsverhalten zu erziehen, hat sich aus den Erfahrungen zweier verheerender Weltkriege entwickelt. In gemeinsamen Projekten bemühen sich Pädagogen und Fachwissenschaftler grenzüberschreitend Vorurteilsstrukturen abzubauen und Feindbildern entgegenzuwirken.

Das GEI arbeitet an der Schnittstelle von Wissenschaft, Bildungspolitik und Praxis. Wie spiegeln sich die Debatten um die Erinnerungskultur in Inhalten und Methoden des internationalen Schulbuchvergleichs?

Schulbücher sind ja Bestandteil der nationalen Erinnerungen, die von einer Generation auf die nächste übertragen werden. Leider trennen Erinnerungen Völker oder Volksgruppen oft anstatt sie zusammenzubringen. Die Erfahrungen, auf die sich die Erinnerungen beziehen, müssen auch dem jeweils „anderen“, der diese Erfahrungen und Erinnerungen nicht teilt, verständlich werden. Erinnerungen an eine schmerzhaft erfahrene Vergangenheit bilden oft Barrieren für gemeinsames Handeln. Der Austausch der Erinnerungen, vor allem sich widersprechender Erinnerungen, soll gemeinsames Verständnis entwickeln und darauf aufbauend eine Perspektive für die Zukunft öffnen.

Wie hat sich das Geschichtsbild des Zweiten Weltkriegs in deutschen Schulbüchern vom Nachkriegsdeutschland bis zur heutigen Migrationsgesellschaft geändert?

Der Krieg ist bis in die 1960er Jahre im Wesentlichen als militärisches Ereignis dargestellt worden. Seitdem hat sich das Bild gewandelt; die soziale Lage der Bevölkerung, die Frage von Handlungsoptionen in der Diktatur, von Zuschauen, Mitmachen oder Widerstand, spielen nun eine wichtige Rolle. Auch ist die Darstellung weniger Deutschland-zentriert, die Besatzungspolitik mit ihren bis heute fühlbaren Folgen wird etwa am Beispiel von Frankreich, Polen oder der Sowjetunion erläutert. Viele Schulbücher gehen dabei auch auf die unterschiedlichen Erinnerungsformen ein. Heute sollten Lehrer sich bewusst sein, dass Schüler aus der Türkei oder Afrika z.B. mit dem Begriff „Völkermord“ vielleicht nicht an den Holocaust, sondern an ähnliche Ereignisse aus ihrer Geschichte zuerst denken.

Welche Impulse zur didaktischen und pädagogischen Verbesserung der Schulbücher und Unterrichtsmaterialien im Geschichtsunterricht gibt es? Wie universell anwendbar sind diese?

Kontroverse Erinnerungen können nicht im Frontalunterricht ausgetauscht werden. Eine offene Diskussion ohne Bevormundung und ohne sogleich vom Lehrerkatheder die einzige Wahrheit zu verkünden, muss möglich sein. Schulbücher sollten begründet unterschiedliche Deutungen der Geschichte vorstellen. Doch auch dazu bedarf es eines Gesprächstrainings und eines neuen Verständnisses der Lehrerrolle. Das kann oft nur von einer Schüler- und Lehrergeneration zur nächsten erreicht werden.

Herr Pingel, an welchen Projekten zu Nationalsozialismus und Holocaust sind sie derzeit beteiligt?

Ich bin Sprecher eines fachdidaktisch-fachwissenschaftlichen Beirats, der das vom österreichischen Bildungsministerium eingerichtete Projekt „erinnern.at – Nationalsozialismus und Holocaust“ berät. In diesem Jahr läuft ein von der EU gefördertes Vorhaben an, das zum ersten Mal einen Universitätskurs und schulische Unterrichtseinheiten für die Behandlung des Holocaust in Bosnien und Herzegowina entwickeln soll. Auch hier bin ich beratend tätig.  

Falk Pingel studierte Geschichte, Philosophie und Altgriechisch. Promoviert wurde er 1976 an der Universität Bielefeld mit einer Arbeit zu den nationalsozialistischen Konzentrationslagern. Von 1973 bis 1983 und von 1997 bis 2000 lehrte Falk Pingel an der Universität Bielefeld. Ab 1983 war er als wissenschaftlicher Mitarbeiter und von 1993 bis zu seinem Ausscheiden im Jahr 2009 als stellvertretender Direktor des Georg-Eckert-Instituts für internationale Schulbuchforschung tätig. Zudem war er von 2003 bis 2004 als Direktor für die Bildungsabteilung der OSZE-Mission in Bosnien und Herzegowina verantwortlich.
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