Serbien

Nationalsozialismus und Holocaust im Schulunterricht

Holocaust und Nationalsozialismus stehen in den meisten Schulen auf dem Lehrplan und werden in Schulbüchern behandelt. Doch beim internationalen Vergleich fallen große Unterschiede in der historischen Darstellung und Einordnung des Holocaust und des Zweiten Weltkriegs auf.

Lernen über den Holocaust

Foto Damir Zizic
von Aleksandar Todosijević

Foto Damir ZizicDie jüngsten Meinungsumfragen in Serbien haben gezeigt, dass Jugendliche in der Geschichte nicht gerade bewandert sind. Ihre Kenntnisse der Geschichte des 20. Jahrhunderts sind eher bescheiden. Ihre Meinungen und Überzeugungen beruhen vor allem auf Informationen aus den Medien oder dem Internet und nicht auf dem, was ihnen in der Schule vermittelt wurde.

Daher sind folgende Stellungnahmen, die man von vielen Schülern der Sekundärstufe über den Geschichtsunterricht vernehmen kann, auch nicht verwunderlich: „Im Geschichtsunterricht an den Schulen wird die Hälfte verschwiegen oder gar nicht besprochen”; “Man muss sich nur das Beispiel von Ravna Gora anschauen. Da kann man viel über Geschichte lernen“; „Wie man so schön sagt: Geschichte wird von Siegern geschrieben.” (Quelle: Radio Freies Europa). Manchmal sind wir ganz verlegen, wenn wir mit Aussagen junger Generationen über historische Ereignisse aus der neueren Geschichte konfrontiert werden. Ihre Standpunkte entsprechen oft nicht den angedachten Bildungszielen und –vorgaben. Das moderne Bildungssystem befindet sich in einer tiefen Krise, und es mangelt an Autorität, um jungen Leuten Wissen, moralische oder ethische Normen zu vermitteln.

Aus Unwissen gehen Stereotype, Hass, Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Homophobie hervor

Der Unterricht über Holocaust, Völkermord und verschiedene Formen der Diskriminierung ist im serbischen Bildungswesen nicht ausreichend. Im Lehrplan und Programm für Grundschulen in Serbien ist Holocaust weder als gesondertes Thema im Unterricht noch als Unterrichtseinheit vertreten. Der Unterricht über Holocaust erfolgt im Rahmen von drei Themengebieten: Welt in der Zwischenkriegszeit, Zweiter Weltkrieg und Jugoslawien im Zweiten Weltkrieg. Der Mord an sechs Millionen Juden wird zwar in mehreren Unterrichtseinheiten über den Zweiten Weltkrieg thematisiert, doch die Machtübernahme durch die Nationalsozialisten, der Antisemitismus und die Diskriminierung der Juden werden dabei vernachlässigt. In Geschichtslehrbüchern wird der Unterrichtsstoff Holocaust anhand von Informationen, Zahlen und Statistiken dargestellt. In der alltäglichen Praxis beruht der Unterricht über Holocaust auf der Vermittlung grundlegender Informationen über Massenvernichtungen in den Todeslagern Auschwitz, Jasenovac u.a. Dieser Ansatz zu einem so komplexen Thema wie Holocaust macht es den Lehrern unmöglich, sich auf das Thema zu fokussieren, weshalb auch die Schüler nicht im Stande sind, sich ein Gesamtbild zu verschaffen oder die Ursachen und Folgen des größten Verbrechens in der Menschheitsgeschichte nachzuvollziehen. Deswegen ist es schwierig, sich ein einheitliches und detailliertes Bild über diese wichtigen historischen Gegebenheiten zu machen.

Die Inhalte, die in Rahmen einzelner Unterrichtseinheiten bearbeitet werden, beziehen sich nicht auf konkrete Personen, persönliche Schicksale oder Gefühle, sodass die Schüler um diese wertvolle Erfahrung gebracht werden, und daher kein Mitgefühl gegenüber den Leidtragenden entwickeln können. Unter den Zielen und Aufgaben des Geschichtsunterrichts für die achte Klasse wird nirgends die Erinnerungskultur erwähnt, obwohl der Holocaust und verwandte Themen so wichtig sind, um bei jungen Leuten moralische oder ethische Werte zu fördern. Daher ist es nicht verwunderlich, dass junge Leute keine Gefühle gegenüber den Opfern haben und überhaupt kein Interesse für Geschichte zeigen. Die nur oberflächliche Aneignung von Lerninhalten, die nur auf Informationen beruhen, kann nicht von Dauer sein, und eine Folge dessen ist Unwissen, aus dem Stereotypen, Hass, Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Homophobie hervorgehen, die heute unter der jungen Population stark verbreitet sind.

Gesellschaftsklima für die Entwicklung der Erinnerungskultur ungeeignet

Zu umfangreiche Schulprogramme und Lehrbücher sind nicht die einzigen Gründe für das bedürftige Wissen unserer Schüler. Auch die gesellschaftlichen Gegebenheiten in den letzten Jahrzehnten haben dazu beigetragen, dass sich die Auffassung über den Zweiten Weltkrieg verändert hat. Mit dem Fall der Berliner Mauer und dem Ende des Kalten Krieges wurde in ganz Europa und weltweit der gleiche Prozess in die Wege geleitet. Mit dem Untergang des Sozialismus setzte sich in den ehemaligen sozialistischen Staaten ein starker Antikommunismus durch. In den meisten ehemaligen sozialistischen Ländern hat sich die Meinung eingebürgert, dass es sich um eine Epoche handelt, die man ausschließlich mit Begriffen wie Terror, Repression, Abrechnung mit ideologischen Feinden in Verbindung bringen kann. Vor diesem unkritischen Urteil blieb auch die Erinnerungskultur, die zur Zeiten des Sozialismus noch großgeschrieben wurde, und vor allem auf dem „antifaschistischen Narrativ“ beruhte, nicht verschont. Alles begann mit der Änderung von Straßen- und Schulnamen, der Verwüstung von Gedenkparks, und führte in weiterer Folge zur Rehabilitierung von Kollaborateuren der Besatzungsmächte (Dražo Mihajlović, Milan Nedić, Dragiša Cvetković), sowie zur Verabschiedung des „Gesetzes über die Gleichstellung der Rechte von Partisanen und den Freischärlern von Ravna Gora“. In öffentlichen Debatten, aber auch unter Geschichtsexperten kann man Formulierungen vernehmen wie beispielsweise “patriotische Regierung von Milan Nedić”, “unschuldige Opfer von Bleiburg”, “Massengräber aus der Zeit des kommunistischen Terrors”. Man kann von der Annahme ausgehen, dass gerade der Ideologiewechsel oder sogar der Einbruch einer Epoche, aus der man jede Form der Ideologie verbannen möchte, die wichtigsten Gründe dafür sind, dass man heute auch nicht viel über die Opfer des Holocaust weiß, die bewusst oder unbewusst aus der Erinnerung verdrängt wurden.

Was für eine Rolle kommt also den Gesichtslehrern zu, wenn man all dies berücksichtigt, und weiß, dass die Lehrpläne, Schulprogramme und Lehrbücher zu umfangreich sind, und das Gesellschaftsklima für die Entwicklung der Erinnerungskultur ungeeignet ist? Was kann man vom Geschichtsunterricht zu Beginn des 21. Jahrhunderts erwarten, wenn die Unterstützung der zuständigen Institutionen ausbleibt, und ein klar festgelegtes und ideell begründetes Wertesystem fehlt, das von diesen Institutionen getragen wird? Kann es sein, dass das gesamte Bildungssystem, als eines der komplexesten und sensibelsten Systeme im Staat und in der Gesellschaft auf dem einzelnen Lehrer, seiner guten Allgemeinbildung und Kultur, seinem Enthusiasmus und seiner Kreativität beruht, und welche Folgen wird das haben?

Aleksandar Todosijević wurde 1977 in Zemun geboren und hat Geschichte an der Philosophischen Fakultät der Universität Belgrad studiert. Er ist Geschichtslehrer an der Grundschule “Branko Radičević” in Batajnica und ist Leiter des Blogs Učionica istorije / Klassenzimmer Geschichte (http://ucionicaistorije.wordpress.com), das sich mit dem Geschichtsunterricht und der Popularisierung von Geschichte als Unterrichtsfach und Wissenschaft befasst.
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